April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.
Winter kept us warm, covering
Earth in forgetful snow, feeding
A little life with dried tubers.
Die Stadt endet nicht und endet nicht: Ich gehe nach Osten, nicht nach Norden, im Norden würde es wohl ein Ende geben. Die Ringautobahn kann nicht weit sein: ein McDonalds-Schild, ein Aral-Schild und blaue Zeichen. Was immer zuerst auffällt: Daß der Horizont wieder da ist. In der Stadt existiert er nicht, monatelang ist er abwesend, aber schon beim Unsteigen am Elsterwerdaer Platz ist er wieder da, wo das von zu viel Platz erschöpfte Biesdorf Center (#) mit ausbleichenden Schildern (Takko etc.) auf dem Parkplatz kauert. Der Horizont ist da, alle Bewegungen langsamer, und alles wartet bestimmungslos darauf, daß Zeit vergeht.
Die Stadt hört nicht auf in Hönow: Siedlungsgebiet, Reihenhäuser, Gartenstadt. Rentner, Hunde, kleine Gruppen von Mittzwanzigern. Die Gemeinde hat Parks zwischen die Häuser geplant, Spielplätze, kleine Hügel, Schilf, Brücken. Ich gehe über eine der kleinen Holzbrücken, mir entgegen kommt eine junge Frau, die sich für unansehnlich hält, mit einem kleinen Hund. Die sieht nicht auf, nicht einmal, als unter mir eine Ente aufflattert: Ich bin ein Fremder, die Männer hier sehen anders aus. Sie tragen keine weißen Hemden, wer weiß, was das hier bedeutet, sondern gestreifte Poloshirts und Dreiviertelhosen. Sie sitzen entweder mit der Familie auf einer Bank, oder gehen in Zweiergruppen: Vater um die Fünfzig, Sohn um die fünfundzwanzig, beide mit großem Hund.
Auf einem der Hügel sitzen zwei Freundinnen in der Sonne und unterhalten sich. Ich stelle mir vor, wie weit sich die niedrigen Häuser zu ihren Füßen erstrecken, ich stelle mir vor, wie die Sonntagnachmittage auf diesem Hügel sie ihr Leben lang zusammenbinden werden, ganz gleich, ob die Gemeinde Hönow ihn damals vorgefunden hat, oder mit einer Caterpillar-Baumaschine in zwei Stunden zusammengeschoben.
Die Stadt hört immer noch nicht auf, die Häuser werden etwas teurer, auch die Autos. Die Straßen sind nach süddeutschen Städten benannt. In den Wohnzimmern hängen die Lampen, die es eben bei Höffner und in den Baumärkten gibt: Welche sonst? Osterschmuck. Vor einem der niedrigen Reihenhäuser zwei Frauen und ein Kind: Geh mal klingeln beim Herrn Hagebrecht. Die Kleine traut sich aber nicht so recht, oder weiß nicht, was man von ihr will. Ich solidarisiere mich insgeheim, das habe ich gehasst, Klingelnsollen bei irgendwelchen Herren Hagebrecht. Am Wasser, das sich durch die Grünanlage zieht, steht ein Zehnjähriger mit einem Netz und macht keinen Mucks.
Dann hört die Stadt doch auf, oder jedenfalls sieht es kurz so aus — eine Wiese, ein kleiner, nicht von der Gemeinde Hönow erdachter Bach, Büsche. Ich gehe am Bach entlang und suche eine Stelle für einen Sprung, um mich in den Schatten auf der anderen Seite zu setzen. Als ich die Stelle finde, wo ein vergrabenes Betonrohr eine primitive Brücke bildet, bemerke ich, daß der Hang auf der anderen Seite keine Wiese ist, sondern ein Feld: Wintergetreide. Es gibt einen sandigen Weg durch das Feld, auf den Hügel hinauf, oben: Häuser.
