Bilder von mir

Bildervonmir

Milla trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Ich wusste, sie war gespannt darauf, mich den anderen Stipendiaten vorzustellen. Ich kannte das schon. Sie hatte die Zeit genutzt und ein bestimmtes Bild von sich gemalt. Darin war auch ich zu sehen, nicht in der Mitte, auch nicht am Rande, eher im Hintergrund. Ich war da, ich war präsent und ich sah gut darin aus. Über die Jahre war ich, hätte man eine Reihe aus Millas vergangenen Bildern in Rahmen gesteckt und an eine Wand gepinnt, von ganz vorne nach hinten gewandert. Das drumherum war ziemlich gleich geblieben, eine Barszene in der Nacht, mit warmen Lichttupfern, schimmernden, halb geleerten Gläsern,  mit etwas Neonlicht aus der Küche, mit ungewöhnlichen, wechselnden Gästen und wilden Tanzszenen. Und natürlich war da auch eine Band und eine schöne, geheimnisvolle Frau am Mikrophon, die, halb im Schatten und halb im Licht, alle Blicke auf sich zog. Ich bin sicher, hätte es diese Hängung wirklich gegeben, dann hätte ich sie mir ganz genau angeschaut, Bild für Bild.  Ich hätte meine eigenen, immer wieder gleich gemalten Gesichtszüge darin studiert und in ihren Nuancen Veränderungen erkannt und Antworten gefunden. So aber war ich blind. Ich starrte immer wieder auf ein anderes Bild und hoffte jedes Mal, es sei das Gleiche. Das lag an der Schönheit, Millas Schönheit, die greifbar war, aber nur aus Worten und  Tönen bestand. In Wahrheit waren es Farben. Und ich der einzige, nein, der lebende Beweis, dass es diese Szene wirklich gab.

Die Rache der Sonne

Revolver

In der glitzernden Lobby des MGM war es noch zu früh. Musik dudelte leise ins Nirgendwo. Die Empfangstheken waren leer, ein Putzmann stand herum. Tim nickte ihm zu und ging mit geraden Schritten über den glatten, quadratisch ausgeschlagenen Steinfußboden, in dessen Zentrum ein alberner, vollkommen unecht wirkender Brunnen vor sich hin plätscherte. Die daran sternförmig angebrachten Wasserfontänen spritzten nicht dicker als billige Gartenschläuche, es roch nach Chlor und Bohnerwachs. Die Strecke bis zum Ausgang dauerte länger, als er gedacht hatte.

 The objects in the mirror seem…

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Vor den meterlangen, in goldenen Stahl gefassten Glastüren, lag die Einfahrt in einem unwirklich flatternden Lichtschatten. Er stammte von der Unterseite des großen Vordaches und seinen abertausenden, auch am Tage unablässig blinkenden LED Lämpchen. Tim sah darunter eine weiße, frisch gewaschene Stretchlimo mit schwarz getönten Scheiben. Über dem verchromten Griff der Fahrertür war, wie zum Schmuck, ein silberner Colt mit weißen Perlmuttgriffen angebracht, der das Glitzern wie Morsezeichen zurückwarf. Das war kitschig und gewalttätig zugleich, die pompöse Macht der Impotenz, es war wie eine entschärfte Handgranate mit rosa Tortenguss oder die stumpf geschliffene Samurai-Klinge in ihrer gebogenen, viel zu üppig verzierten Scheide.

Und dahinter, auf der verwaisten Hauptstraße von Las Vegas, brannte die Sonne bereits tonlos auf den Asphalt. Es war, als wolle sie sich an ihm für die künstlichen, für sie unerreichbar angebrachten Lichtquellen rächen. Der Teer war ausgeblichen und mit eingetrockneten Ölflecken übersät. Tim trat ins Licht und atmete die nachtkühle Wüstenluft ein, als wäre sie reiner Sauerstoff.

