Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Es wäre noch möglich, in einer Szenerie (sagen wir: dieser) vollständig zu verschwinden, d.h. auch vom Rest der Welt außerhalb der Szenerie gar nicht mehr wahrnehmbar zu sein: Ein Schatten im Supermarkt, mit dem man leicht zusammenstößt. Solche Pläne scheinen sich jedoch nur für eine unbestimmte Zukunft anzubieten. In der Gegenwart hindern Bindungen an die Welt eine solche Versenkung, komplexe Verpflichtungsverhältnisse und Verabredungen zum Essen. Wer ernsthaft die sublimen Schwingungen eines imaginierten Hauses erkunden will, funktioniert nicht mehr im Sinne des Kapitals, das ist ausgeschlossen.

Wenn man sehr jung ist, ist es leicht, unheimlich zu sein, denn jeder ist gern bereit zu glauben, daß es sich dabei um ein Spiel für intelligente Menschen handelt. Jenseits der dreissig endet der Spaß: Der Verdacht, daß eine Unheimlichkeit (ein Interesse am Beunruhigenden, Apragmatischen, geistig Ungesunden) echte Folge bitteren Scheiterns sein könnte, wird mit jedem Jahr plausibler. Obsessionen, die dich mit zwanzig ausgezeichnet hätten als jemanden, der eigenständig fühlt, machen dich mit dreissig verdächtig: Weil es die Möglichkeit gibt, daß du tatsächlich nicht harmlos bist, daß die Obsession in unguter Weise echt und jenseits des Spielerischen wirksam sein könnte.

Diesem Problem des Alterns der Obsessionen scheint man auf zwei Weisen begegnen zu können: Möglichkeit eins ist das Gute Leben, riesige Tische in Obstgärten, Berge von Weißbrot und große Karaffen Wein, Oliven und teure alte Autos vor den Steinmauern, in denen sich die Hitze staut und die Zikaden lärmen: Wenn solcherart gesunde Genußfähigkeit (praktisch und psychisch) bewiesen ist, wird ein Atelier verziehen (ein Schreibtisch, eine schwelende Affäre, etc.) — Rivettes Belle Noiseuse ist ein ganz gutes Beispiel für diese Lösung; auch dafür, daß sie nicht vollständig funktioniert. Die zweite Lösung, die ebenfalls nichts restlos löst, ist Trotz. Giger sitzt in seinem Museum und ist etwas lächerlich, Jünger sitzt in Wilflingen und ist etwas lächerlich, aber sie bleiben dabei und bestehen auf ihr Recht auf Unheimlichkeit.

Link | 27. Juni 2010, 11 Uhr 10 | Kommentare (6)


Im Namen des Volkes: Der Reaktorkern.

Link | 19. Juni 2010, 21 Uhr 43 | Kommentare (3)


Wenn es dem Leben nicht gelingen sollte, mich dem Katholizismus in die Arme zu treiben, wird es sicherlich dem Internet gelingen: Diesem allseitig so demonstrativ volksgesunden, besserwisserischen, selbstgerecht gehässigen, durch und durch gemeinen Ding, diesem ewigen, sich selbst schreibenden Boulevard.

Ich lese František Kubkas Karlsteiner Vigilien, Berlin Ost 1970, zaks Zufallsfund: Einundzwanzig Geschichten mit Frauennamen, eine lockere Rahmenhandlung, und vorsichtig kolorierte Illustrationen.

Bei der Weinlese im dem Weinberg Clos Saint Jean wurde er vom Herrn des Weinbergs, dem Bürgermeister von Beaune, Ramuse-Laurent, mitten unter die zahlreichen Gäste geleitet, Männer und Frauen, die schon am frühen Morgen zusammengekommen waren und gewürzte Pasteten gegessen hatten, die dann in geselliger Runde bis zum Mittagessen geblieben waren, das aus Krebssuppe, Goldfasanen und gedünstetem Rindfleisch mit Artischocken bestand, hatten dann bis zum Abendessen getanzt, bei dem sie duftende Leberwürste, Schinken und Weißbrot verspeisten, hatten bis Mitternacht dem Wein zugesprochen, wo dann eine Hühnerbouillon serviert wurde, und so feierten sie weiter bis zum nächsten Morgen, wo man dann die Betrunkenen aus Kannen begoß und die Tänzer wieder zum Frühstück rief. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht sangen die Männer und jauchzten die Frauen, die Tugend so manchen Mädchens nahm Schaden, und die Ehefrauen vermochten es nicht, ihre Männer zu bewachen. Unter den umgestürzten Tischen lagen sich schlummernde Paare in den Armen, und man konnte nur schwer unterscheiden wem welche Glieder gehörten. Solch ein Fest wurde auf dem Weinberg des heiligen Johann gefeiert, daß die Goldenen Berge vor Scham leicht erröteten, so wie sie jeden Herbst zu erröten pflegten. Aber vielleicht war es auch nur die septemberliche Abendröte hinter durchsichtigem Nebel.

Ich lese Wilhelm Worringer, Formprobleme der Gotik, München 1920, (zu dem ich über Mark Fishers exzellentes Flatline Constructs komme):

Die Raumgrenzen sollen derartige sein, als ob der Raum sie sich gleichsam selbst gesetzt habe, um sich dem unendlichen Raum gegenüber zu individualisieren. Es soll der Eindruck natürlicher Raumgrenzen entstehen, innerhalb derer der Raum ein selbständiges, organisch gebundenes Leben führen kann. So soll das Unsinnliche, nämlich der Raum, wieder versinnlicht, das Immaterielle wieder materialisiert, das Unfassbare wieder objektiviert werden.

Ich schaue mir edmonds fleurs de paris an und Le Camp.

Und bewundere die Großzügigkeit.

Link | 19. Juni 2010, 21 Uhr 06 | Kommentare (1)


Aggiornamento: Bargfeld.

Link | 6. Juni 2010, 21 Uhr 28 | Kommentare (2)


Klang der großen, walzenden, rücksichtslosen, lockenden, fleischschlingenden Maschine.

Link | 1. Juni 2010, 22 Uhr 50


A piece of chalk to follow the contours of what is not, or is no longer, or is not yet; the handwriting each one of us will use to compose his own list of ‚things that quicken the heart,‘ to offer, or to erase. In that moment poetry will be made by everyone, and there will be emus in the ‚zone.‘

Link | 1. Juni 2010, 0 Uhr 05 | Kommentare (1)