Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ein Garten auf einer Hochterrasse, unter der semitransluzenten Kuppel, seidene Facetten in rosa, lachs und orange; die niedrig stehende Sonne gedämpft genug für eine lange Betrachtung mit bloßem Auge, sirrender Ameisentanzfleck monochromatischer Photonen. Purpurbeton, Nadelpflanzen, ein Geländer, in der Ferne der Kuppelschnitt durch einen bewaldeten Hügel.

Link | 11. Februar 2017, 22 Uhr 31 | Kommentare (0)


Es sah aus, wie es eben aussieht in seit Jahren brach liegenden Büroflächen: Am Teppichboden war zu erkennen, wo die Tische gestanden und die ungeschickten Kaffeetrinker gesessen hatten, Kabel hingen aus Schächten und quollen aus Bodentanks, Uhren waren an den Wänden irgendwann stehen geblieben. Eine große Hängeregistratur, zu groß und altmodisch, um noch einmal umgezogen zu werden, füllte eine Ecke des riesigen Raums, der nach Staub roch und in dem nichts mobiles mehr zu sehen war als ein einzelner lehnenloser Bürodrehstuhl mit schadhaftem Polster, auf dem ein leerer Aktenordner lag.

Es gab sechs von diesen Stockwerken, alle mehr oder weniger in diesem Zustand bislang. Mein Gastgeber, der das Haus vor nicht allzulanger gekauft hatte, hielt die Tür in die traurig beleuchtete Damentoilette auf.
Er ist zwei Jahre jünger als ich, hat die übliche McKinsey-dann-VC-Karriere hinter sich und spielt eine halbironische Herrenmenschenrolle: Blondhaar im 20er-Jahre-Scheitelschnitt, aufrechte Körperhaltung, Eisblick, adliger Nachname (und „Waldo“ vorn) — die schwarze Totenkopf-Uniform muß man sich dazudenken, sonst nicht viel. Seine Mitarbeiter hatten genug Angst vor ihm, um die Stirn in Falten zu legen und einen besorgten Blick in seine Richtung zu werfen, wenn ich etwas äußerte, was ihm mißfallen würde — nicht daß ich sie dabei erwischt hätte, es war nur eine Stimmung im Raum, als würden sie so etwas tun.

Das Haus bestand aus zwei Türmen und einem gemeinsamen Foyer. Im linken, schon sanierten, waren die Büros von Fonds und Familie eingerichtet, im rechten sollten kleinere Flächen für Portfoliofirmen entstehen. Aus dem ersten Stockwerk jedes der Türme erreichte man über eine geschwungene, großzügig flache Freitreppe das Foyer, das unregelmäßig mit grün irisierenden Granitplatten ausgelegt und mit farbigem Glas dekoriert war: erstklassige, menschenleer unter den Leuchtern liegende DDR-Moderne.
Eine Behörde war es einmal gewesen, am Rand von Berlin, umgeben von Wiesen schon und einem Parkplatz mit verbogener Schranke, zwei Bagger darauf, die lange nicht bewegt worden waren. In den Büros des Fonds, in denen wir über Zahlen und Aussichten sprachen: teure Hölzer, gut geplantes Licht, Haustechnik von Busch-Jäger, Sofas, Kunst, Sauberkeit: Das unverkennbare Profil von beiläufig hohe Standards haltendem Geld.

Ein geselliger Teil — sag Waldo bitte — folgte. Hinter einer Doppeltür unter blauen und roten Glassteinen führte aus dem Foyer ein abschüssiger Tunnel in die Erde hinein, halbrund, breit genug für sechs oder sieben Leute; unregelmäßig, mit gebrochenem weißem Kalkstein verkleidet (oder aus Kalkstein herausgeschlagen?) auch auf dem Fußboden, so daß man achtgeben musste, nicht zu stolpern. Hell erleuchtet von gleißenden LED-Paneelen. Zweihundert Schritte vielleicht ging es schnurgerade abwärts, dann kam ein Gelenk, und man ging denselben Weg, mit demselben Gefälle, in Gegenrichtung zurück und weiter abwärts, wohl bis unter das Haus. Dort lag: Eine weite Halle, Restaurant oder Kantine, und, einen halben Meter tiefer gesetzt: Barbereich, flache Sessel, blau funkelnde Drinks im Halbdunkel, ein Ladytron-Song, die besorgten unsichtbaren Blicke seiner Entourage. Eines Tages würde hier ein Vertrag liegen unter einem Füllfederhalter. Ich war mir nicht sicher, aber sicher ist man sich ja nie.

