Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Wie aufregend: ein Hochspannungsmast, eine Konstruktion, Schweißnähte unter Schnee, gleich auch: Schweißnähte in gleißender Helligkeit (die Möglichkeit von Sommerwind und nahem Wald; die Gewißheit von Steigeisen und orangenen Westen), wie maßlos aufregend.

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Die Spex im Park (ein Frühjahr ohne Trauer, nur Erwartung und Tau und epische Zeit); ein Tunnel, die Gleise rechts verschwinden und ihr weiterer Verlauf ist nicht zu ahnen: Parallel oder in weit geschwungenem Bogen weg, unter diesem Holzpavillon dort, den Eschen, dem zerfallenden Zaun des jetzt, im Winter, sichtbar gewordenen Anwesens —

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Schwarze Schieferplatten am Fußboden, irgendetwas blühte gelb vor der Tür, ein Schwall Frühlingsluft wurde hereingeklappt von ihr, und nun galt es, in den dreieinhalbten Stock hinaufzusteigen, ein gelbes, nach trockenem Gips riechendes Gebiet, und dort, fröstelnd, die Ellbogen auf eine überraue, kalte Tischplatte gestützt, der Filmprojektion zu folgen: Die grünblaue Tiefe der Ägäis.

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Wir passierten zweimal dieselbe Baustelle — ohne sich anzukündigen tauchte sie ein zweites mal im Stadtraum auf — wo den Lastwagen, die den Schutt eines planierten Viertels abtransportierten, mit Hingabe die Reifen gewaschen wurden, bevor man sie auf die Straßen entließ.

Link | 30. Dezember 2010, 14 Uhr 56


[Eins]

Ich habe es bislang für unmöglich gehalten, zu Wikileaks etwas halbwegs Substanzielles zu sagen. Man konnte sich über die Skandalmaschine echauffieren, die von den Medien weltweit folgsam angeworfen worden war, um das als Skandal entworfene Cablegate und später Julian Assanges sonderbare Verhaftung zu behandeln, und man konnte wieder einmal darauf hinweisen, wie lachhaft unfähig selbst journalistische Institutionen wie die Tagesschau inzwischen sind, eine globale Medienerregung auf ein paar relevante zugrundeliegende Fakten herunterzubrechen. Den beunruhigenden Kern der Sache hätte das nicht getroffen, und sich über die verrotteten Medien aufzuregen, ist zwar ein Spaß, den man sich gelegentlich gönnen darf, aber besonders substanziell ist es nicht.

Warum kann man über Wikileaks selbst kaum etwas sagen? Zunächst, weil unklar ist, wer hier agiert und wer reagiert. Gerüchte, daß Wikileaks dieses Material hat, gab es seit Anfang des Jahres. Nehmen Sie an, man hätte Ihnen diese Daten zugeschickt, und Sie hätten Grund zu der Annahme, daß große, böse, rücksichtslose Organisationen wissen, daß Sie sie bekommen haben. Wie beweisen Sie so jemandem, daß Sie’s gelöscht haben? Möglicherweise können Sie nur noch nach vorn ab diesem Punkt. Und nun nehmen Sie an, daß die Quelle dieses Materials einigermaßen zweifelhaft ist, in jedem Fall aber seine Integrität. Möglicherweise zwingt Sie also jemand nach vorn, der Interessen verfolgt, die Sie nicht einmal durchschauen. Wer weiß, wer da gerade warum welche Daten durch Wikileaks drückt, was Signal und was Rauschen ist. Das Problem mit Cablegate ist: Wir sind in einem Geheimdienstspiel. Man muß damit rechnen, daß die unsichtbaren Akteure professionell und unklar motiviert sind, und man muß damit rechnen, daß die sichtbaren Akteuere weder Herren ihres Schicksals sind noch wissen, welche Rolle sie spielen. Man muß andererseits auch damit rechnen, daß alles genau so ist, wie es scheint. Wer mit Schlapphüten spielt, sollte Misstrauen lernen. Genau deswegen ist es schöne Ironie, wie sich Nerdkreise in den letzten Wochen die Köpfe heiß diskutieren konnten mit der sinnlosen Frage: Pro und Kontra unbedingte Transparenz. Als gäbe es hinter dem Glas etwas Klares zu sehen, wenn nur das Glas einmal klar wäre.

