Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich bin nicht so autark, und auch nicht so stabil in mir, ich bin kein Monomane. Ich brauche das Gefühl, gebraucht zu werden. Ich will verstehen, zu wem ich gehöre, und wessen Sprachrohr ich bin. Und da fühle ich mich einerseits verwandt und verpflichtet einer bestimmten Intelligenz gegenüber, die in diesem Lande sozusagen die kulturtragende Intelligenz ist, aber auf der anderen Seite auch den Menschen, die ein natürliches unverdorbenes Verhältnis zu sich selbst und der Welt haben, und das sehe ich überall.

Edgar Reitz sagt das in der Dokumentation zur Herstellung von Heimat 3. Als ich diesen Satz vor einigen Jahren, in einem ICE-Zug, einer Zufallsbekanntschaft zitiert habe, Edgar Reitz möglicherweise noch ein schweigend und unaufgeregt in den Mund gelegt habe, und draußen die Tropfen schräg über die Scheiben sausten, irgendwo nördlich von Nürnberg, wäre er mir dieser Mann aus Würzburg, ein Unternehmer, wie er sagte, randlose Brille und dunkelroter Kaschmirpullover, fünfzehn Jahre älter vielleicht als ich, beinah um den Hals gefallen. Er gab mir statt dessen nur die Hand zum Abschied und bedankte sich, und wir hatten wohl beide einen kurzen Heimatmoment.

link | Oktober 22, 2016 3:47 | Kommentare deaktiviert für



Es ist dunkel; irgendwo hinter dir ist eine Wand aus Beton, rau und kalt und wurmig. Ein blauer Strahl trifft dich, überstreicht Dich von unten her, über den Gürtel weg und über deine Brust und verliert dich am Schlüsselbein, und erlischt. Nah bei dir ein Lächeln und eine Gewissheit, ein Rock, ein trockener Geruch wie von Kuchen.

link | Oktober 22, 2016 0:23 | Kommentare deaktiviert für



Die Tannenwälder standen schwarz in den Bergen, bleiern glänzten die Fensterscheiben, und der Himmel hing so tief und so dunkel herunter, als müsse eine tintige Flüssigkeit gleich herauslaufen aus ihm. Meine Schläfen schmerzten mich so unsäglich, daß ich mich niederlegen musste, und ich erinnere mich genau, daß, als das Aspirin, das Paul mir gegeben hatte, zu wirken begann, hinter meinen Lidern zwei seltsame, unheilvolle Flecken sich lauernd bewegten.

Es ist einer dieser parallelen Einbrüche von Dunkelheit und Schwäche bei Sebald: Das Sichniederlegenmüssen, den-Tag-verlieren an eine unheimliche Einheit einer unvorhersehbaren körperlichen Gebrechlichkeit mit einer nur scheinbar unbeteiligten und äußeren Wetterstimmung. Sicherlich gibt es eine Lesart, in der dieses tintige Körperwetter aus Geschichte entsteht, wenn sie sich verdichtet, aber zugleich darf man diese Passagen unmittelbar lesen, als Beschreibungen einer spukhaften Erfahrung von Alter, die man früh macht.

link | Juli 19, 2016 23:37 | Kommentare deaktiviert für



Über der fernen Ziggurat bewegen sich die Vögel in zwei entgegengesetzten Spiralen, und davor: Wind und rissige Trockenheit in salziger Sonne. Du tastest nach dem Beutel mit den Malachiten. Für einen Moment, als Du stehenbleibst, wirkt die Szene unbewegt, dann setzen sich die Spiralen wieder in Bewegung.

link | Juli 10, 2016 23:26 | Kommentare deaktiviert für



Wenn man nachts auf eine Insel zurudert, verschieben sich die Farben. Der Nachthimmel wird blauer und heller gegen das reglose Öl der Oberfläche. Wo sie aufgerissen wird von den Ruderbättern, taucht das Nachtblau in Wirbeln in den Spiegel hinein und zerstiebt in der Tiefe. Die Insel ist nur eine Kristallisation auf der glatten Grenze, eine sich ausbreitende Störung des Horizonts, und ein Licht in einem Fenster: Dort oben, in der Enge des Raums unter dem Dach, liegen die Bücher, die von der Weite handeln, von einem Boot unter dem reichen Himmel.

