Entgöttert

„Wo seid ihr denn?“, jammerte Ralf. „Wo seid ihr?“

Es war erbärmlich. Ralf hatte keinen Schimmer. Er kratzte sich die Pickel unter seinem Vollbart wund und hing mit seinem unförmigen Körper so verkrampft vor dem Bildschirm, als wäre es kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Und irgendwie war es das ja auch. Seit ein paar Tagen, eigentlich seit der Sache mit dem gelöschten Verteiler, zwang Dietmar ihn das springende Auge zu sein, die wohl lächerlichste Figur der Computerspielgeschichte. Ein großer, rotgeaderter Augapfel mit spindeldürren Armen und Beinen, der bei jedem Treffer schrie, als würde ein Schwein abgestochen. Ich rannte schnell um ein paar Ecken aus Dietmars Schussfeld und schob im Sprint zwei neue Patronen in den Lauf. Dann stoppte ich und sah in sicherer Deckung aus einem kleinen Fenster über den Hof, den Dietmar gerade mit seinem Zielfernrohr abdeckte.

„Pow.“, sagte Dietmar.

Das springende Auge, oder besser gesagt, Ralf und das springende Auge kreischten gleichzeitig  laut auf. Ich sah, wie Ralf mit seiner Maus seinen halben Schreibtisch leerfegte und gleichzeitig auf dem Bildschirm wie verrückt von einer Deckung zur nächsten sprang.

„Pow“, sagte Dietmar noch einmal tonlos und langsam. „Pow. Pow. Pow.“

„Du kriegst mich nicht! Du kriegst mich nicht.“, schrie Ralf.

Tatsächlich schaffte er es in einen Bunker.

„Verfehlt! Du hast mich verfehlt!“

Dietmar verarschte ihn. Ich wusste genau, dass er jederzeit in der Lage war, ein bewegtes Ziel auf erheblich weitere Entfernung direkt und mit einem einzigen Treffer auszuschalten. Aber Ralf brachte bei ihm den Sadisten zum Vorschein. Er wollte ihn absichtlich quälen und weidete sich an seiner Panik und Hysterie. Irgendwie belustigte mich das und machte mir gleichzeitig Angst.  Ich gab Dietmar ein Zeichen. Er nickte mir zu und ich spurtete über den Hof, sprang auf das Dach des Bunkers und ließ mich durch eine Luke ins Innere fallen. Das springende Auge kauerte mit dem Rücken zu mir und schielte aus der einzigen Tür im Raum. Ich stellte mich genau hinter ihn, den Finger auf der linken Maustaste.

„Hey, Ralf.“, sagte ich.

„Ja?“ , sagte Ralf und schaute mich über die Schreibtische hinweg an.

„Hinter dir.“

Ralf  drehte sich um. Dietmar stöhnte auf und sah mit einer verzweifelten Armbewegung an die Zimmerdecke.

„Nein“, sagte ich. „Nicht hier.“

“Ahhh.“, schrie Ralf.

Das Auge wirbelte herum. Ich drückte bloß zweimal die Taste und die Wucht der doppelten Ladung Schrotkugeln war so heftig, dass es ihn  mit einem gellenden Geräusch aus dem Bunker heraus auf den Hof schleuderte. Dort fiel das Auge wie ein leerer Sack in sich zusammen. Überall klebte virtuelles Blut und Dietmar lachte wie eine alte Frau. Dazu schoss er noch ein paar Mal auf Ralfs Leiche, was vollkommen unnötig, aber besonders demütigend war.

„Ihr seid so gemein!“, jammerte Ralf und kicherte dazu mit seiner fisteligen Stimme. „So gemein.“

„Klappe.“, antwortete Dietmar. „Schau lieber zu, dass du endlich besser wirst.“

Dann wandte er sich wieder mir zu, ganz freundlich, als wäre nichts gewesen.