Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Zunehmend Angst habe ich vor MTV. Mich beschleicht das scheußliche Gefühl, daß die entweder keine weiblichen Zuschauer mehr haben, oder, weit wahrscheinlicher und schlimmer, daß die weiblichen Zuschauer das zwar alles blöd finden, sich aber denken: So sind sie eben, die Jungs.

Ich meine nicht einmal die langweiligen Hupenschwenkvideos, geschenkt. Ich meine das anale Kasernenzeug, das sich da verbreitet. Das ist genau die Sorte Mist, die passiert, wenn man Männer zu lange miteinander alleine lässt.

Gestern war da eine Sendung, die ich vergessen habe schnell wegzuschalten wie sonst, wenn diese Abschaum-Amerikaner widerliche Sachen machen. Das von gestern scheint auch was Neues zu sein. Bisher kannte ich nur Jackass. Gestern waren das aber Briten, die sich gegenseitig weh taten und gar nicht mehr vorgaben, daß es um „Stunts“ gehe. Hauptsächlich fanden sie Wege, auf ihren Genitalien herumzudreschen.

Ich mag bald keine kulturpessimistischen Klagen mehr anstimmen. Weil niemand das mehr tun mag, es aber angebracht wäre, ist es neuerdings modisch, medientheoretisch hochreflektiertes anzufahren, angesichts von Dreck im Fernsehen. Wäre ich FAZ-Feuilletonist, müsste mir etwas einfallen über die Rolle öffentlicher Gewalt bei den Griechen, Initiationsrituale sowie die De- und Rekonstruktion der Gewalt zwischen Abu Grahib und MTV. Bullshit.

Es ist halt einfach nicht gut. Das ist nicht gut, wenn sich im Jugendfernsehen Männer in die Eier hauen, und zwar lange, ausschließlich, sinnlos und mit Gebrüll. Ich weiß nicht, ob es schlecht für die Jugend ist, aber für mich ist es schlecht. Ich will gar nicht so genau wissen, wie sie ticken, meine Geschlechtsgenossen. Ich neige zu Verallgemeinerungen und Verdacht.

Bitte, MTV: Schafft dieses Pack vom Schirm. Ich will Mädchen. Filmt einfach Nora Tschirner beim Lesen oder so, wenn ihr schon keine Musik mehr spielen wollt. Ob sie wohl an der Unterlippe nagt dabei?

Link | 30. Juni 2004, 19 Uhr 13 | Kommentare (1)


Zum ersten mal war ich vor fünf Jahren in der Gegend. Ich kam mit der U-Bahn aus Biesdorf. Biesdorf liegt mitten in Marzahn, fühlt sich aber nicht wie Marzahn an. Mehr als ein „Da drüben ist es und droht“ bekommt man nicht mit davon. Aber Biesdorf ist öde, vom Schuß, nachts kaum zu erreichen und so ein klassisches Problem, das sich Provinzler und Ausländer beim ahnungslosen Zuzug nach Berlin einhandeln. Ich kam also aus diesem Unort hier an, eines Nachts, stieg in der Schönhauser Allee aus und wunderte mich, wie anders alles war. Ich war eingeladen in die unsanierte und kohlenbeheizte Wohnung eines ganz jungen polnischen Malers – es war das einzige Mal, daß all die Klischees wirklich funktionierten. Ich saß da dann mit diesem klugen Menschen, der schon richtig Postmoderne gelesen und verstanden hatte und mit noch ein paar Schnelldenkern und redete über Kunst und KI. (Die Schnelldenker erwiesen sich wenig später als ziemliche Arschgesichter, während der Maler, der ein feiner Kerl war, leider nach Hamburg verschwand.)

Jedenfalls war das Licht braun, die Wände auch, das Klo war auf dem Treppenabsatz und die Elektrik dubios. Draußen roch es dunkel nach Laub, Zement und Benzin, drinnen saßen wir und spielten uns Boheme vor, jung genug waren wir und also ernsthaft. Das alles war die letzte Ahnung von etwas, es war gerade noch zu spüren. Als ich her zog, war es schon weg.

