Vigilien.

breeding Lilacs out of the dead land

Nicht besser zu erfinden wäre eine Entwicklung gewesen, die nach zwanzig Jahren Kulturtheorie zum Thema “Fernsehen und die verderblichen Effekte der Passivität” das Fernsehen durch ein Medium ersetzt, das ständige Aktivität aller verlangt, um zu funktionieren, und in dem sich eben keine Vielzahl von klassisch abgegrenzten und miteinander interagierenden Subjekt-Produzenten etabliert, sondern vielmehr eine Vielzahl von schnellen Prozessierungsknoten, deren Funktion das Berührtwerden von Material ist; Material, das im Falle einer erfolgten Berührung weiterverbreitet wird und so seine planetare Reichweite testet. Während dieses Material aus der Vorzeit als Nebel in die Netze aufsteigt — Bilder und Fragmente, die über die Vorstufe eines Jahrhunderts Film die alten Mythen als Programme in dieser Fleisch-Silizium-Infrastruktur installieren — verliert, was einmal die Wirklichkeit war und von Video abgebildet und als Surrogat zurückverabreicht wurde, endgültig sein Eigenrecht als Affektlieferant: Die Bilder bilden keine Bäume mehr ab, die Bäume in uns aufrufen; die Bäume selbst erhalten ihre Sichtbarkeit erst in ihrer Funktion als prozessiertes Material. Der Baum ist nicht mehr, was er mit mir (einer Lesebiographie) macht bei unserer Konfrontation, sondern was er mit meinem Netzwerk macht, wenn ich es konfrontiere mit seinem Bild: Der Baum ist sein potentiell planetares Echo, in dem die Mythen gespeichert sind (und er kann keine neuen Mythen produzieren); er fließt durch mich als tönernen Kamerahalter und Terminal hindurch, testet seine Beziehung zum Mythos hinter mir, und in der Rückprojektion erkenne ich ihn und mich, das Realitätsereignis findet statt.

[Zone der Ununterscheidbarkeit von Form und Hintergrund]

February 22, 2012 22:42 | Comments (0)



Heute nochmal versucht, Harald Schmidt zu schauen, aber es geht nicht mehr; die Langsamkeit der ganzen Veranstaltung Fernsehen ist unerträglich: Was laberst du, Mann, da für einen Fülltext in die Zeit hinein, warum soll ich warten, bis der Witz abgeliefert ist, kann der nicht direkt kommen? Ohne daß ich warten muß, bis die Sendung sich herausgesendet hat? — sofort zurück zu Büchern, wo der Text Wort für Wort zählt, und wenn der Text nicht zählt, kann das Buch weg und das nächste her.

[Gleichzeitig auch: Die Verödung des sogenannten social web für mich, das ich jetzt nicht mehr nur, wie alle, im Grunde hasse, sondern das wirklich zurücksinkt ins Egalsein hinein. Seine Beliebtheit muß ein Symptom der Arbeitsweltverhältnisse sein, sein nervöses Witzelgeblitz die zaghafte Restichbehauptung des Geistes im Joch. Geht der Druck weg, wirkt die Sache nur noch grotesk.]

February 10, 2012 20:17 | Comments (1)



Das ist natürlich wahr: Wie man damals, in den Harald-Schmidt-Show-Jahren, immer mit dem Gedanken lebte, daß man reich sein könnte und dann würde alles gewaltig rocken, man würde so in großkarierten Schlafanzügen Billard spielen und dann das Queue wegstellen und um so eine rasend gutaussehende Frau hinten rumfassen, und später im offenen Wagen die Küste lang fahren, und das wäre alles wirklich möglich, wenn man sich nur der allgemeinen Bewegung hin zum Geschmack anschlösse.

February 9, 2012 23:09 | Comments (1)



Bild: Eine leicht abschüssige, gepflasterte Gasse kühlte meine Unterarme, als ich aufbrach vom Vorplatz jener mittelalterlichen und verschlossenen Kirche, deren Namen mir leider entfallen ist. Schon von fern wehte mich Curry an, Curry und Zypressen und Salz.

* * *

Gegenbild: Ich trat an die Brüstung und griff, behandschuht, mit beiden Händen den Holm. Die Brandung lief an gegen den menschenleeren Strand, aus dem Nebel heraus hoben und senkten sich die Wellen zweimal, ehe sie zusammenbrachen. Einer der Vorhänge in der Front des Miramar bewegte sich. Ich ließ das kalte Metall los, tastete in der Tasche nach meinem Telefon, und wandte mich nach rechts, um irgendwo einen Tee zu bekommen, selbst wenn ich dafür durch eine Tür gehen müsste, über der “Luzifer” stünde.

February 5, 2012 16:39 | Comments (0)



Manchmal der Verdacht: Daß das Leben, wie es nun einmal ist, genau jetzt, also in diesen Jahren, vor allem doch davon bestimmt ist, wie fragil das Haus wirkt, daß es bebt und sich schüttelt, wenn die Straßenbahn kommt, wie immerzu Gipsbrocken aus der Wand hinter dem Heizkörper aufs Parkett fallen — wo kommen die immer noch her, wieviel Wand kann da übrig sein? — wie der Staubsauger der Nachbarn alle Wände erschüttert, wie ein paar Schritte die Dielen in Schwingung versetzen und die Stehlampen biegen: Auf einem solcherart aufgehängten Boden, kann da das Leben anders als äußerst vorsichtig sein?

