Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Was auch noch nicht klar ist: Das richtige Verhältnis zwischen selbstverständlichem Luxuskonsum im Geiste des guten Lebens und selbstverständlichem Luxuskonsum im Geiste des Luxuskonsums. Auch unter den Bedingungen echten Geschmacks (nicht unter denen prätentiösen Geldausgebens also) ist das ungeklärt.

Persönlich bin ich dem Saint Emilion mit einer Art verächtlicher Demut begegnet: Ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, daß es sich um sehr guten Wein handelte, ich hätte wohl auch blind gesagt: Das mag ich. Zugleich aber ist die Rolle, die der Wein im Abend spielt, leicht abstoßend. Der Wein ist Teil eines Arrangements, eines guten Abends. Dazu gehört: Was man isst, was man trinkt, was man raucht, mit wen man redet. Eine Technologie des guten Lebens erzeugt diese Abende. Wie die restliche Staffage ist der Wein perfekt geschmackvoll ausgewählt.

Internationale Regeln verleihen Sicherheit dabei; ein Risiko, den Abend etwa zu verderben, besteht nicht. Diejenigen, die mit einem Blick voll Überlegenheit auf internationales Fast Food schauen, wählen in Berlin in der Oranienburger sicher einen Saint Emilion. Ich, dankbar für den guten Wein, aber auch bekannt dafür, gern in der anrüchigen Salz-und-Fett-Sicherheit eines Cheeseburgers mitleidlos das Hungerproblem zu lösen, verbringe den Abend mit einem Verdacht.

Es muß eine Armut des guten Geschmacks geben. Als ich zu Hause die Webseite der Stadt Saint Emilion aufrufe und tief einsinke in die unscharfen Bilder dort, ahne ich, wie das funktioniert: Es gibt keinen Reichtum ohne ein zuvor lange unerfülltes Versprechen von Reichtum. Der Geist des grand cru ist nicht in einer Flasche, die man in der Oranienburger entkorken kann, er ist in der Sehnsucht nach der uralten Kirche und dem Augenblick im Innenhof, in dem eine vertraute Bewegung im Augenwinkel die Versunkenheit beendet.

[An der Grenze zwischen Kultiviertheit und…?]

Link | 27. April 2006, 14 Uhr 48