Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Es gelingt mir nicht, mich aufzuregen. Es gelingt mir nicht.

Die Volksbühne ist demontiert, OST verschwunden und das Räuberrad und Sophie Rois, die „Parole“ singt – und natürlich war die Volksbühne mein Theater, wegen Marthaler, wegen Pollesch, wegen Castorf, und viel öfter noch als ich dort Theater gesehen habe, habe ich Musik gehört, Current 93 immer wieder, Anthony and the Johnsons, die Tindersticks, an Abenden irre blauflimmernder Intensität. Die Volksbühne war wichtig. Ich hatte immer alle Liebe und alle Angst dabei dort, aber mehr Liebe.

Aber wie seltsam wäre es, wenn die Zeit sie weiter verschont hätte.

In Leipzig kann man zum WGT, ich glaube jedes Jahr, eine Ausstellung zur Beobachtung der Gruftszene durch die DDR-Staatssicherheit sehen. Es ist ein fröhlich-grusliges Vergnügen, einer untergegangenen Geheimpolizei über die Schulter zu schauen, wie sie in berückender Befremdung versucht herauszufinden, ob Jugendliche wirklich Tote ausgraben auf den Friedhöfen der DDR, und ob das Hören der Gruppe „The Cure (engl. Das Heilmittel)“ politisch neutral zu bewerten ist, und ob das eine oder andere die Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bedroht.

Was man dabei auch noch einmal vorgeführt bekommt: Wie ernst die DDR die Sphäre des Symbolischen zu nehmen in der Lage war. Man versteht das nicht gleich als Westler: Das Symbolische lief nicht zum Eigentlichen parallel in der DDR, wie das in der Bundesrepublik der Fall war und in der Berliner Republik der Fall ist, das Symbolische war das Eigentliche. Eine Störung der symbolischen Ordnung durch eine unverständliche, nicht anschlußfähige Jugendkultur war ernst, weil dieser Staat fortwährend gedacht wurde und deswegen verstehen musste.

Der Berliner Republik ist selbstverständlich völlig egal, was in der Sphäre des Symbolischen geschieht: Sie kann sich darauf verlassen, daß ihre funktionierende Wirtschaft sie beieinanderhält. Solange der rechtsstaatliche Ausgleich der Interessen funktioniert, ist sie stabil. Was am Theater oder auf den Friedhöfen passiert, hat keine Relevanz. Ein Staat dagegen, der in permanenter Revolte gegen die Grundmechanismen des Wirtschaftens menschlichen Geist aufbringen musste, brauchte das Theater.

Daß so ein Theater, von der nachwirkenden titanischen Autorität von Heiner Müller konserviert, in die Berliner Republik bis ins Jahr 2017 hineinragen konnte als funktionierender Symbolreaktor erscheint mir im Nachhinein so unwahrscheinlich, daß ich kaum verstehen kann, wie das erst jetzt passiert: Daß die Wellen der weltläufigen Halbgescheitheit über der Volksbühne zusammenschlagen.

Nicht vergessen: Dies ist Berlin, die Stadt, die hartnäckig darauf besteht, ihren Sieg über einen Sozialismus, der sich friedlich wegdiskutieren ließ, mit der Errichtung eines Stahlbeton-Hohenzollernschlosses zu feiern, und die, als ihr schwante, wie weit sie den Kopf damit in der Arsch der eigenen Geschichte gesteckt hatte, als sozusagen besänftigende Strategie darauf verfiel, ihn innen mit echter Negerkunst zu dekorieren (Bredekamp verbrämen Sie) – jetzt, sagt die Stadt treudoof, ist doch wieder alles im Lot, Neger findet ihr Denkleute doch gut, und ihre tolle Kultur. Man kann es den Denkleuten einfach nicht recht machen.

