in einem Kater Holzig Sarg

Absurderweise bin ich der Meinung, dass mein Berliner Nachtleben an einem Sonntagmorgen im August beerdigt wurde. In meiner Erinnerung stehe ich im Innenhof des Kater Holzig, auf dem kleinen Steg mit dem Rücken zur Spree. Amüsiert und melacholisch zugleich sehe ich meine drei Begleiter wie auf Fäden gezogen und voneinander getrennt durch die aus Latten zusammen gezimmerte Kulisse irren. Ich spüre, wie die aufgehende Sonne meine linke Gesichtshälfte wärmt und atme den Geruch verbrennender Holzscheite. Irgendwas hält mich davon ab, meine letzte Zigarette anzuzünden.  Ich entdecke eine kleine, mir unbekannte Trauergesellschaft, die sich um ein Lagerfeuer am Wasser  geschart hat. Einer der Männer dort sagt zu einem anderen: Ich geh jetzt nach Hause und schlafe ein wenig. Eine Frau antwortet, ohne den glänzenden Blick aus den Flammen zu nehmen: Du kommst also wieder. Sie schweigen und das Knacken der Scheite und die Musik aus den Baracken scheint auf einmal von ganz weit her zu kommen. Ja, sagt der erste Mann: Der Stempel gilt nur drei Tage.

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occupy zabriski point

Also. Was dieser Film schon einmal nicht ist (das steht nämlich in einigen Beschreibungen so): ein Thriller. Er enthält allerhöchsten thrillerhafte Elemente, die aber auch nur dazu dienen, eine artifizielle Coolness aufzubauen. Überhaupt. Ich war überrascht, wie cool dieser Film  ist. Ich glaube fast,  wir haben inzwischen ein total falsches Bild von der Hippizeit, all das Alberne und Klischeehafte daran (Blumenkinder, freie Liebe, überdrehte Klamotten, Esokram) wurde in den letzten 50 Jahren von den Medien und  der Werbung (wahrscheinlich aus subtiler, reaktionärer Zalando-Rache heraus) überbetont. Die Protagonisten in ZP sind jedenfalls definitiv auch nach heutigen Gesichtspunkten cool. Sehr cool.  Ja, manchmal kommt es einem sogar so vor, dieses alte Cool könnte bald schon wieder das Neue sein. Man muss sich nur mal die Demonstranten des „Occupy Wallstreet Movements“ anschauen. Peng, schon hat man ein wenig diese Zabriski-Atmo. Und es ist ja auch ein Jugendfilm, ein Protestfilm. Schöne ernsthafte junge Menschen begehren gegen das verlogene, repressive Kapitalismus-Boomzeit-Amerika auf. Auf der einen Seite geht es um politische Themen, insbesondere die Gewaltfrage, die ja in Deutschland auch die RAF aus der 68er Bewegung abgespalten hat. Vor allem aber funktioniert der Film vollkommen zeitlos über sensationelle Aufnahmen, schöne Kamerafahrten und eine grandiose Landschafts- und Städte-Cinematographie. Das hat heute auch schon historischen Wert, denn es beamt einen direkt in ein untergegangenes L.A., mit all seinen bunten (damals noch so schön beruhigend analog gemalt bunten) Burgerbratereien, Werbetafeln, Unigebäuden und Straßenzügen, die es heute ja gar nicht mehr gibt. Im zweiten Teil wird dann knallhart die ewig stille kalifornische Wüste dagegengesetzt, wo große und kleine philosophische Fragen von einem flüchtigen Liebespaar in trockenen, wie Knochen hingeworfenen Sätzen abgehandelt werden. Gespickt mit ein paar surrealen Szenen (über die man lächelt und sich dann seines Lächelns doch plötzlich schämt) und einer stets latent drohenden Gewaltbereitschaft. Irgendwie ist diese zufällige und viel zu kurze Liebe dann auch sehr süß, ein wenig naiv aus unserer schrecklich ernüchterten Perspektive. So bin ich denn auch ein wenig neidisch geworden. Was damals wohl alles möglich schien? Und wie wenig heute von dieser erträumten Freiheit noch übrig und für immer verloren ist? Großes, prefacebookisches Kino. Like (Kotz!).

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