February 5, 2012 16:08 | Comments (0)



Demokratie ist offenbar so etwas wie die Gesundheit. Man muß immer einen Schal tragen und Actimel trinken. Es ist zum Beispiel schlecht für die Demokratie, wenn die Stuttgart-21-Gegner nach einer verlorenen Abstimmung reden wie “die Politiker” (das sind bekanntlich Antidemokraten) und ihre Niederlage nicht zugeben.
Vorher war es “gut für die Demokratie”, daß die Stuttgart-21-Gegner so sehr gegen Stuttgart 21 waren. Sie haben behauptet, sie seien “die Bürger” und sprächen für alle, folglich waren sie im Recht gegen “die da oben” und das ist gut für die Demokratie. Immer schön empört sein, kriegst ein Leckerli.

Die Piraten sorgen sich in diesem Sinne besonders um die Demokratie. Sie wollen unbedingt viel davon machen, damit es ihr gut gehe. Nichtpiraten haben in ihrem Weltbild nur einfach das Internet nicht verstanden. Wenn die’s irgendwann mal verstanden haben, sind sich alle einig und wollen das gleiche, nämlich vollkommen ungestört die ganze Zeit Demokratie mit Twitter machen.

Na schön. Breaking News: Die anderen sind gar nicht dämlich und erkennen nur nicht, was gut für alle ist, sie haben wirklich, echt, ohne Flachs, andere Interessen als wir. Es gibt kein “alle”. Die wollen zu unserem “alle” einfach nicht dazugehören und wir zu ihrem auch nicht.

Die wollen was anderes. Die Demokratie, der Staat, oder “das Gemeinwesen” ist die Sphäre, in der immerhin ohne physische Gewalt verhandelt und implementiert wird, wer wieviel von seinem Willen kriegt. Unterschiedliche Akteure haben unterschiedliche Mittel, manche können Abgeordnete zu einem schönen Essen einladen, andere müssen sich mit einem Transparent vor einen Wasserwerfer stellen. Manche sind reich und wollen niedrige Preise für Hotels, andere sind arm und wollen, daß man ihnen hilft, ein bisschen weniger würdelos zu leben.

Manche sind solidarisch, andere sind nur für sich selbst. Ich bin zum Beispiel für Solidarität. Ich bin für Gesetze, die mir, wenn es mir gut geht, ein bisschen Geld weg nehmen, und es solchen geben, die nicht so tatkräftig geboren sind wie ich, damit es denen nicht dreckig geht und, positiver Nebeneffekt, Robin Hood mich nachts in Ruhe lässt.
Andere sind Arschlöcher. Die wollen das nicht. Sie haben kein Problem mit Robin Hood, sie bewaffnen sich im Zweifel einfach gern besser. So sind die drauf. Muß ich nicht verstehen.

Es gibt keine Einigung mit den Arschlöchern. Weder ihre noch meine Haltung ist besser für die Demokratie oder das Gemeinwesen. Wenn ich in einem Gemeinwesen mit lauter Arschlöchern bin, die sich nichts draus machen, wenn es anderen schlecht geht, bin ich eben in so einem Gemeinwesen. Hartes Brot. Ich kann ihnen dann nicht sagen: Oh, das ist jetzt aber schlecht für das Gemeinwesen, daß ihr so Arschlöcher seid! Die leben nämlich genau in dem Gemeinwesen, in dem sie eben leben wollen.

Wenn man dann was ändern will, muß man um die Herzen der anderen kämpfen und sie überzeugen. Das ist mühsam und schwer und dauert auch mal Jahrzehnte.

Was nicht geht: Meine Vorstellung von einem Gemeinwesen zum einzig echten Gemeinwesen erklären und alles andere für gar keins. Das ist ein Kategoriefehler. Natürlich habe ich Recht; ich und die nicht. Aber “Gemeinwesen”, “Staat” oder “Demokratie” habe ich eingeführt als Begriffe, die es mir ermöglichen, zu akzeptieren, daß die anderen auch ein bisschen von ihrem Willen kriegen, obwohl sie nicht Recht haben. Ich kann mir diese Begriffe nicht zurückholen und sagen Demokratie ist nur, wenn alle das wollen, was ich und meine Buddies wollen. Zum Beispiel einigermaßen maßvolle Gehälter auch für Mitarbeiter der Finanzindustrie.

Deswegen sind wir genau nicht in einem postdemokratischen Zeitalter. Wann immer “der Souverän” im Sinne des Gemeinwesens gegen “die da oben” in Stellung gebracht wird, kann man “den Souverän” schön gegen das Volk und das Gemeinwesen schön gegen die Gemeinschaft substituieren, und für “die da oben” findet sich schon jemand Erreichbares dann.

Leute: Es gibt diese Gemeinschaft nicht. Wenn es sie gibt, ist sie die Hölle. Ihr habt keine gemeinsamen Interessen mit irgendwas, das “der Souverän” heißt oder eben das Volk ist. Das täuscht. Es gibt keinen kuschligen Innenraum der Demokratie, wo wir Gleichartigen mit unseren gleichen Interessen beisammen am Feuer sitzen und eine inhaltsleere Demokratie zelebrieren, und draußen heulen die bösen Wölfe.

