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zak
Befindlichkeiten


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2006.08.30 | 11:59 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Fundamental kolonial

Anfänglich gefiel es mir gar nicht, dass es in dieser Stadt keine Taxis gibt, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Während man beispielsweise in Bangkok für ein lächerlich geringes Entgelt in der klimatisierten Limousine befördert wird, bleibt einem in Indiens Großstädten nur die Motorrikscha, in Thailand auch unter dem Namen Tuk Tuk bekannt. Dort rät einem ein jeder ab, damit zu fahren, da es mindestens ebenso viel kostet wie das Taxi, aber wesentlich unangenehmer ist. Hier jedoch gibt es schlicht keinerlei Alternativen. Doch, Wunder was, eigentlich ist es vollkommen großartig, in diesem Treppenwitz der Automobilgeschichte umherzubrausen, mit gekrümmtem Rücken, weil man sonst gar nichts sieht, und Atemschwierigkeiten, weil sich die Abgasrohre der Busse genau auf Rikschafahrgasthöhe befinden. Denn niemals sonst wohl wäre mir das Gefühl vergönnt gewesen, wieder einmal etwas vollkommen Neues zu sehen, welches sich heute Morgen einstellte, als ich meinen Fahrer näher betrachtete. Einen Menschen nämlich, dem tatsächlich dichte schwarze Haare auf den Ohrläppchen wachsen.

2006.08.24 | 06:03 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Abschied vom Objekt

Mein altes und erstes Mobiltelefon, ein Samsung SGH-A110, das mir in den letzten sechs Jahren treue Dienste leistete, ist heute in den Besitz von Pandi, dem dicken schnauzbärtigen Empfangschef des Institutes, übergegangen, da es mir hier den Dienst verweigerte. Er sagte, er werde es reparieren lassen und den Armen geben, aber natürlich wird er es selbst benutzen, was ich vollkommen wunderbar finde und als adäquates Ende für die lange Beziehung zwischen dem kleinen silbernen Gerät und mir betrachte. Das neue Passwort ist nun “Goethe” statt “Celan”, und vielleicht werden die metaphysischen Reste aller Gespräche und Nachrichten, die ich je damit erhielt, führte und versandte, nun in einer Art indischem Mobilfunknirvana verschwinden, sich auflösen und endlich eine sanfte, verdiente und finale Ruhe finden.

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Ich glaube, im Inneren aller Prozessoren und auch sämtlicher Wünsche herrscht eine konstante Temperatur von 66,6 Grad Celsius.

2006.08.21 | 06:01 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Proskription statt Glucon

Hitze
Vogellärm
Putzfrauen
Autohupen
Krallenaffen
Hundekläffen
Kindergeschrei
Topfgeklapper
Anophelesmücken
Tomatenverkäufer
Ventilatorengeräusche
Krakeelende Nachbarn
Dialektgemurmel auf der Veranda
Allgemeine Überfüllung des Planeten

An|oph|thal|mie [gr.-nlat.] die; -, ...ien: angeborenes Fehlen oder Verlust eines oder beider Augäpfel (Med.)

2006.08.21 | 06:00 | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Thomas B. is in the House

Die Leute glauben ja, also zumindest die normalen Leute, die auf der Straße und in den Büros, die mit der Kunst nichts zu tun haben, die gar nicht wissen, was das eigentlich ist, die Kunst, die auch eigentlich an und für sich nicht viel denken, nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil sie es halt nie gelernt haben, das muss man ja auch lernen, das Denken, das kommt ja nicht einfach so, da muss es ja auch eine Umgebung haben, eine richtige, eine Denk-Umgebung sozusagen, damit man überhaupt denken kann, oder es erst einmal lernen kann, das Denken, die Leute glauben also, diese Leute glauben also, und ich sage mit Absicht „glauben“, weil das ja etwas ganz anderes ist als das Denken, das Glauben, das Glauben geht nämlich einfach so, da braucht es nicht viel für, eher wenig, das macht es noch einfacher, das Glauben, wenn ansonsten wenig da ist, diese Leute glauben also, dass das ganz einfach sei, mit dem Schreiben, dass einem einfach irgendetwas einfällt und man sich dann hinsetzt und es aufschreibt, dieses Irgendetwas und das sei es dann auch schon, mit der Schriftstellerei. Da werden Sie aber nicht weit mit kommen, das kann ich Ihnen sagen.