Er hasste die klimatisierten Räume, er hasste die luftdicht versiegelten Orte Amerikas, die gefilterten und parfümierten Biotope der zahnweiß gebleachten Plastikmänner und Plastikfrauen, die scheinbar nie den Impuls verspürten, ein Fenster aufzureißen. Jetzt, wo Sofie nicht bei ihm war, fühlte er auf einmal ganz unvermittelt eine tiefe Solidarität mit ihren fast schon pathologischen Abneigungen. Ja, er nahm in Gedanken ihre Positionen ein, er rollte sie wie Weintrauben im Mund hin und her. Er musste dieses Land nicht mehr verteidigen. Es hatte die Fahnen gestrichen, es streckte sich in seiner ganzen, improvisierten Großartigkeit wehrlos und jämmerlich vor ihm aus, wie eine armselige, vor dem Tageslicht flüchtende Nutte. Nur der Himmel über allem war wie immer wolkenlos, blau und ungerührt wie ein blankpoliertes Geschütz, das jederzeit losfeuern oder für Jahrhunderte schweigen konnte, ohne auch nur ein Gramm an Autorität zu verlieren.

Irgendetwas lag im Schatten

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Die Einsamkeit und Kälte des Hotelzimmers empfang ihn, als er zurückkehrte. Die Klimaanlage war viel zu niedrig eingestellt. Sofia war nicht hier, Tim hatte unten auf der Straße wie ein Irrer nach ihr gesucht, im gierigen Gewusel der hin- und her strömenden Menschen. Vergeblich. Auch am Empfang hatte sie keine Nachricht für ihn hinterlassen. Er ging schnell auf und ab, wie ein Tier im Käfig. Im Bad ließ er das Wasser ins Waschbecken laufen und benetzte sich Gesicht und Nacken. Dann hockte er sich an den Bettrand und starrte auf sein unscharfes Spiegelbild im Fenster. Unter ihm lag Vegas, es breitete sich aus, seine Lichter verklebten an den Rändern der Wüste, dahinter lauerte die Nacht. Er überlegte, was er tun konnte. Er versuchte sich zu erinnern, was Sofie genau angehabt hatte und wie er es auf Englisch beschreiben konnte, aber es fehlten ihm die Vokabeln. Hektisch wühlte er in ihren achtlos fallengelassenen Sachen. Sie hatte weder ein Handy noch Geld dabei. Wusste sie seine Nummer auswendig? Er hatte keine Ahnung.

Hilflosigkeit schlich sich in sein Herz. Sie verschluckte seine Kraft wie ein dicker Teppich. Er ließ sich rücklings aufs Bett fallen, die Tagesdecke war noch unberührt und fest in den Ecken verzurrt. Er fühlte die ruhige Kühle des glatten Stoffes, er strich mit seinen nassen Handinnenflächen darüber. Er starrte eine Weile an die Zimmerdecke. Dann schloss er die Augen. Er hatte Sofie noch nie einen Grund zur Eifersucht gegeben. Ja, er war anfangs etwas distanziert gewesen, ihre ersten Treffen hatten immer etwas Verschwiegenes, Verbotenes gehabt. Schließlich war sie seine Angestellte gewesen, eine Studentin zwar nur, aber er hatte solche Dinge stets streng auseinandergehalten. Niemand sollte etwas davon erfahren, das sei auch in ihrem Interesse, hatte Sofia immer betont. Das war ihm recht, er hasste die Blicke der Kollegen im Gang, das Getuschel in der Kaffeeküche, das falsche Lächeln an den Kantinentischen. Sein Vater hätte es niemals akzeptiert. Never fuck the company, hatte er zu ihm gesagt, ganz am Anfang — ein bescheuerter Spruch aus untergegangenen Herrentagen. Aber Tim hatte sich daran gehalten, vielleicht auch nur mangels Gelegenheit. Bis Sofia eines Morgens im Büro vor ihm stand und ihn anlächelte.

