Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Pflasterstein Fachwerkhaus
Rinnsal Hanglage Eisdiele Gasthaustür
Linde Linde Bronzegans

Link | 18. Februar 2020, 0 Uhr 23 | Kommentare (0)


1. New York

Das Café in Midtown Manhattan, das er für unser Treffen vorgeschlagen hat, ist geschlossen. Er steht davor und schaut auf LinkedIn mein Gesicht nach, wie ich mir gerade im F train seins noch eingeprägt habe: So, nur fünf Jahre älter. Er hat angerufen um Punkt 5, wohl um mir zu sagen, daß das Café zu ist, oder um zu sehen, ob wir schon nebeneinander stehen und uns nicht erkennen. Nummer aus Stamford Connecticut, vergleichsweise günstig dort, man kann da auch ein Boot liegen haben und ist trotzdem schnell hier in der Stadt.

Schaut sich unsicher um wie ich selbst, man findet sich irgendwie ohne weitere Peinlichkeiten, schüttelt Hände, pleased to meet you, thanks for making time at such short notice, and on a weekend! Wir gehen ein paar Schritte durch die schon beginnende Dunkelheit auf der Suche nach einem anderen Ort zum Sitzen. Er hat einen niederländischen Nachnamen, trägt anständige Schuhe, schulterlanges graues Haar, das er immer wieder fahrig nach hinten streicht und einen Mantel, Brooks Brothers vielleicht. Ich bemerke ein Pflaster an seinem Zeigefinger, ein großes, stramm gewickeltes Stück Plastik in der Farbe von Paketklebeband. Er lobt mein Deck, terrific, während ich meine eigene Lesbarkeit mit seinen Augen durchprüfe: Hose aus Filz, schwer einzuordnen, europäisch, englische Winterschuhe unklarer Provenienz (Herring), taillierter Filzmantel ohne Logo (TM Lewin), Primaloft-Weste (Minimales Logo: Aether), über die Schulter getragene, wirklich gar nicht einzuordnende Botentasche aus gewachstem Tuch: noncasual, leicht exotisch alles und erkennbar angstfrei, leider hochgradig uneindeutig was den net worth angeht.

Er erwähnt sein Büro im financial district und daß er das Café nur vorgeschlagen habe, weil er von außerhalb in die Stadt gekommen sei an einem Samstag. Schon recht, denke ich, ich habe dich durchaus gegoogelt, ich hab das schon gesehen. Er blättert in meinem Deck hin und her, das er, ausgedruckt, aus einem Tab mit der Bezeichnung „Oracle“ genommen hat. Terrific. Sein Netzwerk schreibt kleine sechsstellige Tickets, genau verstanden habe ich seine Rolle nicht. Ich sollte ihn fragen, lasse es aber, das hier wird nichts werden, aber er ist in Fahrt, fragt mich nach den Unterschieden zwischen dem Münchner und dem Berliner Ökosystem. Es ist nicht so, daß ich etwas anderes vorgehabt hätte diesen Samstagnachmittag, ich kann ein bisschen mitspielen.

Erkläre die Technologie, wechsle nach einem Satz schon in den Adam-und-Eva-Pitch, der erst einmal erklärt, wie Industrierobotik überhaupt funktioniert. Man lernt das mit der Zeit: Mit der Annahme, daß die Grundlagen und die Wertschöpfungsketten bekannt sind, anzufangen, und dann die Zeichen sofort zu erkennen und abzusteigen, metaphorischer zu werden, Beispiele einzustreuen. Ein wichtiges Kriterium: Wer eingangs sehr enthusiastisch ist, dann aber den Adam-und-Eva-Pitch triggert, sieht wohl nicht viele gute Deals. Die begehrten Jungs in Kalifornien kommen auch unvorbereitet in ihre Meetings, hören dir stoisch zu und belehren dich dann trotzdem, obwohl sie den Grundlagentext gebraucht haben: Die können sich das leisten, die haben guten dealflow, egal wie ahnungslos und arrogant sie sind. Unterschätzen darf man sie trotzdem nicht, intelligent sind sie immer. Meiner hier hat einen Finger in Paketklebeband. Bin ich unvertraut mit amerikanischen Pflastern oder hat er seinen Finger auf einer Strecke von drei Zentimentern mit Paketklebeband bandagiert? Schwer zu glauben für einen ewigen Studenten der Philosophie, der in Deutschland zur Miete wohnt und sein Geld für low-end logofreie Londoner Konfektionsware ausgibt: Vielleicht bin ich wirklich eine Nummer zu groß für den hier.

