Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Das Palace Hotel in Manchester ist phantastisch weitläufig und phantastisch altmodisch selbst in seiner modernisierten obersten Zeitschicht: Die kleinen Schreibtische haben Ports für Modems tragbarer Computer, die es längst nicht mehr gibt. WLAN bis ans Ende all dieser Korridore zu funken scheint ohnehin hoffnungslos.

In den Fluren und Hallen: Keramik in beige, dunklem ocker, braun. Dunkle Wandvertäfelung in den Zimmern, Plastiken, messingne Lampen, Szenen aus dem Empire: Arabische Wüste, Kamel. Riesige Räume, so hoch wie breit und sehr breit. Niedergetretener Teppich überall, gewaltige Flächen. Halbdunkle Treppenhäuser, durchflossen von weichen Licht aus hohen Fenstern mit farbigem Glasmosaik. Durch ein verborgenes offenes Fenster das Geräusch von leichtem Regen.
Das Palace Hotel: Genau an der Grenze zwischen Komfort und Verfall, ohne jede Spur von Mühelosigkeit. Diese lange, andauernde, mühselige Anstrengung, die es kostet, gut zu leben.

Und all das atmet eben nicht Wehmut und Trauer um ein untergegangenes Imperium oder die versunkene industrielle Vergangenheit Manchesters, sondern eine ganz konkrete und gegenwärtige Mühe: Natürlich könnte man das alles (wie die Deutschen das sofort machen würden) einreißen und in Plastik wieder aufbauen und drei alte Ziegel verwenden und behaupten, das sei eine Modernisierung gewesen, aber es wäre (wie das eben so geht in Deutschland) nichts weiter als eine Albernheit. Schönheit liegt in der Anstrengung, ein Haus von 1893 als Haus von 1893 zu betreiben.

Sebald war 1990 im Midland Hotel, das ein paar hundert Meter weiter an derselben Straße liegt. Er beschreibt es als eine in die Gegenwart hineinragende viktorianische Monstrosität, riesenhaft, brodelnd überheizt, durchzogen von einem brüchigen Geflecht aus Röhren und leckenden Leitungen, in dem sich Hitze und Feuchtigkeit selbständig gemacht haben, abgetaucht sind und an zufälligen Stellen im Innern der dunklen Gebäudemasse wieder auftauchen; als einen teilweise abgesperrten maroden Moloch mit unzählbaren Zimmern, die sich selbst heizen und kühlen, und Korridoren, in denen dumpfe Schläge, lange anschwellende Pfiffe und boshaftes Gurgeln auf den übermächtigen Eigensinn des Warmwassersystems verweisen. Man wagt in Sebalds Midland nicht auf die Kacheln zu treten, die nur dünne, brüchige, heiße Membranen sind über Abgründen von Gußeisen, Zinn und Dampf. Niemand wohnt in diesem Sebald-Midland, niemand bis auf ein paar ältere Herren, furchtlos in ihrer Melancholie und rückhaltlos bereit, beim endgültigen Einsturz des Hauses von einem kochenden Brei aus Ziegelstaub und zermahlener Keramik verschlungen zu werden.
Heute ist das Midland ein prächtig und hell hergerichtetes 5-Sterne-Hotel, das die Karte seiner großen Vergangenheit routiniert spielt. Der Geist des Kapitalismus, der Manchester lange verlassen zu haben schien, ist offenkundig zurück und weiß inzwischen um den Wert seiner Erbschaft: Wie groß der Abstand ist, zwischen der Welt der späten 80er, dem Midland Sebalds, dem Manchester der Smiths, und der Gegenwart, ist so leicht zu übersehen. Was für ein enormer Wohlstandssprung das noch einmal gewesen sein muß, hinein in eine Welt, in der Manchester ja eben nicht plötzlich wieder produziert, aber Erbe und Verfall selbst ausbeutbar geworden sind, gesuchte Rohstoffe für Luxus, den man sich hier, wie fast überall, leisten kann. Erstaunlich, wie leicht das zu übersehen ist: Wie viel materialistische Ideologie muß da im Weg stehen? Mit wieviel Stumpfsinn wird dieser Wohlstand ausgegeben? Und mit wieviel Stumpfsinn wird er mit Neid betrachtet von Leuten, die teilhaben an ihm, aber ihre eigenen Prioritäten für Benachteiligungen halten?