Es sei ihr sofort klar gewesen, dass sie miteinander schlafen würden, hatte sie frech behauptet, viel später war das, als sie nackt zwischen den zerwühlten Laken in einem billigen Hotel vor der Stadt lagen, wie namenlose Kinder. Es war falsch, aber sie hatten sich ihrem Schicksal gefügt, so kam es Tim damals vor. Die Entscheidung war gefallen, überall roch es nach ihrem Parfum, ein fremder Duft gemischt mit dem süßen Geruch von Schweiß und Sex und er war überrascht, aber glücklich gewesen, zum ersten Mal seit langer Zeit. Hatte er angenommen, dass sie sich genauso fühlte? Wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher aber war, dass ihre Motive und Empfindungen für diese Affäre für ihn im Dunkeln bleiben würden, bleiben sollten, sie behielt sie für sich, sie bedeckte sie mit ihren zahllosen Küssen, ihren unberechenbaren Blicken und Zärtlichkeiten. Er hatte nicht darüber nachgedacht. Jetzt, hier alleine im viel zu kalten Hotelzimmer, tausende Meilen von zu Hause entfernt, analysierte er die Lage zu ersten Mal nicht nur aus seiner Warte. Er sah seine Fahrlässigkeiten. Er sah seine Fehler und versuchte sich in sie hineinzuversetzen. Er wollte ihre Sicht der Dinge einnehmen und sie verstehen. Ihre nervöse Unruhe, die ihm unerklärlichen Stimmungsschwankungen, ihren Zorn und jetzt diesen hysterischen Anfall, ihre plötzliche Flucht: das alles musste Gründe haben und Tim war sich sicher, dass er nicht alleine dafür verantwortlich sein konnte, dass sie jetzt ausgerastet war. Irgendetwas lag im Schatten. Wenn er wirklich wollte, dass aus ihrer Geschichte mehr als eine egoistische Flucht wurde, das erkannte er jetzt, dann musste er anfangen, Sofie nicht nur als seine angenehme Gefährtin zu sehen. Er würde sich ernsthaft auf sie einlassen und ihre Bedürfnisse und Geheimnisse kennenlernen und begreifen müssen, so schwierig und zeitaufwendig das auch werden würde. Er fragte sich, ob er dazu bereit, ja, ob er überhaupt dazu in der Lage war. Er fühlte sich müde. Ohne dass er es gewollt hatte, entfuhr ihm ein tiefer Seufzer. Er war es leid, davonzulaufen. Er hatte es satt, in Deckung zu bleiben. Er spürte sehr viel Liebe in sich und den Wunsch irgendwo anzukommen. So schlief er ein.

Als er wieder aufwachte, hörte er Geschrei auf dem Gang. Türen schlugen auf und zu, eine tiefe (wahrscheinlich schwarze Stimme) brüllte: “Fuck you, bitch!”. Ein anderer, leiser Mann versuchte zu beruhigen: “Let her go. Just let her go.” Noch einmal rannte jemand durch den Flur, Erschütterungen wie von einem Elefanten, dann Stille. Tims Herz tat weh, es klopfte schnell. Instinktiv griff er an seine Brust. Draußen, vor der großen Panoramascheibe dämmerte es bereits, all die Lichter, die eben noch so verlockend bunt und kräftig pulsiert hatten wurden grau, die Illusion der Nacht löste sich bereits auf, die große Zaubermaschine schickte sich an zu verstummen, auch sie musste ihre Kräfte sammeln, es fühlte sich an wie Betrug, aber Tim beruhigte es auch. Nein, Las Vegas war nicht die Hölle, vielleicht nicht einmal eine Vorstufe zur Unterwelt. Es war nichts weiter als ein riesengroßes, gut geöltes Unternehmen. Und mit Unternehmen kannte er sich aus. Sie waren getrieben von Interessen, von Zielen und Notwendigkeiten. Unternehmen hatten Struktur, sie waren beherrschbar. Aber die Hölle, das war das Chaos. Er kämmte sich die Haare mit allen zehn Fingern nach hinten und stand auf.

Postkarten, großes Kino

Wüste Große Webansicht

Sie verließen die Berge, es ging in die Wüste hinunter, durchs Death Valley Richtung Las Vegas, das war der Plan. Draußen wurde es sehr schnell sehr heiß, Schilder am Straßenrand warnten davor, den Trip mit zu wenig Wasser und Treibstoff zu wagen. Sie füllten ihre Vorräte an einer Tankstelle auf, am Rande eines staubigen Städtchens, das im Grunde nur aus einer Hauptstraße mit abgeblätterten Werbetafeln bestand und früher oft als Filmkulisse herhalten musste. Ein alter Kerl an der Kasse trug seine Smith&Wesson am Gürtel, offen, wie ein Cowboy. Als Tim den Revolver sah, erschrak er. Er kam sich auf einmal nackt und wehrlos vor, wie ein armer, halbverhungerter Farmer aus einem billigen Western, der seine Familie nicht richtig beschützen konnte. Er dachte wieder an den unheimlichen Typen auf dem Indianerfriedhof, er konnte ihn einfach nicht vergessen. Er wusste, dass er nicht kräftig und stark genug war, um eine körperliche Auseinandersetzung zu bestehen. Er sah aus wie der Typ, der in einem James Bond Film die Computer hackt: die schmalen feingliedrigen Finger, das hagere Gesicht, die scharfe Nase und die Brille, umrahmt vom halblangen, pechschwarzen Haar, das er sauber gescheitelt trug. In diesem Land war er der Nerd. Ein eingebildetes Greenhorn,  das mit einer wunderschönen jungen Frau unterwegs war, die er im Grunde nicht verdient hatte.