Während meiner Zeit hier war die Simulation von Boheme keine mehr. Daraus war eine Simulation von London oder Hipness geworden oder ich weiß nicht wovon. Die furchtbare Sendung Polylux, auf die ich damals prompt selbst hereinfiel, fühlte sich jedenfalls genau so an.

Etwas für Leute, die nicht akzeptieren wollen, daß sie einfach nur so Leute sind in so einer Stadt, die tun, was sie tun, weil sie’s können und weil sie müssen. (Wie ordentliche Menschen es von jeher hielten.)

Also eher etwas für die unrasierten Adidasträger und ironischen Bad-Taste-Mädchen. Für die Zahnarztkinder mit den Sowjetstern-T-Shirts, und so ist es immer noch. Die müssen gar nichts, die kommen auch nicht auf die Idee, sich wegen irgend etwas mal ernsthaft zu quälen. Immer frisch, die Bande, immer hip. Alles nicht so bedeutend.

Deswegen von hier zu verschwinden, wäre zwar ein Widerspruch in sich. Gottseidank aber liefert die Charlottenburger Wohnung allein schon genug legitime Gründe für einen Umzug.

Link | 29. Juni 2004, 15 Uhr 19 | Kommentare (9)


Jemand sollte den Menschen, der dieses fette lila Nilpferd gemacht hat, vierteilen. Teeren, federn, rädern, strecken & brechen. Daß er erkenne, wer der Herr ist, sein Gott.

Übrigens schäme ich mich mit PC-Hardware in der U-Bahn und möchte den Menschen erklären: Ich weiß bestimmt nicht, was Dual Channel DDR Ram ist und die c’t lese ich auch schon nicht mehr, seit ich meine Milch aus dem Glas trinke.

Darüber hinaus fühle ich mich nach mehrstündigen Telefonaten, als hätte ich schwer gesündigt. Will den Mund reinwaschen von zu oft verwendeten Nachmittags-Mode-Vokabeln und aus den ganzen Theorieluftschlössern die Stöpsel ziehen.

Das sind wieder so Probleme, die man vermutlich nur hat, wenn man mal Katholik war. Verdammt. Jetzt geht das bei mir auch los mit diesem schlingensiefigen Katholizismuskomplex. Haltet mich fern von Kettensägen.

Link | 28. Juni 2004, 2 Uhr 52 | Kommentare (1)


Ganz unten im iTunes Music Store gibt es eine Gothic/Metal/Rock-Rubrik. Und darin, weh! Subway to Sally und In Extremo. Hallo Apple? Denkt Ihr, Ihr verkauft Eure iPods an Elektriker-Azubis?

Irgendwie haben die n‘ Hau da. Man muß schließlich keinen besonders elitären Musikgeschmack haben, um es seltsam zu finden, daß der Tip der Redaktion ernsthaft „Nevermind“ heißt, es aber nichtmal die White Stripes oder Franz Ferdinand zu kaufen gibt. Und die taugen nun wirklich nicht mehr zum Distinktionsnamedropping.

Hier spricht die Zielgruppe:

Erstens: Dringend Grundlagen draufschaffen, sonst lachen wir Euch aus.
Zweitens: Mehr artsy Intellektuellenzeug. Wenn ich bei argh! von Porn Sword Tobacco lese und mir denke: Oha, was für ein Name, und, wie, noch langsamer als Bohren? Dann will ich das sofort kaufen, und zwar bei Euch und nirgendwo sonst.

