Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich spreche über den Winter, wie jedes Jahr, Iteration um Iteration näher heran — auch in diesem Herbst, in dem sich eine systemische Zäsur ankündigt. Bisher schien es mir schwer, etwas anderes als dummes Zeug zu dieser sogenannten Krise zu sagen; wer nicht in gewissen New Yorker Kreisen verkehrt, äußert bestenfalls seine ideologische Ausrichtung, oder seine Panik, oder seine nutzlose Genugtuung, oder schlimmstenfalls eine falsche Bescheidwisserei. Zur Sache weiß kaum einer wirklich etwas, und die Prognosen, die man so hört, kann man getrost vergessen.

Die Situation ist wohl, noch immer, vollkommen offen. Capitalism is firing a gun at its imaginary friend near 400 gallons of nitroglycerine. In the basement of a bank — precisely.

Zur Sache kann man nichts sagen — zur Wahrnehmung der Sache schon.

Publizistisch ist das alles ein Pfeifkonzert aus den letzten Löchern. Der Spiegel titelt „Das Ende der Gemütlichkeit“, und man kann fast nicht anders als bei sich zu denken: Ach, klar, meine Kleinen, ist gut, das erzählt ihr uns doch schon seit zehn Jahren, und jetzt, wo euch euer Blödsinn um die Ohren fliegt, was ist eure Deutung? More of the same. Denkt mal darüber nach: Es könnte sehr gut der Anfang der Gemütlichkeit sein.

Der Wahrnehmungsrahmen „Robin Hood gegen den neoliberalen Umbau / Advokaten der Leistungsgesellschaft gegen die Versorgungsmentalität“ ist offenbar immer noch intakt — während die Welt weniger dazu passt denn je. Ich habe mich nie auf dieses Muster eingelassen, Wohlstand und Freiheit werden weder von gerechter Politik (so etwas gibt es nicht) verteilt noch unter Druck erwirtschaftet — Freiheit ist eine Haltung und eine erkämpfte Tatsache, Wohlstand eine Wechselwirkung dazu.

Meine Deutung der Dinge ist diese: Wir erleben eine Klärung der Machtverhältnisse. Deleveraging reduziert die Komplexität der Besitzverhältnisse, und das erlaubt einen klaren Blick darauf, wer inzwischen was bewirken kann und wer nicht. Kausalitäten sind in komplexen rückgekoppelten Systemen untaugliche Deutungswerkzeuge, deswegen gibt es keine Ursache der Krise, etwa laxe Geldpolitik, oder Gier, oder zu wenig Regulierung. Auch Regulierung ist (außerhalb der Ponyhof-Lesart der Demokratie) nur ein formal gefasstes Element realer Machtverhältnisse. Auch ist per se nichts falsches oder unmoralisches an undurchsichtigen Finanzprodukten — solange sie reale Macht abbilden, gibt es kein Problem. Tun sie das nicht mehr, findet eine Korrektur statt, unweigerlich. Egal wie viel Papier produziert wurde inzwischen.

Es gab nie eine „Dominanz des Finanzkapitalismus“ — die sogenannte Krise beweist, daß man sich einfach nur geirrt hat im Glauben, daß es eine gäbe. Die Zahlen in den balance sheets der Investmentbanken waren, so sprach die Geschichte, eine Form von Dummheit, und die wird bestraft. Am Ende geht es nicht um Zahlen und Papier, sondern darum, wer Zugriff auf die Machtmittel (d.h. Männer mit Waffen) hat, um formalen Besitz (z.B. exklusiven Zugriff auf ein Haus) real durchzusetzen. Wenn solvente amerikanische Hausbesitzer jetzt aufhören, ihre Kredite zu bezahlen, realisieren sie eine Machtverschiebung zu ihren Gunsten: Das Kapital war dumm.

Und ja, auch vom Iran wird man noch hören.

Es gibt keine Krise des Kapitalismus. Der ist einfach da, ob man ihn mag oder nicht, und unsichere Zeiten erscheinen in ihm als Krise. Bankiers und Linke denken, Kapitalismus sei, wenn die Bankiers gewinnen. Das war noch nie so. Kapitalismus ist immer, und die Bankiers gewinnen genau dann, wenn sie auch klug genug sind, die Trägheit der Macht (aka Kapital) für sich zu nutzen. Es gibt keine Krise des Kapitalismus, es gibt nur falsches Denken.

Nun: Dummheit wird bestraft, Selbstüberschätzung wird bestraft, Angst wird bestraft. Im Krieg und in der Liebe. Mehr weiß ich nicht.

Link | 6. November 2008, 12 Uhr 39 | Kommentare (3)


3 Kommentare


manchmal bekommt man fast lust Ihnen fanbriefe zu schreiben.

Comment by gast | 13:19




Eigentlich dürfen Sie so was hier nicht mehr schreiben.


Auch ist per se nichts falsches oder unmoralisches an undurchsichtigen Finanzprodukten — solange sie reale Macht abbilden, gibt es kein Problem. Tun sie das nicht mehr, findet eine Korrektur statt, unweigerlich. Egal wie viel Papier produziert wurde inzwischen.

Verstehe ich gar nicht. Und habe lang drüber nachgedacht. Warum gerade Macht?

Comment by E. | 17:24




Ein Kontostand quantifiziert die materiellen Mittel, die ich habe, mir meinen Willen zu verschaffen, und meine Fähigkeit, mir meinen Willen zu verschaffen, heißt doch Macht.

Warum darf ich denn nicht mehr? — Wegen der Klammern? Oder weil ich jetzt sozusagen unter kompetenter Beobachtung stehe? Denken Sie nicht, ich fürchtete mich nicht tüchtig darob, aber da muß ich durch.

Comment by spalanzani | 17:15