„Ich finde, wir sollten uns eine Waffe zulegen“, sagte er, als er den Motor wieder gestartet hatte.

Sofia hatte ihre Wanderschuhe und ihren Hoodie ausgezogen und ihre kleinen nackten Füße auf dem Armaturenbrett über dem Handschuhfach abgelegt. Tim sah, dass sie die Nägel frisch lackiert hatte, ein sattes Rot. Um ihren linken Knöchel trug sie wie stets eine feingliedrige Silberkette. Sie gähnte unverschämt.

„Warum denn?“

„Was für eine Frage. Zum Schutz natürlich.“

„Ich fühle mich sicher bei dir.“

Hitze. Sie zog in Schlieren über die schnurgerade bis zum Horizont reichende Fahrbahn. Überall schimmerten die Disteln wie Schuppen. Abends, das warme Strahlen des Sandbodens während einer Pause, das letzte Sonnenlicht pulste über die fernen, für immer schneebedeckten Berge. Postkarten, großes Kino, wo hin man auch sah. Sofia, zwischen den roten Felsen, wie ein wildes Indianermädchen. Sie musste pinkeln

„Pass auf wegen der Schlangen“, sagte Tim und biss in ein dreieckiges Fertigsandwich.

Die Nacht, die sie in ihrem kleinen Zelt auf dem Emigrant Campground direkt an der 190 verbrachten, war unvergesslich. Sie lagen lange wach, tranken warmes Bier und schauten staunend und flüsternd in den Wüstenhimmel, Seite an Seite. Tim kannte fast alle Sternenbilder und zeigte sie Sofia, sagte leise ihre Namen, Cassiopeia, Cepheus, Hercules. Dann kam ein kalter Wind auf. Er rüttelte so fest am dünnen Stoff, unter dem sie sich liebten, dass es sich anfühlte, als würden sie fortgetragen, auf einem Segelboot über das Meer, in ein viel zu hastig erfundenes Land. Der Morgen kam früh. Die Mesquite Flat Sand Dunes, große Wanderdünen aus schneeweißem Sand, ließen ihre Schuhsohlen schmelzen, jeder Schritt war anstrengend, mühsam. Ihre Glieder gebräunt, Sofias Schatten hatte die Konturen einer kleinen, exotischen Göttin, die schmalen Hüften, grazile Beine, der etwas zu groß geratene Kopf. Ihr Hintern zeigte sich nur, wenn sie ihren Rücken durchdrückte und einen Schluck aus der Wasserflasche nahm. Der heiße Wind kam über die Ebene zwischen den Bergen, die hier bereits zu abgeschliffenen Hügeln wurden. Selbst die Erde schien zu brennen, veränderte ihre Farbe, wie eine ewige, versteinerte Glut, in die der Teufel höchstpersönlich hineingeblasen hatte.

Irgendwann war es genug

2

Sie kauften ein Zelt und Campingsachen und packten Getränke und Proviant in den Jeep, aber dann blieben sie doch noch in der Stadt der Engel, ohne darüber gesprochen zu haben.

Tagsüber spielten sie Frisbee an den weitläufigen Sandstränden von Venice Beach. Tim liebte es, mit eng zusammengekniffenen Augen den langen Bögen und Fluglinien des schmal gepressten Plastikrings zu folgen. Die Würfe ließen ihn die Schwere des eigenen Körpers vergessen und sein Kopf wurde mit jedem gelungenen Fang leichter und leerer. Auf eine ihm unerklärliche Weise fühlte er sich Sofie, die, je besser ihre Würfe wurden, immer weiter von ihm weg wanderte, so nah wie nie zuvor.

