Vigilien.

sie sehen uns nicht, I WO. Liegen alle in ihren Kojen und pennen!

Scheitern der Avant-Garde: Wenn es der Avant-Garde beim Vorstoß in einen unerforschten kulturellen Raum nicht gelingt, Formen zu etablieren, die dem Ansturm der Massen standhalten, bilden sich in der Folge Fronten aus, die einen langen sinnlosen Krieg führen; es vollzieht sich das groteske Schauspiel eines Kampfes zwischen zwei dem Namen nach verfeindeten, aber in ihrer Praxis sich gleichenden, Lagern. Eine Verständigung zwischen den beiden Seiten ist nicht möglich, weil sie so genau gleich sprechen. Der besprochene Konflikt ist auch nicht durch Aktion lösbar, weil seine Substanz nicht existiert.

Sieger ist nie eine der zwei Fraktionen, die das Erbe der gescheiterten Avant-Garde antreten. Sieger ist die beschädigte Kommunikationspraxis, die beide Fraktionen teilen müssen, weil sie alles ist, was noch wirkt. Diese Prozesse sind in keiner Weise unvermeidlich, man kann auch erfolgreich Avant-Garde machen — das fällt dann nur nicht auf, weil der gewaltsame Scheinkonflikt ausbleibt.

[Was der Surrealismus wirklich mit Viva Zwei oder Weblogs gemein hat]

link | May 17, 2012 0:40 | Comments (1)



Die Kritik hat Iron Sky nicht gemocht. Die ZEIT hat es fertiggebracht, ihre Rezension unter die Überschrift “Kryptofaschistischer Weltraumschrott” zu stellen — eine Besprechung eines Films wohlgemerkt, der alle drei Sekunden “Sieg Heil!” schreit und in dem auf so gut wie keinem Bild kein Hakenkreuz zu sehen ist. Bei der taz wird zwar beklagt, daß eine Komödie über Mondnazis in Ufos nichts Neues über den Nationalsozialismus verrät, der Rezensent ist aber mit dem “nerdistischen Credo” zur Ideologiekritik immerhin auf einer interessanten Spur. Der Süddeutschen sind die Nicht-Nazis im Film zu schal, naiv und chaotisch geraten. Sie seien dem strammen Nazi-Charme ihrer Gegenspieler nicht gewachsen. Nazis jetzt mal beiseite: Strammer Charme? Berlin an München, was ist da unten los?

Bei so viel Verwirrung lohnt sich vielleicht doch ein näherer Blick auf den Film. Der ist nämlich wirklich ausgesprochen lustig.

Zunächst ist er Steampunk. Steampunk im engeren Sinne ist die Übertragung viktorianischen Maschinendesigns auf nachviktorianische Maschinen zum Zwecke der Albernheit. Steampunk lebt von der Obszönität des Maschinellen: Das Obszöne ist das total Transparente, die Offenlegung aller inneren Organe, das Wegnehmen der Illusionen der Oberfläche, die Berührung zwischen Organismus und Maschine. Die viktorianische Maschine ist historisch der Punkt, wo menschlicher Organismus und Maschine sich verbinden, und die viktorianische Maschine als Gegenstand, aus Holz und poliertem Messing gemacht, entblößt obszön ihre Funktionen mit sichtbaren Zahnrädern, Manometern, etc. Iron Sky nun ist purer Nazi-Steampunk, oder, um genauer zu sein, Nazi-Dieselpunk, oder, um noch genauer zu sein, Nazi-Helium3-Punk.

Wie der ZEIT-Rezensent, vermutlich, um mangelnde Kreativität, also eine arge Sünde, nachzuweisen, richtig bemerkt, hat Iron-Sky-Regisseur Timo Vuorensola die “Reichsflugscheiben” (Haunebus) nicht erfunden: Tatsächlich ist die Geschichte von den auf dem Mond — oder im Innern der über die Pole zugänglichen hohlen Erde — sich auf ihre Rache vorbereitenden Nazi-Eliten ein Topos brauner Mythologie und Esoterik. Als ich vor zehn Jahren Material für das benachbarte Tiefebbefrostgebiet gesammelt habe, konnte man die Geschichten von der Reichsflugscheibenmacht im Netz schon lesen, zusammen mit den Geschichten vom Nazischatz im Ammersee, von der Flucht des Führers im U-Boot nach Südamerika, und dergleichen mehr — verschüttete Ammenmärchen für verängstigte Werwölfe, nachhallende Reste der Vergeltungswaffen-Propaganda und der Eliteorden-Mythen der SS, alles im Klima des Kalten Krieges schön durcheinander in Krautköpfen aufbewahrt. Thomas Pynchon und Laibach haben in den Jahren vor dem Internet auf dieses Erbe aufgepasst, bevor dann der Steampunk entstand und sich, vor allem im für totalitäre Ästhetik aufmerksamen Osteuropa, eine Szene bildete, die den ganzen irren Unfug liebevoll als Steampunk-Sonderform pflegte und weiterentwickelte. Man hat es hier also mit einem gewaltigen, fast unangezapften Reservoir an schlechtem Geschmack zu tun.

Und da stockt die deutsche Rezeption, scheint mir: Daß die einzige Funktion von Nazis in einem Film das Liefern von wirklich wahnsinnig schlechtem Geschmack sein soll, das kann nicht sein. Im Gegenteil: Man wäre bereit gewesen, sogar aus einer finnischen Meta-B-Klamotte etwas über den Nationalsozialismus zu erfahren oder, besser, einen antifaschistischen Film zu entdecken.

Die nationalsozialistische Ästhetik wird ja gern immer noch als gefährlich und überwältigend, vor allem also wirksam gedacht. Das liegt möglicherweise an der Geschichte vom “verführten Volk” — man wäre doch lieber von Fackeln, Fahnen und großkopiertem Klassizismus verführt worden als von den Erfolgen mit Hass, Raub und Gewalt. Möglicherweise liegt es auch einfach nur daran, daß die nationalsozialistische Ästhetik für Guido Knopp und den Spiegel immer noch zu wertvoll ist, um darauf zu verzichten bei der Erziehung des Volkes zu den richtigen Gefühlen.

Der Zentralwitz bei Iron Sky ist aber doch: Hätte Speer, auch so ein Verführter, auf dem Mond eine Basis gebaut, hätte sie genau so ausgesehen. Genau so aufgeblasen und scheiße.

