Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Verlorengegangen, und das fällt mir an so einem Abend dann erst wieder auf, ist mir die Fähigkeit, die Welt als eine Entwicklung nach vorn zu lesen: Daß es irgendwo eine Wellenfront gäbe, hinter der man nicht zurückbleiben dürfe. Das neue Ding zum Beispiel sieht aus wie der Styleserver schon eine ganze Weile aussieht, aber der Styleserver war wohl für Berliner vor der Welle.
So sieht man aus, wenn man vorn dabei ist: Schwarzweiß, kursive Serifen und fette Grotesken nah beieinander. Das tritt jetzt aber seinen Marsch an, in vier Jahren machen die Informatikstudenten ihre ~website/ mit dieser Typo.

Ich dagegen bin schon entschlossen, hinter der Gegenwart zurückzubleiben, alles ganz ruhig werden zu lassen, und mich in den Ruinen umzusehen, über die die Welle hinweggegangen ist. Mich interessiert daran eine Art Selbstverschlingung der Ironie, eine Kleinsche Ironie: In die Geschichte zu gehen und dort einen konstruktiven Enthusiasmus auszugraben, den die ironisch distanzierte Gegenwart nicht mehr aufzubringen vermag, und diesen Enthusiasmus durch die Ironie hindurch zurück in die Wirklichkeit zu tragen. Spalier steht auf diesem Weg der Spott; es gibt einen Moment, in dem der Zusammenbruch der Distanzgeste sichtbar wird und nichts bleibt als der Enthusiasmus, nackt, hingebungsvoll, nicht auf der Höhe der gegenwärtigen Gesten, unoriginell und der Peinlichkeit verdächtig: Aber wieder sichtbar.

Jedenfalls in der Theorie.

[Die Moderne ohne die Originalität, die Moderne auf der Stelle: Das ist die Begeisterung für den Neubau dessen, was schon da ist, sie muß sich in der Gegenwart gegen die Geistlosigkeit wenden, die sie immer noch in der Vergangenheit vermutet aus alter Gewohnheit. (Die Vergangenheit ist aber inzwischen, im Sinne der Moderne, geistreicher als die Gegenwart.)]

Link | 22. März 2010, 0 Uhr 45 | Kommentare (7)


7 Kommentare


Sehen Sie, dazu müssten Sie erst einmal erklären, gegen welche Ironie sie sein wollen: Gegen die Thomas-Mann-Ironie? Immer doch. Gegen die wohlfeile Hipster-Ironie: Auch das. Allerdings:

In die Geschichte zu gehen und dort einen konstruktiven Enthusiasmus auszugraben, den die ironisch distanzierte Gegenwart nicht mehr aufzubringen vermag, und diesen Enthusiasmus durch die Ironie hindurch zurück in die Wirklichkeit zu tragen.

Wenn Sie also so in die Geschichte gehen, und der Ironie den Kampf ansagen: Glauben Sie, dass Sie eher als Kurt Tucholsky dort ankommen, oder doch als Doktor Goebbels [der Ironie für immer verbunden im Gedächtnis der Sprachgeschichte das Adjektiv: jüdisch]?

Die Verdammung der Ironie ist eine zweischneidige Sache, und wenn Sie jetzt darauf bestehen, dass alle alles mit einem Todesernst angehen: Heisst das dann auch: Goethe, nicht Heine! Werther, nicht Taugenichts? usw.? [Ich hätte Eichendorff geschrieben, hatte aber Angst, dass Goethe ihn sofort von der Platte putzt].

Comment by E. | 16:23




Nächstes Mal nehme ich vielleicht geschweifte Klammern {Wo Sie schon Mathematische Fachbegriffe verwenden: Aber die Kleinsche Flasche: Hm, erklären Sie’s mir, das Bild?}

Comment by E. | 16:27




Von innen in der Geschichtsflasche (die wir uns opak denken dürfen), wo der Enthusiasmus gelagert ist, wandere ich los, an der Oberfläche, die ganz aus Ironie gemacht ist, bleibend, nie loslassend, und bringe ihn nach draußen, durch den langen Ironiekanal hindurch: So. Überall ist Ironie, aber sie verbirgt etwas unter ihrer einzigen, glatten Fläche.

Dieser Doktor Goebbels war glaub‘ ich ein ziemlicher Schreier und eine Kanaille vor dem Herrn, nichtwahr, ich habe auch seine Aussprache von „anständig geblieben“ im Ohr, über Anstand sagt mir diese Stimme nichts.

Comment by spalanzani | 00:07




Doktor Goebbels war {sage ich mal} nur eine Illustration von Ironiemangel. Vom heidelberger Studenten und Gundolfverehrer (Tangente des George-Kreises, wo Ironie auch nicht so wirklich hoch im Kurs stand), über den gescheiterten Literaten, über den Reichspropagandaminister, zum Bock von Babelsberg: Irgendwo hat sich sicherlich eine Portion Zynismus eingefangen, aber diese ewig postulierte Begeisterung: Verzicht auf Ironie heisst doch auch,wie Sie selbst geschrieben haben, Zusammenbruch der Distanzgeste, und wer sich nicht mehr von den Dingen distanzieren kann, läuft Gefahr, mit ihnen unterzugehen.

Sie kennen das Ende von Karl Kraus? Auch ein Heine- und Ironiehasser.

Comment by E. | 01:13




Sie kennen das Ende von Heinrich Heine?
So kommen wir nicht weiter, mit diesen ganzen Enden und Typen, die einfach unsympathischer sind als Heine.

Außerdem hasst niemand die Ironie – nur handeln, handeln kann man auf Ironie nicht. (Auch keine Laster häufen – ach: Diese ewige, öde Überlegenheit!)

Comment by spalanzani | 21:33




Ist die Vergangenheit nicht grundsätzlich geistreicher als die Gegenwart? Ich habe das immer als elementare Wahrheit meines Verklärungsapparates betrachtet, dass was ich sah mir schal und leer erschien und was ich erinnerte in seiner Intensität im Vergleich noch an Leuchtkraft gewann.

Comment by nora | 13:24




Und das Erstaunliche ist, daß es auch mit fremden Vergangenheiten funktioniert.

Comment by spalanzani | 22:01