Ist doch schön hier

 

“Ist doch schön hier”, sagte Tomas und rieb sich die Hände. “Und jetzt gehen wir erst mal ein Bier holen. Nebenan ist ein Liquor Store, das habe ich auf Google Maps gesehen.”

“Das sieht dir ähnlich”, sagte Sarah und schaute sich etwas hilflos um. Die ganzen Koffer und Kisten machten den Raum noch kleiner.

“Geht nur, Männer”, sagte Milla. “Sarah will sich sicher noch frisch machen und wir haben was zu besprechen. Mädelskram.”

Tomas und ich verließen das Hotel und liefen ein paar Meter die Hauptstraße runter. Der Himmel war blau, der Wind fegte Müll und Sand in die Ecken, die Luft roch salzig.

“Ich freu mich so auf Amerika”, sagte Tomas. “Und die Musik.”

“Liquor”, sagte ich, als wir zwischen den engen und  bis zur Decke gestapelten Gängen standen. “Ist ein lustiges Wort. Klingt wie Lecker, aber versaut.”

Tomas lachte.

“Liquor, Liquor. Lecker Bier und Schnaps kaufen.”

Er streckte die Zunge in die Luft.

“Ich schmecke das Meer.”

Manchmal war alles was er tat irgendwie wollüstig. Keine Ahnung, ob er das wusste. Mit den braunen Papiertüten voller Dosensixpacks und zwei Flaschen Rotwein machten wir noch einen Abstecher zu einem kleinen Supermarkt auf der anderen Seite des Parkplatzes.

“Ich brauch was für den Kopf”, sagte Tomas. Er spitzte die Lippen und blies Luft aus.

Dann fuhr er sich mit der Hand über die stoppelkurzrasierte Glatze.

“Weißt du noch, letzten Sommer, beim Paddeln?”

“Ja, ich erinnere mich, das war übel.”

Ich weiß nicht warum, aber der Laden war irgendwie schön. Es war eine Mischung aus Baumarkt und Lebensmittelgeschäft. Es gab jede Menge Zeug zu entdecken, die Regale quollen über. An jeder Ecke stand etwas anderes, scheinbar ohne jede Ordnung und im Sonderangebot. Es waren nur wenige Kunden da und sie hatten genauso viel Zeit wie wir.

Ich blieb lange an einem Tisch mit Strandutensilien stehen. Ich wühlte darin herum und als ich wieder aufsah, war Tomas weitergegangen. Ich nahm einen Frisbee und eine Cap mit der Aufschrift Air-Force mit.

Als ich an der Kasse stand, wartete Tomas bereits vor der Tür. Er hatte sich eine Dose aufgemacht und trank aus der Tüte. Er sah gefährlich aus, etwas Animalisches umgab ihn.

“Magst du auch ein Bier?”

“Ja.”

“Warte.”

Ich riss das Preisschild von der Kappe und setzte sie auf.

“Steht dir gut”, sagte Tomas. “Die hätte ich auch gerne.”

“Warte mal.”

Ich ging zurück in den Laden und holte ihm genau die Gleiche, nur eine Nummer größer.

“Schenk ich dir.”

Tomas setzte seine auch gleich auf, aber er ließ  bis zum Ende der Reise das Preisschild dran.

“Wie sehe ich aus?”, fragte er und schaute mich an, als wäre ich ein Spiegel.

“Brutal”, sagte ich.

“Wunderbar.”

*

es musste etwas passieren

 

