Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Wenn man von den Dingen gejagt wird, funktioniert die Phantasie schlecht. Und solange das so ist, hat man nicht so viel vom Leben, wie man haben könnte, wenn man sich mit einem guten Augenblick eine Weile beschäftigen könnte: Man müsste aus jedem eine Geschichte machen können, Formulierungen finden, Bilder und Stimmungen anheften und die Narration und ein paar flackernde Momentaufnahmen, die unweigerlich allein übrig bleiben werden, nicht dem Zufall überlassen, sondern schleifen und polieren, das müsste man.

Und dann, kaum hat man, übermüdet, einen belanglosen Augenblick lang Zeit, wird das Leben, als hätte es aufzuholen bei jeder billigen Gelegenheit, kitschig: Zwischen zwei Fahrbahnen spielen auf einem ungepflegten schmalen Grünstreifen Schmetterlinge mit blaßfarbenen Blüten Sommerwiese; und als ich mich für einen Moment aus dem Fenster in die Nacht hinauslehne und einen Moment nachdenke, zieht doch tatsächlich eine Sternschnuppe über den Himmel, das finde ich doch etwas arg zwinkernd.

Link | 30. Juli 2004, 23 Uhr 48 | Kommentare (1)


Nicht vergessen: Heute abend, 0:30, arte: „Die Nacht“.

Link | 27. Juli 2004, 19 Uhr 01 | Kommentare (3)


Na schön, es reicht. Kann sein, daß ich es letzte Woche noch selbst benutzt habe, vielleicht in verächtlichem Ton, aber jetzt reicht es: Das Adjektivpaar „jung“ und „dynamisch“ ist ab sofort kein Team mehr, geht getrennte Wege, wird hiermit standrechtlich geschieden. Ich kann das nicht mehr sehen, auch nicht mehr ironisch, grade nicht mehr ironisch. Ja, liebe Ironiker (mich selbst möglicherweise eingeschlossen): Wir haben begriffen, daß keiner weiß, was „dynamisch“ sein soll. Es reicht langsam mit den Hinweisen. Wir sind ja nicht blöd. (Und wenn Sie grade denken, daß ich damit Werbung zitiere, scheren Sie sich weg, oder besser scheren Sie sich her, dann schämen wir uns gemeinsam.)

Link | 27. Juli 2004, 9 Uhr 44 | Kommentare (1)


Ich mag ja auch die Bücher von wirklich fies intelligenten Menschen. Solche, die einen Wirbel erzeugen, in dem sich die Vernunft auflöst in wilde Streifen aus Bildung, Gelehrsamkeit, Phantasie und Quatsch. Man wird durchgeschüttelt und für eine Weile von starken Armen ins Nichts rausgehalten, und wenn man dann wieder reingeholt wird, sieht man klarer, was für albernen Selbstzweck man an Universitäten im Grunde macht; dann macht’s allerdings gleich doppelt so viel Spaß.

Eine meiner Lieblingsstellen in Ecos Pendel ist die, in der es Casaubons Freundin Lia zu bunt wird und sie ihm ein paar Wahrheiten vor den Latz knallt über Körper und Intellekt, so daß er nur noch mehrfach „Ja, Mama“ sagen kann. Die Stelle ist deswegen so schön, weil sie eine vehement vorgetragene Erdung ist, ziemlich genau in der Mitte zwischen 800 Seiten wunderbar ausgeflippten akademischen Spielzeugs. Sie sagt augenzwinkernd das, was mir auch ein kluger Prüfer nach einer halben Stunde mit Gottesbeweisen einmal sagte: Das ist gut, daß wir hier offenbar alle wissen, welches Spiel wir spielen.

Die wirklich fies intelligenten Autoren verstecken hinter ihren überkandidelten Eskapaden ja richtige Geschichten, also solche über gute und schlechte Menschen. Dazu aber kommt dann diese intellektuelle Überdrehtheit, eine schwer zu fassende Qualität ist das, irgend etwas, das mit Kontingenz zu tun hat oder mit dem Absurden. Es läuft vermutlich auf das große „I’m still standing“ des Menschen hinaus. Wir sind ja gewohnt, der Vernunft zu vertrauen, wir haben sie auch ziemlich verzweifelt nötig ab einem gewissen Bildungsgrad. Wenn dann jemand überzeugend vorführt, wie nutzlos sie als Erkenntnisinstrument ist und wie machtlos gegenüber dem Leben, dagegen aber die Geschichte von ein paar Menschen stellt, die die Antwort auf große nihilistische Gesten kennen und geben, fühlt sich das immer sehr nach Erlösung an, nach einer Art Katharsis, die eine ehrliche Sentimentalität gegen die sehr hurenhafte Vernunft in ihr Recht setzt.

