Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Konfiguration eins: Eine von Knappheit und Endlichkeit bestimmte Welt, in der Ressourcen eingemümmelt und unter schützender Hand bewahrt werden. Durch kleine Luken schaut ein zentriertes und festgesetztes Subjekt hinaus in die feindliche Welt, in die die einmal eingesammelte Energie sich nicht verströmen soll. Ein Leben im Akkumulator.

Konfiguration zwei: Eine Überflußwelt, die offen bleibt und frei tauscht. Energie fließt zwischen Außen- und Innenräumen hin und her und wechselt dabei die Form. Drin oder draußen sind Möglichkeiten zur Auswahl, das Subjekt strahlt in die Umwelt ab, Leben als Flamme.

Der Akkumulatortypus bestimmt die Zehnerjahre natürlich vollständig, eingeübt worden ist das Muster über Jahre beim Likesammeln, und jetzt wird es baugeschichtlich befestigt: Wie werden wir kopfschüttelnd auf diese dichten Häuser schauen, wenn der Überfluß ideologisch und de facto zurückkehrt.

Das Nachdenken darüber, was alles ganz anders sein könnte erinnert sich an die Flammjahre und den Menschentypus, der möglich war in Vigilien-historischer Zeit: Intensive Empfinder, die sich still und hell zu uns gesellten und in gar nicht mehr vorstellbarer Großzügigkeit aufmerksam waren.

Link | 21. Oktober 2019, 0 Uhr 30 | Kommentare (0)


Das fünfte Stockwerk des Stadtpalais war schon seit zwei Jahrzehnten nicht benutzt worden, als die Familie, in finanzielle Bedrängnis geraten, beschloss, es zu vermieten. Meine sorgfältig auf erschwingliche Odditäten kalibrierten immobilienscout24-Suchen schlugen an, und also mietete ich die Hälfte der Etage zu Anfang Mai, möbliert, wie gesehen.

Zu den Möbeln gehörte neben einem staubigen Filztisch und einem Schrank voller Fasanenfedern eine Industrieküche, die in den sechziger Jahren eingebaut worden war für eine Dienerschar, die zu unterhalten sich die Familie auch lange vor der aktuellen Eisenbahninvestmentkalamität schon nicht mehr leisten wollte. Ein Eisfink-Kühlschrank brummte nach dem Einstecken zuverlässig los, und unter der Staubschicht lag ein unverwüstlicher Edelstahlglanz. Zu den Mietern der zweiten Hälfte der Etage gab es keine einzelne Tür, lediglich eine Zwischenzone aus Zimmern, die keine der beiden Parteien benutzte. Drüben wohnte ein sympathisches Dreieck aus SM-Studienstiftlern, und wir kamen uns praktisch nie in die Quere.

Ein Speisesaal voller auf die Tische gestapelter Holzstühle kam mir nachts wie ein Wald aus Antennen zum Empfang von Signalen aus der Vergangenheit vor, und wenn das elektrische Licht vom Ende des viele Zimmer tiefen Gangs zur Küche zu mir heraufschien, verharrte ich oft für Minuten reglos und wie von einem abscheulichen Bann betroffen, um in das Haus hineinzulauschen.

Tiefer als der Rest der Etage (und eher auf meiner Seite) lag ein Zimmer mit Kamin, und oft stieg ich, als es Herbst wurde, eine der beiden kleinen Treppen hinunter und machte ein Feuer. Von den sechs als Schlafräumen nutzbaren Salons, die mir zur Verfügung standen, legte ich mich nach anfänglicher ruheloser Rotation auf eine Kammer direkt neben dem Kaminzimmer fest. So richtete ich mich ziemlich tief im Innern des Gebäudes ein in einem fast drei Meter breiten knarrenden Bett, und es entstanden Trampelpfade in die metallene Küche und in die Treppenhäuser des Palais für meine Einkäufe und Stadtgänge. Einmal, im Halblicht eines Oktoberabends, stolperte ich in einem der Gänge über eine Katze, der ich niemals wieder begegnen sollte.

Etwa um diese Zeit entdeckte ich auch, in einer Durchgangs- und Vorratskammer hinter der Küche, die Treppe in den Westflügel. Ich fand ihn kurz zuvor verlassen: Im großen Saal, der fast das gesamte Volumen des Flügels füllte, standen kreuz und quer Tische auf dem Parkett, darauf Monitore und Notebookcomputer und Eisteepackungen. Kabel lagen zwischen den Tischen, und aus den geöffneten Doppeltüren in den Park wehte der Geruch frisch geschnittenen Grases herein. In den großzügigen Waschräumen im Durchgang zum Palais zischte Wasser aus allen Hähnen. Ich wagte nicht, auch nur einen zu schließen, und kehrte, auf eine unklare Art alarmiert, über die Dienstbotentreppe nach oben zurück und von dort durch die Fluchten in mein abgesenktes dunkles Zwischengeschoß.