Ich bin mir nicht sicher, was östlich von Hönow kommt, aber mich interessiert, ob es ein Dorf ist oder noch mehr Siedlungsgebiet. Ich gehe also los, durch das Feld, über das der Wind zottelt, hügelan. Zwei alte Leute auf Fahrrädern kommen mir entgegen: Na, die schieben doch, wenn die da wieder hoch wollen. Auf halbem Weg bleibe ich stehen, der Wind nimmt Sand vom Feld vor mir auf, macht eine Kapriole über dem dunkelgrünen Getreide damit und setzt ihn sanft wieder ab. Rechts von mir ist noch eine Bewegung: Ein weißes Pferd auf einem entfernten Weg. Als ich oben ankomme, stellt sich schnell heraus, daß die Häuser neu sind und teuer waren. Besonders geschmackvoll sind die meisten nicht, es gibt Schloßzitate, und bei mehr als einem ist dem Bauherrn auf halbem Weg die Puste ausgegangen: Da hatte jemand eine Idee von einem Haus und auch genug Geld, aber nicht genug Geduld und Zeit und Vorstellungskraft für die Details. Eins mit schwarzem Holz und Glas könnte mir gefallen, denke ich von weitem, aber beim Näherkommen: Lamellenvorhänge und Nippkram darinnen (Nippkram mit Schlips, aber Nippkram). Ehemals Besitzer einer drittklassigen kleinen Werbeagentur, denke ich, oder Zahnarzt. Die Leute, die ich in den Gärten sehe, sind älter und leuchten rötlich. An der Straße: Mercedes und Zweitwagen, Audi und Zweitwagen, einmal ein BMW-Coupé. Eine Kleingruppe auf einer der langen geraden Straßenfluchten ist offenbar eine Familie beim Spaziergang: ein paar Mittvierziger, eine alte Frau im Rollstuhl, ihr Mann, und zwei Siebzehnjährige, die Arm in Arm gehen.
(Man sollte, denke ich, davon ausgehen, daß es eine dumme Idee ist, Leuten erzählen zu wollen, wie sie leben sollen. Das alles hier ist fremd, viel fremder noch als die kahle Brutalität von Lichtenberg, aber wer könnte diesen Menschen sagen, daß sie sich irren, diesen tausenden von Menschen in ihren Häusern an endlosen stillen Straßen.)
Beim Rückweg über das Feld leuchtet mein Taschentuch grell in der Sonne, der Anblick meiner Hemdsärmel schmerzt schön im hartvioletten Licht. Ich bleibe stehen, beschatte die Augen mit einer Hand, die gleichzeitig die Haare im Zaum hält. Merkwürdig, ein Feld, ein Bach — alles Autogebiet, ich bin der einzige ohne Auto kilometerweit.
Der Weltgeist war besoffen. Die Helden der bürgerlichen Phantasie, also der Phantasie einer Klasse, die auf Leute setzte, die mit ihren eigenen Dampfmaschinenideen in der Welt vorankommen konnten, starben aus — wer heute […] die Romane von F. Scott Fitzgerald liest, wer sich vorstellt, was für Patienten zu Siegmund Freud kamen, um sich das Ich reparieren zu lassen, wer an die Brüder Goncourt denkt oder an Walter Benjamins Flaneur, wer das lyrische Ich bei Hofmannsthal, bei T.S. Eliot oder in Ezra Pounds »Mauberley«-Gedichten untersucht, muß sich wundern: Wo kamen diese Menschen her, wo sind sie hin?
Die Stadt war lange, lange nicht zu Ende, als ich umkehrte.
[Zochegraben, Neuenhagen bei Berlin]

Clip by Crush, Inc., commissioned by Random House Canada for “The Gum Thief” by Douglas Coupland.
Schon am Vortag in Dresden waren gelegentlich die alten Automobile aufgefallen: Auf den breiteren Straßen, die wir überquerten auf dem Weg in die Neustadt, sah man hin und wieder, mit Desinteresse, einen polierten Mercedes-Benz aus glorreicheren Tagen.
Neustadt ist sehr kunstgewerblich, echt und unecht; echte Menschen leben wirklich von wenig Geld, produzieren aber teure Langeweileware für die trägen Samstagnachmittage der Leute in klassischen Arbeitsverhältnissen und für deren studierende Kinder. Seife, so viel Seife: Seife, duftende Seife, blumenförmige Seife, fischförmige Seife. Seife als Granulat oder herzförmig, sprudelnde Seife, Seifenstifte zum Malen an der Badezimmerwand. In herbes, dunkles Papier gewickelte farblose Seife, tropfenförmige blaue Seife. Ein Seifenmobile. Oben im Regal ein mächtiger Seifenklotz, davor: Seifenscheiben vom Seifenklotz. Ein Seifenaquarium, in dem Blüten aus Seife erstarrt sind, polierte, handliche Stücke davon. Gewaltige Seifenhaufen aus kistengroßen Riesenseifen. Käfer aus Seife. Seifenhalter. Polierte herzförmige Steine, bunte Tücher, Holzspielzeug und winzige Spieluhren, die Yesterday spielen, weswegen ich den Rest des Tages mit Can’t buy me love verbringe und mich mehrfach von lautem Lossingen abhalten muß. Ich kann nicht leugnen, daß ich die Seifen und alles sehr mochte.