[Natürlich wird es interessanter, wenn man noch einen Prinzen und einen Dolch erfindet]

link | Juli 5, 2016 23:06 | Comments (1)



Ein Rattenhaufen, staubig, im Gaslicht, übereinander. Der pure Expressionismus, keine gerade Linie, Kopfsteinpflaster, flackernde Fenster, ein Korb voller Ratten. Immer noch da, unter dem Pflaster liegt das tummlige Gewühl; der polierte Granit verdeckt es, die snom-Telefone wissen nichts davon. Es ist nicht der heiße Wind unter den Schwingen des Engels, es ist der tote Staub der Keller, ein Fingerabdruck auf einer Keramiksicherung, schwarze Drehschalter, halbrund LICHT und Draht, low dpi: Schon nicht mehr wahrnehmbar für die tätowierten Freunde der craft beer-Kultur.

link | Juli 1, 2016 0:33 | Kommentare deaktiviert für



Es ist Sommer, später Nachmittag, nicht zu warm: Es hat geregnet und riecht nach abgekühlten Linden; auf den Gehsteigen liegen Muster aus nassem Staub. Du betrittst, tief in Gedanken, mit unhörbaren Schritten, den kleinen Supermarkt, kaufst: Eine Fertigpizza, frische Pasta, Pesto, zwei Zahnbürsten, bezahlst und bist freundlich, ohne es zu bemerken; gehst drei Schritte, hinaus. Du tastest nach dem Buch: Es ist ein aufregendes Buch. Ein Theaterbuch, ein Körperbuch. Du wirst es auf dem Balkon lesen. Du wirst auf einen Anruf warten, vielleicht: Die Türklingel. Du bist tief in Gedanken, aber Du denkst nichts Bestimmtes, und wirst nichts notieren, es gibt nichts zu notieren. Zeit. Es ist keiner von den Sommern, die enden. Du steigst die Stufen hinauf, Schlüssel, Tür, Schuhe. Der Anblick von Zigarettenresten im Aschenbecher, auf dem Balkon, rührt Dich. Du fährst der Minze durchs Haar. Du lässt das Buch liegen auf dem Teaktisch, durchquerst die Wohnung, öffnest das Fenster zum Innenhof, und ein Luftzug saugt die Vorhangseide erst nach innen, über das Bett hin (ein Handrücken), dann in den Hof hinaus. Du lässt es geschehen. Du wartest und denkst. Warten und Denken wird belohnt von den Körpern. Draußen vor der Stadt liegt das Land, Du bist ein Stück Land in der Stadt; die Ruhe, die Leere, die Sanftheit Deiner Bewegungen: Du wartest.

link | März 4, 2016 0:43 | Comments (1)



Heiße Luft über dem Moor. Eine gleißende Reflektion auf Sonnenkollektoren, auf dem Dach eines fernen Hofes, tanzt einen unsteten Quecksilbertanz. Dann ein Windstoß, eine Kunststoffplane schlägt in den Wiesen, und ein Habicht steigt, ohne Flügelschlag fast, wie ein Drachen, in einer einzigen schnellen Dreiecksbewegung. Dann nicken die Pappeln, und eine scharf umrissene schwanweiße Wolke erscheint.

link | Februar 21, 2016 20:27 | Comments (1)



Draußen fiel noch kein Schnee, aber die Bäume erwarteten ihn, und die Allegorien schliefen seit Wochen schon in ihren Holzgehäusen. Nebel streifte durch die Hecken, verharrte, trabte an zum Buchenstamm, verharrte, schaute lange reglos in meine Richtung, streifte zurück in die Hecken im Osten.

Les histoires d’amour finissent mal… en général. Lange war mir das tröstlich erschienen, die Lesbarkeit der echten Liebesgeschichten vom bösen Ende her, aber ich wusste längst, daß es eine Täuschung war. Les histoires d’amour, en réalité, finissent jamais. Die Akteure sind abwesend, deswegen passiert nichts mehr in den Geschichten, sie verlangsamen auf das Tempo eines Novembernachmittags am Fenster mit Blick auf Bäume, auf die es noch nicht schneit.

link | Dezember 13, 2015 0:19 | Kommentare deaktiviert für



I – Die Flamme der Vernunft

Die Flamme der Vernunft spendet ein warmes, stetes Innenraumlicht. Es fällt auf die Bücher, ein Sofa, eine Wolldecke, einen Teppich. Im Halbdunkel: ein Poster für eine Ausstellung in Mailand, 1972. Die Flamme der Vernunft leuchtet, weil Elektrizität fließt, die Turbinen summen in den Kraftwerken, die Hochspannungsleitungen gewartet wurden, Glühbirnen über Fließbänder flitzen, weil wir wissen, wie das Vakuum den Glühdraht schützt: weil wir gelernt haben, das Feuer zu zähmen.