Die Wölfe sind hier drin, der Wolf ist immer der Nächstreichere, Nächsttürkischere, Nächstschmarotzerige, undsoweiter. Vergesst das mit dem Gemeinwesen, das eine definierte Außengrenze zu den Bösen Anderen hat. Genau das ist ein Volk, und das wollt Ihr nicht.

Ingo Schulze übersieht genau diese Mechanik. Er sagt, er will fragen: Cui bono? Und dann hat er den Bösen Anderen entdeckt, der die Homogenität seines Gemeinwesens (mit all diesen gemeinsamen demokratischen Interessen) stört.

Das tut er, weil er in Portugal war, und ein Portugiese genau das gefragt hat: Cui bono? Und festgestellt hat: Dieser Ingo Schulze, der da vor mir sitzt, ist Deutscher, und profitiert ziemlich von meiner miesen Lage. Er lebt nämlich in einem Staat, der zur Zeit fast nichts für Neuschulden bezahlen muss, was direkt mit den schlechten Raten für Portugiesische Anleihen zusammenhängt. Und in diesem Staat gibt es die niedrigste Arbeitslosenquote in Europa und sogar noch Jobs an den Universitäten (weniger als in den 80ern, aber mehr als in Italien), und man leistet sich gewaltige Investitionen in Energieinfrastruktur, undsoweiter, alles Dinge, um die es in Portugal schlecht bestellt ist. Und also kommt der Portugiese zu dem Schluß: Die Deutschen sind die Bösen Anderen.

Wie reagiert der erschrockene Intellektuelle Ingo Schulze, der ja weiß, daß er nicht zu den Bösen Anderen gehört? Der Portugiese muß sich irren. Der Böse Andere, der da die Strippen zieht und alle prellt, muß einer sein, der sogar noch mehr bono abbekommt als er selbst, der Deutsche (möglicherweise hat Ingo Schulze sich die Welt auch so zurechtgelegt, daß er persönlich gar nicht profitiert, was den Portugiesen zu Recht wütend machen könnte). Wen findet Ingo Schulze vor? Den Banker, denn der ist (wie Schulze sich verzweifelt ob seiner Hilflosigkeit bewusst ist) in aller Munde und wird es also wohl sein.

Natürlich zieht weder der Portugiese, noch Ingo Schulze, noch der Banker Joe von draußen mit metaphysischen Sonderrechten die Strippen. Nicht mal der böse Wolf. Alle verfolgen einfach nur hier drin ihre Interessen und gestalten die Welt um, nach ihrem Dafürhalten, mit allen Mitteln, die sie haben, aber ohne Bürgerkrieg. Manche sind allerdings erfolgreicher dabei, weil sie sich weniger bescheuert anstellen.

Zum Bescheuerten Anstellen gehört der gefährliche Unfug von der ewig kränkelnden Demokratie, der es bei mehr Engagement-in-der-bedrohten-Gemeinschaft-derer-hier-unten besser ginge. Bestimmte Kreise machen seit Jahren Demokratie, wie man Demokratie macht: Man zieht Leute auf seine Seite, redet ihnen Zeug ein, droht und lockt und geht mit der Macht essen. Die andere Seite jammert, daß davon jetzt langsam die Demokratie kaputtgehe, und findet das Schauspiel außerdem unwürdig, und tauscht damit einfach vornehme Seelenruhe gegen Geld und Macht, weil man auch ohne viel Geld noch ganz gut lebt hierzuland.

Wer nicht agiert, kriegt eben irgendwann, was die anderen ihm lassen.

Wenn es so nicht weitergehen soll, ist die richtige Frage nach vorn aber nicht der windelweiche, wohlmeinende, inhaltsleere “Was ist gut für das Gemeinwesen”-Blödsinn, der mit jeder Hetze aufgeladen werden kann, sobald die Idee von der bedrohten Gemeinschaft wieder etabliert und die Stelle der bösen Wölfe außerhalb des Gemeinschaftskörpers wieder vakant ist. Die richtige Frage nach vorn ist “Was will ich?” und dann, pardon: “Was tun?”.

Wie wäre es mit: Banken kleinmachen, damit man die pleitegehen lassen kann, wenn sie sich dämlich anstellen, mit Europa ernst machen, damit die Portugiesen uns wieder mögen, und mehr echte Pflichten ans Eigentum, damit die mit dem Geld nicht alles abreissen und durch Dreck ersetzen können. Ja: Schwierig, aber das hier ist die Realität, Gottvater hört nicht, es gibt niemanden, bei dem man sich beschweren kann. Machen oder zufrieden bleiben und hinnehmen.

[Paraphrasiert im Grunde nur: Ulrike Baureithel im Freitag.]

January 21, 2012 2:32 | Comments (1)



Zu entwickeln wäre ein operationsfähiger Diskursersatz: Um auszubrechen aus dem vermeintlich kritischen You-are-being-lied-to und dem Wettlauf um die skeptischere Position.