Der Sonntagmorgen in Freiberg: Man geht sehr fremd durch diese Stadt, die überraschend schön ist und seltsam leer; das Silicon Valley der frühen Neuzeit forscht immer noch immer leise vor sich hin, man hat sich allerdings darauf eingerichtet, als letzten verbliebenen Gegenstand die Vergangenheit zu erforschen, ein Toter im Spiegel spricht auf hohem Niveau vom Leben; man kann nichts dagegen einwenden außer daß es ein wenig unheimlich ist. Man geht fremd durch Freiberg. Am Untermarkt, zwischen gebürsteten Häusern mit blitzblankroten Dächern unter dem leerem Sonntagshimmel: Eine Schlange aus glänzenden alten Sportwagen tuckert Zentimeter für Zentimeter heran, ein Fahrzeug nach dem anderen fährt vor und parkt, unter den Augen eines kleinen Pulks nicht mehr junger Menschen, rückwärts in einen stählernen Verschlag ein. Der Motor wird abgestellt, seicht klappt los: Applaus. Das Geräusch des Anlassers dann, eine kurze, kräftige Beschleunigung, und der nächste. Auf der anderen Seite des Platzes stehen ein paar Männer in Anzügen auf einer weißen Plane und spielen gefälligen Jazz.
Die Gemeinde ist offenbar wohlhabend. Eine Renoviertheit, die man im Osten nicht erwartet, es sieht aus wie in einem westdeutschen Klein-Bad, das noch immer Kurmillionen der achtziger Jahre verdaut. Wieder erschrecke ich vor dem Geld im Osten. Man rechnet nicht damit, daß in manchen Regionen kluge Kommunalpolitik gemacht wird, nach Jahren in Berlin scheint kluge Kommunalpolitik unwahrscheinlich. Zudem habe ich Reste von Rolf-Hochhuth-Unsinn im Kopf, die Wessis, die Bösewichter, etc. Der Mann irrt ja, wenn er eine Tastatur anfasst; er meint es gut und irrt sich in seiner rührseligen Empörung über die Unmoral der Macht, eine so wirkungslose wie dumme Haltung, weil sie die innere Komplexität der Macht vollkommen ignoriert, Verschränkungsstrukturen von Interessen und Rationalität, in der es nur kleine, die eigentliche Macht konstituierende Ungleichgewichte gibt.
Freiberg ist wohlhabend, sagt man mir, es wurde kluge Politik gemacht, es gibt Halbleiterindustrie und Green-Tech-Mittelstand in der Region. Falls etwas mit der Stadt nicht stimmt, dann hat es viel weniger mit der Lage im Osten zu tun als mit der im Erzgebirge und der Tatsache, daß die lange Bergbaugeschichte Freibergs zu Ende ist. Kein Vergleich aber mit dem Elend in Mecklenburg-Vorpommern oder etwa dem unwirklichen Ort Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, den ich vor Jahren besuchte, einer bizarren Leere mit Häusern im ständigen Schlagschatten zweier Schlackehalden, so schwarz und gewaltig wie die Fettaugen auf dem Kaffee, den man am Rande des verlassenen Riesenmarktplatzes bestellen konnte.
Glanz, Elend und Möglichkeit von citizen gonzo:
Strategien der Verschwendung von Mitteln müssten erarbeitet werden
Sie müssten bezahlen und wir versprächen im Gegenzug:
Nichts sinnvolles werden wir beginnen mit unanständigen Geldmengen
Sonderbare Hotels buchen und lauwarmes Bier trinken
Lesen in gleißendhell klimatisierten Hallen
Und in der Sonne leere Koffer über den Asphalt tragen
(Denn selbstverständlich tragen wir unsere Koffer)
Nichts zurückbringend, glosende Sinne und ein paar Sätze für Sie,
Bewohner der gentrifizierten Viertel
Sie wollen es doch auch.
[Freiberg (Sachsen) Untermarkt]
Berlin nach Osten und mit der S-Bahn zu verlassen bedeutet immer, Klassenfragen zu wälzen. Von Osten zurückzukommen nicht, dann herrscht die Entspannung des von Brandenburg korrigierten Blicks. Wer aber hinausfährt, überschreitet am Ostkreuz eine Grenze und muß sich beschäftigen damit, warum er sie wahrnimmt; die vertraut aussehenden Menschen jenseits sind ältere Damen mit Halsband und einer kleinen Plastiktüte mit ungepflanzten Blumen. Die Jüngeren aber haben rötere Gesichter, kürzere Haare, bleichere Kleidung, klobigere Schuhe und mehr und größere Hunde als die Leute in Mitte und Prenzlauer Berg.