Link | 15. Januar 2017, 17 Uhr 47 | Kommentare (3)


Ich hatte diese Vorstellung von sakralen, aber nicht religiösen Orten, die über Licht, Geräusch und extrem reduzierte Oberflächen funktionieren sollten; Plätze, an denen ein sehr einfacher Vorgang — Licht auf mattem dunklem Metall bei völliger Stille, oder das Knacken in einem schmelzenden Block Eis, oder tosend fallendes Wasser — für einen einzeln und für längere Dauer eintretenden Menschen freigestellt und soweit verstärkt würde, daß eine unheimliche Begegnung mit dem irrationalen nur-sinnlichen Untergrund passieren müsste. Und daß die Verstörung und Erregung, die bei einem solchen Herausgelöstwerden aus dem Reich der vernünftigen Zwecke entstünde, eine Bataille-Herzog-Erfahrung, wiederholbar wäre und einen dann ein anderer sein ließe bei der Rückkehr in die Welt, gefährlicher und gefährdeter und wilder der eigenen Gier ausgesetzt. Und daß eine Praxis enstünde, eine kitsch-, esoterik- und religionsfreie sakrale Praxis nüchterner Stadtbewohner der Gegenwart.

Der Kunstdiskurs lässt diese Vorstellung nicht gelten; er sagt: Das genau ist Kunst, und wirkt eben nicht, alles schon dagewesen, alles bekannt, alles erschöpft in gescheiter Abgeklärtheit.

Ich finde schwer zu entscheiden, ob ich Recht hatte oder der Kunstdiskurs (den ich verabscheue und lächerlich finde und dem ich unterstelle, seine Unempfindlichkeit aus den schlechtesten Gründen, nämlich solchen des sozialen Wettbewerbs, zu behaupten und zu kultivieren).

Link | 15. Januar 2017, 0 Uhr 57 | Kommentare (1)


Für den Abend vor Weihnachten hatte sich der Kamin dann doch ein striktes Politikverbot verordnet, und wir hielten uns daran, den Ereignissen trotzend.

Gegenstand des Gesprächs war die vita activa, die wir alle, auf die eine oder andere Art und Weise, als Technologen oder Publizisten, leben, und unsere jeweiligen Varianten der Sehnsucht nach einer wenigstens zeitweisen Abkopplung vom flirrenden Nexus der Geschichtswirksamkeit.

Verschiedene Häuser wurden erwähnt: Vicco von Bülows Haus in Ammerland, das D. aus einem Fernsehportrait kannte und das ihn beeindruckt hatte mit einem Arbeitsplatz zum Garten hinaus, Childwickbury Manor, natürlich das Forsthaus und Bargfeld, wohin ich schon Fahrten unternommen hatte. Ein unbestimmtes Hotel zwischen einzelnen dunklen, kargen Tannen in der Schweiz, das vielleicht nicht existierte. Ardor. Das Simon-Haus.

Wir selbst seien, so F., sich selbst durfte er ausnehmen, eine unbehauste Generation, wir kämen nicht zum Bauen: Das Studentenleben setze sich für uns immer fort mit derselben fiebrigen Intensität; einer uns ganz verschlingenden Aufmerksamkeit für die Sache, die übrigens auch das Verbleiben in der Stadt erfordere — ein Zimmer mit Parkett mehr sei alles, womit wir zu rechnen hätten im Falle des Erfolgs im kommenden Lebensjahrzehnt.