Link | 25. Juni 2004, 13 Uhr 20 | Kommentare (2)


»Na, Ihnen etwas recht zu machen, ist aber schwer, meine Gnädigste«, meinte Arina Prochorowna lachend. »Bald soll er mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf es nicht wagen, Sie anzusehen, bald darf er nicht einmal auf einen Augenblick weggehen, sonst fangen Sie an zu weinen. Ein solches Verhalten müsste ihn ja schließlich auf einen bestimmten Gedanken bringen. Na, na, seien Sie nur nicht so störrisch, reiben Sie sich nicht so fest die verweinten Augen, ich spaße doch nur.«
»Er darf sich überhaupt nichts denken!«

(Fjodor M. Dostojewski, Die Dämonen)

Link | 24. Juni 2004, 23 Uhr 00


Der Irak interessiert mich nicht. Die überfällige Aktualisierung meiner Meinung zu schwedischen Möbeln interessiert mich nicht. Die EM würde mich nicht einmal interessieren, wenn ich nicht so lethargisch wäre. Die interessanten und anregenden neuen Bücher hier interessieren mich nicht, meine Arbeit interessiert mich nicht, nicht einmal meine eigene Arbeit interessiert mich.
Sentimentaler Regen wäscht die Taubenscheiße vom spindeldürren Bäumchen im Hof und ist ein Symbol für gar nichts. Auch nicht dafür, daß der Sommer bislang jedenfalls nicht so groß war, wie er hätte sein können. Prasseln auf satten Blättern. Das interessiert mich immerhin.
Außerdem wären gut: Zypressen im Nebel, Salzluft und rebellisches Haar, zitternde Forellenschatten über wehendem Grund. Lange Blicke. Die Ahnung einer vertrauten Bewegung in den grün zerschnittenen Schwaden eines dröhnenden Kellers und flimmernde Fingerspitzen.

Link | 23. Juni 2004, 18 Uhr 19


Wie das so zu sein pflegt bei nächtlichen Mädchen in der S-Bahn, sah ich sie schon für einen Sekundenbruchteil durch’s Fenster, während der Zug noch rollte. Also betrat ich den Wagen bereits mit leise flirrenden Nerven: Obacht! Wunderbares Gesicht. Sie saß da mit zwei Jungs, mit denen sie unterwegs war, erkennbar nur unterwegs. J., mit der ich unterwegs war, erkennbar nur unterwegs, lehnte ihr Fahrrad gegen die Tür und redete mit mir.
Das Mädchen war, ich würde sagen: Vielleicht zwei, drei Jahre jünger als ich, also sehr jung. Zerbrechlich wirkte sie, trug Unspektakuläres, angefressene Leinenschuhe und das rennende Rad der Wegelagerer und der Volksbühne. Als der Zug anruckte, sah sie her. Wir ließen den Part mit dem Sich-beim-Hinschaun-erwischen aus und sahen uns an, umstandslos, unverhohlen und lange.

Das Beste an Mädchengesichtern ist ja, da bin ich heute überzeugt, das Leuchten. Manche leuchten wie durch einen karbolfarbenen zottligen Schirm, manche matt und gedämpft wie Röhren hinter gestrahltem Glas. Es gibt opulente Kronleuchtermädchen und kleine flackernde Kerzlein. Meine Favoriten sind – normalerweise – die eleganten, etwas altmodischen Standleuchten, mit vornehmem, zurückhaltendem, aber nachdrücklich warmem Glühen. Sie hier war eine nackte, klare 100-Watt-Birne am Kabel, in einem Flur mit zerfetzten Tapeten.

Irgendwann blendete mein Hirn dann den Rest der Sinnesdaten doch wieder ein, und ich merkte, daß J. möglicherweise mit mir sprach und das langsam ein wenig einseitig fand. Ich zwang mir einen Brocken Aufmerksamkeit ab und antwortete.