Wo sich die S 75 von der 7 trennt, dreht sich rechts ein riesenhaftes Haus an die Bahn heran im weiten Bogen. Ein guter Einfall, eine Art Einfallstor für den Wind; eine lange, kantenlose Front der Plattenbausiedlung nach Osten. Vor ein paar Jahren gab es die Geschichte, daß aus einer der Wohnungen dort bei einem Beziehungskrach eine Waschmaschine aus dem Fenster geworfen worden sei und ein Kind erschlagen habe. Dieser Art sind die Geschichten, die man sich über die Leute hier erzählt; die BZ druckt sie, die Leute hier vergessen sie, die aus dem Prenzlauer Berg merken sie sich jahrelang.
Ich fahre bis Springpfuhl. Man macht hier keinen Hehl aus der Qualität des Geländes, auf dem die Hochhäuser stehen. Springpfuhl, Wuhlheide. Das Bezirksamt Marzahn ist dort oben, in einem braunen, verhältnismäßig niedrigen Haus auf vernarbtem Beton, vor Jahren war ich einmal dort. Zurück nach Friedrichsfelde Ost, wo es am Bahnsteig seltsam still ist. Kaum Straßenlärm. Nur eine kleine junge Frau lacht und spricht leise unter den Zärtlichkeiten ihres bulligen und sehr viel größeren Freundes; sie kichert, ey die Leute denken noch Du machst wat wat ick garnich will; die Leute, das bin wohl ich gewesen, aber ich habe nichts dergleichen gedacht.
Am Alexanderplatz, wo neuerdings eine permanent bratwurstige Feststimmung auf einer Art Dauer-Weichnachtsmarkt herrscht, hatte ich noch Angst, die Stadt in einer Herde Oster-Sommerfrischler verlassen zu müssen, aber gefehlt: Nach Biesdorf bin ich im Zug alleine mit Pendlern, wir seh’n uns morgen, sagen sie, wenn sie aussteigen, zu denen die bleiben. Morgen ist Ostersonntag.
Ein verirrtes Tassimo-Plakat hängt da, als schäme es sich. Die zweifelhafte Praxis des Milchschaumschlürfens, die man im Prenzlauer Berg für den höchsten Ausdruck von Lebensqualität hält, weckt hier, möchte man meinen, kaum Begehrlichkeit. Ich glaube, in meiner Gegend denken sie wirklich, daß es denen hier draußen schlecht gehe, weil sie nicht begriffen haben, wie fantastisch die laut rüsselnden neuen Automaten Milch auf den Kaffee schäumen können.
Berlin endet optisch in Mahlsdorf. Ich steige aus und gehe ein paar Schritte, aber es ist zu langweilig: Baumschulenweg, in viel kleiner, in noch viel schäbiger und noch langweiliger.
Auf dem Bahnsteig, allein, beim Warten auf die nächste 5, lese ich. Versöhnliches Wetter. Nicht schön (obwohl es natürlich schön ist) — versöhnlich. Fast still. Gleise schnurgerade nach Osten, dort muß irgendwo das mythische Strausberg sein. Ich verstehe jetzt, daß die S5 ein Fremdling ist am Hackeschen Markt. Sie gleitet lange und leer durch Brandenburg, in ihrem richtigen Leben. Die hektischen Abschnitte in Mitte sind kaum mehr als kurze Aufregungen.

Karges, dunkles Land, auch in der Sonne. Birkenstein: Definitiv nicht mehr Berlin. Trost- und Baumlose Ebene mit wuchernden Fertighaus-Krampfadern. Auch hier baut City-Haus — Direkt vom Bauunternehmer. Dann Rapsfelder, in ein paar Wochen explodiert das hier in Farbe. Fredersdorf dagegen sieht nett aus, hat sich feingemacht, Fredersdorf bei Berlin. Und an jedem Bahnhof der S5 eine frische Sparkasse, eine Bäckerei, ein Dönerwagen.
Schließlich Strausberg. Ich wäre lieber bis Strausberg Nord gefahren, aber die Bahn endet hier, und ich habe keine Lust mehr zu warten. Ich werde den mythischen Ort also ein andermal besuchen müssen. Neben dem Dönerstand ein klassischerer Imbiß. Vier von ihrer Nutzlosigkeit erschöpfte Männer trinken Bier und stören sich gar nicht am Fettgeruch. Die hatn Messa da drinne pass bloß uff, ajaja, ajaja-ja.