Die Bundesrepublik hat Vorteile: Sie schießt nicht auf ihre Bürger und hetzt keine Nachbarn auf gegeneinander, und wenn einer The Cure (engl. Das Heilmittel) hören will, darf er das in Ruhe tun. Daß dieses Land Theater haben soll, in denen der Geist drinnen vom Ungeist draußen klar unterscheidbar wäre, finde ich viel verlangt. Die Sphäre des Symbolischen ist in dieser Gegenwart nun einmal: „Kunst“, korrekt beschrieben als ein dauerschlapper Versuch, Leute zu unterhalten, die schon viel gesehen haben und wollen, daß die Welt das weiß. Kunst ist unrockbar, und hat sich nun eben auch die Volksbühne geholt.

Mit anderen Worten: Er ist tot, ist tot, ist mi-ma-mause-tot. Kein Grund zur Aufregung, Kunst ist Mist und unaufhaltsam und ohne Alternative, wenn die Zeit gekommen ist.

Link | 11. August 2017, 21 Uhr 55 | Kommentare (0)


Mein Dasein als Geist: Meine Anwesenheit in einer HTC Vive-Welt ist durch und durch geisterhaft: Die Bewegung ohne Schritte, die Unberührbarkeit der Materie. Hier ist eine Bank, aber wenn ich mich auf sie setzen will, falle ich. Die Textur dieser Vase kann ich nicht spüren. Dieser NPC nimmt keine Notiz von mir, ich kann mich ihm nähern, näher als ich je einem fremden Menschen kommen könnte, Details seiner Kleidung betrachten, was er ungerührt geschehen lässt. Ich kann hinter ihm stehen, durch ihn hindurchfassen (ein kalter Hauch für ihn).

Alle VR-Umgebungen, die nicht vollkommen und eindeutig abstrakt gestaltet sind, sind so: die wesentliche, alles Inhaltliche überstrahlende Erfahrung ist die eigenen Geisterhaftigkeit. Als hätte die Gespensterliteratur vorhergesehen, wie es sein würde, körperlos diese Räume zu bespuken.

Zugleich ist VR körperlicher als klassische Spiele: Der Schrecken, plötzlich nah vor einer zwei Meter großen Figur in schwerer Rüstung zu stehen, ist wuchtiger als alles, was Spiele bisher erzeugen konnten. Begegnungen mit NPCs sind äußerst unangenehm, auch weil nie klar ist, welche Geisterregeln gerade gelten: Nimmt mich die Figur wahr? Bewegt sie sich? Kann sie mich verletzen, und wo ist ihre Kontaktoberfläche? Kann sie sich schnell bewegen, während ich nur einen Schritt machen kann in jede Richtung? Kann sie mehr als drei gescriptete Sätze sagen? Sagt sie vielleicht doch etwas Überraschendes, mit einem Lächeln, das verdächtig ungescriptet wirkt?

Ich bezweifle, ob je ein gutes Spiel mit nicht-abstrakter Grafik möglich sein wird, in dem der Spieler nicht ausdrücklich einen Geist spielt: VR, so scheint es, ist für abstrakte Lichtwelten und Spuksimulatoren. Und was wir den Ich-Spielfiguren in klassischen Spielen an Action zumuteten, ist zu viel in VR, terrorisiert unsere Körper, hält alle Fluchtimpulse daueraktiv. Das Spiel, auf das ich warte, nimmt mich ernst als Geist: Lässt mich rastlos forschen in weitverzweigten Höhlen und auf Brücken in menschenleeren Landschaften, nimmt ernst, daß ich mich verletzlich fühle in einem Körper, den ich nicht habe, und simuliert niemals optisch, was somatisch nicht zu simulieren ist: Abstürze, physische Gegenstände, NPC-Körper aus der Nähe. Zwei schwebende Augen in einer unberührbaren Welt, zwei Hände aus Rauch.

Link | 16. Juli 2017, 17 Uhr 34 | Kommentare (1)


Blick aus dem Flugzeug, Blick von den Mauern der Ruine ins Land. Fahrt zwischen den Städten, schläfrige Konzentration, gelbe Ortsnamen verschlungen von schwellenden Büschen, leere gepflasterte Plätze, Tafeln mit Gemeindewappen. Das Restaurant Hellas und drei geparkte Wagen in der Sonne. Geschlossene hölzerne Tore mit grünen Schuppen, zwei Katzen auf der Schwelle bei einem gußeisernen Stiefelabtreter.

Unmittelbarkeit und Unschuld: keine Unaufrichtigkeit in der Seele in einer dunklen Schöpfung. (Voraussetzung: eine Seele.)

Blick von den Mauern ins Land: Möglichkeit der Unschuld, Anschein des Friedens.

(Eine Burg aber wächst nicht von selbst auf den Felsen, sie muß dem Land abgetrotzt werden, den Feinden, und schwerer, den Eigenen und der Schwäche. Es vergeht leicht ein Leben über der Aufgabe.)

Link | 8. Juli 2017, 19 Uhr 43 | Kommentare (1)


Die verwüstete Landschaft: Die wichtigste Frage bleibt, ob die Kunst dem Vorankommen dient oder das Vorankommen der Kunst. Macht uns unsere Wachheit zu erfolgreicheren Teilnehmern an der Welt der Erwachsenen, oder nehmen wir an der Welt der Erwachsenen teil um der Freiräume willen, in denen wir uns dann mit der Kehrseite der Dinge befassen können?

Wir haben es uns nicht ausgesucht: Das obsessive Interesse am Irrationalen, an der Einlassung mit der Realität einschließlich der parts maudites: Das immer manische Empfinden des Wirklichen, die Versenkung, die Ehrlichkeit, die Souveränität, die Dunkelheit, die ewige Fremdheit in der Welt der Erwachsenen.

Kunst heißt dann: Apokalypse und die Diagnose der Verwüstung, eine gescheiterte Kultur. In der Welt der Erwachsenen gibt Hans Rosling TED-Talks, und wir wissen: Alles wird besser, fitter, happier, more productive, comfortable. Und wir wissen: Das alles ist wahr, wir werden nicht belogen. Und doch fühlen wir uns verloren in der verwüsteten Landschaft. Wir wissen: Der geborstene Beton und der verbogene Stahl unserer Träume sind Metaphern für einen empirisch nicht festzumachenden Zustand, die rottende Stadt. Unsere wirklichen, vollkommen unversehrten Gebäude glänzen und verbrennen lautlos in der Dauer der Verwüstung.

Die rattenfängerischen Narrative: Wir verabscheuen die Erzählungen, die den Leuten weismachen, sie kämen zu kurz, der Fortschritt schulde ihnen zusätzliche Rechte und vor allem Geld, ihre Herkunft schulde ihnen, ihre Ehrlichkeit begründe Ansprüche, ihre Schlichtheit, ihr Abitur, ihre Schwäche, ihre Tradition, ihre Hautfarbe. Wir fürchten diese Narrative, die konstruiert sind, um Gefolgschaften von Zukurzgekommenen zu sammeln, die jeden, der nicht teilnimmt an ihrem Marsch, mit dem Unterdrücker zu verwechseln bereit sind. Der Antikapitalismus der rattenfängerischen Erzählungen ist uns fremder als sogar das Kapital: Lieber verschwenden wir unsere Zeit mit Erfolg als uns dem Gejammer anzuschließen, oder, noch widerwärtiger, dem Gejammer im Namen dritter.

Die Erwachsenen haben in unserem Alter Bäuche und Bürstenhaarschnitte und führen in der Bahn Telefonate, in denen sie jüngeren Kollegen erklären, was man ertragen können muß. Wir gehören nicht nicht dazu als Jugendliche (es ist möglich, daß wir überhaupt nie Jugendliche waren, anders als die Erwachsenen), wir gehören nicht dazu: wie die Priester und die Irren.

Englands Hidden Reverse: Spätestens mit dem Erscheinen des Industrial-Untergrunds ist die Diagnose der Verwüstung kulturell festgemacht. Aber natürlich ist sie vorher da, bei Jünger auf jeden Fall, bei Bataille, bei Syberberg, bei Nietzsche.
David Tibet spricht in seinen frühen Tagen von der Verwüstung, von seiner Hoffnung, außerhalb des Westens Möglichkeiten zu finden, authentisch wahrzunehmen und am Leben zu sein – man vermutet: das ist der fühlbare Totpunkt Anfang der 1980er Jahre, der Moment, an dem die Moderne wirklich zum Stillstand kam, sich ausgelaufen hatte und nur eine Hülle aus Fortschrittspathos zurückließ, die kein denkender Mensch mehr ernst nehmen konnte. Tibets Weg nach Innen seither: Ist das nur sein persönliches Reifen oder eben doch die Konsequenz, der Weg, der in der verwüsteten Landschaft begehbar bleibt?

Das Bedürfnis, draußen zu sitzen und Windräder zu betrachten: Ist also das Bedürfnis, draußen zu sitzen und Windräder zu betrachten, bis die Sonne untergeht und die Erdbeeren aufgegessen sind, als Krankheit zu werten oder als Zweck der ganzen Lebensübung? Wie ist es mit dem Bahnhof von Antwerpen und dem Midland Hotel, die beide längst ersetzt sind durch entübelte, von ihrer infernalen Vergangenheit befreite, freundliche und bedeutungslose Versionen ihrer selbst: Wenn wir sie aufsuchen und ein Schwindel uns befällt, und wir die rußigen Ruinen erscheinen sehen hinter den Starbucks-Dekorationselementen: Sind wir beschädigte Wahrnehmer oder intakte?

Mit welcher Vergangenheit stehen wir in Verbindung? Ist es eine schamanische Tradition, eine Erinnerung an die Möglichkeiten der Aristokratie, oder das Trauma der Kriege? (Sind wir, mit anderen Worten, die letzten Traumatisierten, weil wir die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts kennengelernt haben und bei ihrer Wahrnehmung durch das Eis der politischen Mythen unserer Staaten – die vom Triumph des Fortschritts handeln – brachen?)

Genügt es uns, auf Konzerte zu gehen? Müssten wir nicht auch ein Haus im Wald besitzen, mit Büchern handeln? Nach Moskau verschwinden? Oder eben ins Hinterland des Landkreises Biberach – Federseemoor, Wilflingen, Donauschotter bei Riedlingen; Wind in den Streuobstwiesen, in denen das Schwarzpulver verschwand?

Und ist es weiterhin richtig, zu schweigen und in der Welt der Erwachsenen zu bleiben?
Wenige sind es wert, daß man ihnen widerspricht, daran ist nicht zu rütteln, aber was ist mit denen, denen man zustimmen könnte?

[Getriebe einer neuen Maschinenwelt / Negative Acéphale-Theologie]

Link | 2. Juli 2017, 17 Uhr 32


Es ist eigenartig: Die unsichtbaren Städte, die ich viel zu spät gelesen habe, durch eine Reihung von Zufällen nur nicht gelesen habe, obwohl das Buch schon lange identifiziert und im Regal griffbereit war, fügen sich geräuschlos und vertraut ein, als hätte das Buch nicht anders sein können, nichts anderes enthalten, als hätte es einen notwendigen Platz zwischen den Sachen, die ich viel jünger gelesen habe und die Die unsichtbaren Städte gewissermaßen freigelassen haben.

Gleichzeitig verstärkt sich mein Verdacht, bei diesem ganzen kompakten Kanon mit einem Gespräch zu tun zu haben, das verklungen ist; ich erkenne mein Interesse daran als von vornherein (auch ganz früh schon) nostalgisch.

(Die kristallenen Orte der alten Menschheit, Calvinos Städte oder Tauts Alpen, liegen in einer dunstigen Ferne und funkeln. Die Wirklichkeit ist aber selbst kristallin geworden inzwischen, wir schauen aus dem Kristall hinaus in ein mattes, flaches Land, und müssen der Nostalgie mißtrauen.)

Link | 21. Mai 2017, 12 Uhr 52


Ein Garten auf einer Hochterrasse, unter der semitransluzenten Kuppel, seidene Facetten in rosa, lachs und orange; die niedrig stehende Sonne gedämpft genug für eine lange Betrachtung mit bloßem Auge, sirrender Ameisentanzfleck monochromatischer Photonen. Purpurbeton, Nadelpflanzen, ein Geländer, in der Ferne der Kuppelschnitt durch einen bewaldeten Hügel.

Link | 11. Februar 2017, 22 Uhr 31


Es sah aus, wie es eben aussieht in seit Jahren brach liegenden Büroflächen: Am Teppichboden war zu erkennen, wo die Tische gestanden und die ungeschickten Kaffeetrinker gesessen hatten, Kabel hingen aus Schächten und quollen aus Bodentanks, Uhren waren an den Wänden irgendwann stehen geblieben. Eine große Hängeregistratur, zu groß und altmodisch, um noch einmal umgezogen zu werden, füllte eine Ecke des riesigen Raums, der nach Staub roch und in dem nichts mobiles mehr zu sehen war als ein einzelner lehnenloser Bürodrehstuhl mit schadhaftem Polster, auf dem ein leerer Aktenordner lag.

Es gab sechs von diesen Stockwerken, alle mehr oder weniger in diesem Zustand bislang. Mein Gastgeber, der das Haus vor nicht allzulanger gekauft hatte, hielt die Tür in die traurig beleuchtete Damentoilette auf.
Er ist zwei Jahre jünger als ich, hat die übliche McKinsey-dann-VC-Karriere hinter sich und spielt eine halbironische Herrenmenschenrolle: Blondhaar im 20er-Jahre-Scheitelschnitt, aufrechte Körperhaltung, Eisblick, adliger Nachname (und „Waldo“ vorn) — die schwarze Totenkopf-Uniform muß man sich dazudenken, sonst nicht viel. Seine Mitarbeiter hatten genug Angst vor ihm, um die Stirn in Falten zu legen und einen besorgten Blick in seine Richtung zu werfen, wenn ich etwas äußerte, was ihm mißfallen würde — nicht daß ich sie dabei erwischt hätte, es war nur eine Stimmung im Raum, als würden sie so etwas tun.

Das Haus bestand aus zwei Türmen und einem gemeinsamen Foyer. Im linken, schon sanierten, waren die Büros von Fonds und Familie eingerichtet, im rechten sollten kleinere Flächen für Portfoliofirmen entstehen. Aus dem ersten Stockwerk jedes der Türme erreichte man über eine geschwungene, großzügig flache Freitreppe das Foyer, das unregelmäßig mit grün irisierenden Granitplatten ausgelegt und mit farbigem Glas dekoriert war: erstklassige, menschenleer unter den Leuchtern liegende DDR-Moderne.
Eine Behörde war es einmal gewesen, am Rand von Berlin, umgeben von Wiesen schon und einem Parkplatz mit verbogener Schranke, zwei Bagger darauf, die lange nicht bewegt worden waren. In den Büros des Fonds, in denen wir über Zahlen und Aussichten sprachen: teure Hölzer, gut geplantes Licht, Haustechnik von Busch-Jäger, Sofas, Kunst, Sauberkeit: Das unverkennbare Profil von beiläufig hohe Standards haltendem Geld.

Ein geselliger Teil — sag Waldo bitte — folgte. Hinter einer Doppeltür unter blauen und roten Glassteinen führte aus dem Foyer ein abschüssiger Tunnel in die Erde hinein, halbrund, breit genug für sechs oder sieben Leute; unregelmäßig, mit gebrochenem weißem Kalkstein verkleidet (oder aus Kalkstein herausgeschlagen?) auch auf dem Fußboden, so daß man achtgeben musste, nicht zu stolpern. Hell erleuchtet von gleißenden LED-Paneelen. Zweihundert Schritte vielleicht ging es schnurgerade abwärts, dann kam ein Gelenk, und man ging denselben Weg, mit demselben Gefälle, in Gegenrichtung zurück und weiter abwärts, wohl bis unter das Haus. Dort lag: Eine weite Halle, Restaurant oder Kantine, und, einen halben Meter tiefer gesetzt: Barbereich, flache Sessel, blau funkelnde Drinks im Halbdunkel, ein Ladytron-Song, die besorgten unsichtbaren Blicke seiner Entourage. Eines Tages würde hier ein Vertrag liegen unter einem Füllfederhalter. Ich war mir nicht sicher, aber sicher ist man sich ja nie.

Link | 15. Januar 2017, 17 Uhr 47 | Kommentare (3)


Ich hatte diese Vorstellung von sakralen, aber nicht religiösen Orten, die über Licht, Geräusch und extrem reduzierte Oberflächen funktionieren sollten; Plätze, an denen ein sehr einfacher Vorgang — Licht auf mattem dunklem Metall bei völliger Stille, oder das Knacken in einem schmelzenden Block Eis, oder tosend fallendes Wasser — für einen einzeln und für längere Dauer eintretenden Menschen freigestellt und soweit verstärkt würde, daß eine unheimliche Begegnung mit dem irrationalen nur-sinnlichen Untergrund passieren müsste. Und daß die Verstörung und Erregung, die bei einem solchen Herausgelöstwerden aus dem Reich der vernünftigen Zwecke entstünde, eine Bataille-Herzog-Erfahrung, wiederholbar wäre und einen dann ein anderer sein ließe bei der Rückkehr in die Welt, gefährlicher und gefährdeter und wilder der eigenen Gier ausgesetzt. Und daß eine Praxis enstünde, eine kitsch-, esoterik- und religionsfreie sakrale Praxis nüchterner Stadtbewohner der Gegenwart.

Der Kunstdiskurs lässt diese Vorstellung nicht gelten; er sagt: Das genau ist Kunst, und wirkt eben nicht, alles schon dagewesen, alles bekannt, alles erschöpft in gescheiter Abgeklärtheit.

Ich finde schwer zu entscheiden, ob ich Recht hatte oder der Kunstdiskurs (den ich verabscheue und lächerlich finde und dem ich unterstelle, seine Unempfindlichkeit aus den schlechtesten Gründen, nämlich solchen des sozialen Wettbewerbs, zu behaupten und zu kultivieren).

Link | 15. Januar 2017, 0 Uhr 57 | Kommentare (1)


Für den Abend vor Weihnachten hatte sich der Kamin dann doch ein striktes Politikverbot verordnet, und wir hielten uns daran, den Ereignissen trotzend.

Gegenstand des Gesprächs war die vita activa, die wir alle, auf die eine oder andere Art und Weise, als Technologen oder Publizisten, leben, und unsere jeweiligen Varianten der Sehnsucht nach einer wenigstens zeitweisen Abkopplung vom flirrenden Nexus der Geschichtswirksamkeit.

Verschiedene Häuser wurden erwähnt: Vicco von Bülows Haus in Ammerland, das D. aus einem Fernsehportrait kannte und das ihn beeindruckt hatte mit einem Arbeitsplatz zum Garten hinaus, Childwickbury Manor, natürlich das Forsthaus und Bargfeld, wohin ich schon Fahrten unternommen hatte. Ein unbestimmtes Hotel zwischen einzelnen dunklen, kargen Tannen in der Schweiz, das vielleicht nicht existierte. Ardor. Das Simon-Haus.

Wir selbst seien, so F., sich selbst durfte er ausnehmen, eine unbehauste Generation, wir kämen nicht zum Bauen: Das Studentenleben setze sich für uns immer fort mit derselben fiebrigen Intensität; einer uns ganz verschlingenden Aufmerksamkeit für die Sache, die übrigens auch das Verbleiben in der Stadt erfordere — ein Zimmer mit Parkett mehr sei alles, womit wir zu rechnen hätten im Falle des Erfolgs im kommenden Lebensjahrzehnt.

Ich steuerte eine reglose Erinnerung bei an eine lange Umarmung an einem Küchenfenster, das zu einem Mietshausgarten mit Obstbäumen und einer Wäschespindel hinausführte, an einem kalten Novembernachmittag; Laub war zusammengebracht worden um die Stämme der Bäume, zum Schutz ihrer Wurzeln in diesem Bild der Wärme und der aufgehaltenen Zeit.

Link | 30. Dezember 2016, 1 Uhr 29 | Kommentare (1)


Ich zuppte links, rechts, an den Manschetten, stieß sie mit angewinkelten Handflächen unnötigerweise noch einmal aus den Ärmeln, fuhr mit drei Fingern durchs Haar und öffnete die Tür. Um das Feuer, das schon gesetzt und freundlich Luft durch den dunklen Raum zog, saß eine kleine Runde, F., E. D. und A. Sie schauten her und nickten und kehrten zurück zu ihrem Gespräch: Mein Auftritt vertraut, alles in Ordnung mit mir.

Ich schenkte mir ein Glas ein und setzte mich dazu, bewunderte, wie jede Woche, E.s Schuhe, wunderliche, aus höchstens zwei Stücken weichem Kunststoff in einer chinesischen Fabrik verklebte Gegenstände, 3-Euro-Kopien eines in Amerika üblichen, in seiner schwarzen Formlosigkeit immer leicht unheimlichen Schlüpfschuhmodells für Männer mit Büroberuf. Schon als Gymnasiast hatte er ausschließlich dieses Modell getragen.

Natürlich sprachen wir wieder über die Trump-Tweets, und die schwierige Lage der britischen Regierung, und darüber, ob Frankreich eine konservative, nichtselbstzerstörerische Alternative zum Front National gefunden haben könnte: Worüber soll man sonst sprechen, wenn selbst in unserem, durch historische Erfahrung eigentlich vorsichtig gewordenen Land der politische Ton wieder vorgegeben wird von pogromlustigen dauergekränkten Kleinbürgermassen, angeführt von Kriminellenexistenzen und mit Vertretern in den ersten Parlamenten.

Die Frage, die uns beschäftigte, war, ob es eine neue Zeitmauer sein könnte, vor der wir stehen, oder die alte, oder ob der Zeitmauerbegriff so untauglich geworden ist wie die Kategorie der Geistlosigkeit, auf die wir gern bestanden hätten; ob nicht die Zeit eine stabile Vortexform tatsächlich angenommen hatte inzwischen, in den zwanzig Jahren unseres Erwachsenendaseins: Eine Form, in der die Farcen sich immer schneller, bunt, aber folgenlos, abwechseln, Spektakel wie das, das wir jetzt verfolgen, oder das, das ihm voranging und jetzt kollabiert und das, soweit ich es sagen kann, davon handelte, überraschten Kleinstädtern einzureden, daß ihre hergebrachte Art, nach Geschlechtern getrennt aufs Klo zu gehen, fortan eine schwere moralische Verfehlung sei.

Ich nahm meinen Mantel um kurz nach 11 entgegen. In Berlin fürchtet man, wenn man aus einem angenehmen Raum kommt und gut gegessen hat, eigentlich immer, daß vor der Tür inzwischen eine Logowand aufgebaut wurde, vor der man sich mit zwei Nackten für eine Vodkamarke photographieren lassen soll, und darum zögerte ich, mit der Hand schon auf der glaskalten Klinke, für einen Moment. Natürlich war das Unsinn; draußen war nichts als die Treppe, und dann die Novembernacht.

Link | 18. Dezember 2016, 16 Uhr 06


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