Das Mädchen hörte einem ihrer Begleiter zu und kaute danach auf dem Wort „Etepetete“ herum und noch zwei ähnlichen Worten, die sie fremdartig aussprach, als kenne sie sie nicht, gleich mehrfach; Diese Betonung, dachte ich: Vielleicht Holland? Dann folgten zwei Sätze in makellosem Englisch, dann, überraschenderweise, zwei in perfektem Deutsch. Ich wurde nicht klug aus all dem.
Wir sahen uns noch einmal lange irritiert an, unterbrochen nur durch meine Versuche, nach rechts ab und zu meinem Gespräch zu folgen. Schließlich sah sie weg, lehnte sich zurück, legte den Kopf zurück an die Scheibe und sagte laut, artikuliert und versonnen ins Rumpeln des Zuges hinein: „Hard to be a girl, so nice to be a boy.“
Als sie und ihre Begleiterscheinungen ausstiegen, ließ sie ihren Schirm liegen. Ich machte nichts, und es war dann J., die den Schirm aufhob und aus dem Zug reichte.

Link | 22. Juni 2004, 16 Uhr 13 | Kommentare (1)


Während auf XXP mal wieder ein sensationeller Alexander-Kluge-Irrsinn läuft über den Krieg, frühe Watschelpanzer, insbesondere aber über die Vergeltungswaffe — hier ist der Link zur Anti-Rakete:


http://www.snakerobots.com/S5.htm

Die Rakete, die geradlinig nur nach oben weg wollte, das wahnsinnige, losgelassene Tüftlerding, das faszinierendste Monster der Technikgeschichte, hat kleinteilige, leise, kriechende, wühlende, erdverbundene Konkurrenz; von ähnlich bösartiger Anmutung. Zeit der Horizontale.

Link | 21. Juni 2004, 1 Uhr 06


Schon halb in der Drehung und sehr nachlässig grüßte er mit einer altmodischen Zweifingergeste. Die Schatten in seinen Gesichtszügen wurden tiefer und verschmolzen.
Schon nach ein paar Schritten war er in die Dunkelheit aufgegangen; nur entschlossen harte Sohlen hallten noch eine Weile. Er war ein kantiger Profi mit einem Auftrag. Wie ich den Saukerl beneidete.

Link | 20. Juni 2004, 13 Uhr 59


Bei Nabokov ist bekanntlich eigentlich alles großartig. Auf jeder Seite findet man mindestens einen Satz, den man aus dem einen oder anderen Grund sofort abschreiben und an die Wand malen oder in ein Weblog posten möchte – man würde nur nie fertig damit. Statt dessen muß man sich eben für die Dauer des Romans daran gewöhnen, daß jetzt alles ein bisschen besser ist als sonst, als in echt, als in Zukunft.

Was ich bei seinen Figuren besonders gern habe: Sie fallen völlig aus allen vertrauten schwach/stark-Schemata. Selbst seine heldenhaftesten Helden haben die Fürsorge des Autors nötig, und er gewährt sie ihnen großmütig schon in der Sprache, verzichtet auf Worte, die ihnen weh täten, mutet ihnen nur Andeutungen farbiger Äußerlichkeiten zu, wenn es ihnen schlecht geht: Sogar Van in „Ada“, gewiß ein strahlender Held, genießt diesen Respekt des Erzählers – und hat ihn nötig. Pnin dagegen, den der Erzähler nie einen Trottel nennen würde, ist nach allen unseren Kriterien ein unglücklicher Mensch, also ein Schwächling. Anstatt, wie es uns beigebracht wurde, dankbar zu sein für jede Schwäche, an der wir uns stärken können, wie reagieren wir? Wir haben den Burschen gern. Kaum daß wir ihn kennen, scheint uns seine Hingabe viel wertvoller zu sein als alles, was wir glauben, in unseren Leben schätzen zu müssen.

Daß er unsere Kriterien für Stark & Schwach gerade rückt, Helden wie Trottel liebenswerte Figuren sein lässt, ihre Person über ihre Rolle in der Hackordnung stellt, kurz: Daß er von Menschen nichts fordert – das ist das Großartigste bei Nabokov und Beweis einer vielleicht schon verlorenen Art der Kultiviertheit. Besser sogar als die sinnlichen sinnlosen Kleinigkeiten überall in seinen Romanen, bei denen nicht einmal herauszufinden ist, wie sie funktionieren.

Link | 19. Juni 2004, 16 Uhr 00 | Kommentare (1)


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