Ich folgte Cathy brav, sie schritt zackig voran, ihre Absätze tackerten. Sie stand unter Strom, es war kein Vergleich zu gestern Abend, das war die Cathy, die ich kannte. Sie grüßte flott nach links und rechts, raunte  einem nett dreinschauenden Kollegen etwas ins Ohr, lachte dann zu schrill, rückte ihre Brille zurecht und stellte mich einem schmierigen Salestypen vor, der so stark nach Aftershave dünstete, dass ich fast husten musste. Sie genoss das alles und noch mehr auf eine schräge Art und Weise, vielleicht, so dachte ich, wie eine alte Schauspielerin. Es war ihre Bühne. Und irgendwie waren diese Messen und Stände ja auch Spielstätten. Die Stücke, die im Business-Theater aufgeführt wurden, waren nicht sehr anspruchsvoll. Ein Hauch von Shakespeare vielleicht, wenn man wohlwollend war. Es ging um die Ausstellung von Macht und Möglichkeiten, es ging (ganz profan) ums Geschäft und um Beziehungen, es ging (schon etwas glamouröser) um Verrat und Loyalität, es ging um nicht weniger als die Zukunft des Unternehmens. Gute Messen waren voller plot twists. Die Darsteller, das Ensemble, allesamt blutige Laien, aber konsequent und einmalig in ihrer Unbedarftheit, in ihrer ganzen Gewitztheit und Brutalität. So etwas führte zwangsläufig zu kleinen und großen Dramen. Es galt eine gewaltige Verschwendung von Geld, Zeit und Ressourcen zu rechtfertigen. Es musste einfach etwas passieren. Es mussten Köpfe und Moneten rollen, sonst hatte man seinen Job nicht gemacht, verdammt. Mein Untergang (das wusste ich seit gestern Abend) war beschlossene Sache. Deswegen konnte ich unverfroren auftreten. Mein Part war fast zu Ende, ich hatte beinahe ausgespielt, ich stand kurz vor dem Exit, in einem Jahr würde hier ein anderer PR Fuzzi rumwichteln, jünger wahrscheinlich, smarter, unerfahrener, aber dafür williger. Ein weißes Blatt Papier. Ich hingegen, ich fühlte mich wie eine benutzte Serviette. Aber ich war Profi genug, weiter mitzuspielen. Das war ich der alten Dame schuldig.

“Selbstverständlich”, sagte ich cool.

“Ich darf es dir eigentlich gar nicht sagen. Wir haben heute einen geheimen Act auf der Bühne.”

“Nein?”

“Doch. Ariane. Ariane Grande. Psst.”

“Nicht möglich.”

“Brad spielt mit ihrem Vater jeden Mittwoch Golf im Red Tail Club. Sie kommt aber nur für zwei Songs, hat sie gesagt. Immerhin. Das wird das Highlight am heutigen Messeabend.”

Ich konnte es kaum erwarten.

“Wow”, sagte ich.

Das gefiel ihr.

“Hier, dein Badget. Damit kommst du überall rein und, was nicht ganz unwichtig ist:  Du kriegst zu essen zu trinken so viel wie du willst.”

Sie hängte mir das laminierte Namensschild um den Hals, als wäre es eine Auszeichnung, auf die ich stolz sein durfte.

“Thank you, Cathy.”

 

 

la parole des morts

Manchmal ziehe ich mir spätnachts irgendwelche Kriegsdokus rein. Allerdings stets durch Zufall, ich hab keine Lust was zu streamen, zappe so rum und bleibe dann im WWI oder II hängen, manchmal auch in Vietnam oder Afghanistan. Ich habe in meinem Leben schon so viele davon gesehen, dass ich wirklich nichts, aber auch überhaupt gar nichts Neues mehr dabei erfahre. Das stört mich aber überhaupt nicht. Es kommt höchstens mal vor, dass irgendein Produzent sehr lange verschollenes Filmmaterial oder neue Zeitzeugen ausgegraben hat, das ist dann schon sensationell. Dazu die sonoren Stimmen der professionellen Sprecher, das dumpfe Wummern der Explosionen, die treibende Call of Duty Mucke, immer angenehm temperiert, mal auf, mal abschwellend, mal mit Bläsern, mal mit Marschmusik. Es gibt wenige Dinge in meinem Leben, die mich so zur Ruhe kommen lassen. Ich liege auf meinem warmen Sofa, eine flauschige Decke und die Katzen an meinen Füßen, der Holzofen bollert vor sich hin und ich nippe an einem Gläschen guten Bordeaux, nasche ein feines Stückchen Bio-Schokolade (mindestens 75% Kakao) und folge den Frontverläufen, als wären es wohlvertraute Familienbiographien. Ich gedenke still und ehrenvoll der Gefallenen, all den namenlosen Toten, den Zerfetzten, den Zerschmetterten und Zerhackten. Ich denke an sie, versuche mich in ihre Situation zu versetzen, fantasiere, wie es mir wohl ergangen wäre, wie ich mich wohl in dieser oder jener ausweglosen Situation verhalten hätte. Sie sind für mich wahre Helden. Aber nicht, weil sie sich für die eine oder andere abstrakte Idee von Ehre oder Vaterland geopfert haben, sondern weil sie einfach all das ertragen haben, weil sie jeden morgen wieder aufgestanden sind, die Waffen geputzt, die Stiefel gewichst, die Uniform entlaust haben, nur um sich dann den nächsten tödlichen Unsinn der rangnächsten Befehlshaber anzuhören, die Tageslosung des Verderbens, la parole des morts. Ihre bloße Existenz, ihr Schicksal, in Relation zu meinen alltäglichen Nöten eines einfachen Angestellten, erhebt mich, tröstet mich und macht mich dankbar. Da sein, atmen, planen, warten, weitermachen. Wir sind privilegiert.