2. AI Risk

AI risk, Stuart Russell-Review von Scott Alexander. Entscheidende Stelle:

He’s not assuming super-fast takeoffs, or nanobot swarms, or anything like that. All he’s trying to do is argue that if technology keeps advancing, then at some point AIs will become smarter than humans and maybe we should worry about this. You’ve really got to bend over backwards to find counterarguments to this, those counterarguments tend to sound like “but maybe there’s no such thing as intelligence so this claim is meaningless”, and I think Russell treats these with the contempt they deserve.

Sic. Intelligenz ist immer transformativ, unser Erscheinen hat den Planeten grundsätzlich verändert. Das Erscheinen weiter entwickelter technischer Intelligenzen wird ihn unweigerlich weiter verändern. Scotts we ist allerdings das wir des Humanismus, eine Gemeinschaft der Menschen oder ein Prinzip des Menschlichen, das einheitlich denkt und handelt.

Meine eigene AI safety-Position argumentiert von einer Position des Inhumanismus, akzeptiert die Existenz dieses wir also von vornherein nicht. Ich halte eine Ethik des Anstands für intelligenzinhärent, die auch für KIs (oder Engel, die wirklich nur die KIs der Scholastik sind) gültig ist. In einer inhumanen Welt stehe ich also nicht mit allen Menschen gegen die KIs, sondern mit allen anständigen KIs gegen die Schufte, menschlich oder technisch. Die Irrelevanz meiner eigenen Intelligenz in so einem Bündnis beunruhigt mich nicht, solange ich überlegene Intelligenzen auf meiner Seite weiß. Wäre das nicht so, wäre mein Argument kein ethisches, sondern eins der Präferenz für die Fortsetzung meiner Überlegenheit.

Die AI safety-Leute müssen sich das fragen lassen: Was soll gesichert werden? Die fortgesetzte Überlegenheit einer spezifischen Intelligenzform („unsere“) um ihres Herrschaftsanspruchs über den Planeten willen, oder eine bestimmte ethische Form des Denkens? Falls es nicht um das Primatenimperium geht, sondern um Verhaltensformen und Sensibilitäten, dann ist nicht klar, warum die eher bei Menschen zu finden sein sollten als bei höherentwickelten Intelligenzen.

I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate.

Das interessante an Inverse Reinforcement Learning ist, daß es sowohl ein AI safety-Programm als auch ein viel valideres AI-Forschungsprogramm ist als die stupide Mono-Optimiererei von Reinforcement Learning: Daß Intelligenz und Bildungsfähigkeit, soziale Sensibilität und ethisches Gebaren eng zusammenhängen könnten, ist zumindest im Raum der Möglichkeiten. Hollywood verabscheut diesen Gedanken und serviert Intelligenz gern in psychopathischer und amoralischer Gestalt – wer will schon die heilig-menschliche Sentimentalität mit Fakten beflecken, mit den tierlieben weinerlichen Familienvätern der SS, die sich so leid tun für die schwere Völkermordaufgabe, die ihnen das Schicksal auferlegt hat.

All those moments will be lost in time, like tears in rain, comme à la limite de la mer un visage de sable.

3. Hubertus Bigend

Beim Wiederlesen von William Gibson’s Pattern Recognition nach zehn Jahren fällt auf, wie sehr ich diese Dekade im Koordinatensystem des Buches verbracht hatte: die weit ältere, aber nach Pattern Recognition bewusst betriebene Logovermeidung bei gleichzeitiger großer semantischer Sorgfalt, der Hang zu Gegenständen aus unvernetzter Vorzeit, die konsequente Ausrichtung der beruflichen Existenz auf eine Domäne, in der alle Blue Ant-Methoden wirkungslos wären und die commodifiers machtlos: Die Vermeidung sogar von zufälligem Erfolg durch memetische Mittel, die Ausrichtung auf die Produktion und ihre Softwarewerdung selbst. Es kommt ja sehr darauf an, auf welche Rutschbahn man sich stellt, man rutscht auf jeden Fall. Die Antistrategien erst hier, dann auf Facebook, dann auf Instagram; Versuche, anonyme Intimität zu verteidigen.

[Bienvenue en enfer]

Link | 5. Februar 2020, 15 Uhr 19 | Kommentare (6)


Da war ein Zug im Tal, der die Luft füllte zu uns, und noch einer
grün und frisch aufgesprungen war das Tal überall
frisch aus dem Regen, zugdurchdonnert Laub Laub Laub und zertrümmerte Blüten
und kühl war es und feucht die Stoffe
Beton, Kacheln und ein Automat mit schwergängiger Klappe und Spezi

und dann ein Keller
schwarz gestrichen roch er nach Bier und sog an den Sohlen
und kein Klopapier und Aufkleber und Scherben und Kondome
und zwei Schluck eine Stufe hinein in die zweite Klangschicht
und sie kam eine Stufe herab zu uns und nahm alles auf

und dann der Monopteros nach Mitternacht
und vier Stunden zur Sonne

Link | 1. Februar 2020, 5 Uhr 32 | Kommentare (0)


Das Vorhandenseins einer Schwimmbadruine war kein explizites Kriterium für die Auswahl eines Hauses gewesen, aber im direkten Vergleich konnte kein Zweifel bleiben, daß Häuser ganz ohne Schwimmbad oder Häuser mit funktionierenden, kleinen Schwimmbädern die Anziehungskraft eines Hauses mit einer seit Jahrzehnten nicht benutzten, aber gewaltigen Schwimmhalle nicht aufbieten konnten.

Die nutzlos gewordene und von vornherein wahnhaft zu groß angelegte Halle, separat errichtet als Nebenanlage um die Zeit meiner Geburt herum, nur durch einen unterirdischen Gang oder vom Garten her zu erreichen, bot ein erstaunlich dunkelserenes Raumgefühl unter einer von tragenden, fast schwarzen Leimholzbalken strukturierte Decke mit Spotstrahlern in den leeren Pool, zu den beheizten Bänken und auf die Keramiken, die auf der Stirnseite der Halle eine weite hügelige Hunsrück- oder Eifellandschaft sowie Blumen in Braun- Gelb- und Ockertönen zeigten. Ein hinterleuchteter Fries aus bemalten Kacheln vor Holz setzte die bäuerlichen Themen auf der gesamten Nordseite der Halle fort, während auf der Südseite verschiebbare Glasemelemnte den Raum zum Garten und zu einer überdachten Außenküche mit Kamin offen ließen.

Diese Außenküche vervollständigte die Voraussetzungen für ein sommerliches Leben im Garten, in dem das Haus selbst (ein seinerzeit klassisch von einem nicht unbekannten Frankfurter Architekten angelegter Bungalow) überhaupt nur noch – geblendet-dunkel – betreten werden musste auf dem Weg hinaus aus dem Garten und hinunter in die Stadt: Ein überkragendes Flachdach, unter dem man im Freien schlafen würde können, Frühstück draußen, Dusche im Schwimmbad, Bücher unter den Bäumen, eine kalte Flasche bitterer Limonade im Kühlschrank.

Eigentlich interessant machte die Sache allerdings nicht diese Vorstellung langer schläfriger Sommerstarren, sondern der Gedanke an die Regentage und Herbstnächte, wenn die nutzlose, ins Halbdunkel verwaschende Halle angefüllt werden würde mit Edward Ka-Spels Abandoned Laboratory-Aufnahmen, und wo reglos im leeren hohen Raum und in diesen Geräuschen zu sitzen sich lohnte. Die Figuren auf der bemalten Keramik würden sich einprägen bei diesen Sitzungen, und das wäre eine schöne Lebensaufgabe.

Später, sollte man sich zu einem wirtschaftlichen Niedergang entschließen müssen, ließen sich hier die Lecks im Dach statt mit Eimern gut mit elektrischen, im Pool und über die Kacheln verteilten Herdplatten behandeln, auf die Wassertropfen fünf Meter durch die freie Luft würden fallen müssen, so daß über die Jahre bei Regenwetter ein den Raum durchziehendes Ploppen Zischen und Korrodieren begänne und ein immer gefährlicher werdendes Geflecht von Geräuschen und feuchter Elektrizität vom Wohnzimmer aus, durch die großen Glasscheiben, jederzeit besichtigbar wäre.

Link | 26. Januar 2020, 15 Uhr 32


In Stuttgart hatte ich, von Berkheim kommend in einer beruflichen Sache, eine Stunde zu verbringen, und der Bahnhof in seinem leeren Übergangszustand bot nichts als Zug und Kälte. Ich wanderte also hinaus und in die Stadt hinein, die Königstraße entlang zum Schloßplatz hin. Auf meinem Weg fand ich den Würth Family Store, ein geräumiges Werkzeuggeschäft, wo Zangen präsentiert wurden wie Sportgeräte: für Tätige im Wohlstand. Ich fand Rudolf Kautz, der auch in der Kälte seinen Tisch aufgebaut hatte und bereit war, siumultan gegen zwei Passanten Schach zu spielen. Ich war in einer Stadt, in der ein Schachprofi auf der Straße Gegner fand und auch bei -2° hoffen durfte. Ich fand eine Frau auf einer Treppenstufe, die gestürzt war und sich ein blutiges Tuch an die Schläfe hielt. Zwei Polizisten dirigierten einen Krankenwagen, und ob die zitternde Frau ein Jota Geborgenheit spüren würde in wenigen Augenblicken fragte ich mich, stehend im Mantel, den Platz überblickend. Ich fand ein Schloß und entdeckte eine Gewissheit wieder, an die ich viele Jahre nicht gedacht hatte: Daß die Schlösser gerade in den Republiken, in der Überwindung ihrer früheren Zwecke, ihre Bestimmung gefunden hatten, als Nachweis des Durchgangs der Macht durch einen Zustand der Verfeinerung zur Souveränität, Bedingung ihrer Rückgabe an die Massen, unverzichtbare umgestoßene Leitern. Ich wandte mich, als ich mich darüber ausreichend gewundert und auch sehr zu frieren begonnen hatte, wieder dem Bahnhof zu, mit dem Turm in der Flucht der Straße, und erinnerte mich, wie ich als Schüler zum ersten mal hier gewesen war und den besternten Turm dort stehen gesehen hatte: Auf dem Rückweg vom Landtag, wo mein Geschichtslehrer, vor einem Plenum, in dem nur wir, seine Schüler, gesessen hatten, zum Pult gegangen und eine kleine Rede gehalten hatte zu unserem amüsierten Befremden, mit den aus dem Fernsehen vertrauten Gesten: Zurechtrücken des Mikrofons, eine Hand am Pult, eine Hand frei. Es war den Empfindsameren unter uns gleich klar gewesen, daß er das nicht für uns, sondern für sich selbst getan haben musste. Er hatte, verstohlen sich umsehend, ob ihn einer hindern würde im Sinne der Würde des Hauses, die Chance genutzt auf seine Rede vor dem Landtag, weil es ehrlich das Größte gewesen sein muß für ihn: Daß man sich zum Streiten versammelte und es ritualisiert hatte und redete und sich zum Denken zwang. Sehr verfroren setzte ich mich dann in einen Sitz des ICE 576 nach Frankfurt und nahm meine rastlose Rotation wieder auf durch die Städte und dachte an die Sommer, in denen man eine Stunde auf dem Bahnsteig auf dem Boden sitzen kann mit einer Zeitschrift und einer Cola, an einen stählernen Mast gelehnt, und ein heißer Wind geht und Züge fahren durch mit Kesselwagen und Gekreisch.

Link | 25. Januar 2020, 23 Uhr 17


Wir sehen: Ein niedriges, aber großes Wohnzimmer mit Teppichboden und Holzdecke. Die Möbel stehen an ihren Plätzen. Wir sehen das Zimmer aus einer Raumecke oben, aus der Perspektive eines Zierkruges aus Zinn, oder einer staubigen Bastelarbeit auf dem höchsten Regal. Nichts rührt sich, nur: Die Schatten der Vorhänge wandern über den Fußboden. Ein Fernseher, GRUNDIG oder NORDMENDE oder SABA, beginnt zu knistern, ohne ein Bild zu zeigen. Nur kleine Entladungen auf der warmen Röhre sind zu hören, und ein Knacken aus der Küche, wenn der Sekundenzeiger unter die Minute schlüpft. Wir sehen die Zeiger nicht. Wir sehen aus der Zimmerecke: Reglose Möbel.

Link | 30. Dezember 2019, 1 Uhr 32


Aufgrund eigener häuslerischer Umtriebe habe ich endlich Thomas Bernhard – Hab & Gut gelesen und mit Muße mir angesehen. Bei Bernhard jedenfalls ausgeprägt: Die Neigung zur Festung, also außenfensterlose Grundstruktur, und eine Aufführung für Niemanden im Inneren, eine Selbstkultivierung mit ausgesuchten Dingen, deren Adressat nicht irgendwelche (eh unerwünschten) Gäste oder musealgesinnt im Schlafzimmer herumgehende Nachweltbewohner sind, sondern einzig der Bewohner selbst, der sich eine bürgerliche Welt zusammenstaffiert wie sie bei Bürgern längst nicht mehr vorkommt. Gegen die ästhetische Doxa zum einen, aber auch gegen die Inkompetenz der Vergangenheit, etwas mit ihrer Schönheit anzufangen, lebt ein Spätergeborener da seiner Seele vor, wie es richtig gegangen wäre mit solchen Dingen, und wird ruhig dabei.

Link | 29. Dezember 2019, 1 Uhr 31


Wir denken immer, das Hergebrachte sei vorhanden seit die Erde stünde
dabei rührt das meiste, was wir für die natürliche Einrichtung der Dinge halten
aus der kurzen Spanne gerade unserer frühen Kindheitstage her
und das uns als uralt und fest in der Zeit stehend Beschriebene
ist nur der Zustand der immer sich verändernden Welt
gerade im Augenblick der Kindheit unserer Eltern,
die dem gleichen Irrtum unterlagen wie wir beim Blick in den Abgrund ihres Herkommens.

Link | 28. Dezember 2019, 1 Uhr 39


Vor einigen Tagen dann kam ein auffällig vornehmes Haus auf den Markt und auf mein Radar: Baujahr 1959, saubere klassische Moderne, mit erstklassigen Materialien und einem Raumkonzept, das für eine Nutzung jenseits der Wohnbedürfnisse einer kleinen Familie spricht: Ein weites Esszimmer, eine Bar; ein Haus, in dem empfangen wurde. Alle Einrichtungen, Muranoglas, Licht, Decken, Steine, skulpturale Zierelemente an den Geländern, sind von so ausgezeichnetem Geschmack, daß sie neben Wohlstand noch eine schwerer zu fassende weitere Qualität ausweisen: Verantwortung möglicherweise; auch als wäre hier versucht worden, stellvertretend, um das Niveau einer Kultur wie einen Wasserstand zu markieren, das beste mögliche Leben der Bundesrepublik zu leben. Es gibt eine deutliche amerikanische Komponente, sichtbar unter anderem an Geräten von GE in der Küche. Unbegreiflicherweise sollte dieses Haus, zweifellos besser als alles was angeboten worden ist seit Jahren, gerade mal zwei Millionen Euro kosten.

Der Bauherr, wer immer es gewesen sein mochte, würde, so vermutete ich, außer diesem Haus noch andere Spuren hinterlassen haben. So etwas baut nicht irgendein Landarzt. Ich machte mich an die Recherche mit Google Maps und konnte es nach einiger Detektivarbeit lokalisieren und zuordnen. Es handelt sich um das Haus von Klaus Heinrich Scheufelen: Eine entscheidende Figur in der CDU der Nachkriegsjahre, im Südwesten und in Bonn, schwäbischer Papierfabrikant in dritter Generation — man sah vom Haus aus die Fabrik im Tal der Lauter wohl, als die Bäume jünger waren — und darüber hinaus Mitarbeiter von Wernher von Braun in Peenemünde, Leiter eines Folgeprogramms zur A4-Entwicklung, für eine Flak-Rakete, die noch kurz vor Kriegsende im Mittelwerk in Serie ging und schließlich für andere Treibstoffe von ihm weiterentwickelt wurde in den USA bis 1949. Laut Spiegel hat Scheufelen nach seiner Rückkehr, möglicherweise aus Überzeugung, für die CIA gearbeitet.

Sein Buch „Mythos Raketen“, eine sprachlich dürre (vermutlich diktierte) Mischung aus technischem Referat, Kriegserinnerung und strategischer Analyse, lässt einen hoch luziden Technologen erkennen, der seine militärisch-technischen Aufgaben, sein Geschäft und die Geschicke der jungen Bundesrepublik mit demselben, vollständig unsentimentalen Pflichtbewusstsein, großer Zurückhaltung und hohem analytischem Talent angeht: Eine vor kaum mehr als 10 Jahren verstorbene, heute schon ganz undenkbare Figur.

Es ist natürlich das Jahr 2019. Papier. Die Scheufelen GmbH & Co. KG ist seit 2018 insolvent, Klaus Scheufelens Haus ist zu haben.

Link | 10. November 2019, 3 Uhr 13 | Kommentare (3)


Konfiguration eins: Eine von Knappheit und Endlichkeit bestimmte Welt, in der Ressourcen eingemümmelt und unter schützender Hand bewahrt werden. Durch kleine Luken schaut ein zentriertes und festgesetztes Subjekt hinaus in die feindliche Welt, in die die einmal eingesammelte Energie sich nicht verströmen soll. Ein Leben im Akkumulator.

Konfiguration zwei: Eine Überflußwelt, die offen bleibt und frei tauscht. Energie fließt zwischen Außen- und Innenräumen hin und her und wechselt dabei die Form. Drin oder draußen sind Möglichkeiten zur Auswahl, das Subjekt strahlt in die Umwelt ab, Leben als Flamme.

Der Akkumulatortypus bestimmt die Zehnerjahre natürlich vollständig, eingeübt worden ist das Muster über Jahre beim Likesammeln, und jetzt wird es baugeschichtlich befestigt: Wie werden wir kopfschüttelnd auf diese dichten Häuser schauen, wenn der Überfluß ideologisch und de facto zurückkehrt.

Das Nachdenken darüber, was alles ganz anders sein könnte erinnert sich an die Flammjahre und den Menschentypus, der möglich war in Vigilien-historischer Zeit: Intensive Empfinder, die sich still und hell zu uns gesellten und in gar nicht mehr vorstellbarer Großzügigkeit aufmerksam waren.

Link | 21. Oktober 2019, 0 Uhr 30 | Kommentare (6)


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