Der zweite Grund, warum es so schwierig ist, sich zu Wikileaks zu äußern, ist, daß der veröffentlichte theoretische Hintergrund zu einer hochgradig gegenwärtigen Ideologie gehört, die wir alle im Netz teilweise teilen dürften. Die eigene ideologische Ausrüstung ist immer der blinde Fleck der Wahrnehmung, und wir haben bislang kaum historische Außenperspektiven auf die Netzkultur. (Die konservative Kritik existiert natürlich wie immer, aber wie immer ist ihre Funktion nur die der banalen Mahnung, daß eine historische Perspektive einst möglich sein wird.) Ob man über Wikileaks sprechen kann, ohne in die Falle eines simplen dafür/dagegen-Diskurses zu geraten, bevor überhaupt verstanden ist, wofür oder wogegen man da genau wäre, oder gleich in die einerseits/andererseits-Falle zu tappen, ist unklar, und bislang habe ich kaum überzeugende Versuche gelesen.

In die Weihnachtspause hinein, als hätten alle sich erst einmal besinnen müssen, sind nun zwei kluge Texte erschienen, die das wenig ergiebige Robin-Hood-Schema verlassen: Zum einen Bruce Sterling, der sich für meinen Geschmack zwar viel zu sicher ist in seiner Einschätzung der sichtbaren Akteure, aber sonst, wie ich denke, zwei wesentliche Charakteristika der Affaire freilegt: Erstens die Wurzeln der Wikileaks-Motivationsstruktur in der Ästhetik der Existenz des Cyber/Cypherpunk, also einer äußerst anziehend technologieverliebten Spielart des Anarchismus, zweitens die kaum zu fassende Schwäche der Institutionen, die mit dieser Herausforderung konfrontiert sind. Bruce Sterling: The Blast Shack.

Der zweite Text ist von Jaron Lanier und im Atlantic erschienen. Wie zu erwarten hechelt Lanier seine Einschätzung über den Kamm seiner Kritik der Nerdkultur, aber auch dabei wird eine Perspektive auf die Affaire frei: Den Griff nach politischer Macht, den die Nerdkultur hier macht. Wir sehen das an anderer Stelle passieren — man denke an die hier bereits diskutierten ersten Erfolge der Piratenparteien — und obwohl man im Falle von Julian Assange tatsächlich zweifeln kann, ob ihn Macht interessiert, ist sich der Chauvinismus der Nerdkultur inzwischen tatsächlich und beobachtbar seiner selbst sicher genug, um Julian Assange nicht nur als Robin Hood zu feiern, sondern ihn (und mit ihm Wikileaks) zur Speerspitze einer Avantgarde, zu der man selbst sich gehörig fühlt, zu erklären. Jaron Lanier: The Hazards of Nerd Supremacy.

[Zwei]