Ich will nicht auf die Karte sehen und gehe deswegen einfach an der S-Bahn entlang. Eine brandenburgische Dorfstraße, niedrige Häuser, abwechselnd im Zustand des Verfalls oder unfertig renoviert: Neue Fenster, sichtbare Isolierschaumknollen. Das bleibt hier länger so, man begegnet hier dem Unfertigen viel gelassener als in Süddeutschland.
Wo die Bahn eine Biegung nach Norden macht (dort liegt Strausberg Nord), überquere ich, längst vollkommen allein, die Gleise. Links ein großes verfallendes Anwesen, zu dem es keinen Zugang zu geben scheint.

Auf der Kopfsteinpflasterstraße bollern Kleinwagen mit jungen Männern vorbei, die mich in die Kategorie “Spinner aus Berlin, ungefährlich” sortieren. Einmal überhole ich ein Paar mit Kinderwagen: Dicklich und extrem jung beide, er mit Stoppelhaar, sie in bequemen Sachen, die allerdings viel von einer sehr beweglichen Brust zeigen.
Militärisches Sperrgebiet. Die üblichen Schilder drohen mit Schußwaffengebrauch, ich entdecke den Zaun und die Warnungen erst, als ich wahllos zwischen die Bäume fotographiere und aus einem vorbeifahrenden Lieferwagen verblüfft angestarrt werde. Schließlich zweigt die Straße des Friedens ab, eine kleine DDR-Siedlung mit glatten zweistöckigen Neubauten. Nach einer Weile ein Sackgassen-Schild, das mich lockt. Ich hoffe auf einen Park- und Wendeplatz, auf dem nur ein einzelner vergessener Opel wartet, und dahinter: Nur trockene Gräser. Es ist aber immer noch nicht ganz still, ich höre eine Straße donnern. Und wirklich, die Enttäuschung folgt: Wieder Häuser zwischen den Bäumen mit einer Straße von irgendwo anders. Ich kehre um.
Bei der zweiten Begegnung schaue ich mir das verfallende Anwesen genauer an und entdecke, direkt am Bahndamm, einen kleinen Weg, der am Zaun entlang führt und direkt hinein in die Zone.



Ich kann fast ganz um das Anwesen herumgehen — zwei große Häuser und einige kleine Ziegelbauten, ein Teich, gespeist von einem Rinnsal, das unter der Bahn durchkommt, in der Mitte von etwas, das einmal ein Park gewesen sein könnte. Ich will das kaufen. Ich überlege, wieviel ich verdienen müsste und was man damit anfangen würde. Strausberg. Zu weit weg von Berlin, um hier häufig Berliner zu Gast zu haben. Andererseits nahe genug, wenn man nicht täglich in die Stadt muß und nur in Ruhe zu Ende leben will, und ab und zu ein Fest mit Lampions feiern.
Vermutlich gehört es einem irren westdeutschen Investor, der vom Dornröschenschlaf fiemelt und dem ein Hotel im Waldschlößchen vorschwebt oder gleich ein Spaßbad.
Hinter der Zone beginnt der Wald. Richtiger Wald, laublos noch, über den unvertraute Enten ziehen, die machen Geräusch. Mit jedem Schritt wird es stiller. Ich biege zweimal nach Laune ab immer dorthin, wo es einsamer aussieht. Eine kurze, surreale Begnung mit einem Moped. Dann wieder nur noch Enten und Wald. Ein Wald ist ein Ort für Dinge, die nur einmal geschehen.
(Unsere vielleicht mediale Angewohnheit, die Bühne sauberzumachen für weitere Aufführungen desselben Stücks. In der Serie glaubt der Konsument, sich an der Neuheit der Geschichte zu erfreuen, während er faktisch die Wiederkehr eines konstanten narrativen Schemas genießt. Umberto Eco, Die Innovation im Seriellen)
Einmalgeschichten also. Die Seltsamkeit Wald. Wo die Menschen nicht wohnen. Der Rest Stadtdröhnen verschwindet ganz, schließlich wird es lichter, und lichter, und endlich geht der Blick auf in die Weite: Kraftort.


Lautlos drehen sie sich, meine Freunde, dort, wo die S-Bahn nicht mehr hinfährt. Und lautlos zieht der Rauch aus dem fernen Schornstein nach Polen.
[Strausberg. Wald. Die beiden letzten Bilder zeigen den Blick aus der Kartenmitte nach Südsüdost.]
