Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Nach einigem Herumfragen wurde dies geforwardet, mit harten Umbrüchen und drei Ebenen: >>>-Quotezacken.

Herumhängen an der Schaubühne: Wir haben genug von der Gegenkultur Ostberlins, deren Beziehung zur Mainstreamkultur, die sie abzulehnen vorgibt, uns zu symbiotisch ist. Wir glauben nicht daran, daß alles, was schlecht ist, in dauernder Bezugnahme zu bekämpfen ist, denn wir wissen, daß alles, was schlecht ist, diesen Bezug antizipiert und in sich hineinschluckt. Das Hase-und-Igel-Spiel langweilt uns zu Tode. Wir sind kein Teil der kulturell-gegenkulturellen Jagd auf das nächstironischere Zeichen: Wir sitzen lieber im Foyer eines westberliner Theaters und warten darauf, daß etwas Interessantes passiert. Wir nennen das „Herumhängen“, weil das nach peinlich bemühter Jugendsprache klingt.

Wir hängen an der Schaubühne herum, weil jemand sitzenbleiben muß, wenn alle rennen, um sich rechtzeitig in die richtige Distanz zu bringen. Man erkennt uns daran, daß wir da sitzen, auch während der Veranstaltungen. Nicht immer, manchmal gehen wir auch zuschauen, aber man kann nicht jeden Tag Iphigenie ertragen. Weine nicht, du hast nicht Schuld.

Es ist durchaus möglich, daß wir nur an der Schaubühne sitzen, weil die Frauen dort interessanter sind als anderswo (oder die Männer, jedenfalls die Menschen in ihrer geschlechtlichen Dimension, nicht wahr). Es ist auch möglich, daß wir da sitzen, weil der Kurfürstendamm im Regen unendlich viel interessanter ist als Facebook. Und weniger wütend macht.

Wir glauben, daß der Müßiggang besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Wir reden über Medea, von der wir fast nichts wissen, um nicht über Musik zu reden, über Bands, die es ganz alleine geschafft haben, ohne Plattenfirma! bloß im Netz! Wir schimpfen auf Iphigenie, um nicht auf das Indie-Biedermeier schimpfen zu müssen, das doch unser Rückzugsraum sein sollte. Wir ertragen die Skinny-Hipster nicht mehr, diese Jungs in engen Hosen und spitzen Schuhen, wir wollen auch keine Mädchen mit riesigen Sonnenbrillen mehr sehen. Wir sind ausgebombt, und im Cafe der Schaubühne riecht es nach Kohlsuppe. Wir sehen irgendwie aus. Wir taugen eigentlich nicht zur Identifikation. Wir halten Monologe, die strenggenommen ganz schön thomasbernhardesk sind. Wer ‚Kunst‘ sagt, kriegt eins aufs Maul.

Aber wirklich: Vielleicht warten wir nur darauf, daß jemand hereinkommt, ins Foyer der Schaubühne, fantastisch aussieht und uns mit nach Hause nimmt. Vielleicht passiert es dauernd. Wir finden, daß wir das zugeben können. Manche von uns rauchen, andere haben Kopfweh. Wir denken eigentlich nicht, daß wir zu alt für irgendwas sind, oder zu jung. Wir denken lediglich, daß wir ein beschissenes Jahrzehnt hinter uns haben, in dem wir alle viel zu fleißig und viel zu zaghaft waren.

Wir sitzen da, umgeben vom Pathos der Freundschaft und mit sonderbar sepiafarbenen Heiligenscheinen, und starren auf die trübe Leuchtreklame der Bowlingbahn gegenüber. In keinem Fall sind wir geschäftig. Wer geschäftig ist, hat immer eine Ausrede. Wir haben keine Ausrede, wir lassen es geschehen.

Und jetzt kommt Dir der Verdacht, daß sich das lohnen würde bei uns, daß das irgendwie gut ist oder vorn, dieses Herumsitzen an der Schaubühne, und Du willst dazugehören. Man kann aber keinen Mitgliedsantrag ausfüllen, und modische Zeichen, um sich an uns heranzuschleimen, haben wir auch nicht zur Verfügung gestellt. Nun, das ist ein hartes Brot.
Die Lösung wird sein, Dich ins Cafe der Schaubühne zu setzen. Bring Zeit mit, sei aufmerksam. Bring etwas zu lesen mir. Wir kommen und gehen, wir treffen uns, wir werden geküsst, wir gehen die Stufen zum Klo hinab, wir drehen uns um, wenn jemand hereinkommt. Du wirst warten müssen. Du wirst lange warten müssen, warten, daß endlich was passiert.

Link | 23. Juni 2009, 22 Uhr 17 | Kommentare (3)


3 Kommentare


Entschuldigen Sie bitte, déformation professionnelle, aber in der fünften Zeile von unten befindet sich ein Schreibfehler. Ich dachte, Sie sollten dies wissen.

Und: Der Elephant ist immer andersherum, als Sie denken.

Comment by zak | 12:03




Ich hatte schon genug Ärger damit, die ganzen Zeilenumbrüche zu finden und rauszumachen.

Comment by spalanzani | 12:05




Das isses! Geht nur leider nicht, wenn man’s in Weblogs verbreitet.

Comment by froschfilm | 13:40