 

 

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weiter im Text

 

Wieder beim Dodge sah ich, dass der komische Wandervogel die Zeit ebenfalls gut genutzt hatte. Er war nur noch ein paar Dutzend Meter von mir entfernt und er hatte mich bereits entdeckt. Ich merkte das an der Art, wie er sich auf mich zu bewegte. Sofort hatte ich große Eile hier wegzukommen. Ich wollte auf keinen Fall mit ihm reden, ich wollte ihn auch nicht grüßen und am Ende etwa gezwungen sein, ihn aus Mitleid irgendwohin mitnehmen zu müssen, während er meinen Wagen mit üblen Gerüchen füllte. Ich sprang also auf den Sitz, ließ so schnell ich konnte den Motor an und wendete mit so viel Schwung, dass die Steine unter den Reifen schwirrten und die Hinterräder auf dem lockeren Untergrund durchdrehten. Ich freute mich über meine erfolgreiche Aktion, aber genau in dem Moment, in dem ich an ihm vorbeifuhr, hob er seine Hand zum Gruß. Er lächelte mich so freundlich und so offen an, dass ich mir total bescheuert vorkam.

Ich hatte ihn für irgendeinen verrückten, versoffenen und lausigen Penner gehalten, der vollkommen verdreckt und verwirrt über Land irrte. Aber in diesem Sekundenbruchteil in dem sich unsere Blicke, nur durch die verschmierte Scheibe getrennt, trafen, erkannte ich, dass er, im Gegensatz zu mir, vollkommen aufgeräumt und normal war. Einfach ein netter junger Bursche mit Hippibart und klugen braunen Augen, der keinen Bock auf den ganzen Durchschittsblödsinn hatte und sein Ding durchzog. Er war einfach los gelaufen, hatte alles hinter sich gelassen, vielleicht nur für eine Weile, vielleicht auch für immer, wer wusste das schon, es ging ihm gut dabei, während ich mich, so kam es mir jetzt vor, feige und verzweifelt an mein altes Leben klammerte, auf das ich, wenn ich ganz ehrlich war, überhaupt keinen Bock mehr hatte. Er hatte nichts und war frei und ich hatte eine Menge Mist.

Meine kleine blöde Flucht war bloß ein weiteres, lächerliches Symptom meines Dilemmas. Ich trat fest auf die Bremse. Das ABS griff und  Reifen quietschten, der Dodge ruckelte und zuckelte wie ein schwerer Elefant. Was zum Teufel, so schoss es mir durch den Kopf, wäre, wenn ich die dicke, spritfressende und Umwelt zerstörende Karre einfach hier und jetzt stehen lassen und mich dem jungen Kerl anschließen würde? Ein Rucksack, ein paar Klamotten, ein wenig Geld und die eigenen Füße, soweit sie tragen. Es könnte so einfach sein. Scheiß auf Milla, scheiß auf den Job, scheiß auf die Band. Ich schaute in den Außenspiegel und sah den armen Buben auf dem Parkplatz stehen. Er schien sichtlich erschrocken von meinem unerwarteten Manöver, er wusste wahrscheinlich nicht so recht, was als Nächstes passieren würde. Ich wusste es ja auch nicht und dachte, dass ich jetzt der Verrückte von uns beiden war und kurz davor, einem netten jungen Menschen das Leben zu versauen.