Wenn sie müde wurden und ihnen die Arme und Schultern von den immer gleichen Bewegungsabläufen weh taten, lungerten sie auf ihren Handtüchern herum und dämmerten in den Tag hinein. Manchmal schauten sie auch einfach nur den Surfern beim Paddeln zu. Später streunten sie dann, die Köpfe weit in die Nacken gelegt, zeit- und ziellos durch die Häuserschluchten von Downtown L.A.. Sie frühstückten in den betriebsamen Coffee Shops, die es an jeder Ecke gab und wo jeder scheinbar jeden kannte und doch alle für sich blieben. Abends gab es blutige Steaks und Pommes in irgendeinem abgewetzten, aber sauberen American Diner, mit rot zerschlissenen Sitzen und blankgescheuerten Blechtischen.

Tim begleitete Sofie geduldig in ungezählte Vintage-Shops, in denen sie wie im Rausch, aber mit einer gefährlichen, fast schon schlafwandlerischen Sicherheit zwischen den Auslagen und Kleiderstangen hin- und herging, vieles an- und ausprobierte und anfasste und ihm manchmal auch zeigte, ohne eine echte Reaktion zu erwarten. Am Ende nahm sie dann doch niemals etwas mit.

„Ich habe keinen Platz mehr im Koffer“, antwortete sie, als er einmal wissen wollte warum.

Nachts hielt es sie meistens nicht lange in dem staubigen Hotelzimmer, das mit seinen sandfarbenen Möbeln und den braunen Kissenbezügen für Tim wie die langweilige Melodie zu einer alten, nie enden wollende Vorabendserie daherkam. Vor Einbruch der Dunkelheit lagen sie dort ein paar Stunden wie erschossen auf dem Bett, jeder an seinem Randstück der viel zu breiten Matratze, mit fest verklebten Augen. Nach dem Aufwachen vögelten sie miteinander, stumm und irgendwie ungeduldig. Danach bekamen sie Hunger und fuhren mit dem Wagen zu einem Fastfood-Restaurant in der Nähe, nur um später die unendlich erleuchtete Stadt zu durchmessen, planlos und frei, als wäre sie gar nicht real, sondern bloß für sie errichtet. Meist führten sie diese nächtlichen Fahrten zu irgendeinem lauten und engen Rockclub in der Nähe des Sunset Boulevards. Die Ausflüge endeten erst, wenn sie, betrunken, aber glücklich und mit heiseren Kehlen, Hand in Hand aus dem künstlichen, von Stimmen und Gitarrenmusik zertrümmerten Dunkel ins milchige, laue Licht eines neuen, unbeschriebenen Tages stolperten.

Irgendwann, an einem besonders heißen Vormittag Ende Juli, war es genug.

Captain America

CaptainAmerica

Sie waren über den Strand gerannt, bis zum Meer. Sie hatten beide ihre Schuhe ausgezogen und Tim hatte seine Hose bis zu den Knien hochgekrempelt, damit er durchs eiskalte Salzwasser laufen konnte.

„Was schaust du so?“, hatte Sofie gelacht, atemlos.

„Weil du wieder so strahlst“, hatte Tim ihr geantwortet. „Weil du mit dem Mond um die Wette leuchtest.“

„Hallo Mond!“, hatte Sofie laut gerufen, so laut wie sie nur konnte. Und Tim hatte sie unkontrolliert an der schmalen Hüfte gepackt und in den Sand gezogen.

„Das ist das erste Mal in meinem Leben!“, hatte er geflüstert, hastig und aufgeregt.

„Was? Was ist das erste Mal?“

„Das hier. Das alles.“

Jetzt saßen sie in der Country-Kneipe gegenüber vom Strandparkplatz. Ihre Gesichter glühten in der rotgrünen Leuchtreklame, die über dem Fenster hing. Sie tranken kaltes, dünnes Bier und teilten sich einen riesigen Hamburger mit Pommes. Daneben, auf einem dritten Barhocker, standen ihre Schuhe einträchtig nebeneinander. Tim spürte die Sägespäne und Sandkörner an seinen nackten Füßen und rieb sie unter dem Tisch an ihren Unterschenkeln ab. Es störte Sofie nicht, ja: Sie schien es nicht einmal zu bemerken.

So viel Appetit und Lebenslust, dachte Tim fröhlich.

„Weißt du was? Du bist ansteckend.“, sagte er.

„Ansteckend?“, echote sie.

„Na, irgendwie ansteckend halt“, wiederholte er und schob ihr dabei einen in Ketchup getunkten Pommesschnitzel in den Mund.

Sie biss nicht gleich davon ab, sondern saugte kurz vorher daran, wie an einem Babyschnuller.

„Aha. Infiziert also, Herr Doktor Zucker“, sagte sie dann, kauend.