Der kritische Gestus, der ja staatstragend und als solcher Schul-Ideologie ist, Konsens aller Medien und in jeder Kommunikation antizipiert, ist Herrschaftsinstrument. Begegnet werden kann ihm selbstverständlich nicht mit einer Rückkehr zum vorparanoiden Zustand, auch nicht mit dem Rüstungswettlauf einer Hyperkritik, die den kritischen Gestus in jeder Konkretion selbst als tückisch entlarvt. Dem kritischen Gestus ist nur zu begegnen mit einer Seitwärtsbewegung aus dem kritischen Diskurs heraus, zu verdächtigen ist nicht das Argument, sondern das Argumentieren. Die Antwort auf die Frage, wer welche Interessen vertritt im Falle Wulff wäre ein organisiertes, mit Ernst betriebenes Interesse für Pinguine.

Die Aufgabe wäre also die Konstruktion einer Gegenöffentlichkeit, die nicht die Öffentlichkeit beobachtet als Korrektiv, sondern die sich auf die Fassung des Realen durch die Öffentlichkeit gar nicht erst einlässt, sich deswegen einer eigenen inneren Stringenz aber nicht verweigert: Ein der kritischen Öffentlichkeit ebenbürtiges GEGENWAHNSYSTEM

January 18, 2012 23:57 | Comments (3)



Man könnte in London leben. Zu jedem Auftritt von Mumford & Sons, Johnny Flynn und Laura Marling gehen. Wochenlang warten, nichts tun, ziellos durch die Stadt fahren. This is a Hammersmith and City line service to: Hammersmith. Sandwiches. Es wäre kühl und windig. Dann, endlich, dunkel und heiß, man würde niemanden kennen und an einer Säule lehnen und dann sich hinstellen mit dem Gesicht zum Licht, Daumen in den Hosentaschen, ruhig atmen, Augen zu, warten, den Raum murmeln hören. Und das immer so weiter, bis die aufhören, Musik zu machen.

Johnny Flynn & Marcus Mumford: Eyeless in Holloway.

[von Statements und Bescheid beschmutzt & geflohen]

January 18, 2012 0:23 | Comments Off



Also: Die kalte Kate, Ginkgo und Teebeutel und Fenster und Handtücher und knarrende Bretter. Noch nicht wissen, was man darüber denkt, sich noch nicht eingelassen haben mit der Welt, keinerlei Autorität. Die Welt: Will bespielt werden, zieht heran und liefert Aufgaben, die bewältigbar sind und bewältigt werden, was sich auf die Sprache auswirkt, die nämlich die Bewältigtheit der Aufgaben in sich aufnimmt und dunkelgrün-holzig wird.
Nichtsprechen schwierig, sprechen ohne Autorität ebenfalls, der einzige Ausweg: Das Sprechen bewusst formen zu etwas Erträglichem. So und so spreche ich nicht mehr, das und das nehme ich sofort zurück, zu diesem Thema sage ich nichts, ich habe es schon totgesprochen mit meinen Meinungen und Entschuldigungen und Widersprüchen und meinem unerträglichen Domänenhalbwissen, das sich so gut gefällt.
Ich kann sagen: Handtücher und trockene Erdkrümel und knarrende Bretter. Das muß man sich nur vorstellen, daraus ziehe ich keinen Vorteil, und man kann mir keine Absichten unterstellen. Ich kann nicht sagen: In der Welt verhält es sich doch so und so, und die Zukunft wird dies und das bringen. Schrecken und Schrecken der Behauptung, schrecklich, wie sie mit dem anderen Palaver einen Diskus formt und Handlung hervorbringt und das boshaft freundliche Gefüge des Sozialen. –

January 12, 2012 23:55 | Comments Off



Ok, dann lasst uns eben doch über Wulff sprechen. Bitte Geduld. Trivialitäten vom Tisch: Diese Affaire ist keine Amigo-Affaire. Es ist nicht so, daß in der weitgehend ehrlichen Welt der Politik ein unehrlicher Politiker entdeckt wurde von der vierten Gewalt. Über solche Erzählungen sind wir weit hinaus. Es geht auch nicht um einen Zensurversuch. Das Bundespräsidialamt hat meines Wissens kaum auf Springer anwendbare Drangsale im Arsenal. Weder formell noch de facto.

Es geht bei dieser Sache um die Ermittlung einer Antwort auf die Frage, wen man für blöd verkaufen kann und wen nicht, und um das Guttenbergtrauma.

Wulff also: Da ist einer Ministerpräsident gewesen, und das hat ihm Vorteile gebracht. Wie das so ist mit der Macht: Man hat einflussreiche Freunde, Sachen werden einfacher. Das ist die Macht. Weil das so natürlich ist, trennt das Konzept Korruption erlaubte Einflußnahme von unerlaubter: Es formuliert, wann eine Gefälligkeit aktiv zurückgewiesen werden muß. Das zu können, ist Teil der Eignung für ein öffentliches Amt. Wer es nicht schafft, ist ungeeignet für das Amt, weil auf ihn mehr Einfluss genommen wird, als es die Aufgabe verträgt. Er muß, wenn sich herausstellt, daß er sich der Nettigkeiten nicht mehr erwehren kann, fortan etwas anderes machen. So weit, so gut, aber natürlich ist es so einfach nicht. Nicht nur gibt es einen breiten unscharfen Rand dessen, was in Ordnung ist und was nicht — wenn man sich nun einmal anfreundet mit reichen Leuten, wie es geschieht: Soll man auf Übernachtungsentgelt bei Besuchen bestehen? Und wie wäre es bei normalwohlhabenden Leuten? Dürfte man bei Studenten noch Gast sein? Schlimmer: Tatsächliche Einflußnahme ist eben schwer zu messen.