In diesem Moment klingelte zum Glück das iPhone. Conny war dran.

Und ich drückte das Gaspedal wieder durch und schleuderte mich und den Wagen in die Zukunft, die für uns beide vorbestimmt war.

blitzkrrrieg bop

Jetzt, mit fast 50 (also eigentlich TOT) beginne ich zu begreifen, wie sehr der Punk mein Leben geprägt hat. Die Ironie dabei ist, dass ich mich dieser Bewegung nie wirklich zugehörig empfunden habe. GEFÜHLT war ich allenfalls ein Sympathisant, ich hörte (neben vielem anderen Zeugs) die Ramones, Ärzte, später Beasty Boys.

Gestern sagte meine Mutter zu mir, als wir über meine erste Freundin sprachen, wir wären halt rein äußerlich so ein wenig Hippie gewesen und sie hat natürlich wie immer recht. Wildes lockiges Haar, zerrissene Jeans, Anarchieaufnäher auf der Jacke, die zertretenen Sneakers und das bescheuerte, aber leider verdammt kuschelige Palästinensertuch und der Button mit der Friedenstaube. Wir waren harmlos, phasenweise engagiert, aber immer gegen was. Nicht gegen meine Eltern, wie viele Generationen vor mir, das wäre auch unsinnig gewesen,  sondern gleich viel größer, logo. Einfach gegen “das System”, das uns ja eigentlich schon längst besiegt hatte. Ein Umstand, der uns mutlos machte, rotzig, stolz und widerwillig. Immer auf der Hut, idealistisch, selten konstruktiv, dann bald (dank Computertechnologie) glücklich, im Rausch, eskapistisch.

Wir wechselten die Spielfelder und alles was nach Ehrgeiz und Anstrengung aussah, fanden wir blöd und wir waren, glaube ich, sehr froh, als uns die Neunziger mit der Popkultur des Cool und Uncool lässig die Hand reichte. Unser Unwohlsein an der Welt wurde dadurch glamouröser, ausschweifender, fröhlicher, differenzierter. Heute scheint es mir, als hätte ich damit den Punk in mir kultiviert, so wie man eben versucht, aus zwei wilden Obstsorten eine Wohlschmeckende zu schaffen. Ich denke, es hat auch irgendwie geklappt, ich habe funktioniert und süße Früchte geerntet und darüber dann vergessen, dass die Kraft, die sie mir gaben, nicht aus dem Pop stammte und meine ironisch-gebrochenen Bemühungen, “Teil einer Jugendbewegung” zu sein, “Teil einer Arbeitsgemeinschaft” zu sein, “Teil einer Kulturbewegung” zu sein, zum Scheitern verurteilt waren.

Jetzt sind die süßen Früchte matschig, sie haben Würmer und neben dem alten Stamm, vielleicht zwei drei Meter vom Zaun entfernt, wächst eine junge, wilde Pflaume, mit sehr kleinen Früchten.

Ich nenne die hellrote Sorte Punk und das magere Fruchtfleisch schmeckt sehr frisch und bitter. Man hat nicht viel davon. In den ersten Jahren hab ich die Triebe immer abgeschnitten, aber das war natürlich sinnlos. Sie kommen immer wieder nach und jetzt erwische ich mich, wie ich in den heißen Sommern über den Zaun klettere und heimlich davon nasche. Die Wahrheit ist: das alles hat mir natürlich gar nichts gebracht. Ich hatte keine Wahl, es hat uns nirgendwo groß hingeführt, ich war immer zu stolz, zu rotzig, zu oberflächlich, zu verträumt, zu glücklich. Oder am Boden zerstört. Einfach nicht schnell genug, in einer schnellen Zeit.

HeyHo!

 

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