Fragen zur Wikileaks-Ideologie: Ist Wikileaks ein Vorschlag zur Verbesserung der Demokratie, bzw. ein mögliches Prinzip bei der Etablierung einer „digitalen Demokratie“? Geht es um allgemeine „Transparenz“? Gibt es einen Transparenzbegriff, der nicht die Sichtbarkeit von Information mit ihrer moralischen Bewertung begründet? Der Kommentarmob mag das Argument: „Privatpersonen haben ein Recht auf Privatsphäre, Staaten und Institutionen nicht.“ Lässt sich dieser primitive Konsens auf etwas anderes zurückführen als auf ein tiefes Misstrauen gegenüber den Institutionen? Es ist offensichtlich, daß Institutionen kein „Recht auf Privatsphäre“ haben müssen, um auf Grundlage von Informationsassymmetrien zu funktionieren, als Organisationen ist ihnen ein bestimmtes Informationsgefälle von außen nach innen strukturell konstitutiv. (Handelsorganisationen leben davon, daß sie Wissen über Märkte internalisiert haben und daher erfolgreicher operieren können als einzelne draußen, und die katholische Kirche feiert das Geheimnis.) Der genannte Primitivkonsens gefiele sich selbstverständlich in dieser Radikalität: Ja, die Kirche und der Handel, zwei weitere Übel, die können auch weg. Und hier spätestens offenbart sich das Prinzip „stick it to the man“ bzw. „crush the bastards“: Das um ein hehres, überzeitliches Gut bemühte, theoretisch begründete Denkgebäude gibt, wenn herausgefordert, nach, und offenbart, daß es eine Rechtfertigung für das Selbstverständnis guter alter Partisanen ist.
Nun ist gegen gutes altes Partisanentum nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber der Charakter des Partisanen ist sein Gegner: Der Gegner des Partisanen muß das Opfer wert sein.
Wer also ist der Gegner von Wikileaks? Wer sind die Bastards? Die US-Diplomatie? Das US-Militär? Der alberne US-Senator, dessen zahnloses Gegeifer von der „Verbrecherjagd“ auf Assange tagelang kolportiert wurde? Die Bastards scheinen, wenn man die bisherigen Leaks betrachtet, zu sein: Eine unklare Verschwörung, die sich in der (an sich nicht überraschenden) Brutalität des Krieges oder der (an sich nicht überraschenden) Realpolitik des diplomatischen Tagesgeschäfts versteckt. Jedes Leak zeigt in seiner verdächtigen Harmlosigkeit nur, wieviel die Verschwörung zu verbergen fähig ist.

Diese Verschwörung könnte auch in diesem Fall, wie so oft, die unerträgliche Moderne sein.

Wir haben also zwei Möglichkeiten, Wikileaks als Erscheinung zu lesen: Als Vorschlag eines neuen kategorischen Imperativs, der lautet „Handle stets so, als ob jedermann jeden Schritt Deiner Handlung beobachten könnte.“ Oder als Kampf gegen die „Bastards“ — von denen wenig bekannt ist, auch nach den Leaks, die aber (denn so sind die Leaks ausgewählt) sicher irgend etwas mit der US-Regierung zu tun haben.

[Drei]

Zur Logik des Partisanen: Der Partisan scheint sein Tun zu rechtfertigen. Angeblich sagt er: „Mein Gegner ist böse, also bin ich im Recht, wenn ich ihn bekämpfe.“ Das ist ein Irrtum. Der Partisan hat das gehegte Gebiet des gerechten Kampfes explizit verlassen. Die Begründung (nicht Rechtfertigung) für sein Tun lautet deshalb: „Mein Gegner ist böse, also bin ich mit dem Bösen in Berührung und verwoben. Ich begehe selbst Unrecht, weil ich meinen Gegner nicht mehr ignorieren konnte und ihn zu meinem Gegner machen musste.“
Der Partisan kämpft als Schuldiger. Er akzeptiert, daß Gewalt die Sphäre des Moralischen zerstört, nicht teilt. Deshalb muß sein Gegner seiner würdig sein. Die RAF ist an ihrer Ästhetik der Existenz nicht gescheitert, weil sie sie nicht beherrscht hätte (sie hat sie meisterhaft beherrscht), sondern weil diese in einem Mißverhältnis zum tatsächlich erlittenen Unrecht stand.

Wikileaks ist keine Partisanentruppe.

[Vier]

Zur Kraft der Geschichte: Die Offenlegung von Information ist, glaubt man den Apologeten der Einen Offensichtlichen Digitalen Zukunft, mit ihrer Offenlegbarkeit identisch. Was sichtbar sein kann, wird sichtbar werden. Wir gewöhnen uns besser dran. Es handelt sich bei diesem Argument um lupenreinen Quatsch. Die Unvermeidlichkeit des technologischen Fortschritts hat keine normativen Auswirkungen. Technologie verändert Werte, wenn sie wirksam wird, aber in unvorhersehbarer Weise. Man muß es ihr schon selbst überlassen, uns zu verändern. In vorauseilendem Gehorsam Werte preiszugeben, die noch gut begründet sind, ist eine freiwillige Bewegung. Diplomatische Kommunikation ist immer abgehört worden, Krieg wurde immer von Menschen im Blutrausch geführt und so dokumentiert. Neu ist die globale Öffentlichkeit für dieses Material — die sich aber für die veröffentlichten Inhalte kaum zu interessieren versteht, nur für den Skandal.