Sie weiß gar nicht, wie geil sie mich damit macht, dachte Tim, im gleichen Augenblick irritiert über seine eigene Derbheit. So war er eigentlich nicht, so wollte er nicht sein. Oder war das falsch? Was wusste er schon über sich selbst? Was war echt? Und was war Einbildung?  Gerade war es ihm doch, als beginne er neu, als könnte er sich noch einmal neu erfinden. Er musste, er wollte alles neu denken, so sollte es sein. Das war der Plan.

„Another one?“

Die Frage des Barkeepers, die mit einem bärtigen Nicken seinem fast geleerten Glas galt,  riss ihn aus den Gedanken.

„Yes!“, sagte er, laut und bestimmt.

„Und wer fährt uns zum Hotel?“, fragte Sofie.

„Captain America!“

„Haha.“

Und was tat Sofie?

6

Der San Diego Freeway brachte sie auf den Washington Boulevard, der auf den letzten 500 Metern bis zum Meer mit Palmen gesäumt war: hohe Bäume mit schlanken Stämmen, deren Wipfel sich stolz wiegend gegen den tiefblauen Himmel zeichneten. Die Luft roch salzig und frisch und an den Straßenrändern waren nur noch die Liquor Stores geöffnet. Niemand war um diese Zeit hier zu Fuß unterwegs. Aber als sie über eine kleine, in der Mitte abgeknickte Brücke kamen, änderte sich das. Hier, hinter dem kleinen Bootskanal, kurz vor dem Strand mit den typischen, niedrig gebauten Backstein- und Holzgebäuden knallte das Leben. Es war Samstagnacht, Sportwagen und Trucks drehten ihre Runden. Das elektrische Licht glitt über polierten Lack und die Insassen hörten laute Musik und riefen den aufgekratzten (stets in Gruppen auftretenden Mädchen) anzügliche Dinge zu. Vor den gefüllten und mit buntem Licht geschmückten Restaurants und Kneipen flanierten die Nachtschwärmer zu Fuß auf und ab. Sie aßen dabei mit den Fingern oder warteten auf Einlass vor irgendeinem angesagten Club. Dazwischen, lässig und gekonnt wie Rauchschwalben, schlängelten sich die Skater auf langen Boards vorbei. Sie trugen kurze Strandhosen, coole Frisuren und teure Caps, die Tim sich augenblicklich ebenfalls zulegen wollte. Am besten gleich zusammen mit einem tiefenentspannten Gesichtsausdruck und dem unvermeidlich strahlend weißen Surferlächeln, das einen immer daran erinnern sollte, was für ein kleines, bescheuertes und vergeudetes Leben man selber führte. Und ganz im Gegensatz dazu, am anderen Ende der Skala: die bärtigen, verlausten Penner, die ihr Hab und Gut in zugemüllten Einkaufswägen hin- und herschoben und ihm das Herz zusammenzogen. Wahllos und wie in Zeitlupe bettelten sie Passanten an und zeigten dabei ihre stumpigen, von Armut und Karies zerfressenen Mäuler. Und was tat Sofie? Sie staunte. Sie staunte einfach und schwieg.

 

