Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Nun denn, ich bin ein netter Kerl, und da mir aufgefallen ist, dass Leute auf der ganzen Welt mit mir per Vorname sind, wenn sie mitleidig «Dmitris Dilemma» beklagen, dache ich, es wäre nett, ihr Leid zu lindern. (Dmitri Nabokov, Herausgebervorwort zu Das Modell für Laura)

Link | 30. Dezember 2009, 19 Uhr 34 | Kommentare (1)


der etwas bedrohliche fremde Freundeskreis, das Haus am Hang mit den grauen Teppichböden: steht zwischen dicken Hecken, durchquert von einer kieselbelegten Betonplatten-Treppe. Die Mädchen, allesamt schlau und überlegen, aber zu ein bisschen Kräftemessen aufgelegt. Die Neigung zum Fernsehnschaun und Salzstangenessen. Autofahrten in überfüllten Automobilen, von da nach woanders, bloß durch die Stadt. Die Vertrautheit der anderen, die eigene Fremdheit / Geduldetheit / Gehaltenheit. Duschen im fremden Haus. Das: Erzähl! — oh: wenn man sich atmen könnte.

Link | 16. Dezember 2009, 21 Uhr 54 | Kommentare (1)


Ein unsympathischer, angeberisch auftrumpfender Eintrag, nicht wahr? — was ich nie weiß: ob man es lieber lässt, oder ob es den Versuch wert ist, diese Dinge zu fassen zu kriegen in Bildern.

Link | 13. Dezember 2009, 21 Uhr 05


To reclaim a real political agency means first of all accepting our insertion at the level of desire in the remorseless meat-grinder of Capital. What is being disavowed in the abjection of evil and ignorance onto phantasmatic Others is our own complicity in planetary networks of oppression. What needs to be kept in mind is both that capitalism is a hyper-abstract impersonal structure and that it would be nothing without our co-operation. The most Gothic description of Capital is also the most accurate. Capital is an abstract parasite, an insatiable vampire and zombiemaker; but the living flesh it converts into dead labor is ours, the zombies it makes are us. [Mark Fisher, Capitalist Realism [#]]

“Gothic? bei Fisher ist die Worringer-Linie: Von einem nichtmenschlichen Willen geformt, antiorganisch-abstrakt, empathielos, ornamental: aus innerer Logik sich unbegrenzt fortschreibend.

Lieber als “Kapitalismus? sage ich ja (abstrakte Fieberträume erinnernd) Grid: die gotische Struktur schlechthin, das totale Raster, die mitleidlose Abstraktion unserer Zwänge.

Mäander: Der Orgasmusschalter. Sonden im Gehirn der Laborratte lösen zuverlässig und wiederholbar den begehrten Neuronensturm aus. Die Sonden werden zu einem Schalter verbunden, den die Ratte selbst bedienen kann. Das Experiment wurde durchgeführt, die Ratte verhungert, was nicht weiter überrascht. Daraus lässt sich nichts über den Wert oder Unwert der Lust lernen (weg mit Ihrem unsinnigen puritanischen Reflex) — aber über die Macht des Schalters, also: die Kontrolle über die Kanäle einfacher Gratifikation.

Das Grid über unseren Köpfen ist die Gesamtheit der Kanäle und Feedbackschleifen der Gratifikation, die Superstruktur unserer Schwächen und Bedürfnisse: Gemacht aus allem, was wir brauchen, unter Bedingungen der Optimierung des Mitteleinsatzes bei der Befriedigung von Bedürfnissen.

Die Superstruktur beutet unsere Schwächen aus (wie Herzog seine Schauspieler ausbeutet, die Gelegenheit ihrer Schwäche nutzend): Zu jeder unserer Schulhof-Verhaltensweisen, Tratsch, Gruppenzwang, Wahrheit oder Pflicht, Eitelkeit, entsteht das entsprechende soziale Netzwerk und besteht den Test — weil die Bedürfnisse, die es bedient, echt sind, und sie nie so einfach zu befriedigen waren. Fernsehen ist Geschichte, weil wir über die Passivität, die es verlangte, hinweg sind, das bedeutet: Weil es ein jämmerlich unbeholfener Kanal zu unseren Begierden war.