Ich frage mich, ob Baudrillard jemals in München war. Natürlich ist es müßig, über das Artifizielle dieser Stadt zu schreiben, und natürlich ist es unmöglich, absolute Standortbestimmung betreiben, in welcher möglichen Welt auch immer, ist doch alles immer nur Su(b)je(k)t und nie mehr als konstruierte Position, Behauptung und Erzählung. Trotzdem – mehr ist nicht da, selbst wenn die Pfade einmal nicht verschneit sind. Wir hangeln immer nur in der Leere umher und setzen willkürlich Fahnen ins Grün. Oder berühren die Tatzen metallener Löwen nahe Kirchen, Parks und botanischer Gärten, unter weißblauem Himmel.
Von diesem gleißt die Sonne hinab und vor der Theatinerkirche schreit eine Frau umher, doch selbst diese Art der obligatorischen Stadterscheinung wirkt hier nicht authentisch, sondern viel zu gut gekleidet, viel zu professionell in der Performanz des Zeterns und damit viel zu verstörend im diskursiven Ensemble dieser wahrlich barocken Theatermaschinerie. [Siehe dazu auch Freud und die hölzernen Krokodile im dunklen Wohnzimmer.]
Im Franziskaner Weißbierhaus saßen kurz zuvor am gleichen Tag drei statt zwei kleine Italiener, die exakt so, wie man es erwarten würde, die bedirndelte Bedienung anraunzten, warum denn keine italienischsprachige Speisekarte vorhanden sei – welche diese dann natürlich umgehend reichte. Die drei kleinen Italiener trugen rot-weiß geringelte Mohairpullover, Pilotensonnenbrillen und mehr Gel als Haar; bestellten dann drei Halbe. Natürlich.
In der Vorhalle des Hauses der Kunst muss man aufpassen, nicht auf die Hände der Menschen zu treten, die auf allen Vieren aus den bis zu hausgroßen, rosa maikäferförm- und mustrigen Installationen der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama heraus- und in sie hineinkrabbeln; in den restlichen Räumen muss man aufpassen, nicht irrtümlich zu denken, dass man sich in die Wanddekorationsabteilung eines bekannten schwedischen Möbelhauses verlaufen hätte. Und dies gar nicht einmal ob der vielen Kinderwagen und Luftballons.
Fragt man im Museumsshop nach dem Bildband “Die totale Erinnerung” von Christian Kracht, Eva Munz und Lukas Nikol, erhält man leider eine negative Auskunft. Geht man kurz darauf erneut zu dem jungen adretten Studenten hinter der Kasse, um nach etwas Gebundenem von Erik Niedling zu fragen und den gerade erschienen Foucault-Leseband “Ästhetik der Existenz” zu bezahlen, teilt er einem freudig mit, dass soeben Benjamin von Stuckrad-Barre hier gewesen sei und Christian Kracht ja vor zwei Wochen. Daraufhin kann man anerkennend nicken und sich eine Papiertüte geben lassen.
In der Pinakothek der Moderne stehen zurzeit sehr viele Neonröhren umher und versuchen, einen Eindruck zu erwecken, über den es sich noch nicht einmal nachzudenken lohnt. Immerhin erzeugen sie Licht. In verschiedenen Farben. Schönstes Mitbringsel aus der größten Freiluftaufführung aller Zeiten [siehe hierzu: Jogging mit Vuitton-Halstuch am Isarufer] jedoch ist ein Druck von Frank Schäpel, den mir die Direktorin einer recht renommierten Galerie nahe des Odeonsplatzes vermachte und der nun gewissenhaft gerahmt eine meiner ansonsten sehr kahlen Wände ziert.
Abschließend eine Bitte: Raten Sie doch einmal, in welcher deutschen Stadt sich das Institut für angewandte Simulation befindet?
Immer, wenn ich in Osnabrück ankomme, mache ich den selben Orientierungsfehler. Vom Bahnhof gehe ich zu Fuß zum Neumarkt, um von dort den Bus zu nehmen. Das ist der ganze Plan - die Details, das weiß ich, kann ich vor Ort auflösen. Wie die richtige Linie heißt und den Namen meiner Haltestelle merke ich mir nie, das finde ich heraus, wenn ich am Neumarkt die Fahrpläne lese. Das funktioniert zuverlässig.
Den Fehler mache ich, weil ich vom Neumarkt doch noch zum Heger Tor zu Fuß zu gehen beschließe. Um die Katharinenkirche herum unterläuft mir ein 90°-Dreher, ich stoße, überrascht, senkrecht auf den Heger-Tor-Wall und muß mich ohne weitere Informationen für eine Richtung entscheiden, es ist fifty-fifty und ich irre mich natürlich.
