Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

don’t feed the trolls

[Nichtkommentare zur Weltpolitik]

Link | 20. September 2006, 0 Uhr 14


Und bei Euch so? Wie ist es, Ihr zu sein? Das interessiert mich.

[Und nur das. Geschichten erlauben nichts Eigentliches hinter sich. Sie werden trüb, wenn man etwas hinter sie stellt, schon die vageste Idee nimmt ihren Glanz fort, Sinnstiftungsversuche vernichten sie völlig. Nur wenn nichts hinter ihnen ist, könnte dort alles sein. Ihr wisst schon: Alles, das ist ziemlich viel. Das ist ja die ursprüngliche Spannung im aufrichtigen Erzählen, daß genau dort nichts gesagen werden kann, wo Platz für die Überlebensgröße bleiben muß.]

Link | 19. September 2006, 1 Uhr 04 | Kommentare (2)


Zeichen der Freiheit und meiner jungen Einwohnerschaft war ein Spaziergang unter den Linden: Ich kaufte mir Don Juan oder die Liebe zur Geometrie, setzte mich auf eine Bank in der großen Stadt und begann zu lesen.

Ich wohnte damals in einem Wohnheim in Biesdorf, das liegt in Marzahn. In diesem Wohnheim gab es im Keller einen Wäschetrockner, den man mit Papierkärtchen bezahlen musste. Einen Winter lang freute ich mich auf jede Wäsche, denn meine Sachen waren danach warm und weich und federleicht; mich rührte die sanfte Wohltat fast zu Tränen, die ich mir in einem kalten Keller zwischen Stahltüren und Beton von einem alten roten Automaten erweisen lassen konnte.

Mit den Menschen im Wohnheim verkehrte ich kaum. An Ausflügen zum Marzahner Multiplexkino nahm ich nicht teil. Es wäre mir künstlich und falsch vorgekommen, mit Leuten, mit denen ich nichts teilte außer einer Eingangshalle, einen Film anzusehen, weil ich eben auch den Aushang gelesen hatte. Ich kannte meine Nachbarn als unsichere Kinderschriften auf den Aushängen in der Halle, das genügte. Mein Zimmer lag am Ende eines langen, ganz weißen Ganges, zu dem es viele Türen, aber keine Fenster gab. Man konnte ein sonderbares, gelbes Licht einschalten. Es roch herb dort, nach Putzmitteln, Knoblauch und gerösteten Zwiebeln. Mein Zimmer war klein und bequem, es gab eine winzige Naßzelle, die ich peinlich sauber hielt, und ein Fenster, das auf eine Wiese mit Pappeln hinausging. Immer wieder besuchte mich auf diesem Rasen ein Reh. Als Stadtreh war es nicht scheu und man durfte sich am Fenster zeigen, es erwiderte sogar meine Blicke, glaube ich. Samstags wurde auf dem Sportplatz hinter dem Wohnheim Fußball gespielt. Die Kabinen der Mannschaften lagen direkt unter meinem Fußboden; jeden Samstag erwachte ich vom Halbzeitgebrüll der Trainer.

Ich bewunderte damals ein vollkommen unerreichbares Mädchen. Ich sage: Unerreichbar, obwohl sie im ersten Semester studierte wie ich, aber man ist noch sehr jung in diesem Alter. Sie war tough-zart. Sie hatte glatte braune Haare, schmale Hände und einen Geigenkasten. Abends nach dem Tutorium saß sie mit uns in der Deponie, wurde auf ihrem Mobiltelefon angerufen und führte lange Gespräche auf Tschechisch. Als sie mich mit den anderen einmal besuchte und eine Lampe umstieß, fuhr ich sie an, aus Versehen und in einem einem Tonfall, der mich überraschte und sie auch. Um elf mussten alle los, Biesdorf ist weit draußen, die S5 wird dort schon um 12 unregelmäßig. Wir besuchten uns alle reihum, genau einmal, dann gaben wir es auf.

(Übrigens waren es die letzten Jahre der schwerfüßigen alten S-Bahn-Baureihen. Ein wenig fürchtete ich mich vor den Türverriegelungen dieser Züge, denn man brauchte manchmal Kraft, um sie aufzustemmen. Es war peinlich, abends, unter den Augen lauter Lichtenberger Jugend, immer einen Tick zu lange mit den festgefressenen alten Türen zu kämpfen.)

Drei Tage am Stück verbrachte ich mit Punica und Keksen im Bett und las Buchheims Festung. Damals bekochte ich mich auch noch selbst, ich erinnere mich an einen Kaiserschmarrn der, glaube ich, wirklich sehr gut war.

Nach nicht ganz einem Jahr zog ich in die Gotlandstraße und begann zu arbeiten.