Das Grid (das nicht das Internet ist und nicht der Kapitalismus, sondern die ausgebaute Infrastruktur unserer Libido) beutet die Neigung aus, persönliche Schuldige zu suchen und die (wohl verstandene) menschliche Unfähigkeit, kurzfristige Handlungen mit langfristigen Wirkungen zu korrelieren, um sich zu verbergen. Es waren böse Banker, die die Finanzkrise verursachten, ruchlose Gesellen, Bankster, Männer ohne Moral. Ist doch wahr, guck sie dir doch an.

Es herrscht hier ein dauerhafter Widerspruch im allgemeinen Konsens: Erstens, die Abstraktionen (die Gesellschaft, das System, der Weltgeist) existieren nicht, es gibt, das weiß jeder, nur Menschen und was sie tun, alles andere ist so akademischer Quatsch. Zweitens: Der Einzelne will das alles nicht, er will eine andere Welt. Wenn er gebildet ist, spricht er von der Klimakatastrophe, als sei er ein mißverstandener Prophet (jeder ist ein mißverstandener Prophet) — und kauft Bio.

Daß die Welt über moralischen Konsum steuerbar sei, ist das wichtigste stabilisierende Ideologiewerkzeug für das Grid: Die Personalisierung der Verantwortung für das Wirken der Superstruktur. Ein paralleler Schuld-Downstream zum kontinuierlichen Kontroll-Upstream. (Dabei ist Menschsein gar nicht heilbar.)

Das Grid ist im engeren Sinne emergent, also nicht von unten gewollt oder kontrolliert, sondern eine abstrakte Struktur mit dem Substrat Menschheit. Es benötigt eine kritische Masse an Intelligenz und Wohlstand im Substrat für seine Existenz, aber das macht es ist nicht bewertbar (es ist weder gut noch schlecht, wir müssen uns nicht schämen, daß wir das Grid sind: Wir können aber über seine Existenz und seine Logik nachdenken).

Gegen das Grid kämpft, auf verlorenem Posten, der Geist, das ist der geschlossene Regelkreis des Denkens, der Verknüpfung der Libido mit dem Denken selbst (wenn man altmodisch wäre, würde man sagen: Das Schöne. Oder das, was früher, als man sich solchen Luxus um jeden Preis leisten wollte, Liebe hieß: Das Richten der Begierde auf ein Subjekt, eine schwierige, zum Scheitern verurteilte Übung / alternativ formuliert aus einer männlichen Perspektive: Die Leidenschaft der Frauen für Geistesthemen, die sich in unsere Leidenschaft für sie übersetzt.)

Am Beginn vielleicht Woyzeck: Eben kein dumpfer Charakter, kein dumpferer als die anderen, ein ganz normaler Charakter, den ersten Griderscheinungen aber noch schutzlos ausgeliefert: Er ist der Welt egal, die ihn vollständig kontrolliert. Er ist nicht der Dümmste, er ist nur der Schwächste in der Welt dieser Stadt am Teich. Als der Schwächste der Männer kann er die Gewalt, die ihm angetan wird in der Ausnutzung seiner Bedürfnisse nur weitergeben nach unten — Mittel, diese Gewalt zu absorbieren und zu entmachten hat er noch nicht, oder nur vage, untrainiert, ahnungsvoll höchstens: Er müsste durchschauen können, was ihm von denen, die das selbst nicht durchschauen, angetan wird. Er kämpft darum, er philosophiert schon wieder, aber es gelingt ihm nicht.

Berlin heute, Dezember 2009, die Stadt, die unter ihrem Winterhimmel neue Studenten aufnimmt, die in Ruhe gelassen werden für ein paar Jahre, damit sie eine Ahnung davon bekommen, wie es sein kann, der Macht, die die eigenen Bedürfnisse einer sinistren abstrakten Struktur verleihen, souverän zu begegnen und sie wenigstens zu erkennen, wenn sei wirkt: Genug Training bekommen, um das Grid zu sehen und nicht nur „das System“ zu sagen und „die Reichen“ zu meinen. Die Stadt ruht unter ihrem Winterhimmel, Häuser mit vergessenen Geschichten von Unglück und Menschenquälerei. Diese Häuser, über deren Böden man anders ging, an deren Wänden andere Muster sich schlangen, als das Unglück zweifellos größer und das Grid noch weniger fest war.

[drunter machen wir’s nicht — düsteres Vokabular für lange bekannte Zusammenhänge. Aber die einzig wirksame Manipulation am Substrat ist die Manipulation dessen, was es begehrt, wovon es träumt, was es für einen Traum und was für einen Alptraum hält — nun.]

[[Hehe: Verlink das, Bildblog.]]

Link | 13. Dezember 2009, 19 Uhr 32 | Kommentare (4)


Nach meiner kleinen, aber recht sichtbaren Selbststilisierung zum technikfeindlichen Konservativen neulich muß ich Ihnen allerdings jetzt die Frage stellen: Haben Sie in letzter Zeit etwas entfernt so Großartiges gesehen?

Link | 13. Dezember 2009, 14 Uhr 46 | Kommentare (1)


Man könnte sich statt dessen auch das hier ansehen und ein bisschen still sein.

Link | 12. Dezember 2009, 12 Uhr 10 | Kommentare (1)


Standardsituation der Technologiekritikkritik: Da hat Frau Passig ja einen so vollständigen wie gelehrsamen Gähn abgeliefert. Vollständig: Alle Argumente da. Gelehrsam: Reich an an und für sich lesenswerten Anekdoten. Gähn: Figur so überraschend wie die nächstgrößere natürliche Zahl nach 2.

Die Technologiekritikkritik tut nämlich immer zwei Dinge: Erstens, sie macht sich lustig über Leute, die denken, daß technische Neuerungen nicht bleiben, nur Spielzeug sind, oder kommerziell nicht funktionieren. Durchaus zu Recht, sogar wenn man den hindsight bias abzieht (es ist heute nicht mehr ganz so mutig, davon auszugehen, daß das Internet bleiben, das fliegende Automobil sich aber wohl nicht mehr durchsetzen wird.) Zweitens, wenn es um die Bewertung von Veränderungen geht, erzählt einem die Technologiekritikkritik von einer vergangenen Innovation und den drolligen Argumenten, die gegen sie vorgebracht wurden, und guckt einen dann streng an und sagt:

Und? Ist die Welt etwa untergegangen?

Und dann kommt üblicherweise (und es ist mir unverständlich, wie die sonst so gründliche Kathrin Passig das auslassen konnte) die Platon-Stelle mit der Klage über die Jugend, daß sie nämlich keinen Respekt vor dem Alter mehr habe. Und dann stemmt die Technologiekritikkritik gleichsam die Fäuste in die Hüften, legt den Kopf schief, guckt einen nochmal ganz doll an und sagt:

Und das war vor zweitausendfünfhundert Jahren, und die Welt ist die ganze Zeit seither nicht untergegangen! Na!?

Zu dieser Figur möchte ich meinerseits eine Geschichte beisteuern, die belegen soll, daß die Menschen, was ihre eigene Bildungsbiographie angeht, nicht ganz vorurteilsfrei sind.

Als ich zum ersten mal meinen Bundestagsabgeordneten traf, war ich knapp unter zwanzig und wohnte einer Podiumsdiskussion über Bildungspolitik bei. Der Abgeordnete, CDU, im schwärzesten Landkreis der Republik über Liste gewählt, rotgesichtig und dicklich, ein Hinterbänkler im Landwirtschaftsausschuß, schwieg. Sein chancenloser SPD-Herausforderer und, wenn ich mich nicht irre, eine junge Grüne, stritten sich untereinander, und durchaus nicht ohne Witz und Verstand. Irgendwann, man hatte nicht mehr damit gerechnet, drückte der CDU-Mann unvermittelt den Knopf an seinem Mikrofon, es knackte in den Lautsprechern, und alle Augen richteten sich auf ihn. Und er sprach:

Also i hau Schlossr glerned, des hoisst, i hau au id schudierd, ond Abitdur hau i au kois gmacht. Es hod mr jetzt au id gschaded, däd i saga.

Es liegt mir fern, mich über den, soweit ich weiß, ehrlichen Christdemokraten lustig zu machen, aber mich beschlich damals ein Verdacht, der mich seither nicht losgelassen hat: Man merkt’s nicht.