In dieser Stadt befindet sich mein Gehirn ohnehin im Selbstanalysemodus. Es formuliert deswegen den Satz “Immer, wenn ich in Osnabrück ankomme, mache ich den selben Orientierungsfehler”, den ich im Lauf der nächsten vier Stunden dreimal aussprechen werde. Allerdings gelingt es mir nicht herauszufinden, wie der Fehler passiert. Es hat, vermute ich, damit zu tun, daß ich mit der Katharinenkirche als Landmarke zu navigieren versuche und daß sie nicht so zwischen Heger Tor und Neumarkt steht, wie ich das, offenbar unwiderruflich, abgespeichert habe.
Das Gebäude, einmal aufgespürt, ist braun, 6 Stockwerke hoch und kreuzförmig, also punktsymmetrisch. In der Mitte sind die Treppenhäuser, derer es vier gibt. In jedem Stockwerk ist, wenn man von unten kommt, nicht die Treppe des Balkens sichtbar, den man gerade im Rücken hat, vielmehr scheint die Treppe schräg gegenüber der kürzeste Weg zu sein, und so dreht man sich also auf jeder Etage um π halbe und geht zwischen den Etagen im Halbkreis die Treppe noch. Spätestens im zweiten Stock hat man jede Orientierung verloren. Die gutgemeinten DIN A4s mit Pfeilen und Himmelsrichtungen helfen auch nicht weiter, wenn man keine Karte im Kopf hat. Es ist hoffnungslos. Das Ziel lautet deswegen, durch kontrolliertes Herumirren die Tafel zu finden, auf der, seit ich sie kenne, π = 3 für kleine π und große 3 steht. Da ist es dann.
In der Neuroblopsychologie bekomme ich von vier Doktoranden jeweils 15 Minuten Zeit, um mir Momentaufnahmen ihrer Arbeit zeigen zu lassen. Biologen, Physiker, Informatiker. Die Jungs sind mindestens 20% schneller als die Welt draussen. Innert 3 Minuten bin ich überfordert und habe Spaß. Dran bleiben, nicht zum Fenster sehen, nicht wahrnehmen, was er für Musik in seinem iTunes hat, nicht einfach nur abnicken, oder vielleicht doch erstmal nicken, es wird sich gleich klären, aber aufpassen, denn wenn es sich nicht klärt: unbedingt backtracken und doch nachfragen.
Ich habe keine Ahnung von Wetware. Es gibt zu viel Vernetzung im visuellen Kortex für ein bisschen lokale Feature-Extraktion, wozu sind die vielen langen Verbindungen gut? — ich versuche, auf eine Idee zu kommen, die der Mann vor vier Jahren auch hatte, als man ihm zum ersten mal von der Sache erzählt hat. Ich will nicht seine Zeit stehlen, der soll sehen, daß es sich lohnt, mir das zu erklären.
I can see why you’re not doing this in humans. Sie haben ein Recording-Verfahren, bei dem Chemikalien ins Gehirn gegeben werden, die präzise und zeitlich hochaufgelöst neuronale Aktivität anzeigen, viel aufregender als das langsame fMRI, das man bei Menschen verwendet.
Wenn man Testpersonen Bilder von Natur oder Gesichtern zeigt, in denen einzelne Stellen künstlich leicht aufgehellt oder abgedunkelt wurden, finden die Testpersonen diese Stellen beim ersten Hinsehen (sie schauen sofort unwillkürlich an die interessante Stelle.) Es geht so schnell, daß man vermuten darf, daß die low-level-Verarbeitung selbst die Aufmerksamkeit dirigiert.
Bei fraktalen Bildern allerdings tritt der Effekt nicht auf. Je mehr man die Fraktale aber verrauscht, desto stärker kommt er zurück. Frage: Was ist da los?
Und dann gibt es noch die zwei, die kenne ich schon, hallo! mensch! — die kriegen jetzt den Gürtel. Der Gürtel heißt eigentlich Feelspace und funktioniert so: Man trägt einen Kompass-Gürtel, der die aktuelle Ausrichtung im Raum per Vibration an die Haut überträgt. Nach einigen Wochen fängt das Gehirn an, die Information, quasi als neue sensorische Modalität (nämlich absolute Raumorientierung) auszuwerten. Ohne daß die Gürtelträger genau sagen könnten, wie sie es machen, schneiden sie bei Navigationstasks besser ab als wir Nicht-Cyborgs. Diverse Leute am Lehrstuhl, der Chef eingeschlossen, haben den Gürtel getragen, können sich aber, so hieß es damals, nur untereinander einigermaßen darüber unterhalten, wie es ist.
