Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Es sind nur die kniehohen, ausladenden Farne, die sich mit ihrem hellen Grün aus den dunklen Farben abheben, sie und die an den Kanten brüchigen Steinstufen, die Marmorverkleidung mit der fehlenden Kachel, und davor, im narbigen Sand, die vom Frost in drei Teile gesprengte Platte. Auf jedem der Fragmente: Zitternde Tropfenlinsen, die die grauen Straßen im Stein vergrößern und verzerren. Die niedere Umfriedung mit dem Tor, angelehnt und unbeweglich, dahinter das unordentlichste Stück, hüfthohe Halme, und dann die schreckliche Tür mit dem grün überlaufenen Schild. Im Rücken: Das Kellerfenster mit den Regalen und Buchrücken und verblasstem Tuch; das Geräusch in der Rinne und das Gluckern versteckter Tauben. Links der unerreichbare, sich verschleiernde Pavillon in der einzigen hellen Flucht, zwischen den unregelmäßig wohlig kalte Güsse abschüttelnden Rotbuchen. Im Anschnitt trübe das Palmenhaus, und über allem ein gleichförmig ort- und grenzenloses Zischen, das die Szene verbindet mit der Welt jenseits der Mauern und der nie geöffneten rückwärtigen Tore, der Landschaft und den Städten, die unter derselben Lähmung tagelang schweigen.

Link | 30. Juli 2011, 19 Uhr 55


Schließlich gelangte ich in eine Gegend, die mir nicht geheuer sein konnte. Schlaksige, sich fürchterlich langsam bewegende alte Männer horchten unter einem schwarzen Himmel darauf, daß es an der Türe klopfe, oder fuhren Fahrrad. Man pumpte ein fauliges Wasser in die Bottiche, und die Heuhaufen lagen so lange auf den Feldern, bis sich ihre Füße zu schmierigen Massen verdichteten. Im April, als ich noch versuchte, mich zur Weiterreise aufzuraffen, brach der Damm. (Zbginiczek)

Link | 23. Juli 2011, 19 Uhr 06


Ich weiß nicht, wie ich mir in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die ich einkehre. Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht. (Sebald)

Ich durchquerte Taipeh zu Fuß, von der ZhongXiao-Brücke zum Taipei 101. Auf dem nur mit dem Boot erreichbaren Schwemmland am Pfeiler in der Mitte der Brücke hat jemand Gemüse gepflanzt, sechs säuberliche Reihen in einem freigeräumten Beet zwischen Schilf, Schlick und Unkraut.

Im Taipei 101 wollte ich mir einen neuen grauen Wollsweater kaufen. Ich plante meinen geliebten alten grauen Wollsweater mit den durchgescheuerten Ärmeln, um über ihn hinwegzukommen, im Taipei 101 zurückzulassen: An der Kasse gleich wollte ich den neuen anziehen, weltmännisch lächelnd can you dispose of this one? fragen, und mit meinem neuen grauen Wollsweater hinausgehen als ein neuer Mann, und mir im Keller des Turms ein Taxi nehmen.

Nur bei Brooks Brothers gab es allerdings vernünftige Sweater, und die waren mir eigentlich zu dünn, und plötzlich wollte es mir wie großer Unsinn vorkommen, in Taipeh einen dünnen grauen Wollsweater einer neuenglischen Marke in Taiwan-Dollars zu bezahlen und mich womöglich sogar noch um taiwanesische Umsatzsteuer zu kümmern hinterher. Auch hatte ich Hunger, seit Stunden nichts gegessen, war an verschiedenen mobilen Küchen mit interessanten Gerichten vorbeigegangen, zahllosen Restaurants, auch zwei verlockend einfachen Burger Kings. Im Keller des Taipei 101 durchquerte ich, erschöpft und unterzuckert, die niedrige Restaurantebene dreimal, um endlich bei einem Inder zu landen, einer kleinen Theke, die sich eine Plastikstuhlzone mit einem knallbunten, eklig aussehenden Burgerladen und einem Süßigkeitengeschäft teilte. Zwischen taiwanesischen Schülerpärchen aß ich verdrießlich Reis mit Zeugdrauf und ließ die gutangezogenen Geschäftsfrauen am Dim-Sum-Stand auf der anderen Seite des Ganges nicht aus den Augen. Tröstlich zu wissen war: Ich musste nicht nach Taipeh fahren, um zu lange zu warten und am Ende schlecht zu essen, in Frankfurt geht es mir, wie ich wohl wusste, immer noch jedesmal genauso.

