STRUPPIG.DE
zak
Befindlichkeiten


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2004.06.23 | 09:51 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
[...]

Ich muss mich leer machen und loslösen von dem Wissen, dass dies alles schon einmal da war, in Variationen, muss das voraussetzende Wissen zulassen, dass Neues nicht mehr sein kann. Muss gleichzeitig all die anderen zulassen, die sind und waren, muss zulassen, da ich nicht leugnen kann. Nur dann kann ich vielleicht mein eigenes sein.

Muss aufhören, sie ständig bei mir zu sehen, ihre Stimmen zu hören und ihre Buchstaben und Gedanken scheinwissend wegzuwischen, als ob sie mich verhindern. Muss all das an mir kleben lassen, wie bestickt, die Haut und die Kleider von Vergangenheit schwer. Und gleichzeitig leere Weiße sein, am eigenen Zeitenrand.

Muss meine eigenen Häuser bauen, mit Steinen, die ich aus ihren Brüchen breche und Mörtel, der aus mir selber schwitzt. Manchmal backe ich auch eigene Ziegel, im Ofen, den die Welt durch meine Körperöffnungen füttert. Mein Ohr ist meine Vagina, die dieser Hund von einem Phonographen bespielt.

Meine Gebärmutter ist metaphysisch, mein Uterus ein Gespenst, das immer nur woanders weilt. Es sind die Toten, die hier wohnen, die, die sind und die, die noch sein werden. Eingegangen in die große Klagemauer der Zeit und die Hörigkeit des Denkens. Schon Kafka vermutete, dass die Sirenen gar nicht gesungen haben.

2004.06.25 | 13:51 | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Britney goes Army



Fruchtfleisch

Entertainment

[...] And I can't imagine Britney Spears - recently heard proclaiming to some CNN pundit: "honestly, I think we should just trust the president on every decision he makes and we should just support that" - turning down the chance of active service in the interests of the military-industrial-entertainment complex. Can you? [...]

2004.06.26 | 18:58 | Finkelland PERMALINK  |  TRACKBACK
Knistern

“Wie ist es in Finkelland?” fragt man sich und folglich auch mich recht oft. “Erzähl mal, wie ist es dort? Stimmt es, dass jeden Abend handgefangene Schalentiere auf Reisigfeuern geröstet werden, während der Koch lautstark Kinskis ‘Ich brauche Liebe’ rezitieren muss? Ist es so, dass er selbst, verspricht oder verbrät er sich, aufs Feuer kommt und knisternd und spritzend in sich zusammenfällt, fahlgrau?” fragen sie, während sich ihre rotnasigen Gesichter an die Glasscheibe pressen.

[...] ich werde zeigen, wie dies leise Knistern innen, das nichts scheint, alles bedeutet; wie aus der bazillären Reaktion einer einzigen immer gleichen und von Anbeginn deformierten Empfindung ein Gehirn, isoliert von der Welt, eine eigene Welt erschafft [...]

Remy de Gourmont - Sixtine

2004.07.07 | 22:36 | Mela PERMALINK  |  TRACKBACK
Spiegelungen

Von den Dachtraufen hängen Sperber, kopfüber, aus den Schnäbeln tropft Geronnenes. Dieser Ort widersetzt sich jeder Beschreibung. Die verzweifelten Versuche, sich den süßlichen Geruch des eigenen Todes von den Kleidern zu klopfen, lässt zwar trockenes Mitleid aus Poren quellen, doch es überwiegt die traurige Abscheu vor der Sinnlosigkeit aller Unterfangen. Wir wissen es nicht besser, wir können nicht anders, die Voraussetzungen sind denkbar schlecht. Ein jeder kriecht dem Teppich nach, der unter seinen Füßen weggezogen wurde. Die dominierende Farbe, außen und innen, ist grau, die Formen der Ersatzhandlungen sind vielfältig. Unverständnis mündet in Sprachlosigkeit, die schon kurz vor dem Ende der Floskeln beginnt.

[...] Skeptiker wie Nietzsche haben nachdrücklich erklärt, dass Metaphysik und Theologie durchsichtige Versuche sind, den Altruismus vernünftiger erscheinen zu lassen, als er ist. Aber es ist typisch für solche Skeptiker, dass sie ihre eigenen Theorien über die Natur der Menschen haben. Auch sie behaupten, es gebe etwas allen Menschen Gemeinsames - etwa den Willen zur Macht oder libidinöse Kräfte. Der springende Punkt ist für sie, dass es auf dem "tiefsten Grund" des Selbst keinen Sinn für Solidarität gibt, dass dieser Sinn "bloß" ein Artefakt der Sozialisation der Menschen ist. Also werden solche Skeptiker antisozial. Allein schon die Vorstellung von einer Gemeinschaft, die größer wäre als ein kleinster Kreis Eingeweihter, bringt diese Skeptiker dazu, ihr den Rücken zu kehren. [...]