Man ist deswegen in der informierten Öffentlichkeit stillschweigend dazu übergegangen, das Ammenmärchen vom redlichen, unverstrickten Politiker durch eine realistischere Idee vom Mächtigen zu ersetzen: Wir wissen alle genug darüber, wie Macht auch in der Demokratie funktioniert, um uns nichts vorzumachen.

Neben der informierten Öffentlichkeit gibt es aber noch die Leserschaft der BILD. Die glaubt das Ammenmärchen vom redlichen Politiker erst recht nicht, ist aber laut tönend dazu übergegangen, so zu tun als glaube sie es, um ab und zu einen Mächtigen fallen zu sehen, was bekanntlich ergötzlich ist.

In dieser Aufteilung der Öffentlichkeit lebte es sich lange kommod. Dann passierte der Fall Guttenberg. Die BILD hatte sich entschlossen, diesen Mächtigen auf keinen Fall fallen zu sehen, und er fiel doch. Das lag daran, daß die informierte Öffentlichkeit zwar aus einer Reisemücke hier und da keinen Skandalelefanten macht und Macht in ihrer unvermeidlichen Verstrickung akzeptiert — aber akademischen Betrug eben nicht. Und das liegt daran, daß sie in Deutschland aus einer weitgehend stillen Schicht akademisch ausgebildeter, ziemlich kluger Menschen besteht. Die ertragen die natürliche Dreistigkeit der Macht, weil sie einsehen, daß sie regiert werden müssen; sie ertragen nicht, wenn die Macht das wichtigste Element ihres Selbstwertgefühls und ihrer Lebensfreude — Bildung — mit Füßen tritt und so tut, als ließe sich Bildung simulieren und ergaunern wie sich politische Glaubwürdigkeit simulieren und ergaunern lässt. Es war deutlich zu bemerken, wie Guttenberg und die BILD-Leute einfach gar nicht verstehen konnten, auf welche Mine sie da getreten waren. Sonst war doch so schön Stille, die Akademiker hörte man höchstens mal quietschen, wenn man ein Institut schloß oder ein Theater?

Aber da waren sie plötzlich, ganz nah, und hatten ihn am Schlips: We teach your kids, we save your lives, we do your research and write your newspapers, we actually manage your economy, we are the viewers that arte and 3sat supposedly do not have, we invent the stuff you make money with. Do not. fuck. with us.

Bitte weiterhin nur mit BILD-Lesern rumfucken. Wir wollen ein anständiges Leben, das wir normalerweise bekommen in diesem Land, und ab und zu ins Konzert — und daß man uns nichts vom Pferd über das Schreiben von Doktorarbeiten erzählt. Ein paar unserer Freunde haben das nämlich tatsächlich gemacht, und nicht weil es schick war, sondern weil es sie interessiert hat, unter ernstzunehmenden persönlichen Opfern. Und jetzt raus.

Großes Kopfkratzen, denke ich mir, bei Springer. Was war denn da jetzt passiert? Eine Schlacht verloren gegen einen Gegner, den man schon vergessen hatte, weil man politisch mit dem bürgerlichen Lager lange verbündet war und es normalerweise auch einfach nur seine Ruhe wollte und BILD machen ließ. Die Annahme, daß man zynisch geworden sei im Bürgertum ist aber nicht wahr. Mitnichten. Illusionslos, aber das ist etwas anderes.

Und dann, ein Gottesgeschenk: Die Sache mit der Mailbox. Eine absolute B-Affaire, vollkommen im Rahmen dessen, was in der allgemeinen Illusionslosigkeit toleriert wird, ließ sich zu einer Medienaffaire, einem Zensurversuch gar, aufblasen. Doppelter Gewinn: Die übliche “Politiker sind alle Schweine”-Nummer für die Stammleserschaft, und die Akademiker zurück- und dazuholen mit etwas, das ihnen doch so sehr am Herzen liegt: Der heiligen Pressefreiheit.

Wie es mit Wulff ausgeht, ist egal. Der Mann hat kein Format, er ist so uninteressant wie die traurige Behausung, die er sich mit seinem etwas zu billigen Kredit da gebaut haben wird. Er taugt nicht zum Exempel gegen eine allgemeine Verkommenheit in der Politik. Er ist nur die übliche, nicht ganz saubere, aber auch nicht aufregend dreckige, Politfigur. BILD dagegen verkalkuliert sich schon wieder, wenn ich mich nicht irre. Der Friede mit dem bürgerlichen Lager ist gekündigt, nicht einmal der WELT-Mob, der reaktionäre Kern der gebildeten Demographie, verzeiht die Guttenberg-Katastrophe. Pressefreiheit mein Arsch, Kretins.

