Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Weil Städte es mögen, wenn ich dramatisch in ihnen auftrete, blies auch bei meiner Ankunft in Duisburg ein Sturm über den Bahnhofsvorplatz. Voraus wehte mein Haar die Königstraße hinauf, und noch durch den Aufzugsschacht pfiff stoßweise der Wind, als ich im fünften Stock in der Masse des gewaltigen Hotels Duisburger Hof verschwand für die Nacht.

Duisburg, eine Stadt, über die ich nichts weiß, ist wohl unzufrieden mit sich, so stellte ich fest am nächsten Morgen: Der Bahnhofsvorplatz ist eine Baustelle, der Bahnhof selbst bekommt bald eine Gläserne Welle, und das CityPalais, ein noch frisches Innenstadt-Einkaufszentrum, ist in seiner Kombination von Gimmicks und Billigkeit ein gebautes Äquivalent von Sneakern mit bunten Lichtern in den Sohlen: Hier hätte Omi stark bleiben müssen. Ich versuchte, nicht hinzusehen, bemerkte aber das Automatenkasino im Erdgeschoß, objektives Zeichen eines städtebaulichen Irrtums, trotzdem.

Das Ziel meiner Reise lag im Kantpark, wo, so kündigten ein großes Schild und ein erster Bagger an, derzeit Der Neugestaltete Kantpark entsteht. Der Kantpark war einmal ein sanft geschwungener Innenstadtpark mit mächtigen Kastanien, Plastiken und Inseln mit Betonmöbeln, aufgestellt für Bürger, die die Kunst lieben.

Brombeeren und Nesseln wuchern über große Teile dieses Parks hinweg, kränkliche Kürbisse kriechen durch die entlegeneren Ecken, und hoch stehen Gräser in den Fugen der wenig begangenen Pflaster. Die Stadtmöbel, die einst zu den Inseln gehörten, sind entwendet, zertrümmert oder entfernt — vermutlich entfernt: Denn überall, wo man noch sitzen konnte im Duisburger Kantpark, hatten sich Gruppen von Alkoholikern niedergelassen. In einer Senke zur geschwungenen Sichtbetonfassade eines Museumsbaus hockten Gestalten um einen kleinen Alufolienherd: ihre Körpersprache, als sie mein Herannahen bemerkten, wechselte von verzweifeltem Betteln um Privatsphäre zu sprungbereiter Aggressivität. Schilder an den Laternen forderten mich auf: „Zögern Sie nicht, 110 zu wählen. Ihre Polizei.“ Die CDU plakatiert, anläßlich des Wahlkampfes, in Duisburg: „Sicherheit und Ordnung. CDU.“

Das belagerte Museum im Kantpark, inmitten seiner Streuung von Aluminiumfetzen, Dosenböden, verbogenen Gabeln und leeren Briefchen, ist das Lehmbruck-Museum, gebaut 1956-1964, der erste Museumsneubau der Nachkriegszeit überhaupt, von Manfred Lehmbruck für die Arbeiten seines 1919 verstorbenen Vaters Wilhelm Lehmbruck. Ich war wegen der Architektur angereist, denn der andere Museumsbau von Manfred Lehmbruck ist das fünf Jahre später entstandene Federseemuseum in Bad Buchau. Mein Heimatdorf liegt nur wenige Kilometer entfernt davon, auf der anderen Seite des Federseemoors, dessen jungsteinzeitliche Besiedlung das Museum dokumentiert. (Erst vor einigen Jahren, bei einer Rückkehr zu diesem mir seit meiner Kindheit vertrauten klassisch-modernen Pfahlbau wurde mir klar, daß er nicht von einem namenlosen Provinzarchitekten entworfen worden sein konnte, und begann zu recherchieren.)

Das Duisburger Lehmbruckmuseum hielt, was die Photographien, die ich kannte, versprochen hatten: Ein Raum der Freiheit und der Rationalität, der Bescheidenheit nicht zuletzt. Man wird freigelassen in seinen Innenraum, bemerkt immer wieder mit einem kleinen respektvollen Grinsen, daß ein Weg, der einem einfallen könnte, auf eine Figur zu oder um eine Figur herum, tatsächlich gangbar ist: Es gibt die Treppe, es gibt das Licht, es gibt die Intimität, es gibt die Offenheit, die man braucht. Ich hatte das Glück, allein zu sein im Lehmbrucktrakt und mich eine Stunde lang bewegen zu können, und die Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck dabei von diesem phantastischen, für die ausgestellten Arbeiten gebauten, heute fast undenkbar großzügigen Haus in mein Formgedächtnis einschreiben zu lassen.

Das Gebäude agiert einen stolzen Trotz der Moderne nach anderthalb Dekaden Barbarei aus: Jetzt aber, jetzt erst Recht, wir bleiben dabei, aus dem Menschen etwas zu machen, ihm Orte zu geben, die ihn sich fühlen lassen, wie wir ihn uns denken können: frei, ruhig, rational, begeistert und, in einem Museum für einen expressionistischen Künstler, der sich für die Körper nachdenkender Frauen interessierte, eben auch: hingezogen und anrührbar.

Und das Scheitern dieser Freiheit, dieser Architektur der Selbstachtung des Menschen, hätte nicht manifester sein können als in den halblebendigen Figuren der Fixer und Alkoholiker direkt auf der anderen Seite der bodentiefen Gläser, die doch den Park im Museum und das Museum im Park hätten fortführen sollen.

Die Utopie scheitert, auch hier, am Alkoholismus. Psychogeographie funktioniert, aber Alkohol und Heroin lachen über ihre schwache Subtilität. Alle Hoffnungen auf eine Egalität auf dieser, meiner Seite des Glases und auf ein Glas, das irgendwann nur gegen den Regen noch da sein müsste, scheitern an der Übermacht des Elends. Der Figurenpark stellt, ungewollt perfide, nicht aus, was er er auszustellen angetreten war in den 1960er Jahren, aber was er ausstellt, ist die Wahrheit.

Traurig über die Chancenlosigkeit des Menschen und wütend auf mich selbst, weil ich das übliche sinnlose Aufrechnen der individuellen gegen kollektive Versagen in mir niederkämpfen musste, verließ ich den Lehmbrucktrakt und machte mich auf zum Anbau, der in einer desillusionierten Sparkassen-Moderne architektonisch nur noch davon handelt, nicht altmodisch zu sein, und in dem passenderweise gerade die eitle Quatschkunst des eitlen Quatschkünstlers Wurm ausgestellt wurde.

Link | 13. September 2017, 10 Uhr 37 | Kommentare (1)


Wie zum Beweis von etwas, das mir selbst mit den Jahren immer rätselhafter geworden ist, bin ich sogar hier in Kalifornien als Fußgänger unterwegs gewesen.

Eine Woche lang habe ich im Norden von San José im fensterlosen Labor eines Kunden gearbeitet. Flache, höchstens zweistöckige Komplexe zwischen sechsspurigen Straßen; zurückhaltende, massive, in die Erde geduckte, dunkle Betonarchitektur mit gepflegten Gärten. Stille und Konzentration sind die Überraschungen meiner Silicon Valley-Arbeitserfahrung. Jenseits der Mythen und der Missverständnisse aufgekratzter deutscher Konzernlenker geht es hier ernsthaft um Technologie, mit allen Voraussetzungen: Es sitzen hunderte Menschen still an ihren Tischen und arbeiten bis spät in die Nacht, gehen schlafen, kehren zurück, reibungslos und geordnet und in gedämpftem Ton in einer Abfolge immergleicher Tage. Klimaanlagen machen gute Luft, es gibt frisches Wasser, die Toiletten sind sauber, wer unbedingt telefonieren muß, kann das hinter Glas tun, wo er nicht stört. Das Gebäude wirkt leer, weil es funktioniert — nur am Freitag, wenn alle zusammen essen, sieht man die 200 Ingenieure und ist überrascht: Wo waren die nur alle, die ganze Zeit?

Niemand hat Spaß. Niemand streitet. Niemand lebt. Die Arbeit ist zu interessant dafür. Die Leute kommen aus Indien, Iran und China und haben PhDs. Sie fahren traurige wattige nagelneue Automatiknissans. Und es entsteht Technologie auf die einzig mögliche Art und Weise: Selbstbewusstsein, Kompetenz, Demut, langer Atem, Konzentration, Zeit, Raum.

Heute, an einem freien, wegen schlampiger Reisebuchung unverplanten Nachmittag nahm ich dann die Bahn nach Mountain View: Der Googleplex sah gerade noch erreichbar aus, zu Fuß vom Bahnhof her, auf der Googlekarte. Ich muß — diese Vermutung gehört fest zu meinen Märschen dazu seit Jahren — eine Attraktion gewesen sein, ein Fußgänger in einem Hemd und einer langen blauen Hose aus Anzugstoff, ein offensichtlicher Europäer, eine verlorene alberne Figur auf dem von niemandem je benutzten Trottoir der Brücke über die zwölf Spuren des Highway 101. Ich folgte dem Teslagradienten fast ohne auf die Karte zu schauen, höhere Dichte von Elektrofahrzeugen bedeutet größere Nähe zu Google. Ein Waymo-Fahrzeug mit Sensoraufbauten, allerdings nicht autonom unterwegs, ließ mich die Straße überqueren irgendwo in einem teuren Wohngebiet voller Sukkulenten in frischem schwarzem Mulch. Ein zerfallender, hinten tiefhängender Wagen mit einem Infowars-Aufkleber folgte ihm. Und es ist nicht so, daß nicht auch Ford-Pickups unterwegs gewesen wären, Ford-Pickups und Corvettes, rote und gelbe: Die schlecht gelaunten 8 Zylinder derer, die nicht dazugehören zur leisen Kultur der Konzentrationsarbeit.

Es war heiß an diesem Samstagmittag, gleißend hell und laut trotz höchstens mäßigen Verkehrs. Die Google-Zone und die Stadt gehen unmerklich ineinander über, Google verleibt sich vom Hauptquartier her nach außen Gebäude ein und erhöht auf den Straßen die Standards, dämpft die Lautstärke, pflegt die Gehwege und die Kiefern, verteilt googlebunte Fahrräder (die heute, an einem Samstag, nur von einigen Touristenmädels aus Quebec benutzt wurden), stellt bunte Gartenmöbel auf und Steckdosen an den Parkplätzen. Google wächst über den Industriepark hinweg und digital überallhin, seit ein paar Jahren, für noch ein paar Jahre, der Zenit ist immer nur hinterher erkennbar; wie die blight in A Fire Upon the Deep: Macht, institutionelle Intelligenz. Eine erfolgreiche Art, Arbeit zu organisieren und Menschen zu disziplinieren und also Ziele zu erreichen; organisatorischer Code, institutionelle Überlegenheit. Niemand stahl Google die bunten Fahrräder oder tat ihnen Gewalt an. Ich dachte an die Leute, die in Hamburg den Kapitalismus hatten smashen wollen und ihre drei Stunden Illusion von Anarchie, ihr großmauliges Mob-Einzelkämpfertum, ihre hoffnungslose und blinde Unterlegenheit.

Und an den Mann im Unterhemd mit seinem Infowars-Sticker, drei Straßenzüge stadteinwärts dachte ich, und den Präsidenten, den er gewählt hatte, weil hier die Inder, Iraner und Chinesen mit PhDs die Nächte durcharbeiten und der weiße Mann auf der Strecke bleibt und dort seine Infowars-Schrottlaube spazierenfahren muß.

Das Universum erschien mir sehr zuverlässig, unter den Google-Kiefern von Mountain View. Auf seine Grausamkeit, so schien es mir, ist Verlaß, auf sein Desinteresse an uns, am Wohl von halluzinierten Gemeinschaften und den Ideen, aus denen sie ihre Überlegenheitsphantasien bauen, auf seine stochastische Natur, seine erbarmungslose Bestrafung von Kategoriefehlern: Man kann noch so laut behaupten, mit ihm und seiner Geschichte alliiert zu sein und verlangen, sie gestalten zu dürfen.

Und es sortiert aus, was nicht funktioniert.

Und man hat keinen Grund zur Begeisterung deswegen — Disziplin ist Leere, schmerzhaft deutlich an diesem Ort — und kann eben keine moralische Überlegenheit der Funktionierenden daraus ableiten; Trotz bleibt eine Möglichkeit und jedermanns schönes Recht. Die Trötze der Vergangenheit sehen dann freilich sonderbar aus für heutige Augen.

Link | 27. August 2017, 4 Uhr 06 | Kommentare (1)


Es gelingt mir nicht, mich aufzuregen. Es gelingt mir nicht.

Die Volksbühne ist demontiert, OST verschwunden und das Räuberrad und Sophie Rois, die „Parole“ singt – und natürlich war die Volksbühne mein Theater, wegen Marthaler, wegen Pollesch, wegen Castorf, und viel öfter noch als ich dort Theater gesehen habe, habe ich Musik gehört, Current 93 immer wieder, Anthony and the Johnsons, die Tindersticks, an Abenden irre blauflimmernder Intensität. Die Volksbühne war wichtig. Ich hatte immer alle Liebe und alle Angst dabei dort, aber mehr Liebe.

Aber wie seltsam wäre es, wenn die Zeit sie weiter verschont hätte.

In Leipzig kann man zum WGT, ich glaube jedes Jahr, eine Ausstellung zur Beobachtung der Gruftszene durch die DDR-Staatssicherheit sehen. Es ist ein fröhlich-grusliges Vergnügen, einer untergegangenen Geheimpolizei über die Schulter zu schauen, wie sie in berückender Befremdung versucht herauszufinden, ob Jugendliche wirklich Tote ausgraben auf den Friedhöfen der DDR, und ob das Hören der Gruppe „The Cure (engl. Das Heilmittel)“ politisch neutral zu bewerten ist, und ob das eine oder andere die Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bedroht.

Was man dabei auch noch einmal vorgeführt bekommt: Wie ernst die DDR die Sphäre des Symbolischen zu nehmen in der Lage war. Man versteht das nicht gleich als Westler: Das Symbolische lief nicht zum Eigentlichen parallel in der DDR, wie das in der Bundesrepublik der Fall war und in der Berliner Republik der Fall ist, das Symbolische war das Eigentliche. Eine Störung der symbolischen Ordnung durch eine unverständliche, nicht anschlußfähige Jugendkultur war ernst, weil dieser Staat fortwährend gedacht wurde und deswegen verstehen musste.

Der Berliner Republik ist selbstverständlich völlig egal, was in der Sphäre des Symbolischen geschieht: Sie kann sich darauf verlassen, daß ihre funktionierende Wirtschaft sie beieinanderhält. Solange der rechtsstaatliche Ausgleich der Interessen funktioniert, ist sie stabil. Was am Theater oder auf den Friedhöfen passiert, hat keine Relevanz. Ein Staat dagegen, der in permanenter Revolte gegen die Grundmechanismen des Wirtschaftens menschlichen Geist aufbringen musste, brauchte das Theater.

Daß so ein Theater, von der nachwirkenden titanischen Autorität von Heiner Müller konserviert, in die Berliner Republik bis ins Jahr 2017 hineinragen konnte als funktionierender Symbolreaktor erscheint mir im Nachhinein so unwahrscheinlich, daß ich kaum verstehen kann, wie das erst jetzt passiert: Daß die Wellen der weltläufigen Halbgescheitheit über der Volksbühne zusammenschlagen.

Nicht vergessen: Dies ist Berlin, die Stadt, die hartnäckig darauf besteht, ihren Sieg über einen Sozialismus, der sich friedlich wegdiskutieren ließ, mit der Errichtung eines Stahlbeton-Hohenzollernschlosses zu feiern, und die, als ihr schwante, wie weit sie den Kopf damit in der Arsch der eigenen Geschichte gesteckt hatte, als sozusagen besänftigende Strategie darauf verfiel, ihn innen mit echter Negerkunst zu dekorieren (Bredekamp verbrämen Sie) – jetzt, sagt die Stadt treudoof, ist doch wieder alles im Lot, Neger findet ihr Denkleute doch gut, und ihre tolle Kultur. Man kann es den Denkleuten einfach nicht recht machen.

Die Bundesrepublik hat Vorteile: Sie schießt nicht auf ihre Bürger und hetzt keine Nachbarn auf gegeneinander, und wenn einer The Cure (engl. Das Heilmittel) hören will, darf er das in Ruhe tun. Daß dieses Land Theater haben soll, in denen der Geist drinnen vom Ungeist draußen klar unterscheidbar wäre, finde ich viel verlangt. Die Sphäre des Symbolischen ist in dieser Gegenwart nun einmal: „Kunst“, korrekt beschrieben als ein dauerschlapper Versuch, Leute zu unterhalten, die schon viel gesehen haben und wollen, daß die Welt das weiß. Kunst ist unrockbar, und hat sich nun eben auch die Volksbühne geholt.

Mit anderen Worten: Er ist tot, ist tot, ist mi-ma-mause-tot. Kein Grund zur Aufregung, Kunst ist Mist und unaufhaltsam und ohne Alternative, wenn die Zeit gekommen ist.

Link | 11. August 2017, 21 Uhr 55


Mein Dasein als Geist: Meine Anwesenheit in einer HTC Vive-Welt ist durch und durch geisterhaft: Die Bewegung ohne Schritte, die Unberührbarkeit der Materie. Hier ist eine Bank, aber wenn ich mich auf sie setzen will, falle ich. Die Textur dieser Vase kann ich nicht spüren. Dieser NPC nimmt keine Notiz von mir, ich kann mich ihm nähern, näher als ich je einem fremden Menschen kommen könnte, Details seiner Kleidung betrachten, was er ungerührt geschehen lässt. Ich kann hinter ihm stehen, durch ihn hindurchfassen (ein kalter Hauch für ihn).

Alle VR-Umgebungen, die nicht vollkommen und eindeutig abstrakt gestaltet sind, sind so: die wesentliche, alles Inhaltliche überstrahlende Erfahrung ist die eigenen Geisterhaftigkeit. Als hätte die Gespensterliteratur vorhergesehen, wie es sein würde, körperlos diese Räume zu bespuken.

Zugleich ist VR körperlicher als klassische Spiele: Der Schrecken, plötzlich nah vor einer zwei Meter großen Figur in schwerer Rüstung zu stehen, ist wuchtiger als alles, was Spiele bisher erzeugen konnten. Begegnungen mit NPCs sind äußerst unangenehm, auch weil nie klar ist, welche Geisterregeln gerade gelten: Nimmt mich die Figur wahr? Bewegt sie sich? Kann sie mich verletzen, und wo ist ihre Kontaktoberfläche? Kann sie sich schnell bewegen, während ich nur einen Schritt machen kann in jede Richtung? Kann sie mehr als drei gescriptete Sätze sagen? Sagt sie vielleicht doch etwas Überraschendes, mit einem Lächeln, das verdächtig ungescriptet wirkt?

Ich bezweifle, ob je ein gutes Spiel mit nicht-abstrakter Grafik möglich sein wird, in dem der Spieler nicht ausdrücklich einen Geist spielt: VR, so scheint es, ist für abstrakte Lichtwelten und Spuksimulatoren. Und was wir den Ich-Spielfiguren in klassischen Spielen an Action zumuteten, ist zu viel in VR, terrorisiert unsere Körper, hält alle Fluchtimpulse daueraktiv. Das Spiel, auf das ich warte, nimmt mich ernst als Geist: Lässt mich rastlos forschen in weitverzweigten Höhlen und auf Brücken in menschenleeren Landschaften, nimmt ernst, daß ich mich verletzlich fühle in einem Körper, den ich nicht habe, und simuliert niemals optisch, was somatisch nicht zu simulieren ist: Abstürze, physische Gegenstände, NPC-Körper aus der Nähe. Zwei schwebende Augen in einer unberührbaren Welt, zwei Hände aus Rauch.

Link | 16. Juli 2017, 17 Uhr 34 | Kommentare (1)


Blick aus dem Flugzeug, Blick von den Mauern der Ruine ins Land. Fahrt zwischen den Städten, schläfrige Konzentration, gelbe Ortsnamen verschlungen von schwellenden Büschen, leere gepflasterte Plätze, Tafeln mit Gemeindewappen. Das Restaurant Hellas und drei geparkte Wagen in der Sonne. Geschlossene hölzerne Tore mit grünen Schuppen, zwei Katzen auf der Schwelle bei einem gußeisernen Stiefelabtreter.

Unmittelbarkeit und Unschuld: keine Unaufrichtigkeit in der Seele in einer dunklen Schöpfung. (Voraussetzung: eine Seele.)

Blick von den Mauern ins Land: Möglichkeit der Unschuld, Anschein des Friedens.

(Eine Burg aber wächst nicht von selbst auf den Felsen, sie muß dem Land abgetrotzt werden, den Feinden, und schwerer, den Eigenen und der Schwäche. Es vergeht leicht ein Leben über der Aufgabe.)

Link | 8. Juli 2017, 19 Uhr 43 | Kommentare (1)


Die verwüstete Landschaft: Die wichtigste Frage bleibt, ob die Kunst dem Vorankommen dient oder das Vorankommen der Kunst. Macht uns unsere Wachheit zu erfolgreicheren Teilnehmern an der Welt der Erwachsenen, oder nehmen wir an der Welt der Erwachsenen teil um der Freiräume willen, in denen wir uns dann mit der Kehrseite der Dinge befassen können?

Wir haben es uns nicht ausgesucht: Das obsessive Interesse am Irrationalen, an der Einlassung mit der Realität einschließlich der parts maudites: Das immer manische Empfinden des Wirklichen, die Versenkung, die Ehrlichkeit, die Souveränität, die Dunkelheit, die ewige Fremdheit in der Welt der Erwachsenen.

Kunst heißt dann: Apokalypse und die Diagnose der Verwüstung, eine gescheiterte Kultur. In der Welt der Erwachsenen gibt Hans Rosling TED-Talks, und wir wissen: Alles wird besser, fitter, happier, more productive, comfortable. Und wir wissen: Das alles ist wahr, wir werden nicht belogen. Und doch fühlen wir uns verloren in der verwüsteten Landschaft. Wir wissen: Der geborstene Beton und der verbogene Stahl unserer Träume sind Metaphern für einen empirisch nicht festzumachenden Zustand, die rottende Stadt. Unsere wirklichen, vollkommen unversehrten Gebäude glänzen und verbrennen lautlos in der Dauer der Verwüstung.

Die rattenfängerischen Narrative: Wir verabscheuen die Erzählungen, die den Leuten weismachen, sie kämen zu kurz, der Fortschritt schulde ihnen zusätzliche Rechte und vor allem Geld, ihre Herkunft schulde ihnen, ihre Ehrlichkeit begründe Ansprüche, ihre Schlichtheit, ihr Abitur, ihre Schwäche, ihre Tradition, ihre Hautfarbe. Wir fürchten diese Narrative, die konstruiert sind, um Gefolgschaften von Zukurzgekommenen zu sammeln, die jeden, der nicht teilnimmt an ihrem Marsch, mit dem Unterdrücker zu verwechseln bereit sind. Der Antikapitalismus der rattenfängerischen Erzählungen ist uns fremder als sogar das Kapital: Lieber verschwenden wir unsere Zeit mit Erfolg als uns dem Gejammer anzuschließen, oder, noch widerwärtiger, dem Gejammer im Namen dritter.

Die Erwachsenen haben in unserem Alter Bäuche und Bürstenhaarschnitte und führen in der Bahn Telefonate, in denen sie jüngeren Kollegen erklären, was man ertragen können muß. Wir gehören nicht nicht dazu als Jugendliche (es ist möglich, daß wir überhaupt nie Jugendliche waren, anders als die Erwachsenen), wir gehören nicht dazu: wie die Priester und die Irren.

Englands Hidden Reverse: Spätestens mit dem Erscheinen des Industrial-Untergrunds ist die Diagnose der Verwüstung kulturell festgemacht. Aber natürlich ist sie vorher da, bei Jünger auf jeden Fall, bei Bataille, bei Syberberg, bei Nietzsche.
David Tibet spricht in seinen frühen Tagen von der Verwüstung, von seiner Hoffnung, außerhalb des Westens Möglichkeiten zu finden, authentisch wahrzunehmen und am Leben zu sein – man vermutet: das ist der fühlbare Totpunkt Anfang der 1980er Jahre, der Moment, an dem die Moderne wirklich zum Stillstand kam, sich ausgelaufen hatte und nur eine Hülle aus Fortschrittspathos zurückließ, die kein denkender Mensch mehr ernst nehmen konnte. Tibets Weg nach Innen seither: Ist das nur sein persönliches Reifen oder eben doch die Konsequenz, der Weg, der in der verwüsteten Landschaft begehbar bleibt?

Das Bedürfnis, draußen zu sitzen und Windräder zu betrachten: Ist also das Bedürfnis, draußen zu sitzen und Windräder zu betrachten, bis die Sonne untergeht und die Erdbeeren aufgegessen sind, als Krankheit zu werten oder als Zweck der ganzen Lebensübung? Wie ist es mit dem Bahnhof von Antwerpen und dem Midland Hotel, die beide längst ersetzt sind durch entübelte, von ihrer infernalen Vergangenheit befreite, freundliche und bedeutungslose Versionen ihrer selbst: Wenn wir sie aufsuchen und ein Schwindel uns befällt, und wir die rußigen Ruinen erscheinen sehen hinter den Starbucks-Dekorationselementen: Sind wir beschädigte Wahrnehmer oder intakte?

Mit welcher Vergangenheit stehen wir in Verbindung? Ist es eine schamanische Tradition, eine Erinnerung an die Möglichkeiten der Aristokratie, oder das Trauma der Kriege? (Sind wir, mit anderen Worten, die letzten Traumatisierten, weil wir die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts kennengelernt haben und bei ihrer Wahrnehmung durch das Eis der politischen Mythen unserer Staaten – die vom Triumph des Fortschritts handeln – brachen?)

Genügt es uns, auf Konzerte zu gehen? Müssten wir nicht auch ein Haus im Wald besitzen, mit Büchern handeln? Nach Moskau verschwinden? Oder eben ins Hinterland des Landkreises Biberach – Federseemoor, Wilflingen, Donauschotter bei Riedlingen; Wind in den Streuobstwiesen, in denen das Schwarzpulver verschwand?

Und ist es weiterhin richtig, zu schweigen und in der Welt der Erwachsenen zu bleiben?
Wenige sind es wert, daß man ihnen widerspricht, daran ist nicht zu rütteln, aber was ist mit denen, denen man zustimmen könnte?

[Getriebe einer neuen Maschinenwelt / Negative Acéphale-Theologie]

Link | 2. Juli 2017, 17 Uhr 32


Es ist eigenartig: Die unsichtbaren Städte, die ich viel zu spät gelesen habe, durch eine Reihung von Zufällen nur nicht gelesen habe, obwohl das Buch schon lange identifiziert und im Regal griffbereit war, fügen sich geräuschlos und vertraut ein, als hätte das Buch nicht anders sein können, nichts anderes enthalten, als hätte es einen notwendigen Platz zwischen den Sachen, die ich viel jünger gelesen habe und die Die unsichtbaren Städte gewissermaßen freigelassen haben.

Gleichzeitig verstärkt sich mein Verdacht, bei diesem ganzen kompakten Kanon mit einem Gespräch zu tun zu haben, das verklungen ist; ich erkenne mein Interesse daran als von vornherein (auch ganz früh schon) nostalgisch.

(Die kristallenen Orte der alten Menschheit, Calvinos Städte oder Tauts Alpen, liegen in einer dunstigen Ferne und funkeln. Die Wirklichkeit ist aber selbst kristallin geworden inzwischen, wir schauen aus dem Kristall hinaus in ein mattes, flaches Land, und müssen der Nostalgie mißtrauen.)

Link | 21. Mai 2017, 12 Uhr 52


Ein Garten auf einer Hochterrasse, unter der semitransluzenten Kuppel, seidene Facetten in rosa, lachs und orange; die niedrig stehende Sonne gedämpft genug für eine lange Betrachtung mit bloßem Auge, sirrender Ameisentanzfleck monochromatischer Photonen. Purpurbeton, Nadelpflanzen, ein Geländer, in der Ferne der Kuppelschnitt durch einen bewaldeten Hügel.

Link | 11. Februar 2017, 22 Uhr 31


Es sah aus, wie es eben aussieht in seit Jahren brach liegenden Büroflächen: Am Teppichboden war zu erkennen, wo die Tische gestanden und die ungeschickten Kaffeetrinker gesessen hatten, Kabel hingen aus Schächten und quollen aus Bodentanks, Uhren waren an den Wänden irgendwann stehen geblieben. Eine große Hängeregistratur, zu groß und altmodisch, um noch einmal umgezogen zu werden, füllte eine Ecke des riesigen Raums, der nach Staub roch und in dem nichts mobiles mehr zu sehen war als ein einzelner lehnenloser Bürodrehstuhl mit schadhaftem Polster, auf dem ein leerer Aktenordner lag.

Es gab sechs von diesen Stockwerken, alle mehr oder weniger in diesem Zustand bislang. Mein Gastgeber, der das Haus vor nicht allzulanger gekauft hatte, hielt die Tür in die traurig beleuchtete Damentoilette auf.
Er ist zwei Jahre jünger als ich, hat die übliche McKinsey-dann-VC-Karriere hinter sich und spielt eine halbironische Herrenmenschenrolle: Blondhaar im 20er-Jahre-Scheitelschnitt, aufrechte Körperhaltung, Eisblick, adliger Nachname (und „Waldo“ vorn) — die schwarze Totenkopf-Uniform muß man sich dazudenken, sonst nicht viel. Seine Mitarbeiter hatten genug Angst vor ihm, um die Stirn in Falten zu legen und einen besorgten Blick in seine Richtung zu werfen, wenn ich etwas äußerte, was ihm mißfallen würde — nicht daß ich sie dabei erwischt hätte, es war nur eine Stimmung im Raum, als würden sie so etwas tun.

Das Haus bestand aus zwei Türmen und einem gemeinsamen Foyer. Im linken, schon sanierten, waren die Büros von Fonds und Familie eingerichtet, im rechten sollten kleinere Flächen für Portfoliofirmen entstehen. Aus dem ersten Stockwerk jedes der Türme erreichte man über eine geschwungene, großzügig flache Freitreppe das Foyer, das unregelmäßig mit grün irisierenden Granitplatten ausgelegt und mit farbigem Glas dekoriert war: erstklassige, menschenleer unter den Leuchtern liegende DDR-Moderne.
Eine Behörde war es einmal gewesen, am Rand von Berlin, umgeben von Wiesen schon und einem Parkplatz mit verbogener Schranke, zwei Bagger darauf, die lange nicht bewegt worden waren. In den Büros des Fonds, in denen wir über Zahlen und Aussichten sprachen: teure Hölzer, gut geplantes Licht, Haustechnik von Busch-Jäger, Sofas, Kunst, Sauberkeit: Das unverkennbare Profil von beiläufig hohe Standards haltendem Geld.

Ein geselliger Teil — sag Waldo bitte — folgte. Hinter einer Doppeltür unter blauen und roten Glassteinen führte aus dem Foyer ein abschüssiger Tunnel in die Erde hinein, halbrund, breit genug für sechs oder sieben Leute; unregelmäßig, mit gebrochenem weißem Kalkstein verkleidet (oder aus Kalkstein herausgeschlagen?) auch auf dem Fußboden, so daß man achtgeben musste, nicht zu stolpern. Hell erleuchtet von gleißenden LED-Paneelen. Zweihundert Schritte vielleicht ging es schnurgerade abwärts, dann kam ein Gelenk, und man ging denselben Weg, mit demselben Gefälle, in Gegenrichtung zurück und weiter abwärts, wohl bis unter das Haus. Dort lag: Eine weite Halle, Restaurant oder Kantine, und, einen halben Meter tiefer gesetzt: Barbereich, flache Sessel, blau funkelnde Drinks im Halbdunkel, ein Ladytron-Song, die besorgten unsichtbaren Blicke seiner Entourage. Eines Tages würde hier ein Vertrag liegen unter einem Füllfederhalter. Ich war mir nicht sicher, aber sicher ist man sich ja nie.

Link | 15. Januar 2017, 17 Uhr 47 | Kommentare (3)


Ich hatte diese Vorstellung von sakralen, aber nicht religiösen Orten, die über Licht, Geräusch und extrem reduzierte Oberflächen funktionieren sollten; Plätze, an denen ein sehr einfacher Vorgang — Licht auf mattem dunklem Metall bei völliger Stille, oder das Knacken in einem schmelzenden Block Eis, oder tosend fallendes Wasser — für einen einzeln und für längere Dauer eintretenden Menschen freigestellt und soweit verstärkt würde, daß eine unheimliche Begegnung mit dem irrationalen nur-sinnlichen Untergrund passieren müsste. Und daß die Verstörung und Erregung, die bei einem solchen Herausgelöstwerden aus dem Reich der vernünftigen Zwecke entstünde, eine Bataille-Herzog-Erfahrung, wiederholbar wäre und einen dann ein anderer sein ließe bei der Rückkehr in die Welt, gefährlicher und gefährdeter und wilder der eigenen Gier ausgesetzt. Und daß eine Praxis enstünde, eine kitsch-, esoterik- und religionsfreie sakrale Praxis nüchterner Stadtbewohner der Gegenwart.

Der Kunstdiskurs lässt diese Vorstellung nicht gelten; er sagt: Das genau ist Kunst, und wirkt eben nicht, alles schon dagewesen, alles bekannt, alles erschöpft in gescheiter Abgeklärtheit.

Ich finde schwer zu entscheiden, ob ich Recht hatte oder der Kunstdiskurs (den ich verabscheue und lächerlich finde und dem ich unterstelle, seine Unempfindlichkeit aus den schlechtesten Gründen, nämlich solchen des sozialen Wettbewerbs, zu behaupten und zu kultivieren).

Link | 15. Januar 2017, 0 Uhr 57 | Kommentare (1)


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