Von diesem ziemlich lustigen Basiswitz aus legt Vuorensola dann los: Wie extrem männlich das alles ist. Wie extrem weiß das ist. Wie extrem deutsch das ist. Wie extrem spektakelhaft. Er nimmt, was an den Nazis lächerlich ist, nämlich den schlechten Geschmack, stellt ihn als Steampunk, außerhalb des historischen Kontexts (wo er nicht lustig sein kann!) zurück in die dunkle, überwundene Geschichte, und führt vor, womit dieser schlechte Geschmack, der mit Humorlosigkeit ja koextensiv ist, inzwischen überwunden wurde: Mit der freundlichen Hilfe von Frauen, Schwarzen, harmlosen Finnen und einer globalen Blödelpraxis, in der die Deutschen einen liebevollen Blick auf sich selbst lernen konnten. Das ist halt super, wenn auf dem Plan des Raumschiffs “Götterdämmerung” Sachen wie “OSZILLATIONSÜBERRAUM” stehen, oder wenn der Mad German Scientist das USB-Kabel nacherfindet oder “Aufgemerkt!” sagt und darauf besteht, den größeren Computer zu haben.

Darübergelegt ist dann die klamaukigere zweite Witzschicht: Die der Verweise darauf, daß das Politspektakel immer noch nach den alten Gesetzen funktioniert, die Schwarzen auch mal als Weiße auftreten (cf. Berlusconi/Žižek/Obama) und auch Frauen auf der Brücke eines Kriegsschiffs nicht unbedingt mit Terroristen verhandeln. Nicht einmal die Verulkung der amerikanischen Rechten geht in diesem Film in die schon mit stinkigen frühkrepierten Witzkadavern randvolle Falle der moralisch-überdeutlichen, gehässigen Besserwisserei. Genau wie bei der Speerschen Mondbasis: Wenn Sarah Palin Präsidentin würde und ein Raumschiff mit Nuklearwaffen bauen ließe, es würde halt ohne jeden Zweifel genau diesen Namen tragen.

Wenn ich dem Film etwas vorzuwerfen habe, dann höchstens die Figur der weiblichen deutschen Protagonistin. Natürlich braucht man in einem Meta-B-Film mit Ufonazis ein blondes Fräulein, das versteht sich von selbst, aber musste sie ein “guter Nazi” sein? Naiver Glaube an die moralische Verbesserung der Menschheit durch Verbesserung der Menschen, Erlösung durch Wissenschaft etc. etc. — nicht daß das nicht ein ernstzunehmender (und im Zuge der Dämonisierung vernebelter) Aspekt des politischen Phänomens des Totalitarismus wäre, aber er überlastet diese Komödie und fühlt sich halbseiden an. Hier spürt man in der Tat die vom taz-Rezensenten bemerkte Heimat des Films im Geek-Milieu, wo Andersdenken ja bekanntlich auch es noch nicht verstanden haben heißt.

PS: Aber die ZEIT? Ich kann mir das nur so erklären, daß man dort sehr stolz auf so lange Worte ist, wenn man sie mal gelernt hat.

PPS: Ja, ein Eintrag in Topcheckerpose™. Aber es ist doch Notwehr!

link | May 9, 2012 23:42 | Comments (3)



- aa 3901 Neo-duchampians must be told: du champ! du champ!

link | May 3, 2012 13:42 | Comments (0)



Auch ein großer Loner- und Zugfahrfilm: Les rendez-vous d’Anna von 1978. Besonders schön und schockierend: Wie vollkommen ausgetauscht die Welt ist. Ein Deutschland, das mir realistischer erscheint; das Paris von den Dias meiner Eltern, ebenfalls realer als das heutige Paris, das ich nicht kenne; zweimal unzweifelhaft die Welt (nicht das Kino, das zeitlos ist). Meine Ankunft in dieser Welt ist die Veränderung. Schockierend ist nicht, daß die Welt ohne mich funktionieren konnte (ahnungslos wie sie war!), schockierend ist, daß meine dreissig Jahre diese Züge vernichtet haben, diese Handläufe, die Bahnhofsrestaurants, die Hotels, die immer besetzten Leitungen nach Italien, die Formen der Wasserflaschen; alles ausgetauscht durch alberne, klapprige Kopien. Was bedeutet das? Ist dasselbe Szenario dreissig Jahre in die Vergangenheit verschoben das selbe? Falls nein, was ist anders? Fehlt der Film? (Les rendez-vous von 1948?) Oder fand eine Weltersetzung dieser Art nur diesmal statt, bin ich es gewesen?

link | April 27, 2012 0:39 | Comments (1)



Ich ziehe die Vorhänge zu gegen den Rest von Licht, der, über den Hof und die Freifläche, vom Gartenhaus im Nachbarblock herüberscheinend, die Regale und Gegenstände im Zimmer konturiert. Gleich werde ich das Glas Wasser tauschen, eine neue Gewohnheit, entstanden in den neuen, regelmäßigen Tagen schweigsamer Arbeit. Meine Regale und die Bücher gewinnen in diesen Tagen eine nicht ganz geheure steinerne Solidität, die Uralten im Reigen der Objekte des täglichen Umgangs, von denen viele jetzt ganz ohne materielle Substrate auskommen und selbst die oft berührten materiellen in einen schnellen Fluß geraten sind.

Der Projektor desintegriert. Ein zweiter neuer Fehlerpixel ist aufgetaucht, am Tag nach dem ersten, Schwarz zerfällt neuerdings in eine zerklüftete Mondlandschaft. Ich begreife: Die Lebensdauer der Lampe hat nie eine Rolle gespielt, das Display schmilzt lange, bevor die Lampe die Grenzen ihrer Haltbarkeit erreicht. Die Angabe von Leistungsdaten auf Verpackungen basiert, natürlich, auf Konventionen der Vergleichbarkeit, die mit der Varianz der unter ihr durchziehenden Produkte nicht mithalten. Alles, was wir zuwege bringen werden, ist, wie immer, Empörung: Daß die Sachen ja am ersten Tag nach dem Ablauf der Garatagähngähn. Das ist unsere Funktion: Das Geschehen mit Empörung zu kommentieren.