dirty fourtythree

(Ähm. Ähm. Hüstel. Hüstel: Das ist also Ironie) [LAUT] “DIE DRECKSAU“ haut einem so schön direkt und verfickt ne Botschaft aus den 90ern in die Fresse, dass ich mich tatsächlich mal wieder dazu genötigt sehe, hier ne kleine Filmkritik an die Wand zu nageln. Ganz generell würde ich sagen: HALLO? Weicheier – also all die Pussis, Gartenzwerge, Fahrradfahrer und Veggydayliebhaber da draußen – können ganz schnell, ganz getrost zu Hause bleiben. Spart euch das Geld  für nen schicken Eyeliner von MaybellineJade oder nen OnlineRasierKlingenAbo von Mornin Glory. Die anderen Jungs sollten alle warten, bis sie männlich, solide alkohol- und sexerfahren und genau dreiundvierzig Jahre alt geworden sind. Außerdem mindestens eine Scheidung hinter sich und natürlich (als sie jung waren) Trainspotting von Danny Boyle/Irvine Welsh gesehen (und für ÜBER befunden) haben. SO. [LAUT AUS] Die Handlung kommt dann von Anfang an sauber links angetäuscht ganz locker von rechts daher. Ein runtergekommener Bulle kokst, säuft und hurt sich durch eine schottische Kleinstadt und kurz auch durch Hamburg und scheißt auf jeden und alles, der sich ihm (zufällig oder ganz bewusst) in den Weg stellt. Solche Filme sind ja eher selten geworden in der aktuellen Kinolandschaft. LEIDER. Und wunderschön ist es natürlich, wenn man den Helden (brilliant in Szene gesetzt von James McAvoy) vom ersten Moment an so richtig schön hasst – und am Ende einfach nur noch liebt. Denn Welsh hat hier ne ganz feine und komplexe Hintergrundstory gewebt. Das schöne Muster zeigt sich allerdings erst ganz am Schluss in seiner heterosexuellen Pracht. Dazwischen liegen einfach nur böse, dreckige und mitunter saugute Szenen, die einem die Nase und den Kopf mal durchpusten von dem Energie-, Internet-, Stromspar-, Lebelangundnachhaltig (undlassdichdabeinichtausspieonioieren) Dingsbums das uns diese müden Tage so verstopft. Jaja, ich hör ja schon auf.  [LEISE] Zieht! Euch! Das! Rein! (Hicks. Ironie an. Ähm. Ähm. Aus. Ihr wisst schon).

die frage wer aufhört

Die Catering Crew, sieben Frauen und Männer in bodenlangen weißen Schürzen mit der schwarz geschwungenen Aufschrift Contento, begann abzuräumen. S. war nicht mehr da. Auch viele andere Gäste hatten das Sendegelände bereits verlassen (Morgen ist ein langer Tag). Ich fand noch ein paar Lachsbrötchen auf verkrümelten Edelstahlplatten und ließ mir ein Bier (Torbräu) zapfen. Dann stellte ich mich zu einer Gruppe junger Menschen. Sie waren angetrunken und gesprächig. Es stellte sich heraus, dass es sich um Autoren handelte, die am Wettbewerb (29.Tage der deutschsprachigen Literatur) teilnahmen oder irgendwann einmal später daran teilnehmen wollten. Im Grunde, so dachte ich damals,  waren es Langweiler, die krampfhaft versuchten, immerzu alles richtig zu machen (Und ich? Immerzu alles falsch?).

die frage wer aufhört

Ich begegnete ihr in einer Juninacht in Klagenfurt, Österreich, und sie erkannte mich nicht (sie konnte es nicht, sie hatte mich noch nie zuvor gesehen).

Das hielt ich irritierender Weise für falsch. Das und den jungen, lockigen Mann in ihrem Arm. Beide gingen an mir vorbei, blickten mich überhaupt nicht an. Sie unterhielten sich angeregt, so wie es Verliebte manchmal tun, ich war nur ein Fremder, angetrunken und braungebrannt (der alberne blaue Strickhut auf meinem Kopf).

Bis heute weiß ich nicht, warum ich ihnen folgte (ein Zwang). Wir liefen zurück, die Wiener Gasse hinauf zum Alten Platz, wo sie kurz stehenblieben und sich eine Bühne aus Stahlträgern anschauten, die dort am Tag zuvor halb aufgebaut worden war (ihr Lachen, das dem anderen galt).

Ich wartete ein Stück weit entfernt, verstand nicht, worüber sie sprachen (wunderte ich mich über mich selbst?). Dann gingen sie weiter, jetzt schneller. In der Kramergasse, kurz vor dem Neuen Platz, machte ich endlich ein paar schnelle Schritte und sprach sie an.

Entschuldigung, sagte ich, du liest doch auch morgen.

Beide fuhren herum. Er rechts, sie links. Sie strahlte mich an. Er schaute erstaunt. Auf mich, auf sie.

Ja, antwortete sie.

Ich bin ein Freund von S., sagte ich, wisst ihr, ob er noch auf dem Empfang ist?

Woher kennst du denn S., fragte sie.

Die Betonung lag auf dem U.

Sie lachte (zum ersten Mal für mich). Wir wechselten ein paar Worte, sie beschrieben den Weg zum ORF. Bis bald, sagte ich zum Abschied. Bis bald, sagten sie, wie ein Zwillingspaar. Ich sah mich nicht mehr nach ihnen um (der Zwang verwandelte sich in Euphorie).

Später das Wissen, dass sie in dieser Nacht im City Hotel am Domplatz zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten.