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Befindlichkeiten


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2004.08.05 | 15:51 | Archiv PERMALINK  |  TRACKBACK
IV

Am Abend dann sind die Straßen überschwemmt von strahlenden Menschen, nur in Hauseingängen ist scheinbare Ruhe zu finden, während die Finger die richtige Klingel suchen, vergilbtes Papier vor schwachem Glühlämpchen. Wir holen Helena ab, die aus Norwegen kommt, strohblond ist und von Sommersprossen übersäht, und treffen uns mit weiteren Menschen aus der Sprachenschule in einem Hinterhof unter Palmen. Die Nacht ist warm, laut und hell. Aqua de Valencia wird in Literkrügen ausgeschenkt, ein Getränk, das aus Champagner und frischgepresstem Orangensaft besteht, und bei dem man erst merkt wie betrunken man ist, wenn man zum ersten Mal versucht aufzustehen und die Toilette zu finden. Alle hier kennen sich von der Sprachenschule an der alten Stadtmauer, die eher Kontaktbörse als Lehranstalt zu sein scheint. Helena erzählt davon, wie sie den Wagen ihres Vaters zerschrottet hat, weil der Neigungswinkel einer vereisten Straße schlicht zu hoch war; vereist sind die Straßen sowieso die meiste Zeit des Jahres in Norwegen, doch in diesem Fall nutzten auch die Schneeketten nichts mehr, der Wagen rutschte aufgrund seines Eigengewichts einfach wieder rückwärts herunter, beim Warten an einer Ampel, zielgenau in ein parkendes Auto. Es war ein Volvo, und der Airbag ging erst auf, als sie schon seit fünf Minuten neben dem Wagen stand. Den Rest des Winters arbeitete sie in einer Fischfabrik, um die Reparatur teilzufinanzieren. Die Beschreibung ihrer Arbeit dort, die hauptsächlich aus dem Ausnehmen toter Fische bestand, erweckt die Aufmerksamkeit von Mario, der gegenüber sitzt, und führt zu einer Diskussion über Walfang in Norwegen und Artenschutz im Allgemeinen, bis um vier Uhr morgens festgestellt wird, lange nachdem sich Helena verabschiedet hat, dass auch Mario aus Deutschland kommt und man nicht unbedingt mehr hätte Englisch sprechen müssen, die ganze Zeit.

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