Wikileaks ist keine unvermeidliche Kraft der Geschichte.

[Fünf]

Analyse der Inhalte: Vor allem geht es nicht schnell genug. Was wir bisher wissen: Die USA sind ein Staat mit einem diplomatischen Apparat, der manchmal unflätiges über Staatsoberhäupter sagt und gelegentlich skrupellos Machtpolitik, auch mit Gewalteinsatz, betreibt, aber das wussten wir schon. Ein böses Imperium dagegen wird nicht sichtbar. Cablegate zielt scheinbar auf die Aufdeckung eines großen skandalösen Vorgangs oder einer skandalösen Struktur. Was jedoch zutage gefördert wird, enttäuscht die Erwartungen. Die Wirklichkeit ist nicht von Ian Fleming erdacht, wir müssen uns weiter mit ihrer Banalität abfinden oder ihr ausweichen: Gibt es vielleicht eine Verschwörung, die die wirklich brisanten Informationen zurückhält? Einen Deal? Falsche Zurückhaltung? Müsste man nicht endlich Wikileaks leaken, damit es schneller ginge mit den wirklich skandalösen Sachen, und man sicher sein könnte? Könnte nicht endlich die Ungeheuerlichkeit aufgedeckt werden, die wirklich einen globalen Aufstand hervorriefe?

Wikileaks enthüllt keine Verschwörungen, sondern bestätigt, was wir wissen. Allerdings nicht alles.

[Sechs]

Die globale Nerdcommunity feiert mit Wikileaks sich selbst: Wir sind die Guten, und jetzt kommen wir an die Macht, wir zeigen’s ihnen richtig. Wir, die Nerds, die gescheiter sind als alle, und an Institutionen nicht mehr zu glauben nötig haben. Wir können alles selbst, alles mit Computern, und weil wir so schlau sind: Wir, die Rebellen.
Nur: Che Guevara trug kein Che-Guevara-Shirt, das ist der Unterschied. Der Nerd an sich hat kein Projekt und keinen Plan. Er findet nur, man soll ihn machen lassen, was er gerne macht. Dazu gehört eine Respektlosigkeit, die nicht weiter motiviert, sondern einfach interessant ist. Wie ist es mit den Nerdeliten?

Bruce Sterling über Julian Assange: He’s a darkside player out to stick it to the Man. The guy has surrounded himself with the cream of the computer underground, wily old rascals like Rop Gonggrijp and the fearsome Teutonic minions of the Chaos Computer Club.

Von denen kenne ich ein paar. Sie haben ein Weltbild und führen gelegentlich ein halbstarkes anarchisches Wort, aber sie haben keine politische Theorie. Wenn sie eine haben, wie Frank Rieger, den ich sehr schätze, findet man höchst gemäßigte, sicherlich bei den persönlichen Freiheiten stark zum Liberalen neigende, gute, nostalgische Demokraten. Der Kampf gegen Wahlcomputer, den sie mit dem „Chaos“ im Banner seit Jahren führen, auch Sterlings wily old rascal, beweist, wie geradeaus dieser Hase politisch läuft.

Wikileaks ist vermutlich nicht gegen die demokratischen Institutionen aufgestellt.

[Sieben]

Was also geht da vor? Womit haben wir es zu tun?

Zunächst der grundsätzliche Schlapphut-Vorbehalt: Wikileaks operiert in der hochgradig verspiegelten Sphäre nichtöffentlicher Kommunikation zwischen Nationalstaaten. Man muß mit allem rechnen.