Im Sommer hörte ich Logik bei Uwe Scheffler, durch hohe Fenster wehte die warme Luft aus dem Innenhof herein, man schaute hinaus in die Kastanien, wenn die Konzentration nachließ. Wenn es regnet, wird die Straße naß. Wenn der Mond ein grüner Käse ist, schwappt die Ostsee bis zum Riesengebirge und nur noch der Fernsehturm guckt raus. (Aus falschen Behauptungen kann man alles schließen.) Meine Behauptung, für Logik nicht geeignet zu sein, ließ ich fallen, als ich in der Klausur meiner Nachbarin helfen sollte. Ich fall durch, raunte sie mir zu. Sie hat dann bestanden, ein paar Semester sah ich sie noch auf den Gängen und fragte immer, wie es denn stünde, aber sie kam nicht recht weiter, die Zwischenprüfung sei eine zu große Hürde, sagte sie. Ich bin der einzige, den ich kenne aus den Anfangstagen, der das Fach abgeschlossen hat. 93% Abbrecherquote, hieß es damals. Das kommt hin. Ich und noch ein, zwei andere sind eben sieben Prozent. Es liegt nicht daran, daß das Fach schwer wäre, es liegt an der Art, wie es hier studiert wird. Man ist allein mit sich und der Bibliothek und dem grünen Käse, es ist alles nicht lebenslauftauglich, es ist verlorene Zeit, die Schläfrigkeit und die Fremdheit und das Schweigen und die nötige Dehnung sind kaum zu ertragen.

(Man kennt die Vornamen der Kommilitonen nicht. Manchmal nickt man aber denjenigen zu, deren Nachnamen man sich merken konnte, weil sie etwas Kluges gesagt haben, was selten vorkommt, deswegen muß man sich nicht viele Namen merken.)

Das fachliche Ergebnis dieser Lehre war, wenn ich es zusammenfassen müsste: Eine denkerische Unschreckbarkeit. Sozial würde ich das allerdings Verwüstung nennen. Es hat dabei zweifellos Vorteile, die Unschreckbarkeit zu bewohnen, die man sich, wenn man starke Bilder mag, als eine stürmische und baumlose Ebene denken kann, ohne die Schluchten des Zynismus, auch ohne gläserne Türme und rosane Pferde allerdings. Es hat Vorteile, zu Hause zu sein in dieser Ebene, man gewinnt eine monströse Sicherheit. Monströs, denn der Zustand ist gefährlich und schrecklich, weil man im Umgang mit Menschen die unmenschlichste Option hat: Sich wegzudrehen und sich nicht wieder umzudrehen und einfach weiter zu gehen, wie man das gewohnt ist, weil man es kann; hart, unbedrohbar und dumm.

Die spezielle Erfahrung, die man beim Studium macht (die Lehre), muß man übrigens vom Fachlichen trennen, darauf lege ich Wert: Die das partout verwechseln wollten, gehören zu den 93%. Der Kern des Fachlichen in der Philosophie ist Humor, Redlichkeit und Anmaßung. (Man weiß es nicht überall, aber es ist so.)

[Übrigens weiß ich nicht, ob die Humboldt-Universität diese Lehre noch anbietet; vermutlich verhindern sie heute heute, daß man Zeit verliert, also wirklich lernt. Das will ich nicht bewerten, es ist wohl richtig. Es ist wie mit den Rauchverboten.]

Genau sieben Jahre. Sieben Jahre.

Link | 18. September 2006, 23 Uhr 57


Erwähnung: Die spezielle Sorte halbweinerlicher Ironie, mit der junge deutsche Literaten in ihren Lebensläufen im Netz auf jeden einzelnen Scheißjob als Kellner oder Supermarktkassierer hinweisen.

[Manchmal verstehe ich meine Mitmenschen nicht]

Link | 17. September 2006, 2 Uhr 39


Ich erlaube mir folgenden Hinweis auf das Tiefebbefrostgebiet: Das Aggregat ist gefunden und es sind regelmäßige Updates versprochen. Jetzt wird’s interessant da drüben.

Link | 13. September 2006, 11 Uhr 53


Wir haben ja gegenwärtig eine Situation, in der Kunst boomt und in der die unabhängige Intelligenz die Lust am Geldverdienen in der Wirtschaft weiter zu verlieren scheint. In einer solchen Situation wird der Gedanke zum beherrschenden Kriterium in der Bewertung von Kunst: Ob etwas smart ist, ist wenigstens mit großer Sicherheit entscheidbar, und es gibt auch genug Leute, die in der Lage sind, smarte Sachen zu machen. Ich prophezeihe aber einen backlash, eine Rückkehr der Schwärmerei, des Sinnlichen und der Willkür.

[Oder liege ich überhaupt falsch?]

Link | 13. September 2006, 11 Uhr 52


azzurro isn’t but a meme

Link | 13. September 2006, 10 Uhr 36


E-aa-i-ouwa!

[Erste Schritte]

Link | 7. September 2006, 19 Uhr 02


Seltsamer werden.
Noch viel seltsamer.

[Todos]

Link | 7. September 2006, 18 Uhr 54


Folgt mir noch einer, wenn ich sage, daß Spulen Teufelszeug sind?

[Induktion und andere Schrecken]

Link | 7. September 2006, 18 Uhr 44 | Kommentare (1)


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