Die Verlangsamung, mein Heraustreten aus den Funktionszusammenhängen provoziert natürlich solche Ereignisse: Der Fehlerpixel erscheint, um mich darauf hinzuweisen, daß Projektoren alle zwei Jahre ausgetauscht werden, mein Festhalten an der Idee der Anschaffung ist (auch ohne Empörung) sentimental: Ich besitze keinen Projektor, ich habe für zwei Jahre eine Funktion geborgt aus dem Umwälzsturm der Erneuerung, jetzt kehrt sie zurück in den Malstrom. Daß der Strom mein eigenes Beiseitetreten respektiert, konnte ich nicht erwarten.

link | April 19, 2012 1:12 | Comments (0)



Queneaus Odile empfehle ich Ihnen, falls auch Sie zu jenen gehören, die ein Unglück eher ertragen als eine Banalität, und lernen möchten, sich zu verzeihen.

link | April 10, 2012 21:37 | Comments Off



On sait aller de la gare ou de l’air terminal à son hôtel. On souhaite qu’il n’en soit pas trop éloigné. On voudrait être dans le centre. On étudie soigneusement le plan de la ville. On repère les musées, les parcs, les endroits que l’on vous a fortement recommandé d’aller voir.
On va voir les tableaux et les églises. On aimerait bien se promener, flâner mais on n’ose pas; on ne sait pas aller à la dérive, on a peur de se perdre. On ne marche même pas vraiment, on arpente. On ne sait pas très bien quoi regarder. On est presque ému si l’on rencontre le bureau d’Air France, presque au bord des larmes si l’on voit ‘Le monde’ dans un kiosque à journaux. Aucun lieu ne se laisse rattacher à un souvenir, à une émotion, à un visage. On repère des salons de thé, des cafétérias, des milk bars, des tavernes, des restaurants. On passe devant une statue. C’est celle de Ludwig Spankerfel di Nominatore, le célèbre brasseur. On regarde avec intérêt des jeux complets de clefs anglaises (on a deux heures à perdre et l’on se promène pendant deux heures; pourquoi serait on plus particulièrement attiré par ceci ou par cela? Espace neutre, non encore investi, pratiquement sans repères: on ne sait pas combien de temps il faut pour aller d’un endroit à un autre; du coup on est toujours terriblement en avance).
Deux jours peuvent suffire pour que l’on commence à s’acclimater. Le jour où l’on découvre que la statue de Ludwig Spankerfel di Nominatore (le célèbre brasseur) n’est qu’à trois minutes de son hôtel (au bout de la rue du prince Adalbert) alors que l’on mettait une grande demi heure à y aller, on commence à prendre possession de la ville. Cela ne veut pas dire que l’on commence à l’habiter.
(Perec)

link | March 30, 2012 22:51 | Comments Off



Liebe 51 Hacker,

Eure Antwort an die Tatort-Drehbuchschreiber hat ein paar Probleme, auf die ich Euch hinweisen möchte. Wer argumentiert wie Ihr, wird leicht nicht verstanden — da könnt Ihr dann beklagen, daß man Euch mit Zwölfjährigen in einen Topf wirft, oder Ihr könntet ein bisschen vorsichtiger sein, um die Verwechslungsgefahr zu minimieren.

Zitat aus Eurer Antwort auf den offenen Brief der Tatort-Drehbuchschreiber: “Das ist das Digitalzeitalter, Freunde, wir wissen nicht mal, wie wir digitale Daten ein ganzes Jahrhundert lang bewahren sollen.”

Das ist also das Digitalzeitalter, Freunde. Davon geht ihr oft aus: Das ist jetzt das Digitalzeitalter, da ist das so und so, und wer das nicht versteht, hat das Digitale nicht verstanden, ist ein “prädigitaler Ignorant” und sein Festhalten an Strukturen, die vor der Digitalisierung von Medien etabliert wurden, hat Fetischcharakter. Gegenüber stehen sich in diesem Weltbild die, die ES verstanden haben, und die, die ES nicht verstanden haben. ES ist das Digitale, und was es verlangt.

Strukturell ist das ein “Macht der Geschichte”-Argument: Die Geschichte passiert, und sie verlangt von ihren Insassen, daß sie sich anpassen. Dazu gibt es zumindest drei Dinge zu sagen:

Erstens ist, wann immer so argumentiert wird, Wachsamkeit geboten. Wo die Macht der Geschichte behauptet wird, versteckt sich gern die Ideologie. Die Geschichte entpuppt sich ja immer mal wieder als simpler Einfluß von Leuten, die die Geschichte gern genau so hätten.

Zweitens, das nur als Randnotiz, gab es mal die inzwischen altmodische Idee, daß die Geschichte, sogar wenn sie “Digitalzeitalter” heißt, gestaltet wird, nicht passiert. Das ist aus der Mode, aber früher gab es Leute, die wollten doch nochmal drüber nachdenken, ob man die Geschichte so und so wirklich haben will oder doch lieber anders. Mir ist bewusst, daß das eine unzeitgemäße Idee ist — es hat sich, vor allem in unseren Kreisen, die Ansicht durchgesetzt, daß die Technologieentwicklung dieser Zivilisation sich selbst durch die Menschheit hindurch betreibt und nicht andersherum. Trotzdem muß man, gerade wenn man mit Älteren redet, davon ausgehen, daß die statt an unser Cyberpunk-Weltbild an eine gestaltbare Welt glauben. Man kann sie nicht zu Ignoranten erklären dafür.

Drittens: Weltbild und Ideologie beiseite ist die Macht der Geschichte oft eine simple Generationenfrage. Es etabliert sich eine kulturelle Praxis, die noch keine institutionelle Form gefunden hat. Die Jüngeren leugnen lange, daß sie überhaupt eine brauche (die Zwölfjährigen), dann merken sie im günstigen Fall, daß es so einfach nicht ist (das seid Ihr) und irgendwann zählt’s dann. Die Praxis in unserem Fall: Das bedenken- und entgeltlose Beschaffen von Reproduktionen von Werken der Kultur. Das macht, in unserem Weltbild, “jeder”, und deswegen wirkt jede Diskussion darüber, ob es in Ordnung sei, sonderbar und wie ein Prohibitionsversuch. Tatsache ist, das macht nicht jeder, das machen vor allem wir, die Jüngeren. Man muß so um die dreissig oder jünger sein. Wir haben nicht etwas “verstanden”, was die anderen “ignorieren”, wir machen nur etwas anders als die (mit technischen Hilfsmitteln, die es einfach machen) und haben also einen klassischen Generationenkonflikt. Die Macht der Geschichte ist nur insofern auf unserer Seite als die andern früher sterben. Bis dahin haben wir Zeit, ihnen zuzuhören.

Was sagen uns die ehrwürdigen Herren vom Tatort, die bald sterben, also? Sie weisen darauf hin, daß wir immer noch kein Ersatzmodell für die Organisation von Kulturproduktion haben, sondern davon profitieren, daß sie, die Alten, die Kulturproduktion nach wie vor durch die klassischen Verwertungskanäle bezahlen. Wenn sie mal weg sind, rappelt es im Karton: Dann stehen die Künstler mit Flattr, prekären Live-Performance-Verhältnissen, Werkverträgen oder einem unausgegorenen Flatrate-Konzept da. Jedes einzelne dieser Modelle stellt Urheber schlechter als das aktuelle Modell. Das ist schlecht für die Urheber. Ja, auch für die von Software, deren Fröhlichkeit in ihrer Werksvertrags-Knechtschaft den anderen Urhebern gerade die Preise ruiniert und die gar nicht merken, daß sie möglicherweise wertvoller sind.

Das Argument “jetzt ist digital, das muß man mal verstehen, da ist das eben so” ist eins, das ich von Hackern oft höre, aber eigentlich von dümmeren Menschen erwarten würde. Gar nichts ist jetzt eben so, außer Kapitalismus, Interessen und Machtverschiebungen.

Was passiert, wenn uns nichts einfällt? Ohne Flatrate: Statt der Verwertungsindustrien, deren Opfer wir angeblich alle sind, verdienen dann (und schon jetzt) die Infrastrukturindustrien. Apple, Google, Facebook, bis runter zu Festplatten, Halbleitern, etc. Die machen richtig, richtig Geld. Die Urheber nicht. Das ist schon wahr, daß ein Musiker kein Millionär werden muß mit seiner Musik, einverstanden, aber die Typen von Apple, Google und Facebook, die müssen?
Und, Randnotiz, von wegen Macht der Geschichte: Es ist mir klar, daß Ihr 51 Hacker auch brav gegen Facebook und Konsorten seid — bloß folgt Euch die Geschichte da einfach nicht. Unsere Generation hängt dran, an diesen Infrastrukturen. Da können wir noch tausendmal Linux schreien, die Geschichte wird trotzdem bei Google gemacht, und die Linuxer sind ihre nützlichen Idioten.

Was passiert, wenn uns nichts einfällt? Mit Flatrate: Wir verlieren die Marktmechanismen für Kulturgüter. Manche von uns halten das vielleicht für eine gute Sache, aber das ist ein gefährliches Spiel. Entweder man baut eine Bürokratie, die entscheidet, was als Kunst gut genug ist, um aus dem großen Fonds bezahlt zu werden, oder jeder, der fragt, bekommt, unterschiedslos und wenig. Im Grunde ist ja jeder ein bisschen ein Künstler und jeder trägt was bei — und schnell diskutiert man nicht mehr die Kulturflatrate, sondern das Grundeinkommen und das ist ein sehr, sehr großes Faß.

Eine Alternative wäre natürlich ein richtiger Markt für Kulturprodukte, wo man Urheber, die wirklich was können, gut, und die Talentlosen, die besser was anderes machen würden (gibt’s auch bei Software, Ihr kennt die Brüder) eher schlecht entlohnt. Das erfordert einen Anspruch der Urheber auf Beteiligung an der Verwertung ihrer Erzeugnisse. Oha, wir haben das Urheberrecht neu erfunden.

Und ja, Kultur wird aus Kultur erzeugt, und was ein neues Werk sein kann, das einer auf dem Markt anbieten darf, ist unscharf und schwierig zu bestimmen: Aber daß das schwierig ist, bedeutet noch nicht, daß es idiotisch ist, es zu probieren. So ist das mit dem Recht. Es ist unscharf, es weiß manchmal nicht, es lebt und bewegt sich und widerspricht sich (alles Dinge, die uns suspekt sind, ich weiß), aber am Ende schafft es Bedingungen, auf die es wirklich ankommt: Ob Kultur produziert werden kann und von wem, zum Beispiel.

Wenn wir sagen: Genau das wollen wir nicht mehr, daß das Recht das regelt, dann brauchen wir bessere Gründe für diese Ablehnung als “denn es nützt der Verwertungsindustrie” und “denn es ist schwierig und manchmal ungerecht”. Schwierig und ungerecht ist es immer, und ob es so eine rasend gute Idee war, die Verwertungsindustrie gegen eine Bewusstseins-Infrastrukturindustrie einzutauschen, ist auch noch nicht heraus.

Es scheint so zu sein, daß ein Markt für unserer Köpfe Arbeit immer noch eine gute Sache wäre, auch wenn unserer Köpfe Arbeit leichter zu transportieren ist. Es ist klar, daß DRM, Kopierprohibition, zufällige Abmahnungen/Anzeigen und verlängerte Schutzfristen Erfindungen der Verzweiflung sind, die keinen Bestand haben werden. Es ist keineswegs klar, ob sich nicht, auch mit Mitteln des Rechts, ein System konstruieren ließe, bei dem für geistige Arbeit die geistigen Arbeiter bezahlt werden und nicht irgendjemand, der ihre Infrastruktur kontrolliert.

link | March 30, 2012 12:00 | Comments (2)



Die Plakate für das MaerzMusik 2012 mit ihrer Grau/Wasser/Signalrot/Crop/Zoom-Sprache sind das Schönste und Klügste, was seit sehr langer Zeit in U-Bahnhöfen zu sehen war. Das Programmheft ist genauso schön. Das Haus der Berliner Festspiele ist, immer, zum Verrücktwerden schön. Ich trank ein Glas Wasser. Die Menschen dort waren auch schön. Und leise.

Dann Tomomi Adachi, von dem ich absichtsvoll gar nichts in Erfahrung gebracht hatte vorher. Erst: 1 DJ mit zwei Plattenspielern spielt auf 10 menschlichen Stimmen, die, mit leichter Brain-Processing-Latenz, nachformen, was sie auf Kopfhörern hören: technische Geräusche, auseinandergefilterte Musikruinen und vereinzelte Melodiefragmente (Auferstanden aus Ruinen und das Deutschlandlied: Wohl zur Wahl des Präsidenten). Später: Tomomi Adachi macht mit dem Tomoring II und einem Tomomin sowie Stimme und verschiedenem Wunderlichem Zeug™, mit dem man gegen so ein Tomoring hauen kann, Musik. Dann tanzt er in einem Lärm-Erzeugungs-Datenanzug herum und singt auf japanisch vor sich hin dabei, woraus der Lärm-Erzeugungs-Datenanzug Lärm macht, ohne daß genau zu verstehen wäre, welche Bewegungen wie Lärm machen. Draußen später Sturm, der in den komplizierten menschenleeren U-Bahnhof Spichernstraße fährt und in ihm saust und dröhnt.

link | March 19, 2012 2:25 | Comments (2)



Zurück in der Staatsbibliothek, fast testweise, nur für eine Stunde, nur ein Buch zu sichten. Sofort der vertraute, aber vergessene Bibliotheks-Sex-Flash: Diese intelligenten jungen Menschen, die da in die Bibliothek gehen zur Geistesarbeit, weil man zu Hause keinen Körper hat und das auf Dauer deprimiert. Also gehen sie hier durch die Gänge, bewegen sich ein bisschen unfrei, aber gut angezogen, eine Lebensform mit Muße für Geschmack nachweisend, setzen sich, versinken tatsächlich (denn sie arbeiten tatsächlich) in Konzentration, um dann ab und zu aufzustehen und etwas holen zu gehen und dabei begehrt zu werden von denen, die gerade aufschauen, oder schauen selbst auf und sehen sich die an, die durch die Gänge gehen.

Dann die extrem hohe Informationsdichte, die so eine Monographie immer noch hat, selbst diese, eine etwas zweifelhafte Arbeit aus der Militaria-twilight zone: Man schlägt das auf, und es dröhnt los: Bilder, Tabellen, Listen, Typen, Schemazeichnungen, Karten, Archivmaterial, Abkürzungen, Fußnoten, TEXT. Der Noise Superhighway hat keine vergleichbare Erfahrung anzubieten.

link | March 2, 2012 16:23 | Comments (1)



Nicht besser zu erfinden wäre eine Entwicklung gewesen, die nach zwanzig Jahren Kulturtheorie zum Thema “Fernsehen und die verderblichen Effekte der Passivität” das Fernsehen durch ein Medium ersetzt, das ständige Aktivität aller verlangt, um zu funktionieren, und in dem sich eben keine Vielzahl von klassisch abgegrenzten und miteinander interagierenden Subjekt-Produzenten etabliert, sondern vielmehr eine Vielzahl von schnellen Prozessierungsknoten, deren Funktion das Berührtwerden von Material ist; Material, das im Falle einer erfolgten Berührung weiterverbreitet wird und so seine planetare Reichweite testet. Während dieses Material aus der Vorzeit als Nebel in die Netze aufsteigt — Bilder und Fragmente, die über die Vorstufe eines Jahrhunderts Film die alten Mythen als Programme in dieser Fleisch-Silizium-Infrastruktur installieren — verliert, was einmal die Wirklichkeit war und von Video abgebildet und als Surrogat zurückverabreicht wurde, endgültig sein Eigenrecht als Affektlieferant: Die Bilder bilden keine Bäume mehr ab, die Bäume in uns aufrufen; die Bäume selbst erhalten ihre Sichtbarkeit erst in ihrer Funktion als prozessiertes Material. Der Baum ist nicht mehr, was er mit mir (einer Lesebiographie) macht bei unserer Konfrontation, sondern was er mit meinem Netzwerk macht, wenn ich es konfrontiere mit seinem Bild: Der Baum ist sein potentiell planetares Echo, in dem die Mythen gespeichert sind (und er kann keine neuen Mythen produzieren); er fließt durch mich als tönernen Kamerahalter und Terminal hindurch, testet seine Beziehung zum Mythos hinter mir, und in der Rückprojektion erkenne ich ihn und mich, das Realitätsereignis findet statt.

[Zone der Ununterscheidbarkeit von Form und Hintergrund]

link | February 22, 2012 22:42 | Comments Off



Heute nochmal versucht, Harald Schmidt zu schauen, aber es geht nicht mehr; die Langsamkeit der ganzen Veranstaltung Fernsehen ist unerträglich: Was laberst du, Mann, da für einen Fülltext in die Zeit hinein, warum soll ich warten, bis der Witz abgeliefert ist, kann der nicht direkt kommen? Ohne daß ich warten muß, bis die Sendung sich herausgesendet hat? — sofort zurück zu Büchern, wo der Text Wort für Wort zählt, und wenn der Text nicht zählt, kann das Buch weg und das nächste her.

[Gleichzeitig auch: Die Verödung des sogenannten social web für mich, das ich jetzt nicht mehr nur, wie alle, im Grunde hasse, sondern das wirklich zurücksinkt ins Egalsein hinein. Seine Beliebtheit muß ein Symptom der Arbeitsweltverhältnisse sein, sein nervöses Witzelgeblitz die zaghafte Restichbehauptung des Geistes im Joch. Geht der Druck weg, wirkt die Sache nur noch grotesk.]

link | February 10, 2012 20:17 | Comments (1)



Das ist natürlich wahr: Wie man damals, in den Harald-Schmidt-Show-Jahren, immer mit dem Gedanken lebte, daß man reich sein könnte und dann würde alles gewaltig rocken, man würde so in großkarierten Schlafanzügen Billard spielen und dann das Queue wegstellen und um so eine rasend gutaussehende Frau hinten rumfassen, und später im offenen Wagen die Küste lang fahren, und das wäre alles wirklich möglich, wenn man sich nur der allgemeinen Bewegung hin zum Geschmack anschlösse.

link | February 9, 2012 23:09 | Comments (1)



Bild: Eine leicht abschüssige, gepflasterte Gasse kühlte meine Unterarme, als ich aufbrach vom Vorplatz jener mittelalterlichen und verschlossenen Kirche, deren Namen mir leider entfallen ist. Schon von fern wehte mich Curry an, Curry und Zypressen und Salz.

* * *

Gegenbild: Ich trat an die Brüstung und griff, behandschuht, mit beiden Händen den Holm. Die Brandung lief an gegen den menschenleeren Strand, aus dem Nebel heraus hoben und senkten sich die Wellen zweimal, ehe sie zusammenbrachen. Einer der Vorhänge in der Front des Miramar bewegte sich. Ich ließ das kalte Metall los, tastete in der Tasche nach meinem Telefon, und wandte mich nach rechts, um irgendwo einen Tee zu bekommen, selbst wenn ich dafür durch eine Tür gehen müsste, über der “Luzifer” stünde.

link | February 5, 2012 16:39 | Comments Off



Manchmal der Verdacht: Daß das Leben, wie es nun einmal ist, genau jetzt, also in diesen Jahren, vor allem doch davon bestimmt ist, wie fragil das Haus wirkt, daß es bebt und sich schüttelt, wenn die Straßenbahn kommt, wie immerzu Gipsbrocken aus der Wand hinter dem Heizkörper aufs Parkett fallen — wo kommen die immer noch her, wieviel Wand kann da übrig sein? — wie der Staubsauger der Nachbarn alle Wände erschüttert, wie ein paar Schritte die Dielen in Schwingung versetzen und die Stehlampen biegen: Auf einem solcherart aufgehängten Boden, kann da das Leben anders als äußerst vorsichtig sein?

link | February 5, 2012 16:08 | Comments Off



Demokratie ist offenbar so etwas wie die Gesundheit. Man muß immer einen Schal tragen und Actimel trinken. Es ist zum Beispiel schlecht für die Demokratie, wenn die Stuttgart-21-Gegner nach einer verlorenen Abstimmung reden wie “die Politiker” (das sind bekanntlich Antidemokraten) und ihre Niederlage nicht zugeben.
Vorher war es “gut für die Demokratie”, daß die Stuttgart-21-Gegner so sehr gegen Stuttgart 21 waren. Sie haben behauptet, sie seien “die Bürger” und sprächen für alle, folglich waren sie im Recht gegen “die da oben” und das ist gut für die Demokratie. Immer schön empört sein, kriegst ein Leckerli.

Die Piraten sorgen sich in diesem Sinne besonders um die Demokratie. Sie wollen unbedingt viel davon machen, damit es ihr gut gehe. Nichtpiraten haben in ihrem Weltbild nur einfach das Internet nicht verstanden. Wenn die’s irgendwann mal verstanden haben, sind sich alle einig und wollen das gleiche, nämlich vollkommen ungestört die ganze Zeit Demokratie mit Twitter machen.

Na schön. Breaking News: Die anderen sind gar nicht dämlich und erkennen nur nicht, was gut für alle ist, sie haben wirklich, echt, ohne Flachs, andere Interessen als wir. Es gibt kein “alle”. Die wollen zu unserem “alle” einfach nicht dazugehören und wir zu ihrem auch nicht.

Die wollen was anderes. Die Demokratie, der Staat, oder “das Gemeinwesen” ist die Sphäre, in der immerhin ohne physische Gewalt verhandelt und implementiert wird, wer wieviel von seinem Willen kriegt. Unterschiedliche Akteure haben unterschiedliche Mittel, manche können Abgeordnete zu einem schönen Essen einladen, andere müssen sich mit einem Transparent vor einen Wasserwerfer stellen. Manche sind reich und wollen niedrige Preise für Hotels, andere sind arm und wollen, daß man ihnen hilft, ein bisschen weniger würdelos zu leben.

Manche sind solidarisch, andere sind nur für sich selbst. Ich bin zum Beispiel für Solidarität. Ich bin für Gesetze, die mir, wenn es mir gut geht, ein bisschen Geld weg nehmen, und es solchen geben, die nicht so tatkräftig geboren sind wie ich, damit es denen nicht dreckig geht und, positiver Nebeneffekt, Robin Hood mich nachts in Ruhe lässt.
Andere sind Arschlöcher. Die wollen das nicht. Sie haben kein Problem mit Robin Hood, sie bewaffnen sich im Zweifel einfach gern besser. So sind die drauf. Muß ich nicht verstehen.

Es gibt keine Einigung mit den Arschlöchern. Weder ihre noch meine Haltung ist besser für die Demokratie oder das Gemeinwesen. Wenn ich in einem Gemeinwesen mit lauter Arschlöchern bin, die sich nichts draus machen, wenn es anderen schlecht geht, bin ich eben in so einem Gemeinwesen. Hartes Brot. Ich kann ihnen dann nicht sagen: Oh, das ist jetzt aber schlecht für das Gemeinwesen, daß ihr so Arschlöcher seid! Die leben nämlich genau in dem Gemeinwesen, in dem sie eben leben wollen.

Wenn man dann was ändern will, muß man um die Herzen der anderen kämpfen und sie überzeugen. Das ist mühsam und schwer und dauert auch mal Jahrzehnte.

Was nicht geht: Meine Vorstellung von einem Gemeinwesen zum einzig echten Gemeinwesen erklären und alles andere für gar keins. Das ist ein Kategoriefehler. Natürlich habe ich Recht; ich und die nicht. Aber “Gemeinwesen”, “Staat” oder “Demokratie” habe ich eingeführt als Begriffe, die es mir ermöglichen, zu akzeptieren, daß die anderen auch ein bisschen von ihrem Willen kriegen, obwohl sie nicht Recht haben. Ich kann mir diese Begriffe nicht zurückholen und sagen Demokratie ist nur, wenn alle das wollen, was ich und meine Buddies wollen. Zum Beispiel einigermaßen maßvolle Gehälter auch für Mitarbeiter der Finanzindustrie.

Deswegen sind wir genau nicht in einem postdemokratischen Zeitalter. Wann immer “der Souverän” im Sinne des Gemeinwesens gegen “die da oben” in Stellung gebracht wird, kann man “den Souverän” schön gegen das Volk und das Gemeinwesen schön gegen die Gemeinschaft substituieren, und für “die da oben” findet sich schon jemand Erreichbares dann.

Leute: Es gibt diese Gemeinschaft nicht. Wenn es sie gibt, ist sie die Hölle. Ihr habt keine gemeinsamen Interessen mit irgendwas, das “der Souverän” heißt oder eben das Volk ist. Das täuscht. Es gibt keinen kuschligen Innenraum der Demokratie, wo wir Gleichartigen mit unseren gleichen Interessen beisammen am Feuer sitzen und eine inhaltsleere Demokratie zelebrieren, und draußen heulen die bösen Wölfe.

Die Wölfe sind hier drin, der Wolf ist immer der Nächstreichere, Nächsttürkischere, Nächstschmarotzerige, undsoweiter. Vergesst das mit dem Gemeinwesen, das eine definierte Außengrenze zu den Bösen Anderen hat. Genau das ist ein Volk, und das wollt Ihr nicht.

Ingo Schulze übersieht genau diese Mechanik. Er sagt, er will fragen: Cui bono? Und dann hat er den Bösen Anderen entdeckt, der die Homogenität seines Gemeinwesens (mit all diesen gemeinsamen demokratischen Interessen) stört.

Das tut er, weil er in Portugal war, und ein Portugiese genau das gefragt hat: Cui bono? Und festgestellt hat: Dieser Ingo Schulze, der da vor mir sitzt, ist Deutscher, und profitiert ziemlich von meiner miesen Lage. Er lebt nämlich in einem Staat, der zur Zeit fast nichts für Neuschulden bezahlen muss, was direkt mit den schlechten Raten für Portugiesische Anleihen zusammenhängt. Und in diesem Staat gibt es die niedrigste Arbeitslosenquote in Europa und sogar noch Jobs an den Universitäten (weniger als in den 80ern, aber mehr als in Italien), und man leistet sich gewaltige Investitionen in Energieinfrastruktur, undsoweiter, alles Dinge, um die es in Portugal schlecht bestellt ist. Und also kommt der Portugiese zu dem Schluß: Die Deutschen sind die Bösen Anderen.

Wie reagiert der erschrockene Intellektuelle Ingo Schulze, der ja weiß, daß er nicht zu den Bösen Anderen gehört? Der Portugiese muß sich irren. Der Böse Andere, der da die Strippen zieht und alle prellt, muß einer sein, der sogar noch mehr bono abbekommt als er selbst, der Deutsche (möglicherweise hat Ingo Schulze sich die Welt auch so zurechtgelegt, daß er persönlich gar nicht profitiert, was den Portugiesen zu Recht wütend machen könnte). Wen findet Ingo Schulze vor? Den Banker, denn der ist (wie Schulze sich verzweifelt ob seiner Hilflosigkeit bewusst ist) in aller Munde und wird es also wohl sein.

Natürlich zieht weder der Portugiese, noch Ingo Schulze, noch der Banker Joe von draußen mit metaphysischen Sonderrechten die Strippen. Nicht mal der böse Wolf. Alle verfolgen einfach nur hier drin ihre Interessen und gestalten die Welt um, nach ihrem Dafürhalten, mit allen Mitteln, die sie haben, aber ohne Bürgerkrieg. Manche sind allerdings erfolgreicher dabei, weil sie sich weniger bescheuert anstellen.

Zum Bescheuerten Anstellen gehört der gefährliche Unfug von der ewig kränkelnden Demokratie, der es bei mehr Engagement-in-der-bedrohten-Gemeinschaft-derer-hier-unten besser ginge. Bestimmte Kreise machen seit Jahren Demokratie, wie man Demokratie macht: Man zieht Leute auf seine Seite, redet ihnen Zeug ein, droht und lockt und geht mit der Macht essen. Die andere Seite jammert, daß davon jetzt langsam die Demokratie kaputtgehe, und findet das Schauspiel außerdem unwürdig, und tauscht damit einfach vornehme Seelenruhe gegen Geld und Macht, weil man auch ohne viel Geld noch ganz gut lebt hierzuland.

Wer nicht agiert, kriegt eben irgendwann, was die anderen ihm lassen.

Wenn es so nicht weitergehen soll, ist die richtige Frage nach vorn aber nicht der windelweiche, wohlmeinende, inhaltsleere “Was ist gut für das Gemeinwesen”-Blödsinn, der mit jeder Hetze aufgeladen werden kann, sobald die Idee von der bedrohten Gemeinschaft wieder etabliert und die Stelle der bösen Wölfe außerhalb des Gemeinschaftskörpers wieder vakant ist. Die richtige Frage nach vorn ist “Was will ich?” und dann, pardon: “Was tun?”.

Wie wäre es mit: Banken kleinmachen, damit man die pleitegehen lassen kann, wenn sie sich dämlich anstellen, mit Europa ernst machen, damit die Portugiesen uns wieder mögen, und mehr echte Pflichten ans Eigentum, damit die mit dem Geld nicht alles abreissen und durch Dreck ersetzen können. Ja: Schwierig, aber das hier ist die Realität, Gottvater hört nicht, es gibt niemanden, bei dem man sich beschweren kann. Machen oder zufrieden bleiben und hinnehmen.

[Paraphrasiert im Grunde nur: Ulrike Baureithel im Freitag.]

link | January 21, 2012 2:32 | Comments (1)



Zu entwickeln wäre ein operationsfähiger Diskursersatz: Um auszubrechen aus dem vermeintlich kritischen You-are-being-lied-to und dem Wettlauf um die skeptischere Position.

Der kritische Gestus, der ja staatstragend und als solcher Schul-Ideologie ist, Konsens aller Medien und in jeder Kommunikation antizipiert, ist Herrschaftsinstrument. Begegnet werden kann ihm selbstverständlich nicht mit einer Rückkehr zum vorparanoiden Zustand, auch nicht mit dem Rüstungswettlauf einer Hyperkritik, die den kritischen Gestus in jeder Konkretion selbst als tückisch entlarvt. Dem kritischen Gestus ist nur zu begegnen mit einer Seitwärtsbewegung aus dem kritischen Diskurs heraus, zu verdächtigen ist nicht das Argument, sondern das Argumentieren. Die Antwort auf die Frage, wer welche Interessen vertritt im Falle Wulff wäre ein organisiertes, mit Ernst betriebenes Interesse für Pinguine.

Die Aufgabe wäre also die Konstruktion einer Gegenöffentlichkeit, die nicht die Öffentlichkeit beobachtet als Korrektiv, sondern die sich auf die Fassung des Realen durch die Öffentlichkeit gar nicht erst einlässt, sich deswegen einer eigenen inneren Stringenz aber nicht verweigert: Ein der kritischen Öffentlichkeit ebenbürtiges GEGENWAHNSYSTEM

link | January 18, 2012 23:57 | Comments (3)



Man könnte in London leben. Zu jedem Auftritt von Mumford & Sons, Johnny Flynn und Laura Marling gehen. Wochenlang warten, nichts tun, ziellos durch die Stadt fahren. This is a Hammersmith and City line service to: Hammersmith. Sandwiches. Es wäre kühl und windig. Dann, endlich, dunkel und heiß, man würde niemanden kennen und an einer Säule lehnen und dann sich hinstellen mit dem Gesicht zum Licht, Daumen in den Hosentaschen, ruhig atmen, Augen zu, warten, den Raum murmeln hören. Und das immer so weiter, bis die aufhören, Musik zu machen.

Johnny Flynn & Marcus Mumford: Eyeless in Holloway.

[von Statements und Bescheid beschmutzt & geflohen]

link | January 18, 2012 0:23 | Comments Off



Also: Die kalte Kate, Ginkgo und Teebeutel und Fenster und Handtücher und knarrende Bretter. Noch nicht wissen, was man darüber denkt, sich noch nicht eingelassen haben mit der Welt, keinerlei Autorität. Die Welt: Will bespielt werden, zieht heran und liefert Aufgaben, die bewältigbar sind und bewältigt werden, was sich auf die Sprache auswirkt, die nämlich die Bewältigtheit der Aufgaben in sich aufnimmt und dunkelgrün-holzig wird.
Nichtsprechen schwierig, sprechen ohne Autorität ebenfalls, der einzige Ausweg: Das Sprechen bewusst formen zu etwas Erträglichem. So und so spreche ich nicht mehr, das und das nehme ich sofort zurück, zu diesem Thema sage ich nichts, ich habe es schon totgesprochen mit meinen Meinungen und Entschuldigungen und Widersprüchen und meinem unerträglichen Domänenhalbwissen, das sich so gut gefällt.
Ich kann sagen: Handtücher und trockene Erdkrümel und knarrende Bretter. Das muß man sich nur vorstellen, daraus ziehe ich keinen Vorteil, und man kann mir keine Absichten unterstellen. Ich kann nicht sagen: In der Welt verhält es sich doch so und so, und die Zukunft wird dies und das bringen. Schrecken und Schrecken der Behauptung, schrecklich, wie sie mit dem anderen Palaver einen Diskus formt und Handlung hervorbringt und das boshaft freundliche Gefüge des Sozialen. –

link | January 12, 2012 23:55 | Comments Off



Ok, dann lasst uns eben doch über Wulff sprechen. Bitte Geduld. Trivialitäten vom Tisch: Diese Affaire ist keine Amigo-Affaire. Es ist nicht so, daß in der weitgehend ehrlichen Welt der Politik ein unehrlicher Politiker entdeckt wurde von der vierten Gewalt. Über solche Erzählungen sind wir weit hinaus. Es geht auch nicht um einen Zensurversuch. Das Bundespräsidialamt hat meines Wissens kaum auf Springer anwendbare Drangsale im Arsenal. Weder formell noch de facto.

Es geht bei dieser Sache um die Ermittlung einer Antwort auf die Frage, wen man für blöd verkaufen kann und wen nicht, und um das Guttenbergtrauma.

Wulff also: Da ist einer Ministerpräsident gewesen, und das hat ihm Vorteile gebracht. Wie das so ist mit der Macht: Man hat einflussreiche Freunde, Sachen werden einfacher. Das ist die Macht. Weil das so natürlich ist, trennt das Konzept Korruption erlaubte Einflußnahme von unerlaubter: Es formuliert, wann eine Gefälligkeit aktiv zurückgewiesen werden muß. Das zu können, ist Teil der Eignung für ein öffentliches Amt. Wer es nicht schafft, ist ungeeignet für das Amt, weil auf ihn mehr Einfluss genommen wird, als es die Aufgabe verträgt. Er muß, wenn sich herausstellt, daß er sich der Nettigkeiten nicht mehr erwehren kann, fortan etwas anderes machen. So weit, so gut, aber natürlich ist es so einfach nicht. Nicht nur gibt es einen breiten unscharfen Rand dessen, was in Ordnung ist und was nicht — wenn man sich nun einmal anfreundet mit reichen Leuten, wie es geschieht: Soll man auf Übernachtungsentgelt bei Besuchen bestehen? Und wie wäre es bei normalwohlhabenden Leuten? Dürfte man bei Studenten noch Gast sein? Schlimmer: Tatsächliche Einflußnahme ist eben schwer zu messen.

Man ist deswegen in der informierten Öffentlichkeit stillschweigend dazu übergegangen, das Ammenmärchen vom redlichen, unverstrickten Politiker durch eine realistischere Idee vom Mächtigen zu ersetzen: Wir wissen alle genug darüber, wie Macht auch in der Demokratie funktioniert, um uns nichts vorzumachen.

Neben der informierten Öffentlichkeit gibt es aber noch die Leserschaft der BILD. Die glaubt das Ammenmärchen vom redlichen Politiker erst recht nicht, ist aber laut tönend dazu übergegangen, so zu tun als glaube sie es, um ab und zu einen Mächtigen fallen zu sehen, was bekanntlich ergötzlich ist.

In dieser Aufteilung der Öffentlichkeit lebte es sich lange kommod. Dann passierte der Fall Guttenberg. Die BILD hatte sich entschlossen, diesen Mächtigen auf keinen Fall fallen zu sehen, und er fiel doch. Das lag daran, daß die informierte Öffentlichkeit zwar aus einer Reisemücke hier und da keinen Skandalelefanten macht und Macht in ihrer unvermeidlichen Verstrickung akzeptiert — aber akademischen Betrug eben nicht. Und das liegt daran, daß sie in Deutschland aus einer weitgehend stillen Schicht akademisch ausgebildeter, ziemlich kluger Menschen besteht. Die ertragen die natürliche Dreistigkeit der Macht, weil sie einsehen, daß sie regiert werden müssen; sie ertragen nicht, wenn die Macht das wichtigste Element ihres Selbstwertgefühls und ihrer Lebensfreude — Bildung — mit Füßen tritt und so tut, als ließe sich Bildung simulieren und ergaunern wie sich politische Glaubwürdigkeit simulieren und ergaunern lässt. Es war deutlich zu bemerken, wie Guttenberg und die BILD-Leute einfach gar nicht verstehen konnten, auf welche Mine sie da getreten waren. Sonst war doch so schön Stille, die Akademiker hörte man höchstens mal quietschen, wenn man ein Institut schloß oder ein Theater?

Aber da waren sie plötzlich, ganz nah, und hatten ihn am Schlips: We teach your kids, we save your lives, we do your research and write your newspapers, we actually manage your economy, we are the viewers that arte and 3sat supposedly do not have, we invent the stuff you make money with. Do not. fuck. with us.

Bitte weiterhin nur mit BILD-Lesern rumfucken. Wir wollen ein anständiges Leben, das wir normalerweise bekommen in diesem Land, und ab und zu ins Konzert — und daß man uns nichts vom Pferd über das Schreiben von Doktorarbeiten erzählt. Ein paar unserer Freunde haben das nämlich tatsächlich gemacht, und nicht weil es schick war, sondern weil es sie interessiert hat, unter ernstzunehmenden persönlichen Opfern. Und jetzt raus.

Großes Kopfkratzen, denke ich mir, bei Springer. Was war denn da jetzt passiert? Eine Schlacht verloren gegen einen Gegner, den man schon vergessen hatte, weil man politisch mit dem bürgerlichen Lager lange verbündet war und es normalerweise auch einfach nur seine Ruhe wollte und BILD machen ließ. Die Annahme, daß man zynisch geworden sei im Bürgertum ist aber nicht wahr. Mitnichten. Illusionslos, aber das ist etwas anderes.

Und dann, ein Gottesgeschenk: Die Sache mit der Mailbox. Eine absolute B-Affaire, vollkommen im Rahmen dessen, was in der allgemeinen Illusionslosigkeit toleriert wird, ließ sich zu einer Medienaffaire, einem Zensurversuch gar, aufblasen. Doppelter Gewinn: Die übliche “Politiker sind alle Schweine”-Nummer für die Stammleserschaft, und die Akademiker zurück- und dazuholen mit etwas, das ihnen doch so sehr am Herzen liegt: Der heiligen Pressefreiheit.

Wie es mit Wulff ausgeht, ist egal. Der Mann hat kein Format, er ist so uninteressant wie die traurige Behausung, die er sich mit seinem etwas zu billigen Kredit da gebaut haben wird. Er taugt nicht zum Exempel gegen eine allgemeine Verkommenheit in der Politik. Er ist nur die übliche, nicht ganz saubere, aber auch nicht aufregend dreckige, Politfigur. BILD dagegen verkalkuliert sich schon wieder, wenn ich mich nicht irre. Der Friede mit dem bürgerlichen Lager ist gekündigt, nicht einmal der WELT-Mob, der reaktionäre Kern der gebildeten Demographie, verzeiht die Guttenberg-Katastrophe. Pressefreiheit mein Arsch, Kretins.

[Der Tonfall der Bescheidwisserei übrigens: Schon klar. Ich betrachte das aber als Defensivmaßnahme gegen die ja überall aufgefahrenen Beflissenheitsgroßgeschütze: Würde des Amtes? Im Ernst?]

link | January 12, 2012 19:45 | Comments Off



the snow abides