Was man sagen kann, wenn alle zuvor genannten negativen Aussagen zutreffen: Alle naheliegenden Wahrnehmungsmuster für Wikileaks treffen die Sache nicht oder sind in sich inkonsistent, und das scheint interessanterweise auch für die Muster zu gelten, die Wikileaks oder die Nerdkultur, die Wikileaks feiert, selbst anwenden. Die haben sich möglicherweise selbst nicht verstanden — sie hoffen einfach, daß irgendeine ihrer nicht besonders weit gedachten Ideen irgendwo hinführt, wenn sie jemand zu Ende denkt, und bis das passiert, kann man von einer zur anderen springen, immer wenn es anstrengend wird.

Insofern ist Sterlings Deutung von Wikileaks als Erscheinung, genauer Zerfallserscheinung der Macht nicht unplausibel: Wikileaks muß als Phänomen nicht konsistent und zielgerichtet sein, es ist nur etwas, das passiert, wenn ein von anderer Seite beschädigtes Machtsystem (in diesem Fall das der internationalen Diplomatie) zerfällt. Die Ursache der Erscheinung ist die Schwäche des bisherigen Machtgefüges: Die Barbaren werden an den Grenzen des Reiches sichtbar, weil die Grenzen durchlässig werden. Die Barbaren waren immer dort, und sie wollen das Reich nicht zerstören, sondern sich zu Eigen machen. Sie verstehen aber weder, wie das Reich funktioniert, noch, was der Preis für sein Funktionieren ist. Sie lesen es durch ihre vulgären (stark abwertenden) Kategorien hindurch. Dabei lieben sie es und wollen es besitzen.

Ich glaube, daß wir sehr wohl ein Wort für das haben, was Julian Assange ist: Er ist ein Barbarenführer, in der vollen Komplexität des Begriffs. Einer, der fanatisch erobern will, was er zu verstehen sich weigert und moralisch nicht dulden kann, weil es ihm dekadent erscheint. Seine digitale Horde folgt ihm begeistert: Leute, die aus einer Welt kommen, in der keine moralisch fragwürdigen Duldungen des Wirklich Anderen je nötig waren.

Wir, Décadents des alten Reiches, ich auch, haben naturgemäß eine gewisse Zärtlichkeit für die Barbaren. Sie sind nicht unsere Feinde, sie erlösen uns.

[Nachtrag: Ein gerade erschienener Text von jemandem, der in Sachen Wikileaks zumindest weiß, wovon er redet: 27C3 keynote by the wily old rascal himself.]

Link | 26. Dezember 2010, 0 Uhr 53 | Kommentare (8)


Am Morgen des einundzwanzigsten Dezember Zweitausendzehn erwachte ich also in der chinesischen Stadt Shanghai im elften Stock. Zwischen und über den Hochhäusern des Panoramas lagerte ein gelber, sonnig zerlaufener Dunst, und die heimat- und ruhelosen lokalen Geister wirbelten mit blechernem Klang in den Rolltreppentrichtern und Aufzugschächten der Wabenstadt. Im Aufwärtssog durcheinander flog ein Gemisch aus allen Kosmetika dieser Welt und dem unverkennbaren Geschmack der toxischen Kloake, in der die Häuser ihre frierenden Wurzeln baden und auch die Restaurants der Eliten den Reis kochen. Mein apokalyptisches Weltbild, das nicht mit der Katastrophe rechnet, am wenigsten mit der ökologischen, sondern nur das langsame, selbstvergessene Verlöschen des Menschen feiert, lächelte ruhig in den Dunst hinaus.

Link | 21. Dezember 2010, 4 Uhr 24 | Kommentare (2)


Das Fruity Oaty Bar Commercial ist übrigens in keiner Weise der Wirklichkeit voraus.

Link | 20. Dezember 2010, 0 Uhr 49


Der Glamour des Reisens hängt bekanntlich nicht vom Reiseziel oder von den eingesetzten Barmitteln ab, sondern fast ausschließlich davon, wie verzweifelt man unterwegs ist, oder alternativ, wie ernsthaft (und mit wem) man auf einer Reise trinkt. Wer weder Grund noch Gelegenheit dazu hat, reist banal.