Richard Rorty - Kontingenz, Ironie und Solidarität

2004.07.11 | 15:38 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Pictures of a landscape I have never seen

Die süßen Kuchen meiner Jugend. Die Krebse, die wir auf den Böden der leeren Muschelbecken jagten. Zitronentarte und Biscuit, in Likör getränkt. Bunte Sahne. Krabben im großen Metalltopf, auf dem Gaskocher dampfend. Selbst gemachte Knoblauchsauce und das wirkliche, frische Baguette, vom Bäcker persönlich gebracht jeden Morgen, im dunkelblau lackierten Dreiradtransporter von Citroën. Das kühle, feuchte Gras unter den Füßen, bei den großen Bäumen. Die leichte Kälte der Nacht, die in Decken gehüllt weicht, im Wohnwagen. Der Pont du Gard und das klare Wasser. Die grauen, alten Steine, handgemalte Schilder, farbiges Glas. Mousse au Chocolat, Städtewappen aus Blumen, die Kathedrale. Die schönsten Restaurants der Welt.

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Ich laufe auf die Straße und mache ein Photo von meinem erleuchteten Fenster.

Würde das Fräulein M. mir nicht immer wieder sagen: Ich liebe dich TROTZDEM - diese Liebe würde erheblich an Wert verlieren. Etwas Liebenswertes zu lieben, ist ja nun wirklich nichts Besonderes.

Helmut Krausser - Mai Juni [in Abwandlung]

2004.07.14 | 16:25 | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Ist das wichtig?

Lese gerade mit Enthusiasmus Kraussers Tagebücher (immer mal wieder nebenbei, sie liegen auf der Fensterbank neben der Toilette) in umgekehrter Reihenfolge, da mir zunächst “Oktober November Dezember” auf dem Ramschtisch in die Hände fiel. Größtenteils sehr fein. Aber je tiefer man durch die Darmwindungen des Chronos nach unten rutscht, desto häufiger finden sich Aussetzer, die nicht mehr unter angemessen subjektiver Polemik verbucht werden können. So liest sich zum Beispiel im Mai, immerhin im Alter von 27: “Nyman hat mir auch Celan näher gebracht, einen etwas überschätzten Dichter, dessen Verse immer so hölzern, so saftlos wirken – Nyman hat sie ergänzt, hat ihnen Melodie gegeben.” Sehr verstörend, dieser Satz, lässt vieles von dem bisher Gelesenen in anderem Licht erscheinen. Ist das nun ein Alters- bzw. Jugend-Fauxpas oder spricht da tatsächlich der Neid desjenigen, dessen Lyrik ihre Bilder prinzipiell mittels des expliziten (Holz-)Hammers in die Geisteswelten des Lesers verbringt, auf die Lyrik desjenigen, dessen Subtext allein ganze Welten (voller Saftmeere) entstehen lässt, weit über das Geschriebene hinaus?

Hammerholz

Rauschhafte Scharaden

Draußen regnet es.
Drinnen nicht.

2004.07.15 | 21:45 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
L’ obscurité de la nuit

Die Linie, die sich am Horizont bricht, immer geradeaus, Leitplanken und Pfeiler, Rauschen und Regen. Das Orange der französischen Autobahnen, die Stille der Landstraßen bei Nacht. Im Mauerwerk der unverputzten Häuser hat sich etwas eingenistet, das nur mittels Fühlen der Lufttemperatur zu orten ist. Zehn Zentimeter über dem Asphalt kann man die Wärme des Tages noch riechen. Und deine Haarsträhnen versuchen, topographische Fixpunkte zu imitieren. Dein Lächeln die Musik des Radios.

2004.07.17 | 19:46 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
How beautiful you are, my sleeping star

Eines Morgens wachte Kaspar Hauser auf und musste feststellen, dass er sich in einen riesigen Papagei verwandelt hatte. Vorm Fenster die Farben, gleiche Welt wie immer, Tiere, Menschen, Pflanzen gleich. Er schlug die Ohren auf und flatterte in den Garten, sah die schwarz-weiße Katze, Kressebuchstaben umrundend. Kreisend stieg er höher, ließ großes Dorf unter sich, Feld, Fluss, Wald, alles gleich, alles Grün. Sah Gipfel, sah Wolken, sah Wege – darauf der Mann, der schwarze, die Wandergamaschen zwischen Schattenflecken aufblitzend, sah seinen Bart, seinen Hut. War Werner Herzog, Österreich umwandernd, später dann nach Paris, ein Leben retten. Seine Leidenschaft ist uns rätselhaft. Dann kam Zeit und Tageslicht und blinzelnd stellte Kaspar fest, dass erst jetzt der Traum begann, in dem er keine Federn hat, nur Organe. Und Worte, Gedanken und Gefühle. Sie wollen ihm erzählen, er hätte eine Seele. Wollen ihm erzählen, das wäre alles so.

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