Ich trage zur Stunde meinen alten Wollsweater, meine Mutter hat mir, als ich zu Hause Station machte, hellgraue Flicken auf die Ärmel genäht, leicht versetzt, weil die dünnen Stellen nicht die Freundlichkeit hatten, symmetrisch zu erscheinen.

Link | 17. Juli 2011, 2 Uhr 05 | Kommentare (5)


Zwischen Liebenden gibt es, vermutlich prinzipiell, eine 2×2-Matrix des Hungers nach Mehr. Eine oder einer hat ein Bedürfnis: Das Ausprobieren eines Charakterzuges, einer Art, mit der Welt umzugehen, einer Art, die Welt wahrzunehmen, einer Art, in der Welt zu sein, oder zusammen zu sein: Hunger.

Zu diesem Hunger lässt sich eintragen: Auf der x-Achse das Vertrauen der/des einen, daß das zusammen erforschbar sei. Und auf der y-Achse die Reaktion darauf, offensiv (au ja!) oder defensiv (stimmt was nicht mit mir?). Also:

Ich traue Dir zu, dies und jenes in Dir zu finden.
Ich traue Dir nicht zu, dies und jenes in Dir zu finden.
Du fühlst Dich herausgefordert und willst spielen.
Du fühlst einen Vorwurf, nicht anders zu sein.

Macht vier Quadranten:

Ich glaube an mehr von Dir, und Du hast Lust zu wachsen.
Ich bin unzufrieden, obwohl Du Lust hättest zu wachsen.
Ich glaube an mehr von Dir, aber Du denkst, Du genügtest mir nicht.
Ich bin unzufrieden, und Du spürst, Du genügst mir nicht.

Offenbar funktioniert zwischen hungrigen Menschen nur der erste Quadrant: Der Glaube ans Gegenüber, und das ruhige Vertrauen des Gegenübers, nicht zum Jemandanderssein aufgefordert zu sein, sondern zum Mehrselbstsein. Die anderen drei Quadranten sind Unzufriedenheit und Ressentiment und Zerstörung.

(Dabei ist übrigens nicht davon die Rede, daß jeder Hunger gestillt werden oder stillbar sein muß. Natürlich gibt es Paare, die sich alles zutrauen und alles versuchen und ein Leben lang, nach Maßstäben der anderen, nirgendwo ankommen damit und ein bisschen lächerlich sind. Der Erfolg spielt aber ja gar keine Rolle in diesen Dingen: Daß man sich untereinander jeden Mißerfolg verzeiht, ist ohnehin die Grundlage von allem.)

Link | 16. Juli 2011, 14 Uhr 10 | Kommentare (6)


Das Palace Hotel in Manchester ist phantastisch weitläufig und phantastisch altmodisch selbst in seiner modernisierten obersten Zeitschicht: Die kleinen Schreibtische haben Ports für Modems tragbarer Computer, die es längst nicht mehr gibt. WLAN bis ans Ende all dieser Korridore zu funken scheint ohnehin hoffnungslos.

In den Fluren und Hallen: Keramik in beige, dunklem ocker, braun. Dunkle Wandvertäfelung in den Zimmern, Plastiken, messingne Lampen, Szenen aus dem Empire: Arabische Wüste, Kamel. Riesige Räume, so hoch wie breit und sehr breit. Niedergetretener Teppich überall, gewaltige Flächen. Halbdunkle Treppenhäuser, durchflossen von weichen Licht aus hohen Fenstern mit farbigem Glasmosaik. Durch ein verborgenes offenes Fenster das Geräusch von leichtem Regen.
Das Palace Hotel: Genau an der Grenze zwischen Komfort und Verfall, ohne jede Spur von Mühelosigkeit. Diese lange, andauernde, mühselige Anstrengung, die es kostet, gut zu leben.

Und all das atmet eben nicht Wehmut und Trauer um ein untergegangenes Imperium oder die versunkene industrielle Vergangenheit Manchesters, sondern eine ganz konkrete und gegenwärtige Mühe: Natürlich könnte man das alles (wie die Deutschen das sofort machen würden) einreißen und in Plastik wieder aufbauen und drei alte Ziegel verwenden und behaupten, das sei eine Modernisierung gewesen, aber es wäre (wie das eben so geht in Deutschland) nichts weiter als eine Albernheit. Schönheit liegt in der Anstrengung, ein Haus von 1893 als Haus von 1893 zu betreiben.