Ich steuerte eine reglose Erinnerung bei an eine lange Umarmung an einem Küchenfenster, das zu einem Mietshausgarten mit Obstbäumen und einer Wäschespindel hinausführte, an einem kalten Novembernachmittag; Laub war zusammengebracht worden um die Stämme der Bäume, zum Schutz ihrer Wurzeln in diesem Bild der Wärme und der aufgehaltenen Zeit.

Link | 30. Dezember 2016, 1 Uhr 29 | Kommentare (1)


Ich zuppte links, rechts, an den Manschetten, stieß sie mit angewinkelten Handflächen unnötigerweise noch einmal aus den Ärmeln, fuhr mit drei Fingern durchs Haar und öffnete die Tür. Um das Feuer, das schon gesetzt und freundlich Luft durch den dunklen Raum zog, saß eine kleine Runde, F., E. D. und A. Sie schauten her und nickten und kehrten zurück zu ihrem Gespräch: Mein Auftritt vertraut, alles in Ordnung mit mir.

Ich schenkte mir ein Glas ein und setzte mich dazu, bewunderte, wie jede Woche, E.s Schuhe, wunderliche, aus höchstens zwei Stücken weichem Kunststoff in einer chinesischen Fabrik verklebte Gegenstände, 3-Euro-Kopien eines in Amerika üblichen, in seiner schwarzen Formlosigkeit immer leicht unheimlichen Schlüpfschuhmodells für Männer mit Büroberuf. Schon als Gymnasiast hatte er ausschließlich dieses Modell getragen.

Natürlich sprachen wir wieder über die Trump-Tweets, und die schwierige Lage der britischen Regierung, und darüber, ob Frankreich eine konservative, nichtselbstzerstörerische Alternative zum Front National gefunden haben könnte: Worüber soll man sonst sprechen, wenn selbst in unserem, durch historische Erfahrung eigentlich vorsichtig gewordenen Land der politische Ton wieder vorgegeben wird von pogromlustigen dauergekränkten Kleinbürgermassen, angeführt von Kriminellenexistenzen und mit Vertretern in den ersten Parlamenten.

Die Frage, die uns beschäftigte, war, ob es eine neue Zeitmauer sein könnte, vor der wir stehen, oder die alte, oder ob der Zeitmauerbegriff so untauglich geworden ist wie die Kategorie der Geistlosigkeit, auf die wir gern bestanden hätten; ob nicht die Zeit eine stabile Vortexform tatsächlich angenommen hatte inzwischen, in den zwanzig Jahren unseres Erwachsenendaseins: Eine Form, in der die Farcen sich immer schneller, bunt, aber folgenlos, abwechseln, Spektakel wie das, das wir jetzt verfolgen, oder das, das ihm voranging und jetzt kollabiert und das, soweit ich es sagen kann, davon handelte, überraschten Kleinstädtern einzureden, daß ihre hergebrachte Art, nach Geschlechtern getrennt aufs Klo zu gehen, fortan eine schwere moralische Verfehlung sei.

Ich nahm meinen Mantel um kurz nach 11 entgegen. In Berlin fürchtet man, wenn man aus einem angenehmen Raum kommt und gut gegessen hat, eigentlich immer, daß vor der Tür inzwischen eine Logowand aufgebaut wurde, vor der man sich mit zwei Nackten für eine Vodkamarke photographieren lassen soll, und darum zögerte ich, mit der Hand schon auf der glaskalten Klinke, für einen Moment. Natürlich war das Unsinn; draußen war nichts als die Treppe, und dann die Novembernacht.

Link | 18. Dezember 2016, 16 Uhr 06


Ich bin nicht so autark, und auch nicht so stabil in mir, ich bin kein Monomane. Ich brauche das Gefühl, gebraucht zu werden. Ich will verstehen, zu wem ich gehöre, und wessen Sprachrohr ich bin. Und da fühle ich mich einerseits verwandt und verpflichtet einer bestimmten Intelligenz gegenüber, die in diesem Lande sozusagen die kulturtragende Intelligenz ist, aber auf der anderen Seite auch den Menschen, die ein natürliches unverdorbenes Verhältnis zu sich selbst und der Welt haben, und das sehe ich überall.

