Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

„Es begann mit einem tollpatschigen Roboter, der über die Felder strauchelte wie die Marionette eines Betrunkenen. Wir wussten längst, daß sie über den Hügel kommen würden, schon tagelang lag ich auf der Lauer im unbenutzten Anbau des Hauses meiner Eltern, das Luftgewehr an meiner Seite als Zeichen einer kriegerischen Aufgabe und den stärksten Feldstecher meines Vaters als wirkliches Werkzeug zu ihrer Erfüllung: Ich bewachte den Hügel. Ich würde das Dorf warnen, wenn sie kämen.

Natürlich lag die Verantwortung nicht wirklich bei mir. Ein paar Häuser weiter stand seit Wochen schon der Wachturm, ein eilig zusammengenagelter Ausguck; aber es war mein Ehrgeiz, sie zuerst zu sehen, wenn sie kämen. Ich weiß bis heute nicht, ob es mir gelungen ist. Als es passierte, konnte ich kaum atmen vor Aufregung, denn es war klar, daß die ruhigen Zeiten dort am Rand des Dorfes vorbei wären.

Vor meinem Ausguck lag ein schmaler Streifen Park (ein umzäunter Luxus, den sich meine Eltern leisteten) dann ein weites Feld, im Herbst tief zerfurcht, untergepflügte Stoppeln verdauend, dann das flache Tal und der Hügel. Der erste Roboter, hoch wie eine Scheune, aber ungeschickt und ohne viel Kontrolle über seine Gliedmaßen, stolperte am abschüssigen Hang, schwang die Beine viel zu heftig und wurde vom Impuls der eigenen klumpigen Metallfüße mehrfach umgerissen. Fasziniert schaute ich dem so gar nicht bedrohlich wirkenden Ding zu. Im Feld, lange vor Zaun und Hecke und der kleinen Pforte in unseren Park brach die schwache Maschine zusammen und blieb liegen. Im Dorf aber war die Hölle los.

Am darauffolgenden Abend schon war das Feld mit den Feuern der Verteidiger bedeckt. Die flackernden Gesichter der wachenden Männer machten mir mehr Angst als die Präsenz der Angreifer auf der anderen Seite des Hügels,
die noch so schwach war: Der erste Roboter war zerlegt und zersägt worden, noch bevor er sich wieder rühren hätte können; einen zweiten, der kaum weniger ungeschickt über den Hügel gestolpert kam, hatte eine kleine Gruppe von Halbstarkten mit zwei Seilen und einer Flex erledigt. Neben den Lagerfeuern sah man die Arsenale der Unsrigen im Schatten, Schrotflinten, ein paar Granaten sogar, Seile, Bretter, ein Dieselgenerator, mehr schweres Werkzeug.

Als die erste Schleimkugel kam, dachten wir noch, es handle sich um eine Art klebriger Artillerie. Sie schossen die Dinger aber in steilem Winkel enorm weit in die Luft, so daß man sie kaum sah, bevor sie kamen, und schon gar nicht hörte. Sie schlugen auch nicht ein oder auf. Sie zerplatzten über dem Dorf. Ein ständiger Nieselregen war die Folge, mikroskopische und schillernde Tröpfchen, kühl auf der Haut, nicht unangenehm. Die Tiere allerdings wurden fast wahnsinnig. (Und zuerst schwach.)

Die Ohnmacht der Männer auf dem Feld schmerzte. Nacht für Nacht warteten sie da draußen, aber nach zwei harmlosen Marionetten, die erkennbar schlecht und aus weiter Ferne kontrolliert waren, zeigte sich kein materieller Feind mehr. Nur die Kugeln platzten über uns, manchmal vier, fünf pro Minute, in schillernden Kaskaden zerstoben sie mit einem sachten plopp, innerhalb von Stunden war der dünne Film überall. In der Sonne trocknete er allerdings restlos auf, in diesen heißen Spätsommertagen fand ich die Feuchtigkeit in der Luft angenehm, wenn ich mit dem Rad eine Meldeaufgabe erledigte oder mich im Dorf umsah, ob es allen (und durchaus auch jemand speziellem) denn gut ginge.

Die Monate unter den Kugeln habe ich als eine friedliche Zeit in Erinnerung. Die zunehmende Schwäche und Ziellosigkeit der Dörfler machte mich stärker und glich die vertrauten Unterschiede aus.
Wir fanden noch heraus, daß die Kugeln nicht platzten, wenn sie zuvor auf eine größere Masse trafen: Ein Stockentenerpel wurde von einer Kugel aus der Luft geschlagen, klatschte in einem nassen, um sich schlagenden Bündel zu Boden und war wenige Minuten später wohlauf und auf und davon, während die Kugel langsam versickerte. Wir bauten Drachen, um die Kugeln abzufangen; kein Schornstein bald, über dem nicht ein blaues Stück Stoff flatterte, wir hielten eine Menge Kugeln auf mit dieser Methode, Kugelfischen nannten wir das.“

Link | 22. Juni 2006, 1 Uhr 16 | Kommentare (3)


3 Kommentare


Geht ein wenig in richtung Bradbury – so ne Art beiläufige Heimat-SciFi. Gefällt mir gut.
Gibts davon mehr?

Comment by Sonntagsblogger | 11:36




Ich weiß nicht einmal, wo der Text herkommt. Spotlight hat ihn ausgespuckt bei der Suche nach „Schleim“, in einem üblen Web-1.0-HTML-File ohne Grafiken und Hinweis auf Herkunft, File-Datum 4.6.1998, bei irgendeinem frühen Streifzug in eine meiner unergründlichen Datenzisternen weggespeichert und seither offenbar immer mit umkopiert, zusammen mit einigen hippiehaften Bildern der frühen Nelly Furtado, einem File voller Telefonnummern und einem mit den Nameservern der Telekom. (Ein paar Files haben sogar die 2003er Überspannungskatastrophe überlebt, die meine Archive, immerhin mit Mailverkehr seit 1995 und Software seit 1993, für immer versiegelte durch Einschmelzen von Festplatten-Elektronik, der Kunststoff warf blasen und stank wie sieben tote Teufel in der Sauna, fürwahr. Ahh! Ein Riesenstachelschwein! Da!)

Comment by spalanzani | 15:54




(und ich dachte schon, das wäre auf Deinem Mist gewachsen – die Anführungszeichen übersehen…)

Comment by Sonntagsblogger | 16:11