Link | 26. Juli 2004, 19 Uhr 56 | Kommentare (1)


Die Tücke alter Kinokarten: Daß man sie immer gerade dann findet, wenn man alleine ist und in Papierstapeln wühlt. Dann fallen sie einen an, aus dem Dunkel eines winterlichen Datums heraus. Sie sind ziemlich bescheiden dabei, als einfache Kinokarten erzählen sie von nichts weiter als einem gewöhnlichen Abend mit Film. Das aber reicht schon, wenn man nichts tun kann im Moment als sie aufzuheben oder wegzuwerfen oder fassungslos anzustarren und merkwürdigerweise eifersüchtig zu sein auf ein vergangenes Ich.

Link | 23. Juli 2004, 12 Uhr 45


Und im Jahr 2004 sprach Diogenes zu Alexander: „Ja. Verschwinde aus meinem Schatten, verdammte Pornodarstellersau.“

Link | 21. Juli 2004, 11 Uhr 57 | Kommentare (2)


Wie klares Wasser über Kiesel, scharfzeichnend, blinkend: Das Unvertraute, Zeit ohne Routine, Erntezeit für frische Sicherheiten. Für eine Weile hat es den Anschein, als könne man ein anderer sein oder sei schon ein anderer, aber dann ertappt man sich doch und erkennt sich wieder; beruhigend, denn dann werden’s die andern auch tun.

Den Vorschlaghammer mitgebracht und den verlogenen, selbstgekauften IKEA-Muff kurz und klein gehauen zu haben, in fremden Möbeln zu wohnen: Das ist sehr gut, weil Dinge bekanntlich binden, es aber nie wert sind. Sie taugen nicht zum Vermisstwerden und Sehnen, können einem nicht weh tun, deswegen sind sie egal, so aufdringlich sie sich auch gebärden mögen. Sie nutzen halt unsere Hasenfüßigkeit geschickt aus mit ihren Beständigkeitsversprechen; das ist alles. Mensch, haben wir die Hosen voll, wir Kuscher und Zukunftsfähigkeitsfürchter, Arbeitsplatzbanger, Riesterrentner und Chefduzer.

Link | 21. Juli 2004, 1 Uhr 05 | Kommentare (6)


Wer einen kleinen Bücherhügel auf den Billardtisch schüttet, wird unweigerlich mit ungläubigem Respekt gefragt: Hast Du die alle gelesen?

Und was mache ich Depp? Alles Falsch. Ganz falsch. Die richtige Antwort wäre ein verlegen vorgetragenes, spottloses: „Nö.“ Und dann: „Die meisten haben mich im Laden interessiert und zu Hause schon nicht mehr.“

Beim nächsten Mal. Ach Kinder, es sind bloß ein paar Bücher. Lesen kann die jeder Affe und dabei ein Affe bleiben. (Hier Lichtenberg-Aphorismus oder dergleichen einsetzen.)

Link | 19. Juli 2004, 0 Uhr 40 | Kommentare (4)


Verrücktes Zeug. Da kommt man aus der Schweiz zurück und stolpert in den eigenen Umzug, die alte Mietskaserne ist nach 4 Jahren Schäbigkeit plötzlich ohne Vorwarnung doch im Stahlgerüst und dazu wurde ich sozusagen gegrönerdottet, aber unter ausdrücklicher doppelter Mißbilligung meiner Farben. Was ja gemein ist, weil ich doch so ein unsicherer und unerfahrener und ganz frischer Blogger bin, Frau Gröner aber eine mächtige Zugriffszahltitanin. Und ich also in Versuchung gerate, gleich Verdana Schwarz-auf-Weiß draus zu machen. Aber ich muß ja umziehen und mich von missmanagenden Automobiltestern hetzen lassen und gerate also nicht in Gefahr.

Mannheim: Von der nächtlichen Balustrade des Wasserturms hätte man ein Volk verführen können, wenn eins da gewesen wäre. Die flauschigen Häschen auf der Wiese fanden meinen Mussolini leider nicht beachtenswert und amhs Führer erging es kaum besser. Dabei hatten wir nicht mal was getrunken. Karnickelhetzer.

