die Zukunft dieser Erde

Die Vorzeichen hatten sich gewendet, die Gegenwart war zum Traum geworden. Ein Albtraum, um genau zu sein, der ihm allerdings keine Flucht mehr bot, sondern nur eine ungeahnte Vitalität, Verderben und Untergang. Was blieb ihm, Felix, dem Träumer, denn nun übrig? Musste er für immer aufwachen? Oder von einer Vergangenheit träumen, die ihm im Grunde seines Herzens schal und öde erschien?

Unwillkürlich musste er lachen. Das war Selbstbetrug! Felix unterdrückte den Impuls, sein Körper krümmte sich und für eine Sekunde schaute er nicht nach draußen, sondern zurück. Eva sah zu ihm, sie machte ein Zeichen mit der Hand, dass wohl so viel bedeuten sollte: Was tust du da?

Willst du uns alle umbringen?

Aber das amüsierte Felix nur noch mehr, eine irrationale, verrückte Laune durchströmte ihn. Es war, als hätte man einen Eimer Wasser auf den Boden geschüttet, es breitete sich unaufhaltsam aus, er wollte einfach losbrüllen vor Freude, einfach bloß aufstehen und laut lachen und dabei laut rufen: Was soll die ganze Scheiße, seht ihr denn nicht, wie absurd das Ganze ist? WIR sind gesund und munter und DIE DA draußen sind Schrott, der letzte Mist, ein Haufen wildes, verfaultes Fleisch, dass sich über kurz oder lang in seine biologischen Bestandteile zerlegen und für immer auslöschen wird. Die können uns nichts, die können uns mal, das ist nur menschlicher Müll, ein missglücktes Experiment von Missgeburten, so dumm wie Schmeißfliegen oder Ameisen, das ist niemals die Zukunft dieser Erde, sondern nur ein Zwischenspiel, ein Treppenwitz, eine weißer Fleck in der Landkarte, wie der Meteorit, der angeblich die Dinosaurier ausgelöscht hatte und dessen Reste nie gefunden wurden.

(Zombifiziert, Drittes Buch, Band 12)

shhhh, shhhh.

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ALS ER DIE VERKLEBTEN LIDER wieder öffnete, war es immer noch schwarz. Hier unten gab es für menschliche Augen nichts zu sehen. Aber sein Gehör funktionierte noch ausgezeichnet, es kam Mücke sogar so vor, als hätte es der Schlag an seinen Kopf noch etwas verbessert. Da war ein leises Säuseln, das die Luft verursachte, die durch die Schächte und Gänge nach oben strömte. Da war ein dunkles Ächzen, das von den alten, eingemauerten Rohren stammte, durch die immer noch etwas Wasser tropfte und die sich durch den Frost und die Temperaturunterschiede zusammenzogen oder ausdehnten. Und da war das vielfüßige Getrappel der kleinen Rattenbeinchen, schnell und leise. Sie hatten ihn natürlich schon längst entdeckt, hilflos wie er war.

Die Nager waren neugierig und hungrig und sie kamen immer näher. Wenn er sich etwas bewegte und seine Kleidung knisterte, stoppten sie. Verharrte er, warteten sie noch eine Weile, dann kamen sie noch etwas weiter heran. Mücke war sicher, dass sie ihn, wenn er schwach genug war, bei lebendigen Leibe anknabbern würden. Zu seinem Erstaunen fand er die Vorstellung gar nicht so schlimm, er versetzte sich einfach in die Lage der Tiere und die war seiner eigenen gar nicht so unähnlich. Oben herrschten die Kranken, dort hatten die armen Viecher nichts mehr zu melden. Ja, als die Menschen noch gesund waren, da hatten sie wie die Könige gelebt. All die Abfälle, die Abwässer, die Mülltonnen und Essensreste einer Großstadt. Sie mussten sich nur an ein paar Regeln halten, ein wenig vorsichtig sein und unentdeckt zuschlagen. Das war jetzt vorbei. Jetzt waren sie die Gejagten und der schier unendliche Strom der Nahrungsmittel war endgültig versiegt.