Edgar Reitz sagt das in der Dokumentation zur Herstellung von Heimat 3. Als ich diesen Satz vor einigen Jahren, in einem ICE-Zug, einer Zufallsbekanntschaft zitiert habe, Edgar Reitz möglicherweise noch ein schweigend und unaufgeregt in den Mund gelegt habe, und draußen die Tropfen schräg über die Scheiben sausten, irgendwo nördlich von Nürnberg, wäre er mir dieser Mann aus Würzburg, ein Unternehmer, wie er sagte, randlose Brille und dunkelroter Kaschmirpullover, fünfzehn Jahre älter vielleicht als ich, beinah um den Hals gefallen. Er gab mir statt dessen nur die Hand zum Abschied und bedankte sich, und wir hatten wohl beide einen kurzen Heimatmoment.

Link | 22. Oktober 2016, 3 Uhr 47


Es ist dunkel; irgendwo hinter dir ist eine Wand aus Beton, rau und kalt und wurmig. Ein blauer Strahl trifft dich, überstreicht Dich von unten her, über den Gürtel weg und über deine Brust und verliert dich am Schlüsselbein, und erlischt. Nah bei dir ein Lächeln und eine Gewissheit, ein Rock, ein trockener Geruch wie von Kuchen.

Link | 22. Oktober 2016, 0 Uhr 23


Die Tannenwälder standen schwarz in den Bergen, bleiern glänzten die Fensterscheiben, und der Himmel hing so tief und so dunkel herunter, als müsse eine tintige Flüssigkeit gleich herauslaufen aus ihm. Meine Schläfen schmerzten mich so unsäglich, daß ich mich niederlegen musste, und ich erinnere mich genau, daß, als das Aspirin, das Paul mir gegeben hatte, zu wirken begann, hinter meinen Lidern zwei seltsame, unheilvolle Flecken sich lauernd bewegten.

Es ist einer dieser parallelen Einbrüche von Dunkelheit und Schwäche bei Sebald: Das Sichniederlegenmüssen, den-Tag-verlieren an eine unheimliche Einheit einer unvorhersehbaren körperlichen Gebrechlichkeit mit einer nur scheinbar unbeteiligten und äußeren Wetterstimmung. Sicherlich gibt es eine Lesart, in der dieses tintige Körperwetter aus Geschichte entsteht, wenn sie sich verdichtet, aber zugleich darf man diese Passagen unmittelbar lesen, als Beschreibungen einer spukhaften Erfahrung von Alter, die man früh macht.

Link | 19. Juli 2016, 23 Uhr 37


Über der fernen Ziggurat bewegen sich die Vögel in zwei entgegengesetzten Spiralen, und davor: Wind und rissige Trockenheit in salziger Sonne. Du tastest nach dem Beutel mit den Malachiten. Für einen Moment, als Du stehenbleibst, wirkt die Szene unbewegt, dann setzen sich die Spiralen wieder in Bewegung.

Link | 10. Juli 2016, 23 Uhr 26


Wenn man nachts auf eine Insel zurudert, verschieben sich die Farben. Der Nachthimmel wird blauer und heller gegen das reglose Öl der Oberfläche. Wo sie aufgerissen wird von den Ruderbättern, taucht das Nachtblau in Wirbeln in den Spiegel hinein und zerstiebt in der Tiefe. Die Insel ist nur eine Kristallisation auf der glatten Grenze, eine sich ausbreitende Störung des Horizonts, und ein Licht in einem Fenster: Dort oben, in der Enge des Raums unter dem Dach, liegen die Bücher, die von der Weite handeln, von einem Boot unter dem reichen Himmel.

[Natürlich wird es interessanter, wenn man noch einen Prinzen und einen Dolch erfindet]

Link | 5. Juli 2016, 23 Uhr 06 | Kommentare (1)


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Signs by the wayside, leading to nowhere.