Sebald war 1990 im Midland Hotel, das ein paar hundert Meter weiter an derselben Straße liegt. Er beschreibt es als eine in die Gegenwart hineinragende viktorianische Monstrosität, riesenhaft, brodelnd überheizt, durchzogen von einem brüchigen Geflecht aus Röhren und leckenden Leitungen, in dem sich Hitze und Feuchtigkeit selbständig gemacht haben, abgetaucht sind und an zufälligen Stellen im Innern der dunklen Gebäudemasse wieder auftauchen; als einen teilweise abgesperrten maroden Moloch mit unzählbaren Zimmern, die sich selbst heizen und kühlen, und Korridoren, in denen dumpfe Schläge, lange anschwellende Pfiffe und boshaftes Gurgeln auf den übermächtigen Eigensinn des Warmwassersystems verweisen. Man wagt in Sebalds Midland nicht auf die Kacheln zu treten, die nur dünne, brüchige, heiße Membranen sind über Abgründen von Gußeisen, Zinn und Dampf. Niemand wohnt in diesem Sebald-Midland, niemand bis auf ein paar ältere Herren, furchtlos in ihrer Melancholie und rückhaltlos bereit, beim endgültigen Einsturz des Hauses von einem kochenden Brei aus Ziegelstaub und zermahlener Keramik verschlungen zu werden.
Heute ist das Midland ein prächtig und hell hergerichtetes 5-Sterne-Hotel, das die Karte seiner großen Vergangenheit routiniert spielt. Der Geist des Kapitalismus, der Manchester lange verlassen zu haben schien, ist offenkundig zurück und weiß inzwischen um den Wert seiner Erbschaft: Wie groß der Abstand ist, zwischen der Welt der späten 80er, dem Midland Sebalds, dem Manchester der Smiths, und der Gegenwart, ist so leicht zu übersehen. Was für ein enormer Wohlstandssprung das noch einmal gewesen sein muß, hinein in eine Welt, in der Manchester ja eben nicht plötzlich wieder produziert, aber Erbe und Verfall selbst ausbeutbar geworden sind, gesuchte Rohstoffe für Luxus, den man sich hier, wie fast überall, leisten kann. Erstaunlich, wie leicht das zu übersehen ist: Wie viel materialistische Ideologie muß da im Weg stehen? Mit wieviel Stumpfsinn wird dieser Wohlstand ausgegeben? Und mit wieviel Stumpfsinn wird er mit Neid betrachtet von Leuten, die teilhaben an ihm, aber ihre eigenen Prioritäten für Benachteiligungen halten?

Daß mit noch mehr Wohlstand (für irgendwen) irgendetwas zu holen wäre, kann doch als widerlegt gelten, was fehlt, was ausgedünnt ist bis zur Beinahe-Nichtexistenz, ist die Kultur, ihn zu nutzen: Die Textur der Welt, das symbolische Netz, das einen Moment verbindet mit seiner Geschichte und der Hoffnung auf seine (weiter verbesserte) Wiederholung. Das Kapital hat uns dieses goldene Zeitalter beschert und uns die Mittel genommen, es als solches zu erkennen; eisern halten wir uns selbst und die Verhältnisse für ungenügend, endlos ist der Bullshitsturm: Was mit uns nicht stimme, was mit der Welt nicht stimme, und daß wir jeden, der das Gegenteil behaupte, für verblendet zu halten hätten: Es müsse ein konservativer Elitist sein, oder ein verbitterter Linker, oder ein Liberaler, vielleicht sogar neo, jedenfalls einer, der in seiner ideologischen Verblendung Mitschuld daran trägt, daß gar nichts in Ordnung ist, wie bekanntlich ja jeder weiß, gleich wen man fragt!

Die Wahrheit ist: Nichts hält uns. Alles ist da. Alles, was wir tun müssten, wäre den Bullshitsturm durch Ignorieren zu beenden, Bücher herzunehmen, richtige Bücher über die Welt und das Glück und was dahinter noch liegt, nicht den Quatsch der Leute, die öffentlich erforschen, in welchem Grade sie genügen oder nicht, und ob das vielleicht doch jemand anderes Schuld ist. Und da wäre sie, die belle époque für alle, die teilnehmen wollen. Korrigiere, da ist sie (Das Glück ist eine symbolische Form).

Link | 9. Juli 2011, 22 Uhr 41 | Kommentare (6)


Das geheime Arbeitstreffen in Heringsdorf begann auf einem Turm der Strandwache, dessen stählernes Einbein von der Ostsee beleckt wurde, mit einem Streitgespräch über den Begriff der Wertigkeit, den ich verdammte und den die anderen verteidigten, wobei sie darauf bestanden, daß wir uns nur missverstünden und ich, aggressiv, darauf bestand, daß wir uns sehr wohl verstünden und ich ganz genau Bescheid wisse über diese trübe, omnipräsente und überhaupt intelligenzbeleidigende Vortäuschung von Wert im billigen Gebrauchsgegenstand, die Wertigkeit nun einmal sei.