Basel: Die gefällig dahinplätschernde Sorte guter Zeit und eine schöne, wenn auch zu volle, Ausstellung. Die Jugendherberge in Basel allerdings meidet man besser, und das Rathaus sieht aus, als habe man es extra für die Japaner so angemalt, was vermutlich auch so ist. Und wie immer, wenn man längere Zeit mit Menschen ist, die man noch nicht kennt und mit deren Art man sich auch nie anfreunden wird: Dieser Spagat zwischen ruhigem Einfachdasein, das leider leicht als Griesgrämigkeit mißdeutet wird, und etwas zu billigem Geblödel, das zwar meist irgendwie funktioniert, aber doch sehr schal schmeckt. Und wie herrlich hoffentlich immer mit Menschen, die man anfängt ein bisschen zu kennen: Manchmal hört tatsächlich das Gefühl, im falschen Leben zu sein, für eine Weile auf. Es liegt an Nichtigkeiten wie offenen Manschetten vor leeren Wartesaalsesseln. Oder an klugen, so leicht dahingesagten Sätzen, wo man sich wohlig denkt: Nanu, ich bin komplett durchschaut. (Befreiend, das! — zumindest für den Moment.)

Link | 17. Juli 2004, 3 Uhr 27 | Kommentare (13)


Autos und Eisenbahnen und sowas, das lässt mich kalt. Bandmaschinen sind der wahre Jakob. Die Schwäche für Bandmaschinen habe ich mir in den paar Wochen beim Lokalradio geholt. Ich bin viel zu arm, um in Versuchung zu geraten, mir solche Dinger zu kaufen, einen Keller damit zu füllen und Samstags mit kleinen Pinselchen meine nutzlosen Lieblinge vom Staub zu befreien, und das ist vermutlich auch ganz in Ordnung so. Aber jedem, der nie ein Bandgerät angefasst hat, kann ich nur raten: Nachholen. Medien, als sie noch liebenswert und matt und schwer waren. Maschinen zum Liebhaben für die, die denken, daß Autos was für brutale Dörfler sind und Eisenbahnen was für Protokinderschänder. Bandmaschinen sind die zarten und intelligenten und für wunderbare Dinge geschaffenen Maschinen.

Meine Radiobeiträge habe ich auf einer für den Studioeinsatz horizontal montierten Studer PR 99 MK III geschnitten. Das Tolle ist: Wenn man Bänder schneidet, dann schneidet man sie. Man fährt ran an das „Ääääh“, markiert den Anfang vom Bastard, wabbelt ein bisschen mit den Tellern, bis man den letzten Zischer vom O-Ton-Stammler erwischt hat, und dann schneidet man das Band durch, knips, knaps, und flickt’s ohne das Äh wieder zusammen und schnipst das Äh in den Karton. So geht das. das muß man lernen und können. So will ich das. Bei diesem Digitalkram heute fühlen sich Bilder und Töne und Text und alles gleich an. Maus, Scrollbalken, markieren, STRG-X. Das macht doch keinen Spaß so.

Radio ist eine magische Sache, aber besonders magisch wird’s wenn man die frisch gesammelten Töne anfassen und durchschneiden und zusammenflicken kann, bevor man sie ins Land schickt und die Zeiger zappeln lässt und ein wenig den Regler stupst, damit sie nicht etwa ins Rote zappeln, die Zeiger. Das gehört sich nicht, da passt man auf, man muß das ordentlich machen.

Der amh hat vor einigen Monaten bei einem trunkenen Woandershinwalking eine Grundig Nürnberg Automatic am Straßenrand gefunden, funktionsfähig und mit Band. Kein teures Gerät, ein tragbares Consumer-Teil, nichts besonderes, nicht besonders charmant, keine Pegelanzeige, und auf dem Band hin- und herschrubben kann man auch nicht. Aber schon beim Einschalten krieg‘ ich so ein Grinsen nicht mehr weg. Es surrt sanft im Innern, es leuchtet matt blau vorne heraus, und schwer ist das Ding auch. Und auf dem Band sind Sachen aus den 70ern, these boots are made for walking! Und easy listening und Radio aus der Zeit vor meiner Geburt. Zum Teufel mit der Digitaltechnik und den Verbrechern und allem, was heute Medien heißt und blöd rumdödelt. Radio müsste man machen, mit zwei Studiobandmaschinen und ein paar Leuten, die wissen, was sie der Welt dafür schulden, daß man sie an die Regler lässt.

Link | 12. Juli 2004, 15 Uhr 51 | Kommentare (2)


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