Ich wohne im Courtyard in Xujiahui. Auf dem Dach des 23stöckigen Gebäudes leuchtet golden eine Pagode, die aussieht, als sei das Haus über Nacht, als die Pagode ahnungslos schlief, wie ein Pilz aus dem Boden geschossen und habe das überraschte Tempelchen eher beiläufig an seinen absurden luftigen Ort gehoben. Es handelt sich bei diesem Courtyard um ein nach allen Maßgaben sehr gutes Hotel, und, vermutlich weil alle zur Verfügung stehende Geschmacklosigkeit in die Dachbedeckung schon investiert war, ist hier vom weichen Leder über dem Bett bis zum dunklen Holz der Schiebetür zur Waschecke alles sehr schön geraten: Das vornehme chinesische Original zu einem vulgären Abklatsch, den ich in Frankfurt schon zweimal zu bewohnen das Pech hatte.

Dieses leicht erhöhte Level an Luxus, das ich mir bei einem privat ausgesuchten Hotel noch lange nicht leisten würde, nehme ich inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit hin. Es ist ein sehr gut gemachtes, aber: eins von diesen Hotels. Teil der internationalen Infrastruktur von Flughäfen, Sicherheitschecks, Taxis, Restaurants und gut gemachten Hotels für Leute, die das machen, was ich gerade mache: Das vieltausendstimmige beständige Gebrabbel des internationalen Businessdiskurses weiterbrabbeln. Was für eine gigantische Verschwendung von Hotels und Flugzeugen, man könnte Schulklassen herumschicken, die wüssten zumindest gute Zeit draus zu erzeugen. Geld zu verdienen, glaube ich, macht nur wirklich Spaß, wenn man es unmittelbar und in rauen Mengen verdient. Alle, die das nicht können, sollten nunmal wenigstens ihre Würde retten, d.h. ihre Zeit offensiv verschwenden.

Link | 18. Dezember 2010, 16 Uhr 59 | Kommentare (3)


Schanghai. Erste Erkenntnis: Ugg-Boots sind ein ernsthaft globales Phänomen. Keins der Mädchen aus der Air-France-Maschine aus Paris, die nebenan landete, trug die nicht. (Bis auf die Coolste natürlich, die den Flug in Trainingsanzug und Sneakers verbracht hatte und am Gepäck vollendet mit angezogenem Knie und allerhand toughen Bändchen am Handgelenk herumlümmelte.) Auch in der Metro hier tragen alle Frauen unter 30 Fellstiefel mit Ugg-Logo. Zweite Erkenntnis: Chinesisches Essen, das von deutschen Caterern in Tegel in Hainan-Flugzeuge hineingeliefert wird, ist als nichts weniger als lausig zu bezeichnen. Dritte Erkenntnis, im Hotel: Facebook tot, Twitter tot, Tumblr tot. Ah, da war doch was. Lebenszeichen aus China, stolz zur Verfügung gestellt von struppig.de, der Domain, der die Kommunistische Partei Chinas vertraut.

Link | 18. Dezember 2010, 12 Uhr 05 | Kommentare (2)


Die ersten dreissig Seiten von Hermann Brochs Schlafwandlern lesend, bemerke ich: Es ist doch ein Irrtum, daß die Romanform ihre Zeit gehabt hätte und man so heute nicht mehr über einen Menschen sprechen könne, wie über Joachim v. Pasenow gesprochen wird in den Schlafwandlern. Natürlich könnte man sich einen Angehörigen der oberen Mittelschicht erfinden und ihn genau so zerlegen und ausdeuten, es bliebe kein Rest. Man muß das Militärische durch die eine oder andere früh getroffenen Lebensstilentscheidung ersetzen, aber die romanhaft-psychologische Grundstruktur, diese Mischung aus Unsicherheit und Eitelkeit, dazu Schuld oder Leichtsinn, immer mit einigen wenigen eingesprengten echten Charakterzügen, ist doch unverändert, daraus sind sie auch heute noch hergestellt, die Herrschaften. Die Moderne konnte ihnen nicht viel anhaben, sie erwiesen sich als so ungeeignet zum Material wie zur Freiheit.