Freilich. Der große Kampf um Berlin war wie ein letzter, fetter Leichenschmaus für die flinken Vierbeiner gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber irgendwann war auch der letzte Knochen abgenagt und das letzte Stückchen Haut vertrocknet. Die Untoten schmeckten nicht, sie waren ungenießbar und manchmal sogar giftig. Ihr Fleisch war zäh und faul, das Blut war schwarz und ätzend. Das Ende der Menschen war auch ein Drama für die Ratten, zu sehr hatten sie in den letzten tausenden von Jahren ihr Schicksal mit dem der Zweibeiner verknüpft. Millionen und Abermillionen mussten inzwischen verhungert und verstorben sein und wenn sie nicht aufpassten, wurden sie selbst zu Gejagten, zu einem leckeren Snack to go. Denn die Zombies fraßen alles, was sie zwischen die knöcherigen Finger und Zähne bekamen, ohne Unterschied. Ja, ihr eigener Hunger zwang sie sogar dazu, das Moos von den U-Bahn Wänden zu schaben, Mücke hatte es im Bunker selbst beobachtet, durch die Aufnahmen der Überwachungskameras. So gesehen, war er jetzt ein Festtagsbraten für die Kleinen. Er war noch nicht richtig durch, er war noch nicht fertig, er war noch zu lebendig. Aber sie konnten seinen Duft schon riechen und brachten sich in Position. Er würde genug Nahrung für einen kleine Rattenfamilie bieten, es war nicht viel an ihm dran, den er war klein, sehnig und mager. Aber für sie war er genug, er war ein Glückstreffer, von dem man sich wochen-, vielleicht sogar monatelang gut ernähren konnte.

„Shhh“, machte er. „Shhhh.“

(Zombifiziert, Drittes Buch, Band 12)

so sag

DU BIST dein eigener Gast, hast

angerichtet, abgegessen, jetzt

bei Wein und Licht, so red doch

sag: Zuhaus. Und daß dich etwas

hält, daß du nicht fallen kannst

so sag doch: Ich

 

So trink

und lob den Wein, das Wetter

und die Früchte auf dem Tisch

und weil du nicht

verstümmelt bist, den Beischlaf

und den eignen Leib

 

so sag 

ich liebe diese Einsamkeit

und die Schwärze hinterm Fensterkreuz

die pralle Schöpfung

wie das unbegriffene Nichts die

Schwermut

und den Tanz des Staubs im Licht.

(Andreas Ehl, „So weit, so gut.“ 1982-1995)

pow. pow.

PowPow

„You must be famous, man.“

Ich hatte ihn kaum verstanden. Er hatte vielleicht noch drei Schneidezähne im Mund, um den ein struwweliger, blonder Bart wucherte. Auch seine Haare waren blond und lang, aber dünn gewachsen. Dort sah man bereits kahle Stellen, an denen die braune Haut durchkam. Überall hatte er von der Sonne weißgebrannte Flecken, im Gesicht, an den Armen. Es gab keinen Zweifel: Wenn dieser Mann keinen Hautkrebs bekam, dann konnte die Sonnenschutzmittelindustrie den Laden dicht machen. Aber wahrscheinlich lebte er gar nicht mehr lange genug dafür.

„No. I am not famous. I am a tourist.“

„Germany. And he is also from Germany?“

„No. From Ruanda.“

„Ruanda, Ruanda. Where is Ruanda?

„In Africa.“

„Africa? I’ve been there. Irak. You know Irak, Hussein. Powwpowow.“

„Irak is not really Africa, you know.“

„But I killed a lot of them.“

Er zielte mit dem Finger auf uns und krümmte ihn zwei Mal.

„Pow. Pow.“

Bilder von mir

Bildervonmir

Milla trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Ich wusste, sie war gespannt darauf, mich den anderen Stipendiaten vorzustellen. Ich kannte das schon. Sie hatte die Zeit genutzt und ein bestimmtes Bild von sich gemalt. Darin war auch ich zu sehen, nicht in der Mitte, auch nicht am Rande, eher im Hintergrund. Ich war da, ich war präsent und ich sah gut darin aus. Über die Jahre war ich, hätte man eine Reihe aus Millas vergangenen Bildern in Rahmen gesteckt und an eine Wand gepinnt, von ganz vorne nach hinten gewandert. Das drumherum war ziemlich gleich geblieben, eine Barszene in der Nacht, mit warmen Lichttupfern, schimmernden, halb geleerten Gläsern,  mit etwas Neonlicht aus der Küche, mit ungewöhnlichen, wechselnden Gästen und wilden Tanzszenen. Und natürlich war da auch eine Band und eine schöne, geheimnisvolle Frau am Mikrophon, die, halb im Schatten und halb im Licht, alle Blicke auf sich zog. Ich bin sicher, hätte es diese Hängung wirklich gegeben, dann hätte ich sie mir ganz genau angeschaut, Bild für Bild.  Ich hätte meine eigenen, immer wieder gleich gemalten Gesichtszüge darin studiert und in ihren Nuancen Veränderungen erkannt und Antworten gefunden. So aber war ich blind. Ich starrte immer wieder auf ein anderes Bild und hoffte jedes Mal, es sei das Gleiche. Das lag an der Schönheit, Millas Schönheit, die greifbar war, aber nur aus Worten und  Tönen bestand. In Wahrheit waren es Farben. Und ich der einzige, nein, der lebende Beweis, dass es diese Szene wirklich gab.