[Der Tonfall der Bescheidwisserei übrigens: Schon klar. Ich betrachte das aber als Defensivmaßnahme gegen die ja überall aufgefahrenen Beflissenheitsgroßgeschütze: Würde des Amtes? Im Ernst?]

January 12, 2012 19:45 | Comments Off



Buchau dagegen, die kleine Stadt am Federsee, an dessen lange verlandetem Nordende mein Heimatdorf liegt, macht weiter alles richtig. Als ich erfuhr, daß der Federseesteg neu gebaut werden würde, befürchtete ich schon das Schlimmste, nichts davon ist eingetreten: Der neue Steg ist wie der alte, etwas länger auf der Buchauer Seite, sonst sogar zurückhaltender. Man kann nirgendwo Eis, Porzellanenten, Krüge oder “I heart irgendwelchen Scheißdreck”-Teddybären kaufen. Das Museum sitzt immer noch still und schwarz im Moor, davor machen die Enten Krach.

Der Steg führt hinaus auf diese Fläche, den reglosen Rest des Sees, umgeben von Ried, Moor und den Hügeln, die ihn früher begrenzt haben und auf denen im Sommer das Korn einen heißen Wind kämmt. Tiefster Punkt. Windstille. Trockenes Schilf. Dunkelheit, Federhimmel. Ein sehr, sehr teilnahmsloser Schwan. Paddel, gleit, paddel. Paddel.

December 27, 2011 17:38 | Comments Off



Diesmal, in der unsentimentalen Düsterstimmung, die mich beim Anblick des winterlichen Biberach jedes Jahr unfehlbar befällt, fiel mir die Besonderheit der Biberacher Architektur besonders auf. Warum, weiß ich nicht, vielleicht, weil die Neuerungen eine kritische Masse erreicht haben seit dem Ende meiner Schulzeit, oder weil das Jahr der großen Schnellreiserei, das hinter mir liegt, mich mit einer zweifelhaften Gewohnheit des eiligen Aburteilens vorgefundener Architektur- und Stadtstrukturen ausgestattet hat. Jedenfalls bemerkte ich die Stahlbleche und Stahlstangen, die aus den Fachwerkhäusern wie den Neubauten unterschiedslos in alle Richtungen hinausragen, über die gepflasterten Biberacher Plätze hinaus, die in der Sonne glänzenden Glasflächen, Stangengestelle, Vordächer, Blechgaupen und Edelstahlkonstruktionen, die überall vor- und zwischengehängt werden in dieser Stadt. Mit diesem Edelstahlbarock einher geht eine typographische Vorliebe der von den Biberachern unentwegt neu beauftragten Biberacher Werbeagenturen für Groteskschriften und geometrische Logos; überall sind an die Wände Kreise (Optiker), Ecken (Hörakustiker) und Us (Cafes) mit Laserpinseln angebracht, bisschen groteske Auszeichnungsschrift links, bisschen rechts. Nur der Optiker Rach rückt nicht ab von seinem schmiedeeisernen Brillengestell, und die Schwäbische Zeitung hat nach etwas mehr als einem Jahrzehnt in einer scheußlichen Verdana-Livree immerhin zu Papierschriften zurückgefunden.

Dieser barocke Kult eines sogenannten “Modernen”, das in Biberach immer noch in der Zukunft vermutet wird und nicht 80 Jahre zurück in der Geschichte, ist wohl direktes Produkt eines Provinzkomplexes — eben nicht “Laptop und Lederhosen” wie auf der anderen Seite der A7, sondern die ganze Zeit nur Laptopgeschwenk zum Beweis der Anschlußfähigkeit an den Rest der Welt: Die tatsächlich wichtig ist für das lokale Erfolgsmodell, bei dem es sich ja um den deutschen “producer’s goods”-Maschinenbau handelt, von dem in der Wirtschaftspresse immer zu lesen ist.

Leider ist die daraus entstehende Architektur so dämlich, daß man den Wunsch kaum unterdrücken kann, mit einer hübschen liebherrgelben Planierraupe den ganzen Blechtand mitsamt dem Fachwerk, an den er angehängt ist, gemütlich plattzufahren, daß es allenthalben scheppert, und die Stadt, wenn sie schon dem Fachwerk, auf das sie heimlich stolz ist, nach vorne nicht traut, in ungeflickt — und dann wirklich neu — noch einmal aufzubauen. Geld wäre da.

Besonders schlimm hat es das Wieland-Gymnasium erwischt, einst von einem richtigen Architekten im Zeitgeschmack der 60er erbaut: In den großzügigen, herrlich dunklen und kühlen Nordhof zwischen Aula und Haupttrakt, in dem zwischen zwei Eiben eine raue Granitvariante des Rodinschen Denkers saß, hat die Biberacher Verbesserungswut zwei Hubschrauberladungen Blech, Edelstahlstangen und Glasscheiben geschüttet, direkt auf den offenen Wandelgang zur Aula, die man jetzt in quasi dauerhaft erstarrtem Entsetzen beim Versuch beobachten kann, sich vor dem indiskreten massigen Blechhaufen zum Stadtbach hin wegzulehnen oder gleich davonzulaufen und sich einer Schule anzuschließen, die nicht von einem Rudel Barockmodernisten mit Hubschraubern und Blechflatrate verbessert worden ist.