Man merkt’s nicht, was die Bildung mit einem macht oder nicht macht. Immer, wenn die Technologiekritikkritik wieder ihre Aber-die-Welt-ist-nicht-untergegangen-Figur macht und so tut, als hätte die Gegenseite behauptet, das würde sie tun, denk’ ich mir: Ähm. Manche von diesen drolligen Trotteln der Vergangenheit waren schon sehr kluge Leute, und man könnte ihre Argumente gegen manche Innovationen, die uns selbstverständlich geworden sind, durchaus prüfen. Bei uns ist noch nicht heraus, ob wir Deppen sind, fest steht, wir würden’s nicht merken, wenn es so wäre. Und es könnte, zum Beispiel, wirklich sein, daß Powerpoint auf eine ganz bestimmt Art doof macht; auf den Gedanken kann man schon kommen. Wenn aber alle in der Oberstufe einmal durch die PPT-Mühle durch sind, bleibe bloß ich übrig, der’s noch merkt, und die Passig, immer auf Seiten des Fortschritts, macht sich über mich alten Trottel lustig. Das würde mir gefallen, ich gebe es zu.

Dieter E. Zimmers “Elektrifizierung der Sprache? kenne ich nicht, aber ich schätze Herrn Zimmer sehr. (Wenn der Goetz noch einmal auf ihn schimpft, fall ich noch von der Kränkster-Verehrung ab.) Ich mache das Argument, das er vermutlich für die Schriftstellerei macht, seit Jahren gern für die Radiotechnik. Nein, die Welt geht nicht unter, wenn man die alten Bandmaschinen durch Windowsrechner mit Schnittsoftware ersetzt, das habe ich nie behauptet, aber das Radio wird scheiße. Nun ist die Technik sicher nicht der einzige Grund dafür, aber man kann die Vermutung begründen, daß die Tatsache, daß Radio früher auch ein Handwerk war, für das man die Hände üben musste, dazu geführt hat, daß es nicht jeder Honk machen konnte. Heute kann es jeder Honk machen, was dazu führt, daß es jeder Honk macht. Es ist nämlich Kapitalismus. Die Welt muß gar nicht untergehen, um eine Qualität zu verlieren, die mal wichtig war. Und ja, es ist erlaubt, sie zu vermissen. Und nein, daß die Nachgeborenen sie nicht mehr kennen und eben nicht vermissen, bedeutet nicht, daß sie immer irrelevant war und heute nichts beizutragen hätte. Eine Welt mit gutem Radio wäre besser als eine mit schlechtem. Ich habe es schon öfter gesagt und ich sage es wieder: Radio ist kaputt, Journalismus ist fast kaputt, Film ist total kaputt. Literatur ist auch schon ganz gelb. Und nichts, was irgendjemand mal über Pferde gesagt hat, wird mir einreden, alles sei in Ordnung.

Das Netz bringt zwar kaum Kultur hervor, die geeignet wäre, mich zu fesseln, ist aber hervorragend geeignet, mir Zugang zu den ausgezeichneten Kulturprodukten der vorangegangenen Generation zu verschaffen. Dazu kriege ich, als zeitgenössische Hervorbringung, jeweils einen Wikipediaartikel von einem Rudel siebzehnjähriger Trolle jedweden Alters, die sich erkennbar mitten im Absatz gegenseitig ins Wort fallen, weil immer jemand zur Stelle ist, der ein noch größeres Maß an kleinkariertem Wichtigtuertum in einen noch alberneren Satz packen kann. Vielleicht kommt ja Passigs Erwachsenenbildung wirklich und erlöst mich von der Erinnerung an Zeiten, in denen man noch Enzyklopädien pflegen konnte, die nicht von Gartenzwergen gemacht wurden.

[Ich behaupte: Pauschale Technologiekritikkritik ist nichts als Angst vor dem Tod. Als könne man seine Ferne beweisen durch beflissenes Umarmen dessen, was die Jüngeren (angeblich) wollen, das Neue. Und übrigens Ausdruck der fallacia kohlensis: Argument aus einer Erfahrungswelt, in der immer alles irgendwie von selbst gut ausgeht.]

Link | 7. Dezember 2009, 1 Uhr 18 | Kommentare (25)


Das Fenster mit dem Schemen eines Herrn, der mit präzisen Bewegungen einen reglosen Vorhang dirigiert.

Link | 1. Dezember 2009, 0 Uhr 28