Daß mit noch mehr Wohlstand (für irgendwen) irgendetwas zu holen wäre, kann doch als widerlegt gelten, was fehlt, was ausgedünnt ist bis zur Beinahe-Nichtexistenz, ist die Kultur, ihn zu nutzen: Die Textur der Welt, das symbolische Netz, das einen Moment verbindet mit seiner Geschichte und der Hoffnung auf seine (weiter verbesserte) Wiederholung. Das Kapital hat uns dieses goldene Zeitalter beschert und uns die Mittel genommen, es als solches zu erkennen; eisern halten wir uns selbst und die Verhältnisse für ungenügend, endlos ist der Bullshitsturm: Was mit uns nicht stimme, was mit der Welt nicht stimme, und daß wir jeden, der das Gegenteil behaupte, für verblendet zu halten hätten: Es müsse ein konservativer Elitist sein, oder ein verbitterter Linker, oder ein Liberaler, vielleicht sogar neo, jedenfalls einer, der in seiner ideologischen Verblendung Mitschuld daran trägt, daß gar nichts in Ordnung ist, wie bekanntlich ja jeder weiß, gleich wen man fragt!

Die Wahrheit ist: Nichts hält uns. Alles ist da. Alles, was wir tun müssten, wäre den Bullshitsturm durch Ignorieren zu beenden, Bücher herzunehmen, richtige Bücher über die Welt und das Glück und was dahinter noch liegt, nicht den Quatsch der Leute, die öffentlich erforschen, in welchem Grade sie genügen oder nicht, und ob das vielleicht doch jemand anderes Schuld ist. Und da wäre sie, die belle époque für alle, die teilnehmen wollen. Korrigiere, da ist sie (Das Glück ist eine symbolische Form).

Link | 9. Juli 2011, 22 Uhr 41 | Kommentare (6)


6 Kommentare


Schön.

Comment by stralau | 09:02




Die kleinen Schreibtische gemahnen den Reisenden an Postkarten, die es niemals gab.

[Perspektivenwechsel: Der Blick in den Briefkasten am Ende des Flurs scheint ohnehin hoffnungslos.]

Und all das nicht Wehmut und Trauer um nicht erhaltene Postkarten, sondern Aufforderung zur ganz konkreten und gegenwärtigen Mühe.

Die Wahrheit ist: Alles ist da. Alles, was der Reisende tun müsste, wäre: das Ignorieren der Postkartenschreibaufforderung zu beenden, einen Stift herzunehmen, einen richtigen Stift usw. usf.

Comment by Der freundliche Reminder | 23:37




Au ja! Nutzen wir den Wohlstand, der ja da ist, solange bis er weg ist. (Die Balance ist nicht zu halten, deshalb muss die Wirtschaft wachsen. Was wir damit tun, müssen wir entscheiden)
Danke für den schönen Text und viel Freude beim Reisen.

Comment by froschfilm | 15:38




Aber kennen Sie denn auch die Mutter?

http://littlelondontruths.files.wordpress.com/2011/01/img_0431.jpg

Comment by E. | 00:44




@E.: Nein, tatsächlich nicht. Waren Sie dort?
@Freundlicher Reminder: Ach! Das funktioniert nicht. Drei Zentimeter über dem Postkartenfach fängt meine Hand an zu zittern und gehorcht mir nicht mehr.

Comment by spalanzani | 13:36




Daß mit noch mehr Hartnäckigkeit (für irgendwen) irgendetwas (z.B. Postkarte!) zu holen wäre, kann als widerlegt gelten?

Comment by Der freundliche Reminder | 21:19