Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Von der Rückkehr des Ernstes: Der seltsame Unernst der öffentlichen Gegenwart beruht auf einer Verwechslung in unserer Wahrnehmung. Die Annahme, daß die Gegenwart im Fernsehen geschehe (wie es lange der Fall war) oder auf Papier (wie es zuvor noch länger der Fall war), ist eine Täuschung, eigentlich nicht mehr als ein medialer Pfadeffekt.

Das zu sagen, nebenbei, beinhaltet kein Lob für das Web, weil es sich zwar als Medium etabliert, aber noch keine Form gefunden hat, um geschichtstaugliche Gegenwart zu erzeugen.

Geschichte — ohne jeden besonderen Nimbus verstanden als eine Erzählung von den Zeiten, wie sie gemacht wird von Menschen — wird dort produziert, wo Männer und Frauen von Format Gegenwart denken und gestalten. Dieses ist offensichtlich im Fernsehen, das ein totlaufendes Medium ist, nicht mehr der Fall; Menschen mit Format sind dort längst aussterbende Exoten geworden. Fernsehen hat im Großen und Ganzen aufgehört, relevant zu sein.

Print leidet ebenfalls. Ausgerechnet das Web und die mächtiger werdenden Herdenmechanismen extrem schneller Aufmerksamkeitsökonomien treiben die Geschichts-Gegenwart aus dem gedruckten Wort. (Man plaudert.)

Das ist eine betrübliche Situation (es findet keine Geschichte statt), aber sie ist von bemerkenswerter Instabilität. D.h. die Möglichkeiten, die Gegenwart für sich zu annektieren und zu einer belastbaren Wirklichkeit (die immer ernst ist) zurückzukehren, sind für kluge junge Leute vermutlich so zahlreich wie seit den 50er Jahren nicht mehr in Deutschland. Die Annahme, daß man es zum Fernsehen oder in den Journalismus schaffen müsse, um teilzunehmen an der Gegenwart unserer Jahre, ist die erwähnte Illusion: Dort passiert es sicher nicht.

Diese Institutionengläubigkeit, bei gleichzeitig offenbarem Selbstvernichtungswillen dieser Institutionen, ist nur Teil unserer merkwürdigen, angesichts der Fakten längst völlig irrationalen Verzagtheit.

Die Verhältnisse sind instabil. Es gibt die Möglichkeit, die Wirklichkeit denen wieder abzunehmen, die sie zur Zeit verwalten und nichts anzufangen wissen damit, weil sie in ihrem Leben nichts wollten außer in die Medien. Man muß allerdings ein wenig Größenwahn aufbieten und Entschlossenheit. Und wie immer, man muß sich verlässlich organisieren.

Übrigens sind Weblogs nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems: Weblogs sind zwar ein Weg, voneinander zu erfahren. Vor allem sind sie aber eine Gefahr, weil sie die tägliche Portion Wirkung vortäuschen und doch vollkommen wirkungslos bleiben — das liegt an der praktizierten kurzen Form und der Unmöglichkeit, ernsthaft, also belastbar, in Weblogs zu publizieren. Dazu gehört immer der Verbrauch von Lebenszeit, und den muß man sich leisten können. Solange das Weblog als Medium Spielzeug bleibt, das nebenbei betrieben wird, ist es ein Mittel des Trostes (und als solches bestimmt nicht zu unterschätzen), aber keins der Rückeroberung der Wirklichkeit. Qualität ist heute zu billig, nicht zu teuer.

[Kandidelte Revolutionsrhetorik]

Link | 7. Januar 2007, 17 Uhr 04 | Kommentare (3)


3 Kommentare


Klingt ja wie immer alles sehr schön. Aber was wollen Sie eigentlich zurück? Die Wirklichkeit ohne Medien? Um „denen da“ etwas wegzunehmen? Und: Der sinkende /Einfluss/ des Fernsehens ist sicher (noch) kein Faktum. Aber das meinten Sie wohl auch nicht.

Comment by froschfilm | 09:40




Es gibt keine geschichtsfähige Wirklichkeit ohne Medien, jedenfalls nicht außerhalb der Polis. Es gibt Wirklichkeit in Medien. Und damit diese Wirklichkeit was taugt, müssen die Medien gut sein.

Ich halte den sinkenden Einfluß des Fernsehens für faktisch. Nicht, weil weniger ferngesehen würde, sondern weil im Fernsehen weniger passiert und das, was passiert, immer schlechter funktioniert.

Werbebasierte Geschäftsmodelle vernichten einfach die Medien, in denen sie wüten.

Comment by spalanzani | 15:14




Gegen Morgen fiel das broschengroße Radio aus dem Bett. Es hatte, ohne zu stören, tage- und nächtelang am Fußende gelegen und war nun als nebensächliche Auswirkung eines Unruhe stiftenden Taumes über den Ruheand gedrückt worden.

Comment by Herr Bergmann | 21:43