Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Riesige Bildschirme über der Straße und darauf über den flüchtigen Zeichen zwei permanente: Der Schriftzug „O2 World“ und drei geplatzte Farbbeutel. Der Name der O2 World ist jämmerlich, weil auf keine Art von Dauer ausgelegt, zwischen der Gewaltigkeit der Einrichtung und dem fiepsigen Namen besteht ein komischer Kontrast; und doch ist die O2 World ganz Herrschaft, ungeliebt, hässlich, ganz aus Verachtung gemacht für die Massen, die sie besuchen sollen und werden. Nur ein paar Ohnmächtige werfen Farbbeutel gegen die blauen Goliathschirme.

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Michael Ende hat unsere Leben mitnichten zerstört. Michael Ende und unsere verschleppten, schlecht organisierten Studien werden sich als unser eigentliches Kapital erweisen, während wir durch die Institutionen schlendern. Unsere Nachfolger, die armen Idioten, sind allesamt lustlose Karrieristen, und eher kommt ein Reicher in den Himmel als ein Karrierist in die Nähe des Glücks.

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Zu oft zur Zeit bin ich, eine déformation professionelle, zielstrebig. Zielstrebigkeit ist Nichtübereinstimmung mit dem Gegebenen; mit den meisten Gegebenheiten gilt es aber übereinzustimmen: ein einzelner Waggon steht in der Sonne vor dem Depot zwischen langschweifigen Gräsern. Keine Unzufriedenheit schlägt die Poesie eines unbeachteten Eisenbahnwaggons, wenn ein leichter Wind über die Brücke geht.

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Qvest gelesen. Eine traurige Veranstaltung, dabei doch fast alternativlos die Wahl am Flughafen — oder bin ich nicht auf dem Laufenden? — Deppenleerzeichen und Übersetzungen am Deutschen vorbei, bisweilen auch rührender Fremdwortgebrauch. Da sitzt man nun mit dem edlen Produkt, und die armen Tröpfe, die da nicht wissen was sie reden, tun einem fast leid. Vor ein paar Jahren hätte mich wütend gemacht, daß die den glamourösen Job machen.

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Die Aktivisten und die Vertreter der Neuen Sachlichkeit mochten sich gebärden wie sie wollten: sie konnten die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß selbst die Proletarisierung des Intellektuellen fast niemals einen Proletarier macht. Warum? Weil ihm die Bürgerklasse in Gestalt der Bildung ein Produktionsmittel mitgab, das ihn aufgrund des Bildungsprivilegs mit ihr, und noch mehr sie mit ihm, solidarisch macht. (Walter Benjamin, Der Autor als Produzent, Ansprache am Institut zum Studium des Fascismus 1934)

Der Autor als Produzent, Bildung als Produktionsmittel: Was für eine Idee. Er denkt natürlich an Zeitungen und Bücher. Nun ist inzwischen, das Bürgertum ist und bleibt Geschichte, nichts hinderlicher als Bildung, wenn man Zeitungen machen will, weil mit Bildung fast unvermeidlich ein gewisses Urteilsvermögen erworben wird, dessen Vorhandensein eine Arbeit in den sogenannten Medien, wie sie inzwischen, mit wenigen Ausnahmen, aufgestellt sind, effektiv verunmöglichen muß. Bildung ist wieder ein Antiproduktionsmittel; ein Selbstbefreiungsprozess, vielleicht der einzige jenseits der materiellen Befreiung. Das muß auch der Grund sein, warum sie (vor allem als Prozess) so offenkundig verhasst geworden ist in diesen Jahren des Umbaus unserer Bildungseinrichtungen.

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Ich betone: Es gibt keinen Grund zur Unzufriedenheit. Unsere Ohnmacht vor dem Faschismus (und den kleinen Faschismen) ist auch nicht größer geworden, die war immer ziemlich vollständig. Zu unserem Glück weiß er das und wird es auch so schnell nicht wieder vergessen.

Link | 7. Juni 2008, 20 Uhr 12 | Kommentare (3)


3 Kommentare


Das ist das Schöne am Blogs lesen: vor zwei Tagen habe ich aus Neugier „Momo“ wiedergesehen (zugegeben: Radost Bokel mit Angelo Branduardi ist nicht so mein Ding). Nicht zuletzt wegen dem Satz.

Comment by goncourt | 20:56




Ohja, alles wird flacher, die Zeitungen waren früher besser, wir haben nur noch Karrieristen und Schmalspur-Hetz-Akademiker. Die Nachdenklichkeit wird uns ausgetrieben. Kulturpessimismus, olé!

Comment by froschfilm | 10:49




Ach, Nachdenklichkeit, eine unnütze Tugend, die kann weg.

Comment by spalanzani | 00:26