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2005.01.21 | 13:51 | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Anregungen zum Nachdenken

Über das Verhältnis zwischen Damals und Heute, zwischen dem, was war, und dem, was ist – über das, was die Zeit macht. Alte Mails, die ich fand:

[...] Verkommenheit ist das richtige Wort. Mein Gott, was sind wir verkommen. Doch meistens das beruhigende Gefühl, Schönheit erkennen zu können. Irgendwie. Und dann, plötzlich, die erschreckende Erkenntnis, es eben doch nicht zu können, immer gedacht zu haben, man könnte es, weil es ja darum geht, Schönheit zu erkennen, in all dem, und festzuhalten, und dann, von der Schönheit eines Moments erschlagen, für ein paar Augenblicke nicht fähig zu sein zu der Erkenntnis, dass das jetzt die Realität ist. Passiert viel zu oft, in letzter Zeit. Was fressen Katzen, wenn es keine Mäuse gibt, auf einer Insel? Amerikanische Schokoladencookies zum Beispiel. Die Unfähigkeit, mit der Hand zu schreiben, mit dem Stift, auf Papier. Zeichen der Verkommenheit. Degeneration. Ist ja auch irgendwie sophisticated. Braucht man schlußendlich aber, den Laptop. Handwerkszeug. Ich bin tatsächlich zu langsam, wenn ich mit dem Stift schreibe, auf Papier. Geht zur Not aber noch. Oder will sein, bei Karten und Briefen, in Europa, wo sie nicht vier Wochen zum Ankommen brauchen. Verkommenheit, also: Gestern, am Strand, Punkt sechs, das Programm wird ziemlich genau eingehalten am Äquator, einer dieser Sonnenuntergänge, die ohne Worte bleiben sollten. Trotzdem. Nachdem es den ganzen Tag geregnet hat, reißt gegen halb sechs der Himmel auf, die Regenwolken verwandeln sich zu faseriger Watte am Horizont und es ist absolut still, während der Horizont in Farben explodiert, die sich über die gebogenen Ausläufer der Bucht bis zum nahtlosen Übergang zwischen Land und Wasser zu meinen Füßen ergießen. Das Meer ist spiegelglatt, kein Wind, und innerhalb einer halben Stunde taucht die versinkende Sonne den Himmel jede Minute in neue Farbkombinationen, die die regungslosen Cumuluswolken ständig anders aussehen lassen. Plötzlich ist alles vorbei, und es ist dunkel. Und währenddessen dann dieser Gedanke, das Gefühl: Das ist doch nicht real, ich bin doch gar nicht hier, ich sitze doch irgendwo in L.A., im Warner Brothers Movie Park in einem billigen Imaxfilm. Surreal. Momente der Verwunderung, des Erschreckens über sich selbst. Nachts dann, nach irgend etwas, nach Menschen, trinken, lachen, der Gang an den Strand, eine Flasche Chang in der Hand, hinsetzen, nach oben blicken. Dieser Himmel ist etwas, das absolut nichts mit europäischen Sommernächten zu tun hat. Schon allein, weil alles auf der Seite liegt. Auch der Mond. Finale Klarheit. Sprachlos. Und alles ist gut. Ein Bier, eine Falling-Rain Mentholzigarette, der Sternenhimmel. Leise Musik, von irgendwo, herüber geweht. Und ab und zu, während all dem, trotz all dem, wegen all dem, Gedanken an zu Hause, manchmal, an vernachlässigte Menschen und begangene Fehler. Doch das ist nicht schlimm, diese Art von Abstand, von woanders-sein ist nötig, um zu erkennen, was wichtig ist, immer wieder, und das ist gut so. Ein beruhigendes Gefühl. Du weißt, was ich meine. [...]

Koh Tao – 02.11.2001, 09.24 Uhr

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