In diesen Tagen spürt man die Nachkriegsmelancholie Europas nahtlos in eine vorauseilende „chinesische“ Melancholie übergehen, mit wässrigen Augen — ach, wir wussten ja schon immer, daß es nicht funktionieren könnte — schaut man zurück in die so schlecht genutzte und schon in ihrem Ausklingen kaum noch lesbare Zeit vor der Dominanz des neuen autoritären Kapitalismus. Dieser wiederum nimmt die ihm vollständig wesensfremde Melancholie nicht einmal wahr, und so ist eine Infektion der Maschine mit dem Gedanken vom freien Einzelnen jedenfalls von außen nicht zu erwarten. Undsoweiter undsoweiter: Alles grober Quatsch.

Grober Quatsch, weil das (aufgeklärte) Bewusstsein eine Sekte ist, wie jede Sekte von innen schwer als solche zu erkennen und zudem sehr lange sehr erfolgreich, aber eine Sekte nichtsdestotrotz, Häresien, Schismen, Gnostiken und Perversionen hervorbringend wie es in der Spätantike schöner nicht gewesen sein kann, und diese Perspektive hilft enorm bei der Bestimmung der eigenen Position: Die Stärke oder Schwäche einer mystischen Praxis (in unserem Falle wohl der klassischen Musik) ist beispielsweise nie von aussen bestimmt, und auch eine neue Variante der Megastruktur Kapital hat darüber wenig Macht. Der ideelle Kern, die komplexe Antwort auf die Frage Wie verstehe ich mich selbst?, eine andere Form der Frage Was brauche ich?, driftet möglicherweise: Das gilt es zu beobachten. Wem von uns das Bekenntnis gelingt, daß er, bei aller Unzufriedenheit, im Grunde so leben will, wie wir leben (in all der Kälte, in all der frenetischen Bewusstheit), der kann dieser Drift gegenüber nicht gleichgültig sein, er ist Teil unseres Kults der Luzidität. Und er hat kein Recht zur Melancholie, sein Herz ist der Kampfplatz und noch nicht verloren.


»Sie halten also konservative Prinzipien für Atavismen?«
»Oh, manchmal schon, nicht immer. Obschon es sich hier eigentlich nicht darum handelt. [Ein Duell, Ehrgefühl oder Ähnliches] Ich meine, daß das Lebensgefühl, das man hat, immer etwa ein halbes oder auch ein ganzes Jahrhundert dem wirklichen Leben nachhinkt. Das Gefühl ist eigentlich immer weniger human als das Leben, in dem man steht. Denken Sie doch nur, daß ein Lessing oder ein Voltaire es ohne Revolte hingenommen haben, daß man zu ihrer Zeit noch gerädert hat, schön von unten herauf, für unser Gefühl unvorstellbar — und glauben Sie, daß es bei uns anders ist?«

Link | 4. Dezember 2010, 17 Uhr 35 | Kommentare (3)


holy shit

Link | 1. Dezember 2010, 23 Uhr 44


Negation muß die Kreativität endlich ablösen: Man wird damit anfangen müssen, böse zu bauen. Die zu erzeugende Stimmung (Gegenwart) muß die einer erbarmungslosen, hochrationalen, diebisch sich freuenden Schärfe sein. Wir werden keine Abdrücke hinterlassen beim Abstützen auf der spiegelschwarzen Tischplatte. Unsere Wärme wird unser heimlicher Glaube an die Menschen sein. (Das Bedürfnis nach Niedlichkeit und das Ressentiment dagegen sind im Kern dieselbe Sache.)

Man wird damit fortfahren müssen, böse Pläne zu schmieden: Ich stelle mir Organisationen vor, die vornehmlich einen sinnlosen Plan verfolgen und sich in das Wirtschaftsgeschehen nur parasitär einfügen. Sicherlich lässt sich beim Verfolgen eines sinnlosen, bösen Plans ein markttaugliches Abfallprodukt erzeugen. Das Verfolgen eines sinnlosen, bösen Plans erlaubt ohnehin keine Inkompetenz, und in einer Organisation, die keine Inkompetenz duldete, wäre ein bisschen Kapitalismus nebenbei keine große Sache.

Link | 1. Dezember 2010, 23 Uhr 21 | Kommentare (2)