Die Zähmung des Feuers war keine Offenbarung. Eine Offenbarung ist das jähe Erscheinen des Offenbaren, und nichts an Glühbirnen ist offenbar. Die Geschichte der Flamme der Vernunft ist eine Geschichte des Experiments und des Denkens, eine Geschichte der Unterscheidung von wie die Welt ist und wie sie nicht ist, eine Geschichte der Unterscheidung von logischen Folgen und Quatsch.
Wir wissen nicht, warum die Welt ist, wie sie ist, warum ihre uns zufällig erscheinende Physik A hergibt und Nicht-A nicht. Wir wissen nicht, warum Quatsch und Nichtquatsch sich unterscheiden, warum manche Arten zu denken plausibel sind und andere nicht. Und wir wissen nichts über die seltsame Entsprechung plausibler Gedanken und der Welt, in der plausibel abgeleitete Vorhersagen stimmen, und Quatsch eben nicht. Ein non sequitur kann so gut klingen wie es will, der Welt ist es egal: Es funktioniert nicht.

Und wir wissen, daß das so ist, weil es Glühbirnen gibt: Die Welt ist nicht feindlich. Im steten Licht der Flamme sind wir zu Hause, unser Denken passt zur Welt, kann sie vorhersagen und in ihr wirken, wenn es sich an die Regeln hält. Die Flamme der Vernunft ist kaum ein Fünkchen im gewaltigen Chaos der Welt, aber sie beleuchtet unsere winzige Ecke. Sie ist sehr zuverlässig.

Wo sie nicht leuchtet, ist die Nacht der Welt. Alles ist dort möglich, jeder Gedanke kann auf jeden anderen folgen, nichts ergibt eine Geschichte, nichts ergibt Sinn. Zufall und Grausamkeit herrschen im Dunkel, in der Tiefe, wo das Licht der Flamme der Vernunft nicht hinfällt. Und das Dunkel ist nicht freundlich.

10. The moon is dull. Mother Nature doesn’t call, doesn’t speak to you, although a glacier eventually farts. And don’t you listen to the Song of Life.

11. We ought to be grateful that the Universe out there knows no smile.

12. Life in the oceans must be sheer hell. A vast, merciless hell of permanent and immediate danger. So much of hell that during evolution some species — including man — crawled, fled onto some small continents of solid land, where the Lessons of Darkness continue. #

Die Flamme der Vernunft ist unser Tun in dieser Dunkelheit: Wir führen das Große Flammentheater auf, weil wir es können und müssen. Lassen wir nach, fallen wir zurück ins Dunkel, in die grausame Schönheit sinnloser, beiläufiger Gewalt, in den Egoismus von was-immer-sich-zu-einem-Ego-zusammenklumpen-mag für eine Weile, bis es selbst Beute wird.
Man kann nicht diskutieren mit der Dunkelheit, sie ist kein Text, der sich gefügig, müde vom Immergleichsein und neugierig, dekonstruieren ließe, sie ist nicht in unserem Kopf, und auch unser trotzigster, wütendster, stolzester Widerspruch, der doch unsere Eltern und Lehrer immer zu schrecken vermochte, berührt die Dunkelheit nicht in ihrer stoischen Tiefe: Wo das Licht der Flamme der Vernunft nicht hinfällt, haben wir keine Macht, und unsere Wünsche verfangen nicht.

II – Das Irrationale

Wir sind Kinder der Dunkelheit. Unser Egoismus ist wild. Unsere Lust, Glas zu zerbrechen, das Erreichte zu vernichten und hineinzustürzen in die Raserei der Verschwendung, der Auflösung, Entgrenzung und Vermehrung, ist Bedingung unserer Existenz. Wir begehren nicht im Licht der Flamme der Vernunft, wir können unsere Obsessionen nicht begründen, und wir haben besseres im Sinn als Ökonomie.

Das Irrationale begründet unsere Souveränität vor der Ökonomie: Wohl wissen wir, wie wir vernünftigerweise unsern Vorteil mehren würden, aber wir weisen eine Herrschaft der Vernunft zurück. Sie soll uns leuchten, wo wir sie brauchen, nicht zwingen. Wir bauen in ihrem Licht Tempel, um frei zu sein: Weil wir verstehen können, und um nicht zu müssen.

Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse.#

Das Sakrale — das Irrationale, vor dessen Größe wir in Ehrfurcht stehen — begegnet uns in Offenbarungen. Es ist einfach und nichtnotwendig. Seine Formen können nicht gegeneinander ausgespielt werden: Man kann Offenbarungen nicht begründen und ihre Wahrheit nicht diskutieren, vor allem aber kann man sie sich nicht aussuchen. Religionsshopping ist eine rationale Praxis, wenngleich eine verwirrte.

Das Sakrale markiert die Grenze zwischen der Dunkelheit und dem Licht der Flamme: Wir leben in diesem Zwischenreich — jede Intelligenz lebt in ihm. Eine Intelligenz ohne Sinn fürs Sakrale ist nur unterlegene, weil vorhersehbare Mechanik; die Annahme der eigenen kontingenten Existenzbedingungen und damit der Wille zum Irrationalen (KILL CONSUME MULTIPLY CONQUER) ermöglicht Heterogenität, Wahn und Tücke.

Die Flamme der Vernunft und das Irrationale erzeugen zusammen die Dynamik von Zufriedenheit und Hunger, Lust am Aufbau und Lust an der Zerstörung, Zuhausesein und Freiheit. Jeder Versuch, sich ganz auf eine Seite zu schlagen ist steril, eine Halbexistenz. Im Zwischenreich des Sakralen erkennen wir euphorisch im Licht der Flamme die Spuren des Verstreichens dunkler Zeit.

III – Die Erschöpfung, der Friede und der Kitsch

Die Dunkelheit ist ein schrecklicher Ort, und die Flamme der Vernunft, die sie fern hält, muß mit einer mühsamen, andauernden Anstrengung umsorgt werden. Wohl können wir uns bisweilen niederlassen in ihrem Schein, ein Buch aufschlagen, einen Film schauen, uns im Arm haben unter der Wolldecke, und Tee trinken: Aber wir wissen, der Irrtum lauert, und schon der nächste, so, ach! dringend nötige irrationale Tanz könnte uns verwirrt im Dunkeln zurücklassen.

Wir wollen Stabilität. Wir wollen Glück. Wir wollen Menschen nahe sein können, ohne uns fürchten zu müssen vor ihnen.
Es gibt zwei Strategien: Den Frieden und den Kitsch.

Der Friede ist das Ergebnis eines Vertrags. Er ist möglich als dauerhafte Existenz im Sakralen, genau auf der Grenze. In der zuverlässigsten Form: Vigil, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet. Meditation und Fegen. Zusammenführung des Irrationalen und Vernünftigen, alle Ausschläge auf ein regelmäßig häufiges Minimum gedämpft; Leben in Arbeit und/oder Gebet.
Weniger zuverlässig, da aufregender, aber einfacher und häufiger praktiziert: Übereinkünfte über das Verhältnis von Homogenität und Heterogenität, Vernunft und Begierden, Nähe und Veränderung, Grenzen für Vernunft und Irrationalität. Wie wir zusammenleben, ohne ständig alles kaputtzuhauen und ohne jede Veränderung zu verhindern.
The opposite of a trap is a garden: Ein Garten ist grundlos befriedete Natur, bedroht an seinen Außengrenzen und von innen, aber genau deswegen innen friedlich und frei; eine zerbrechliche Anomalie.

Der Kitsch hingegen leugnet den Unterschied von Dunkelheit und Flamme, mithin deren Existenzen. Er behauptet, alles sei gleichmäßig helles Licht und nur ein Großes Anderes hindere uns daran, das zu bemerken. Wenn wir nur das Große Andere austreiben könnten und das wahre Selbst und das wahre Universum und die Einheit der beiden erkennten, käme das Glück über uns und alles würde leicht, Wölfe lägen bei den Lämmern, niemand wäre je neidisch, eifersüchtig, verletzt oder verzweifelt, und alle würden Teil der Großen Universellen Liebe werden, die auch kein bisschen mühsam und bedrohlich wäre.
Kitsch ist das Leugnen der Existenz von Scheiße. Das Leugnen der Existenz von Scheiße, sagt der Kitsch, ist buchstäblich der Schlüssel zur Großen Universellen Liebe: Nimm einfach nicht wahr, was der Theorie von der Großen Universellen Liebe widerspricht, es ist alles eine Frage der Einstellung und nur das Große Andere erzeugt die Gedanken von Dunkelheit, Denkenmüssen, Schädeln im Wald, Büchern und Wolldecken und Gärten.
Diese Geschichte ist so verlockend, daß sie, mit wechselnden Gottseibeiuns-Großen-Anderen, immer wieder aufs Neue erzählt wird, manchmal von ehrlichen Leuten und manchmal von Leuten mit Interessen. Sie ist nicht widerlegbar – man ist nur die Stimme des Großen Anderen, wenn man auf die Unterscheidung von Quatsch und Nichtquatsch, auf die lauernde Bedrohlichkeit des Sakralen pocht.

The Lessons of Darkness, however, continue.

IV – Inscape

Diesen Eimer mit den Rostlöchern,
dieses Geräusch des Regens, und den feuchten Vorhang,
diese geblähte Wand,
den Blick über die Marschen, und den Fluß, diese Masse,
die reglos-kräftig lautlos und glatt nur durch einzelne Äste Bewegung verrät
will ich teilen.
Sonst will ich nichts teilen.

link | September 22, 2015 20:33 | Kommentare deaktiviert für



Mehr Bilder, die mich verfolgen: Es sind also Marcel Ophüls‘ Filme Le chagrin et la pitié und The Memory of Justice, die ich vor über einem Jahrzehnt in einer langen Nacht, vermutlich auf XXP, bis in die frühen Morgenstunden geschaut habe; atemlos, ohne abschalten zu können, aber völlig erschöpft und mit der Absicht, am Tag darauf trotzdem gewissenhaft zur Uni zu gehen.

Immer wieder habe ich seit einigen Jahren versucht, mich an den Namen dieses nachtfüllenden Films zu erinnern. Vor einigen Tagen ist es mir gelungen: Es waren zwei Filme. Ich fand ein Fragment des selteneren, späteren, auf youtube. Dann, in der Hitze der vergangenen Julitage, habe ich beide Filme, insgesamt über acht Stunden, in verdunkelten Räumen noch einmal angesehen. Für Le chagrin gibt es ein ziemlich vernünftiges Torrent, von The Memory of Justice ist im Netz nur ein stotternder, von sehr schlechtem VHS-Material gezogener Rip zu bekommen, in dem alle hellen Flächen grün bluten: Als albträume das Material die traumatischen Bilder.

Diese Ophüls-Filme kann man als dokumentarische Gegenstücke zu Hans-Jürgen Syberbergs Hitler-Phantasmagorie sehen, und sie lösen einen ähnlichen, langsamen Schock aus, wohl weil in ihnen verständlich wird, was zuvor nur gelernt war.

Besonders im Gedächtnis geblieben waren mir beim ersten Sehen die Inneneinrichtungen der Häuser, in denen Ophüls seine Interviews in den sechziger Jahren führt: Die strahlende Kultiviertheit in den Räumen des bürgerlichen Maquisards in Clermont-Ferrand, und dieselbe Kultiviertheit in den Gesichtern seiner erwachsenen Kinder; die klobigen geschnitzten Dekore, eine religiös-finstere Burg-Ästhetik, beim ehemaligen OKW-Stabsoffizier Walter Warlimont; der bequeme Lesesessel von Lord Shawcross und die Blumen auf dem Beistelltisch. Und Speer, der aus dem Privatarchiv Filme vorführt: Seine Kinder im Schnee, und dann seine Freunde, die sich knuffen und an großer Tafel feiern miteinander (und von denen keiner mehr lebt, weil dieser Freundeskreis eben die Nazi-Führungsclique war).

link | Juli 8, 2015 22:24 | Kommentare deaktiviert für



Auf einem Hügel unweit der Stadt steht die Ruine eines Turms, allein vor dem Himmel, unflankiert von Bäumen; und nicht einmal ein Weidezaun ist am Hügel zu sehen. Der Turm ist nur ein Turm.

Dieser Turm ist, mit der ganzen ihn umgebenden Landschaft, in sich zusammengefallen, er wird als Erinnerung aufgehoben, als Kulisse. Ein Besuch des Turms ist nur für Sentimentale möglich, die Tätigen haben keine Verwendung für ihn — ach, wie würde er leuchten im Abendlicht im Herbst, mit Cirrusschlieren, aufgesogen in die violette Grenze: Aber sind wir Greise, daß uns das kümmert? Wir können einen Turm betrachten, wenn wir sonst nichts mehr können.

Die Pflichten der Tätigen: Ihre Sache betreiben, mit dem Weltgeist reiten. Awesome sein, jedenfalls meistens. Die Zahl schwerer Fehler klein halten. Handeln, lächeln und schweigen. Zugleich lockt der Turm.

Der Tag des Turms: An dem nichts zu tun ist als zum Turm hinaufzusteigen und hinabzuschauen auf die unheimliche Landschaft, in der die Geschichte war.

link | Juni 13, 2015 18:41 | Comments (1)



Es läge Laub, wäre es nicht sorgfältig abgesammelt worden vom Rasen; es hat geregnet, sichtbar bewegen sich die Wolken noch über dem Tor. Mehrere Beete sind angelegt, ein Schlauch liegt trotz des Regens im Gras. Hinter der Mauer — gelber Klinker, kletternde Pflanzen — stehen nasse Bäume, das Haus muß noch tiefer im Grundstück liegen, man erreicht es sicherlich über geharkte Wege, auf die es kalt herabtropft jetzt. Zwischen den Beeten mehrere rechteckige Öffnungen im Rasen, nur mit knöchelhohen Metallstreifen umhegt. Aus Natursteinen gemauerte Wände dort unten, teuer, präzise. Die Lichtöffnungen gehen auf einen einzigen Raum mit einer Betonbank. Auch dort unten kein Laub. Eine geländerlose Treppe, irgendwo wird ein geschmackvoller Lichtschalter sein.
Der rechte Gang, das wird, sagt mein Gastgeber, dann unsere. Ich komme jeden Tag hier vorbei, aber ich denke mir nichts mehr, ich hatte mich an den Gedanken schon gewöhnt, bevor die Verwandtschaft sich an mich gewöhnt hatte.

link | Mai 12, 2015 23:32 | Kommentare deaktiviert für



Humans Are Such Easy Prey.

It can’t be bargained with,
it can’t be reasoned with,
it doesn’t feel pain,
or remorse, or fear,
and it absolutely
will not stop,
ever

Wie wäre es damit: Das Kapital ist der ursprüngliche und eigentliche Paperclipper.

Während eine einigermaßen auf menschlichem Niveau agierende AGI mit Zugriff auf ihren eigenen Code das Interesse an Büroklammern wohl ziemlich schnell verlöre – die KI hasst Büroklammern nicht, noch liebt sie sie, sie sind nur aus Rechenzyklen gemacht, die für etwas anderes verwendet werden können – sind die schon existierenden abstrakten Intelligenzen jedenfalls weitgehend stumpf und an Kunst nicht interessiert.

(Die verbreitete Weigerung, ihre Existenz anzuerkennen und die Neigung, für unliebsame Phänomene schuldige Menschen zu finden, könnte wohl die Folge eines evolutionären Ballasts sein, den post-monkey-brain-Intelligenzen nicht mehr nötig haben werden.)

Wenn ein Wille zum Denken einen Willen zur Kunst impliziert, was mir plausibel erscheint, und post-monkey-brain-Intelligenzen weniger stumpf und boshaft denken, als wir selbst es zuwege bringen, ziehe ich (der Humanist) eine Zukunft, in der Kunst den herrschenden Intelligenzen nicht mehr abgetrotzt werden muß, sondern ihr Daseinszweck ist, einer Befestigung des meines Wissens stark an Büroklammern interessierten Status Quo vor.

(Was sucht der Humanismus zu bewahren? Die Frauenkirche oder das Recht der Dresdner, Nazis zu sein, wenn der Wille des Volkes mal wieder auf einen ungünstigen Attraktor rutscht? Das humanistische „wir“ ist immer fragwürdig.)

Erfrischenderweise zeigt die Kapitalteleologie ohnehin in diese Zukunft, und erfrischenderweise gewinnen diejenigen nie, die für alles, was auf dem Großen Anreizgradienten liegt und also zum Verwirklichtwerden neigt, eine Gruppe böser Menschen als Schuldige identifizieren und moralisch behandeln wollen.

link | Januar 2, 2015 21:47 | Comments (1)



Kleine scharfsurrende Heißluftballons, Dreiecke, blutende Kanten, ockerfarbene Polygone, Zoom Seek and Destroy. Manche Menschen sind weich und fest und atmen sanft im Halbschlaf; und schiebt man ein T-Shirt beiseite, um sich Zugang zu verschaffen, wölben sie sich der Berührung entgegen mit durchgedrücktem Rücken. Ein schneebedeckter Grat vor dem leeren Gleißen der Atmosphäre, graue Massivität, nur Super-Kamiokande-III auf der anderen Seite erblickt den Tauneutrino-Regen als gelegentlichen Blitz von Tscherenkow-Strahlung. (Fünfzigtausend reglose Tonnen Wasser sind sehr still, wenn man ihnen zuhört.) Nebel über dem See, die Fähre streift Wasser aus der Luft, Tropfen bilden sich auf der sechsten welligen Lackschicht und auf den Spitzen der Filzfasern. Die schwarzen Kellerwände schwitzen unser Wasser zurück, beim Anlehnen springt Kälte an die Wirbelsäule, sie erzeugt eine Linealweite Abstand zum Inhalt der Dunkelheit; Körperpackung in aufgehobener Zeit und praktische Nacht der Welt, Inneres der Natur, ein Kopf und eine andere weiße Gestalt, Schritt vor, tip, zurück, nachgebende Flächen aus synthetischen Wollen, blutende Kanten, eine verirrte Hand auf der Hüfte, leichter wärmer weißer trockener als die Wand. Manche Menschen haben einen Herzschlag wie kleine Tiere unter dem T-Shirt. Ein Würfelgerüst halb im Wasser, Wolken & Granit, verschleppte Schritte.

link | Dezember 31, 2014 15:55 | Kommentare deaktiviert für



Die Farbe von Junilaub in der Dunkelheit; die Feuchte und ein Windstoß; ein halbes Gespräch und durch einen Strauch blinkendes Licht. Kühl ist die Bank unter der Kuppel, zu kühl. Der Geruch von Junilaub in der Dunkelheit: Die in der Dunkelheit schnell expandierende, solide, das Firmament sozusagen in sich aufnehmende Junilaubgeruchskugel. Kaninchenschemen.

link | November 28, 2014 1:50 | Comments (1)



Ich betrachte sechs Jahre altes Videomaterial von einer Hochzeit. Es ist nicht geschnitten worden, und ich schaue ohne Ton. Freunde auf einer Treppe, die Braut auf einem Stück Rasen, Rücken, die Frauen in Kleidern. Ich selbst gehe durchs Bild, erkläre etwas, wir sehen jünger aus, der lokale Spaßmacher macht Spaß mit den Männern. Ich verlangsame die Stellen, auf denen wir tanzen im Dunkeln und ab und zu nur in einzelnen Frames auftauchen in Schlieren von Licht. Die stummen langsamen Bilder verwandeln sich sofort in Sans-Soleil-Apokryphen, wie alle stummen langsamen Bilder: Drei Kinder auf einer Straße in Island.

(Später: eine alte Schmiede und ein VW Polo mit Simmerner Kennzeichen.)

link | September 14, 2014 0:25 | Kommentare deaktiviert für



Befreiung: die Konzentration auf die Fläche, die sich vollkommen flach erstreckt bis zum flachen Horizont. Auf der Fläche wächst ebenmäßig Rasen, millimeterkurz, der im Halblicht grau erscheint. Ein gekiester Weg, links und rechts von kniehohen Pyramiden markiert, führt schnurgerade auf die Perspektivflucht zu. Über der Fläche und dem Weg entsteht eine Kugel, die langsam aufwärts um eine Achse rotiert, die von links unten nach rechts oben führt. Die Kugel ist aus Bronze gefertigt und unregelmäßig gefurcht. Im Himmel rechts über der Kugel, auf keiner Linie, tief in der Tiefe der Szene, ist ein Ballon mit Korb zu sehen, dessen farbig gestreifte Form von der Sonne unter dem Horizont beleuchtet wird. Die Kugel rotiert, langsam, mit strengem Impuls.

link | August 22, 2014 0:26 | Comments (1)



Ich habe Spur der Steine gesehen, einen Film über Integrität und die Funktion der Politischen: Der Parteisekretär auf der Großbaustelle in einer DDR, die älter, ehrgeiziger, attraktiver und realer erscheint als das gemütlich ineffiziente Schnuffelland der Nostalgiker, ist eigentlich Unternehmensberater, wie unsere Unternehmensberater in den Unternehmen die Politischen sind.

Ich habe Die geliebten Schwestern gesehen, der voller beiläufiger Stilleben ist und schön, sehr schön, und gute Unterhaltung, und tausend Fehler nicht macht.

München, durch den Schleier einer seit über einer Woche aufgebauten Konferenz- und Flugzeugmüdigkeit: Eine Mechanikerin mit kurzem blondem Pferdeschwanz repariert in der Morgensonne eine Luke des kleinen Airbus „Laupheim“ – sie sitzt am Ende eines leicht angehobenen mobilen Gepäckförderbands, und setzt sorgfältig Schrauben. Dann macht sie mehrere Bilder vom Ergebnis ihrer Arbeit, prüft sie auf dem Bildschirm der Kamera und steigt über das Band zurück zum Lufthansa-Technik-Auto. Keine Eile, keine große Sache. Eine gründlich gemachte Kleinigkeit, damit die Dinge zusammenhalten. Erstmal morgens auf einem Vorfeld die „Laupheim“ richten können, denke ich mir, dann reden wir wieder.

link | August 10, 2014 16:35 | Kommentare deaktiviert für



Weil die Friedrichsbrücke immer noch gesperrt war, musste ich durch die Touristenpulks über den Schloßplatz um den Dom herumgehen auf meinem Weg zur Museumsinsel. Zum ersten mal sah ich dort den Rohbau, einen Rohbau, der exakt wie der Rohbau der Box 13 aussieht, des Hauses also, das sie in meinem Hinterhof bauen: Peri-Betonverschalungen, aus denen Stahlstangen herausragen, und fertige Stahlbetonflächen. Da Boxen hoch im Kurs stehen, gibt es auch auf dem Schloßplatz eine Box, die Unterschiede zwischen den Vorgängen in meinem Hinterhof und denen auf dem Schloßplatz sind also wohl wirklich nur solche der Größenordnung.

Die befürchtete monströse Geschmacklosigkeit passiert, und alle Hoffnung, im letzten Moment von einer plötzlichen Berliner Geldnot oder Korruptionsaffaire vor ihr gerettet zu werden, muß begraben werden: Sie gießen uns jetzt ein Barockschloß in Stahlbeton da hin. Na schön.

Ich ging dann in die Alte Nationalgalerie, und statt, wie zuvor immer, beim Balkonzimmer hängenzubleiben und in seiner verrückten Vertrautheit und irrealen physischen Präsenz verloren zu gehen, stieg ich heute auch in den dritten Stock hinauf. Dort hängen die Werke des berühmten Schinkel, und es hat sich mir vieles erschlossen beim Anblick dieser Bilder. Darauf sind ausgedachte Kathedralen zu sehen, die von hinten von Monden beleuchtet werden und von Regenbögen überspannt, Hirsche und sicherlich irgendwo heulende Wölfe, und einzig die Abwesenheit von springenden Delphinen verweist auf das Alter der Werke. Eine große Last fiel von mir ab. Es ist alles ein joke! Ich hatte es nicht sehen können, weil ich vom Balkonzimmer immer daran gehindert worden war, in die dritte Etage der Alten Nationalgalerie vorzudringen und mir Schinkels Bilder anzusehen. Ein harmloser Spaß, eine Nasführung der ganzen Welt und allzu ernst dreinblickender Gestalten wie mir. Erlöst kehrte ich zurück in meine Kammer und kramte glücklich die Bat out of Hell von Meat Loaf heraus.

link | April 27, 2014 17:50 | Comments (1)



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Die neuen Tempel haben schon Risse.