December 27, 2011 16:45 | Comments Off



Vorgestern das Römisch-Provinzielle des frühen Dezembermittags: Schwarze, kalte, nasse Erde, von Maulwürfen in Flecken aufgegraben, Weinberge, kahle Büsche in Krautgrau, Spiegel & Stein. Die nördlichste Provinz Roms, die Grenze der Zivilisation.

December 23, 2011 16:45 | Comments Off



Ich habe immer noch nicht genau heraus, was ich da gesehen habe. Da hülfe nur die ganz große Theoriesäge, aber man will sich ja nicht jedesmal an schwerem Gerät verheben. Es ist wohl ungefähr so gewesen: Es war ein Film mit einem Gestiefelten Kater, der in einer Art Mexiko, das Spanien hieß, mit einem Latino-Akzent und Humpty Dumpty auszog, um aus dem Haus des Riesen vermittelst der Zauberbohnen eine Goldene Gans zu stehlen, die sich aber als Küken entpuppte, das goldene Eier legte, und von einer ungeheuren Godzilla-Gänsemutter bewacht wurde. In 3D. Die Protagonisten tanzten meist, wenn sie nicht irgendwo herunterrutschten.

Nun ist das durchaus das, was Dreamworks tut, schließlich sind das Renderfilme. Die Technik heißt Korpuswriting und ist bei computergenerierten Filmen nicht unüblich: Ein Straytracer wählt aus einer Korpusbibliothek von Figuren und Filmen Plotelemente und Charaktere aus, verknüpft in einem Prozess namens Meshing die Scharnierstücke der Plots und substituiert die Figuren. Der fertig belichtete Film wird superhochfrequent mit von Forencrawlern gesammelten kulturellen Referenzen beschossen, bis der vom Studio gewünschte Sättigungsgrad erreicht ist. Im letzten Schritt ziehen Arbeiter in chinesischen Postprocessing-Sweatshops manuell die linken Augenbrauen aller vorkommenden Tiere hoch. Nicht nur für diese nie in den Credits genannten Menschen, die das Rückgrat der Industrie bilden, ist so ein Film hart, auch für die Schauspieler ist der Prozess ruinös — die haben Knebelverträge mit den Studios und dürfen kein Drehbuch ablehnen.

Die große Millionen-Dollar-Eklektoreferenzverdübelmaschine Dreamworks hat sich im “Gestiefelten Kater” aber selbst übertroffen und dreht so dermaßen frei, daß das Ergebnis nichts weniger als erstaunlich und hochgradig gegenwärtig ist, ein einziges Monument für die goldenen Tage des Handels mit Kulturderivaten, hochkomplexen Produkten, in denen Fragmente aller Güteklassen neu gebundelt, mit einem 3D-Tag versehen und an ahnungslose Europäer zurückverkauft werden: Das geht nur genau jetzt, das ergibt nur mit den Regeln, wie sie genau jetzt gelten, irgendwelchen Sinn. Wenn die Musik aufhört zu spielen, sollte besser keiner mehr mit einem Märchenbuch erwischt werden. Was für ein Wahnsinn, daß man so einen Film parsen kann, doppelt und polarisiert projiziert, vollständig aus Filmgeschichte und Slapstick zusammengewürfelt. Wahnsinn.

December 20, 2011 23:16 | Comments Off



Das ist jetzt die Zeit, in der wir alle hineingeschluckt sind in die große Maschine, darum ist es so still, darum hört man unsere Stimmen nicht oder nurmehr verzerrt durch die Machtgefüge, mit denen wir jetzt in Berührung sind, die wir aber noch nicht kontrollieren. Das ist jetzt ein bisschen einsam und hart. Das dauert jetzt noch ein paar Jahre. Dann kommen wir heraus auf der anderen Seite der Maschine, als Abfall oder Produkt. Dabeibleiben, Leute. Nicht aufhören, Musik zu hören.

* * *

Der Reisegraph der letzten Jahre: Schwach leuchtende Knoten. Helsinki. Was habe ich allein in diesem halbdunklen Helsinki getrieben, zweimal? Ich blieb an sieben Meter hohen Schneehaufen stehen, gewiß, ich ging eine Straße hinunter zwischen nicht sehr hohen Häusern, hinauf und hinunter, bis es nicht mehr weiterging (so hatte ich mir das vorgenommen), gewiß. Ich suchte ein Klo in einem Supermarkt, eher einer Art rosa Discount-Riesendrogerie, und fand eins in einer notdürftig auf Starbucksheimeligkeit tapezierten Kaffee-Ecke, gewiß. Ich sah drei schwach leuchtende Glühbirnen in einer Installation hinter einer Schaufensterscheibe am Hafen, gewiß. Was habe ich in Helsinki gemacht?

* * *

Überlagerung der Geste jugendlicher Nichtarriviertheit mit formalen Organisationsmustern: Die Struktur Büro am Rosenthaler Platz, die den Lebensentwurf Funktionär und Rockstar ermöglichen soll.