2006.08.21 | 05:55 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Haltestelle. Geister. Obsessionen, Teil III

Keines der Photos, die er an diesem Abend von ihr machte, zeigt sie fokussiert, auf jedem nur entzieht sich ein verwischter Schemen. Und doch würde er behaupten, fragte man ihn, dass er sie mit geschlossenen Augen zeichnen könnte, jeden ihrer Umrisse, jeden Schatten, den sie schlug. Eine dreiste Lüge, und vielleicht noch nicht einmal eine schöne Metapher. Er selbst hingegen erkennt sich gar nicht wieder, wie er dort am Herd steht, digitalisiert, mit einem Holzlöffel oder einer Languste in der Hand.

Abt.: Die lauwarme Herzensschrift oder Das immerwährende Elend der Romantik

2006.08.19 | 07:52 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Lost in Translation, Bildnachtrag

- Ja, dieser Koffer war manchmal unbeaufsichtigt.
- Ja, andere hatten Zugang dazu.
- Ja, ich wurde gebeten, Geschenke mitzunehmen.
- Ja, es sind elektrische Geräte im Koffer.
- Ja, viele Batterien.
- Nein, mir gehört nicht alles.

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How hungry we are.

COMMENTS

1 - posted by mar | 2006.08.20 | 16:51

fremd -schön – kalt – luxuriös – steril, aber draussen ist das leben.

2 - posted by zak | 2006.08.21 | 06:14

Äh, ja.

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2006.08.18 | 06:08 | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
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- Aha, Literaturwissenschaft, nicht Germanistik. Wo ist denn da der Unterschied?
– Na ja, Goethe und Schiller heißen bei uns Foucault und Derrida.

2006.08.18 | 06:06 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Lost in Translation

Entschuldigen Sie mal bitte, aber das ist schon very Beirut hier, wie sich da die geschwärzten Betonmauern, Reste verfallender Industriebauten wie auf Kubricks britischer Vietnaminsel, gegenüber des Hoteldaches erheben, Kulissengrund des strahlend blauen Pools und des Kunstrasens, auf dem die bügelfaltigen Kellner lautlos umherhuschen und Männer mit verspiegelten Pilotenbrillen in Liegestühlen die Times lesen. Hinter ihnen, auf der anderen Straßenseite, zerbrochene Fenster, Brandspuren, umgefallene Satellitenschüsseln. Rost. Einheimische mit nackten Oberkörpern schweißen irgendetwas. Das Wasser im Becken ist angenehm kühl, von einem anderen, weiter oben, weht der Wind einige Spritzer herunter, durch das Fallnetz hindurch. Im Gebäude die weite Einsamkeit der leeren Hotelflure. Früher am Tag Konferenz, Ziegenbalg und die Struktur, die Sprache und der Unverstand. Vor dem Saal ordnet ein kleiner dicker Mann mit Schnauzbart lächelnd Teilnehmermappen und Registrierungslisten. Wohl Angehöriger einer Zettelkaste (© Jens Thiel). Vor ein paar Tagen hat der Monsunwind in der Nacht an der großen Brücke eine der riesigen Werbetafeln, die über den Armenhäusern thronen, auf rostigen Stahlstreben, umgeweht und auf eine Dachterrasse geschmettert, ein Klohäuschen zermalmend. Erschöpft hing sie morgens über den Rändern des bröckelnden Hauses, wie ein gigantischer trauriger Lappen, dem niemand Ruhe gönnt. Nein, Du wirst nicht anfangen, Nelkenzigaretten zu rauchen.

- Willst Du nicht noch ein wenig warten?
- Nein, ich möchte jetzt glücklich sein.

COMMENTS

1 - posted by ruhepuls | 2006.08.18 | 10:41

Ich bin auch (zu?) ungeduldig.

2 - posted by zak | 2006.08.19 | 08:02

Aber ich weiss gar nicht, ob dieses Verlangen, diese Gier geradezu, wirklich ein Manko ist. Meistens jedoch koennte man es meinen. Ich kann bloss nie entscheiden, wer recht hat. Die Sehnsucht oder der Zweifel?

3 - posted by ruhepuls | 2006.08.20 | 10:44

Vielleicht ist man gerade wegen dieser Sehnsucht zu angespannt. Ich analysiere, bewerte viel zu oft den Ist-Zustand.

4 - posted by zak | 2006.08.21 | 10:01

Ich auch. Und ich denke manchmal, dass wir eigentlich gar nichts wissen. Oder viel zu viel. Was aber auf das Gleiche hinauskommt.

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