Link | 29. August 2019, 9 Uhr 50


Ich erhebe die Forderung nach einer Architektur und Inneineinrichtung aus nicht mehr als 10 Materialien und nicht mehr als 5 Formen.

Das ekelhafte Vintage-Pastiche der Hotels und Kaffeeröstereien, mit ihren Industrielampen, gelöteten Messingwaben, Ohrensesseln und verschlissenen Orientteppichen muß der Welt mit großer neuer Strenge ausgetrieben werden. Ein starker Brechreiz sollte die Menschen beim Betreten dieser Häuser befallen und tut es heute nicht: Dies gilt es zu korrigieren.

Die Architektur der Neuen Strenge erlaubt Beton, lackierten Stahl, Holz, Glas, Teppich, Keramik, Stoffe, 3 frei wählbare Flächenmaterialien. Die Architektur der Neuen Strenge wird ohne interpolierte Flächen und ohne maschinell optimierte Strukturelemente gezeichnet. Die Architektur der Neuen Strenge sucht das Sakrale in jedem Raum: Die Souveränität, die Hingabe an die Schwäche im Angesichts des Übermächtigen und Unfassbaren. Ihre Unheimlichkeit ist Freiheit.

Lebensräume sind Räume des Denkens. Sie müssen die Qualitäten Klang und Licht und Atemluft priorisieren und optisch beiseitetreten: In solchen Räumen ist eine freie Besinnung möglich. Die Kombination von Glühbirnen-Industrieambiente-Heimeligkeit und algorithmischer Organizität dagegen erzeugt einen von einer synthetischen fremden Natur überforderten, trypophoben Menschen, zur Beruhigung mit Zitaten einer handwerklichen Vergangenheit überschüttet: Am Rand der Panik, artisanal abgelenkt.

Link | 18. August 2019, 0 Uhr 15 | Kommentare (1)


Vom Parkplatz schon war das Wehr zu hören. Schilf und Weiden, und schnürig war der Regen, eine ganz und gar reglos vertikale Wassergegenwart. Drang man vor zwischen die Schilffelder, wurde das Wehr auch sichtbar, breit und flach floß der Strom über eine dunkle Kante. Beton und dürrer Stahl, ein menschloser und fleckiger Quader überragte Anlagen und Wasser mit schwarzen Blicken. Das Schloß hinter uns verbarg in seinen Türmen, hinter den blaßgelben Mauern, die Werke aus Draht Fetzen Nägeln und Wachs, und Licht, das mit präzisen Ovalen (nur unscharf in den fernen Kurven) auf den Fußböden und Nischen lag, Schatten machte von Draht Nägeln Fetzen und Wachs, klarer war als die draußen waltende Wehrwelt, mit gleißender Intensität dunkle von weißen Flächen schnitt. Und die Kante ward die einzige Wirklichkeit in der Szene drinnen und draußen, frei von ihren Flächen und dem Licht, allein, nur trügerisch umgeben von Schloß und Wasserei, und ihre Innenseiten waren außwendig als sie verschwanden in der frei sirrenden Kante im Raum. Die geheime scotistische Versenkungsreligion hatte diesen Ort geschaffen, unbemerkt, für Regentage, dekoriert für eine unverständige Welt als ein zufälliges Ensemble von Funktions- und Kultureinrichtungen in der Provinz, aber zweifellos bewusst und mit klarem Plan und Geschmack.

[Wie Efeu hänget astlos der Regen]

Link | 11. August 2019, 0 Uhr 23


Ob es möglich wäre, frage ich mich
mit noch ganz dunklem Haar,
noch einmal in Camaret ein Boot zu nehmen
und hinüberzusegeln zu den Isles of Scilly
wo der Wind über Flechten und Steine hingeht
und die Londoner Teeschiffe
auf den Felsen zerschlagen wurden
und dort an Land zu gehen zum letzen mal?
Auf ein Grab zu planen aus drei Steinen
mit Blick hinaus über einen salzigen Hang,
einen Tonnenleger alle Monate vielleicht.
Einen Entschluß zu fassen wider das eigene Geschwätz
selten und richtig zu sprechen fortan,
vom sonst kaum Besprochenen:
Woraus jenes langsam und lautlos
sich vollziehende Verderben besteht,
und was das ist, dies Verdorbene,
das sichtbar erst wird in seinem Zerfall
im wegstiebenden Staub als umwehte Gestalt?

Link | 14. Juli 2019, 16 Uhr 27 | Kommentare (1)


Ein böses gelbes Licht lag schon im Innenhof, und doppelt düster fiel es durch die Kunststoffplanen in das staubige, nach Gips riechende Berliner Zimmer, das, durch Hinzufügung zweier Trockenbauwände für Küche und Bad, irgendwann nach dem Krieg in eine Wohnung verwandelt worden war. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen, nachdem beim Nachhausekommen von einer süddeutschen Reise ein unbezwingbarer Schrecken vor den in meiner Wohnung versammelten Möbeln mich überfallen hatte beim Drehen des Schlüssels im Schloß. Ich hatte die kleine Behausung, wie sie war, zurückgelassen damals, fliehend mit meinem Koffer vor der eigenen Tür, die zu öffnen mir nicht mehr möglich gewesen war noch bevor ich die verendete Ratte entdeckt hatte im Winkel. Heute lagen dort Zigarettenreste und drei zerknüllte Papierbecher mit der Signatur einer innenstädtischen Kaffeehauskette, in deren Filialen man auf mokkafarbenen Kunstlederhockern saß und darum immer eine unangenehme Perspirationsspur zu hinterlassen meinte, wenn man sich erhob und die Tasse in ihr Wägelchen stellte.

Diese Zigaretten und Becher, Jahre schon dort zurückgebliebene Reste eines gescheiterten Sanierungsversuchs, wie die Gerüste im Innenhof und die groben Planen vor den Fenstern, störten niemanden mehr: Die Tür zur Nachbarwohnung stand offen und saß fest auf geschwollenen Dielen. Eine Fasertapete, mit der die Decken beklebt gewesen sein mussten, sandte in verschiedenen Graden der Auflösung wehende Schnüre in den halbdunklen Raum. Ein verdorbener Jugendstilschrank stand da noch in diesen Deckenfäden: Auch meine Nachbarn, die ich kaum gekannt hatte, schienen von meinem über meine eigene Wohnung hinausgehenden und sich gewissermaßen verselbständigenden Schrecken nicht verschont worden zu sein.

Bei mir selbst sah es aus, wie ich es erinnerte: Eine blaue Couch, die mir als Bett gedient hatte und noch wie frisch zerwühlt in der gelben Hitze sich zeigte, ein Ivar-Schrank voller Kleidungsstücke, auf die zu verzichten nicht schwer gewesen sein konnte seinerzeit, ein Möbelhausteppich in blau mit geometrischen Formen darin, meine Sammlung von hundert leeren Coladosen und mit Heißkleber zu einem großen Gebilde verbundenen Gerolsteiner-Sprudel-Kunststoffflaschen, alles staubig-gipsig und gelb überzogen. Ich versuchte, ein Fenster zu öffnen gegen den toxischen Honig, aber Bauschaum draußen hielt es fest in seinem Rahmen. Es gab nichts zu retten für mich an diesem Ort. Das mongolische Restaurant im Erdgeschoss, das ich niemals zu besuchen gewagt hatte, war ebenfalls geschlossen. Die wenigen Mitarbeiter der mongolischen Botschaft, welche einen Block weiter in einem schwer zu heizenden Plattenbau untergebracht war und zu der immer nur die beiden selben etwas schon abgewirtschafteten Mercedesse vorgefahren waren, mussten sich nun, wie es schien, selbst verpflegen aus mitgebrachten Plastikbehältnissen.

Ich habe mich des Schlüssels im Anschluß an diesen letzten Besuch dann auf der Toilette eines veganen vietnamesischen Restaurants in der Torstraße entledigt, wo er vielleicht heute noch im Spülkasten liegt – schließen wird er nichts mehr, das ganze Mietshaus ist in einem vielbeachteten Vorfall einige Monate später vom Erdboden verschluckt worden.

[Variante]

Link | 12. Juli 2019, 11 Uhr 29


Wozu ist ein Charakter gut? Ein Charakter ist zu gar nichts gut, er ist die teuer erworbene und immer fragile Fähigkeit eines Menschen mit Geschmack, sich selbst zu ertragen. Die Fähigkeit, still zu sein, die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, den Großen Lall draußenzuhalten, sich mitten in den Regen zu stellen, einen Mai kommen und gehen zu lassen, ohne jemandem weh zu tun.

Besuche in der Landschaft, in den Flächen außerhalb der Kuppeln, sind selten geworden: Die mechanisierten Farmen führen den solaren Einfluß zuverlässig-gestreckt den Städten zu, emsige Schwärme aussendend: ferne rote Fahrzeuge in den Hängen, und Staubfahnen. Vor allem gibt es keine Fußgänger mehr und keine Hecken, in deren Schatten sie sich setzen: Es ist schwer geworden, still zu sein, wenn die Erfahrung der Stille kaum noch zu machen ist.

(Und doch knarrt weiterhin Holz an Mürbholz hinter uns, Rauschkulisse, Schleichkulisse, und sonnenbeschlagen prangt das Tal, Egger und Pflüge sturen unbeseelt durch wandernde Schatten, und Elsternanschlag und Auszischeln der vergehenden Bö, und hoch hintüberuns Landung im federnden Geäst, unvergänglicher Barock.)

Link | 10. Mai 2019, 15 Uhr 45


Sensibilisiert von einem Lese- und Flaniertag — mit flämischen Wolken über der Stadt — wurde mir der Gegenstand in meinen Händen von einem Moment auf den anderen fremd, und ich musste nachsehen: Gedruckt 1977 in New York, zwei Jahre älter als ich also. Den größten Teil meiner Lebenszeit hat das Buch in der Bibliothek der Glyndŵr University verbracht, wo es, nach Zustand und Laufzettel zu urteilen, niemals ausgeliehen worden ist.

Und so zerfiel mir der Raum beim Niederlegen des Bandes: Die Kerzen Besucher auf dem Weg nach draußen, Computer und Kerzenständer frische Hervorbringungen einer sonst nutzlosen Gegenwart, manche Bücher und Stoffenten immerhin ungefähr Gleichaltrige, andere Bücher und alle Möbel hingegen unheimliche Stachel aus dem Nebel, und dann die atemberaubende Zeittiefe der Feldspatwürfel.

Der Spaziergang zuvor hatte mich vom Sophie-Charlotte-Platz südwärts geführt. Ich wollte, tagesthematisch bedingt, die St. Canisius-Kirche am Lietzensee sehen, prüfte dann, wie ich es seit meiner Zeit am Amtsgerichtsplatz regelmäßig tue, ob es dem österreichischen Spezialitätengeschäft und Hacker & Presting in der Leonhardtstraße noch gut geht, und folgte dann, großzügig, plusminus ein paar Blocks, der Richtung der U7. Den Nordteil der Emser Straße, in die ich so geriet, erkannte ich wieder, dort war ich schon zweimal gewesen, aber südlich der Düsseldorfer überraschte mich das imposante Logenhaus der Freimaurer. Natürlich, die Freimaurer!

Link | 10. Mai 2019, 0 Uhr 35


Sandig-trockene Halme reichten fast bis auf die Höhe der Fenstersimse herauf. Von unten schob sich auch wieder Grün in die Halme, nach einer taureichen Nacht, aber zwischen dem Fenster und den Tannen, die ihre Äste durch einen unsichtbaren verzogenen Zaun steckten, war alles langes, rispiges Gras.

Die Fenster, weiße Quadrate, bewegliche Scheiben, trockener Kitt, liessen auf breiter Front aufgehakt die Brise durchs Haus, die die Dielen trockener machte und griffiger, die Stoffe stumpf und die Teppiche noch dünner.

In der Viertelstunde nach Sonnenuntergang, als es lebendig und laut wurde im Graskörper, brannte eine Kerze auf dem Sims. Neben die Kerze stellte ich ein Kastanientier, hinter mir blinkte, etwas risquant auf einem einbeinig-belaubten Beistelltisch platziert, das Torquetum des Hausherrn. So sah ich dem Abend zu, wie er die Tannen bläute und die Flamme simswärts und auf Augenhöhe der stochergliedrigen Kastanienkuh mit den Kulleraugen trieb. Motten scheiterten hin und wieder an den Scheiben. Dies war, wie immer erst viel später erkennbar, der hellste Moment.

Link | 13. April 2019, 3 Uhr 30


Am Sebastians-Tag wird folgendes geschehen:

  1. Ich werde Sebastian unter den Arm nehmen, und wir werden fortan gemeinsam reisen.
  2. Ich werde Laura Marling, My Manic and I, hören.
  3. Ich werde ein weiches kragenloses Hemd aus japanischer Baumwolle von Officine Générale anziehen und braune Lederslipper.
  4. Ich werde eine Flasche Champagner und einen Korb Erdbeeren mitnehmen.
  5. Sebastian und ich werden keine Aufgabe mehr haben als unseren Freunden Freunde zu sein, und sie zu erinnern an ihren Hunger und ihr Bedürfnis, verlorenzugehen.
Link | 9. April 2019, 0 Uhr 14


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