December 4, 2011 20:50 | Comments Off



Legt mich auf die Seite und zieht mir das Kleid aus — wimmerte Marietta.
Als Frau Cimarelli ihr das Kleid herunterzog, strömte das Blut aus vierzehn Wunden, und Mutter Assunta sah gleich, daß die Eingeweide herausquollen. Da fiel sie in Ohnmacht.

Der Arzt! Der Arzt! — Die Polizei! Die Polizei! … Rufe gaben diese Rufe weiter. Vom Schloß des Grafen aus wurde die Polizei in Nettuno und eine nähere Polizeistelle erreicht. Über die sonst so still dahinziehende Straße jagten jetzt Räder und Wagen. Und die sonst so verschlafene Moorlandschaft sah die Nachbarn und die Nachbarn der Nachbarn und die Siedler von den weiteren Orten über sie hinwegstürmen.
Mutter Assunta erwachte aus ihrer Ohnmacht, weil sie leise ihren Namen hörte. Marietta rief nach ihr. Mutter Assunta erhob sich und beugte sich über ihr verblutendes Kind.
Aus dem wachsbleichen Gesicht sahen die flehenden dunklen Augen sie an:
Mamma!
Wer hat dir das angetan, Herzenskind?
Alessandro wollte… wollte mich zur Sünde verführen… ich habe nicht gewollt… und nun hat er mich umgebracht.

Elisabeth von Schmidt-Pauli, Die Heilige und ihr Mörder, Kevelaer 1952. Meine Ausgabe 1960, 15.-18. Tausend.

December 4, 2011 16:13 | Comments Off



Ecos Friedhof in Prag ist natürlich ein großer Spaß: Das Neunzehnte Jahrhundert erscheint fern darin, als eine vorrationale Zeit (die das Mittelalter bei Eco eben nicht ist) bestehend aus nichts als Eitelkeit, Dummheit und Bosheit. Plausibel: Dieses dunkle Paris der ambitionierten Spione, Bettler, Salons, Zeitungsbesitzer und Kanalbauunternehmer ist schließlich die Welt des Romans schlechthin.

Was leicht zu übersehen ist: Das ist so lange nicht her. Der Roman endet 1898. Eco ist Jahrgang 1932. Sein Lektüre-Abstand zu dieser Welt entspricht in etwa unserem zu den vierziger und fünfziger Jahren. Möglicherweise weiß Eco auch einfach nur sehr gut Bescheid über die Welt am Westrand seines Lebenszeithorizonts.

December 4, 2011 15:40 | Comments Off



Der Moment mit den Erdbeeren und der frischen Milch, und dem Versprechen, sich an den Moment zu erinnern: Die geschlossenen Vorhänge, hell auf der sonnenbeschienenen Außenseite, hellrot innen (erstes OG), der Fernseher auf einem rollbaren Gestell, die leeren Plätze (denn nur die Katholiken sind anwesend), die weißen Tischflächen, Mappen schon gepackt für den Weg zum Bus. Streifen von Licht.

December 2, 2011 23:40 | Comments Off



Ähnliche Situation im Frühjahr: Ich überquerte den Bodensee mit dem Katamaran, auf die in die Silhouetten von Konstanz hineinsinkende Sonne zu, über eine Fläche so glatt, daß nur selten ein abgerissener Gischtfetzen heraufsprang und mich traf, mich und zwei alte Radlerinnen in roten Sportjacken. Schweizerkreuzbeflaggte Boote drehten bei an unsrer Bahn, nur ein paar Unvorsichtige kreuzten den Kurs des leicht zu unterschätzenden Katamarans in letzter Sekunde, und von oben hätte es aussehen müssen, als spritzten die hellen Segel vor der hinsausenden Schnellfähre auseinander auf dem tiefblau überspiegelten Grund. Links lagen die Häuser am Hang in der Juniabendsonne; auf den Terrassen vermutete ich Menschen, die mich sahen, mit wehenden Haaren und wehender Jacke, in den Fahrtwind hineingestellt. Das Sonderbarste überhaupt, dachte ich, ist unsere Unfähigkeit, diesen verrückt hochschäumenden Reichtum zu bemerken, weil wir uns von ihm ausgeschlossen fühlen und weil wir glauben, uns seiner aus sozialdemokratischem Reflex schämen zu müssen, und wie wir beides zugleich fertigbringen. Der Katamaran dämpfte sein Ungestüm, und Imperia wandte sich mir zu, acht Meter Bein aus zehn Metern Betonkleidschlitz mir anbietend.

November 29, 2011 0:40 | Comments Off



Ich zog den Schal enger und öffnete den Mantel
schritt hinein in die Nacht und den Friedrichshain
ich hob eine Hand und mit ihr erhob sich im Wirbelwind
Eichenlaub in der Farbe meines Gewands
und stob mir in zwei Zyklonen voraus
dem Fürsten, zu Fuß unterwegs in der Nacht
Ah! Mein Hochmut, wollen wir Freunde bleiben?
ich, Patriarch ohne Haus
Fürst ohne Fürstentum, Produkt Europas,
Du, meine Überzeugung, daß man schamlos einhergehen kann
nicht aus Mangel an Scham
sondern aus Mangel an Gründen?

[mir scheint ich habe getrunken]

November 28, 2011 1:24 | Comments Off



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the snow abides