Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Um es also zusammenzufassen: Die geheiminsvolle Flamme ist ein Pop-Roman, wenn man die üblichen Kriterien anwendet, bloß ein Poproman nicht für uns, sondern für siebzigjährige Italiener, da entgeht uns dann natürlich der ein oder andere Illies-Effekt. Trotzdem schön, natürlich, alles in allem, wer würde da zweifeln, es macht auch Spaß, insbesondere wenn man vor allem das Pendel gut kennt, nur irgendwie müsste man siebzig und Italiener sein, wenn schon nicht Piemontese und in dreissiger-Jahre-Trash getränkt.

Wo wir grade dabei sind (Erinnerungsbücher & Pop): Memomat von einem Herrn FX Karl, und, ohne gegoogelt zu haben, vermute ich ein Franz Xaver hinter dem schicken FX, der Mann kommt aus dem bayrischen Wald und sein Buch atmet München, seltsamerweise, dieses ungemein sympathische München, das man auch bei Moritz von Uslars Davos-Erzählung kennenlernt (ich habe da München verstanden, jedenfalls das, was ich jetzt für München halte), eine sympathische wohlhabende und zufriedene Stadt, vor deren Einwohnern und ihrem heiteren Tonfall mir so nachhaltig gruselt. Vor Memomat nicht, da sind keien Kafixe und Tofixe, aber immerhin kommt das aus demselben München. Also diesem seltsamen Junge-Leute-München, von dem man sonst ja wenig weiß, anders als, sagen wir, vom Junge-Leute-Hamburg. Memomat, Copyright 2002, ist ein eifriger Vertreter der Gattung: Fänger-im-Roggen-Krankheit, d.h. alles sofort bewertet, damit auch keiner denkt, der gewinnt dem was ab, oder doch bloß so zwinkernd (anders kann ich mir dieses Grauenvollfinden der Dinge nicht erklären.), sonst: Gekonnt, keine Stolpersätze und -bilder, kein Pfuscher am Werk, sauber gemacht, lustig manchmal, schön beobachtet, durchaus eine Empfehlung, wenn man das mag, Bücher über gescheiterte Beziehungen, in denen Leute reisen und Sachen grauenvoll finden (keine Abwertung).

Aber wirklich, dieser Blick, wieso ist ausgerechnet der so modisch geworden? (Seit 2002 ist das ja noch viel wilder geworden, alles:) Die erste Lucky-Strike-Werbung, die aus der Reihe fällt, sagt: Schicken sie uns ein Foto von was Hässlichem und wir schenken ihnen was Schönes, und das Foto vom Hässlichen zeigt einen Hirsch. Gegen Hirsche ist ästhetisch nun eigentlich nichts einzuwenden, aber das Bild vom Hirrsche ist eine Chiffre des Spießigen geworden, man beachte auch diese groteske Rauhfasertapetenkampagne, und um das Spießige ist ein Kampf entbrannt, siehe auch die LBS. Die Antispießerhaltung ist offenbar, fünf bis sieben Jahre nach Popliteratur, endgültig festverdrahtet und abrufbar durch Aufruf eines röhrenden Hirrsches, gleich möchte man sich einen Hirsch in Öl besorgen, einen Ölhirsch so unironisch wie möglich hinhängen, aber im Ernst: Es reicht irgendwie mit diesen Distinktionsspielen, das war eine Weile nett, aber wenn man mal Zigaretten mit was verkaufen kann, ist es ja mal deutlich zuende damit, liberté toujours im Schlafanzug und Prärie, faulig, faulig.

Will sagen, achwas, prophezeihen (atemlos, atemlos, muß weg, ein Instanttext): Die wertende Literatur hat ein Problem, ihr ganzer Gestus ist gehaltlos, ihre Unterscheidungen mäusezerfressen; die Literatur, gerade wenn sie archivierend, zeitbezogen, schnell, gebrauchsorientiert, witzig sein will, also Pop alles in allem, muß beobachtend werden oder bleiben, Schluß mit dem Holden-Ton, er war nett, aber er gehört nach 1999, als es für junge Leute so einfach, so entsetzlich billig war, sich überlegen zu fühlen und es an irgendwas festzumachen.

Link | 2. April 2005, 20 Uhr 13 | Kommentare (4)


4 Kommentare


Sie verfälschen also nicht nur Hirschschreibungen sondern auch Posting-Zeitangaben

Comment by Sennedjmet | 13:20




Ein Hirrsch ist ein Hirrsch ist immerhin kein Hirrrsch, denn dann wär‘ er akustisch schon fast ein Pferd (Rollen des R für Anfängerinnen!)

Die Serveruhr dagegen handelt eigenmächtig und wird gezüchtigt (mit der Zeitzone Kairo, das hat sie sich selber zuzuschreiben). Ha! 20:13 noch Hirsche rollen? Nicht für mich!

Mit rrollendem Rr in gelenkigem Maul
Klingt röhrrend der Hirrsch doch viel eher nach Gaul –
Nimmt man noch „HirrSCHSCHreibung“ akustisch dazu
Gemahnet das Ganze an brrunzende Kuh.

(Verzeihung.)

(Kicher. „Hirschschreibung“. Worte mit Doppel-sch sind rare Perlen.)

Comment by spalanzani | 18:14




ich empfehle dringend die .. äh .. wie nennt man das substantiv, das „akustische lektüre“ treffend ausdrückt? – jedenfalls empfehle ich ebendiese mit mindestens einer der pelzwurstlieder-singles von ditterich von euler-donnersperg.

Comment by frank | 02:32




ist ja langweilig, schon wieder auf dem hirsch herumzureiten, aber das erinnert mich gerade an den artikel über camp und sobig im neuen FREUND, wann dinge schlecht oder so schlecht sind, dass sie wieder toll werden. und warum solch kuriose abgrenzungsdinge passieren und hirscb-bilder erst toll, dann spießig, dann wieder toll sind.

Comment by cato | 21:51