Osnabrück, das Zentrum im Osnabrücker Land, wie das Schild am Bahnhof bis vor kurzem noch trocken feststellte, ist meiner Heimatstadt nicht unähnlich, nur etwas größer und norddeutscher. Gymnasiasten helfen aus innerem Bedürfnis den Fremden bei der Busauswahl. Die älteren Herren stecken alle in aktuellen Audis und gutgepflegten Wachsjacken, die jüngeren Frauen tragen allesamt Jeans, hübsche Sneakers und Frisuren, die nicht nur ihren Eltern gefallen.
Allerdings gibt es auch eine bemerkenswerte Konzentration von Livekabinen, Liebesshops und unauffälligen Clubs mit dubiosen Namen. Gleich wollen mir die leicht überakkurat gekleideten Silberschöpfe, die zwischen Neumarkt und Bahnhof zu Fuß unterwegs sind, etwas unheimlich erscheinen.
[Osnabrück Westerberg]
Die Kamtschatkakrabbe kann, wenn man sie zu einem Spagat nötigt, von Bein zu Bein bis zu zwei Meter messen und rund zwölf Kilogramm schwer werden. Norwegische Fischer zogen 1977 das erste Exemplar aus skandinavischen Gewässern und glaubten, eine Mutation sehe sie über hektisch bewegte Beiß- und Greifwerkzeuge hinweg an.
Ursprünglich wurde die Kamtschatkakrabbe in den sechziger Jahren von sowjetischen Forschern in der Barentssee angesiedelt, um die Nahrungsmittelversorgung der russischen Flotte im Baltikum zu sichern. Mittlerweile hat sie sich in alle ihr möglichen Richtungen ausgebreitet und ist bis zur Nordspitze der norwegischen Lofoten vorgedrungen. Die geschätzte Population vor der dortigen Küste beläuft sich auf zurzeit 2,6 Millionen Exemplare.
Für die lokale Fischereiindustrie, die unter extremem, in Überfischung begründetem Fischmangel leidet, ist die Kamtschatkakrabbe ein Geschenk. Im Geschmack zwischen Hummer und Garnele liegend, liegt der Erlös pro Kilogramm bei bis zu 63 Euro. 70 bis 80 Prozent des für den restlichen Exportanteil bereits industriell abgekochten und daher rot gefärbten Fangs gehen nach Japan - dorthin allerdings roh. Der Japaner kocht lieber selbst.
Als kleine verwachsene Schwester der marktwirtschaftlichen Begeisterung zeigt sich die Frage nach den ökologischen Folgen der Krustentierwanderungen. Momentan ist nur bekannt, was die Kamtschatkakrabbe auf Muschelbänken anrichtet. Sie frisst sie leer. Und verspeist so die Lebensgrundlage von Seestern, Seegurke oder Wellhornschnecke. Oder isst sie direkt mit. Die Kamtschatkakrabbe nimmt so ziemlich alles zu sich, was am Meeresboden lebt. In ihrem Magen findet man Überreste von Muscheln, Würmern, Algen, Schnecken und mittelgroßen Fischen.
Das macht sie zu einem harten Nahrungskonkurrenten für viele immer seltener werdende Edelfische. Im Vergleich zu diesen kann sie mit relativ geringem Aufwand gefangen werden. Wenn die Bedingungen gut sind, schöpft ein norwegischer Fischerbootbesitzer seine Fangquoten in nur zwei Tagen aus. Man kann die Kamtschatkakrabbe in wenigen Metern Tiefe finden oder in 300 Metern. Auf dem Echolot sieht man sie nicht, weil sie auf dem Meeresboden hocken. Manche sagen, sie sind wie ein Teppich - über den ganzen Boden ausgebreitet.
Ein kategorisches Ausrotten der Kamtschatkakrabbe, wie es Umweltschützer fordern, ist für die Regierung in Oslo keine Option. Zudem ist es fraglich, ob ein solches Vorhaben überhaupt gelingen kann. Es werden nur zehn Prozent einer Population gefangen, die kleinen Kamtschatkakrabben und ihre Larven fallen durch die Netze.
Die gemeinsame Fischereikommission von Norwegen und Russland hat die Fangquote 2006 zum wiederholten Mal verdoppelt. Eine norwegische Firma will die Tiere zukünftig in russischen Fjorden züchten.
Die Kamtschatkakrabbe hat keine natürlichen Feinde.