Offenbar mussten wir essen, bevor wir weiterstritten. In Heringsdorf schließen die Restaurants ihre Küchen um neun. Wir waren mit dem Auto angereist, aus unseren Berliner Umstellungen am Freitagabend geflohen in einem zusammengesackten schwarzen Polo, den wir geliehen hatten, weil Dust als der einzige von uns, der selbst ein Auto hält, einen Roadster hält.
Wie sich zeigte, hatten wir gleich viel Hunger und unterschiedlich viel Geld auszugeben, und die Uhrzeit ließ uns schließlich die Wahl zwischen dem typographisch und preislich seinen gehobenen Anspruch ankündigenden Restaurant des Hotels Esplanade und einem kleinen bunten Cocktailladen namens „Alex“.

Alles im Alex war farbig, rotkariert und glitzerblau und schimmergrün. Die Wände, die Tischdecken, die Strohhalme, die alkoholisch geblähten Gesichter der anderen Gäste. Ich bestellte eine Ofenkartoffel mit Quark und Lachs, Windheuser war mutiger und erhielt ein Steak, das zu loben er nicht müde wurde. Etwas hier war in Ordnung, wenn man in diesem Laden gut essen konnte. Wir waren auch sehr froh, nicht nach Rügen gefahren zu sein, wo man bekanntlich überhaupt nur Mitgebrachtes essen kann.

Auch das Esplanade schloß ich ins Herz. Das Interieur war so fake wie jedes Hotelinterieur der letzten Jahre, mit Ausnahme des Hauses St. Ulrich in Augsburg, aber die Fassade war echt, der polnische Akzent des Mädchens an der Rezeption (Beschriftung: „Reception“) war echt, sie hatten außer der Welt auch die FTD, und der etwas linkische, zu klein geratene Grandhotel-Charme des Esplanade vermied die arg mittelstandsstreberische Wellness-Großkotzigkeit der anderen 4-Sterne-Häuser am Ort, die vorwiegend von S-Klasse-Fahrern besucht werden.

Tags darauf redete ich mich, im salonhaften Zimmer des vom Esplanade aus unklaren Gründen stark bevorzugten Windheuser rastlos auf- und abgehend, in eine normative Rage hinein, einen wahren Urteils- und Forderungsrausch, den deutschsprachigen Wortjournalismus und die daran ja in Empfindbarkeit und Deutung immer noch angeschlossene Wirklichkeit betreffend. Besonders schäbige Großmißverständnisse markierte ich dabei mit einem slowenisch intonierten „My God!“. Ein scheußlicher australischer Minibar-Weißwein enragierte mich zusätzlich; noch so etwas, das man doch weglassen kann, wenn man es nicht ordentlich machen will.

Die Stunden davor, eine arg verlängerte Mittagspause, hatten wir am Strand verbracht, mit einer Frisbee, die eigentlich kein Frisbee war, sondern ein sogenannter Aerobie-Ring, ein leichtes Stück Kunststoff, das man mit wenig Übung und großer Lässigkeit aus dem Handgelenk weit über den Strand jagen kann. Schwarzblaue Wolkenhaufen bauten sich über der Seebrücke und den Frachtschiffen draußen auf und ab, und vor dieser Kulisse schleuderten wir in wechselndem Licht stundenlang unsere Scheibe, kühner und schneller werdend, mißglückte Würfe der anderen erlaufend oder eigene Fehleinschätzungen mit entschlossenen Hechtsprüngen in letzter Sekunde korrigierend, mit einer Hand werfend, mit derselben Hand den schwer sichtbar ansirrenden Gegenstand am langen Arm wieder aus der Luft greifend.

Für Augenblicke sah ich uns befreit aus der schlammigen Flut von Furchtsamkeit und Hässlichkeitsbesessenheit und Zerstörungswut und Kleinlichkeit und fauler Unfugdenkerei, in der wir alle ja seit langer Zeit knietief zu waten gezwungen sind. Wir bewegten uns frei und richtig über diesen fast leeren Strand von Usedom, unseren Flugring hin- und herzackend, und nur gelegentlich liefen wir eine gutmütig und verunsichert lachende Rentnerin über den Haufen.

Link | 5. Juli 2011, 21 Uhr 36 | Kommentare (1)